von kongjiazhong am 24.01.2010, 16:41
Es steht für mich außer Frage, das Falun Gong nichts mit dem Buddhismus zu tun hat, wenn man nicht alles Beliebige als Buddhismus bezeichnen will. Ich glaube, dass die meisten Religionswissenschaftler dies so sehen, und die meisten Buddhisten intuitiv die Distanz zwischen den grundlegenden Lehren des Buddha und denen von Li Hongzhi erkennen. Natürlich kann man das auch anders sehen, man kann auch sagen, dass ein Gott nach einer Margarine benannt wurde (oder war es umgekehrt) und die Muslime ein Kakaogetränk umrunden, man kann es behaupten und darauf bestehen, aber ein gewisser Vernunftgebrauch kann einen auch wieder davon abbringen.
Mit Falun Gong kam ich das erste Mal Anfang der 90er Jahre in Beijing in Berührung. Da ich in China unter meinen Bekannten als „Buddhist“ galt, und man - u.a. auch Dank der Großen Proletarischen Kulturrevolution - nicht so recht wußte, was das denn genau sei, und man in Buchhandlungen nicht viele Bücher über den Buddhismus kaufen konnte (schon gar nicht auf Englisch), war man erfreut, mich auf das Buch „Falun Dafa“ aufmerksam machen zu können, das ich mir dann auch kaufte. Es stand auf der Liste eines bekannten staatlichen Verlages (ich kann nicht mehr nachschauen, in welchem, denn das Buch fiel einer internen Säuberungsaktion meiner Bücherregale vor einiger Zeit zum Opfer).
Ich konnte gar nicht so blöd sein, nicht sofort zu sehen, dass es zwar irgendetwas mit Qi Gong gemeinsam hat, dass dort ein paar Wörter zu finden sind, die einen buddhistischen Beigeschmack haben, dass es aber mit Buddhismus reichlich wenig zu tun hat. Aber, das muss ich zugeben, es suggerierte bewusst oder unbewusst, etwas „buddhistisches“. Nachdem ich das Werk las und es als ausgemachten Quatsch interpretierte, lies ich es gut sein.
Und dann begegnete ich Falun Dafa das zweite Mal. Wieder in Beijing. Die inzwischen zu einer gewissen Größe angewachsene Bewegung lief der staatlichen Macht aus dem Ruder und so beschloss der chinesische Staat, sie zu verbieten und zu vernichten. Praktizierende Falun Gong-Anhänger wurden aufgefordert, es - zumindest öffentlich - sein zu lassen und sich von der Bewegung zu distanzieren. Eine tiefe Distanzierung war wohl nicht immer erforderlich, es reichte aus, einen Wisch zu unterschreiben, dass man damit nichts mehr zu tun hat.
Glücklicherweise taten es viele, andere - wohl auch aus Naivität und Überspanntheit - nicht. Diese Leute wurden entweder „bloß“ diskriminiert und/oder zahlreichen Repressalien unterworfen. Teilweise wurden sie entlassen (im damaligen China keine geringe Strafe), teilweise einer brutalen Repression unterworfen. Im Rahmen meiner (bescheidenen) Möglichkeiten setzte ich mich für diejenigen ein, die aus irgendwelchen Instituten herausflogen und denen gegenüber - von Seiten anderer Kollegen - eine gewisse Distanz zu bemerken war. Falun Gong hatte immer noch nichts mit dem Buddhismus zu tun und war für mich der reine Quatsch, aber ich hatte doch eine Hochachtung vor Leuten, die sich nicht haben einschüchtern lassen - vielleicht auch deshalb, weil sie das Gewaltpotential eines mächtigen Staates (in diesem Fall: Chinas) unterschätzten.
Denn bekannterweise ist die chinesische Staatsmacht nicht nur, aber auch mit großer Brutalität gegen Falun Gong vorgegangen. Menschlich bedauerlich und tragisch. Geo- und innenpolitisch unausweichlich. Aus Perspektive eines idealistischen Verständnisses der „Menschenrechte“ handelte China verwerflich, realpolitisch folgerichtig und erfolgreich. Die chinesische Staatlichkeit lies es zum Glück nicht zu, dass irgendwelche hergelaufenen Esoteriker zu einem ernstzunehmenden Machtfaktor wurden. Anfangs konnte Falun Gong in China selbst noch ein gewisses Mitleid - bei den Menschen - erzeugen. Dies veränderte sich. Einerseits zeigte die staatliche Propaganda Wirkung, andererseits offenbarte sich das, was jetzt als Falun Gong öffentlich wurde, als eine lügnerische (z.B. die Repression des Staates weit übertreibende), unsympathische und obskure Sekte von „verführten“ Fanatikern um den undurchsichtigen und in den USA residierenden „Guru“ Li Hongzhi. Eine Solidarisierung mit Falun Gong durch buddhistische Organisationen - auf der Grundlage, dass es sich bei Falun Gong um eine buddhistische Stilrichtung handele - erfolgte meines Wissens niemals.
Das dritte Mal begegnete mir Falun Gong im Freien Westen. Hier versuchte die Gruppe penetrant auf der Mitleidsschiene zu reiten, absurde Horrorgeschichten über China zu verbreiten und so zu tun, als ob mit der Verfolgung von Falun Gong der Buddhismus verfolgt würde. Die penetrante Identifikation von Falun Gong und Buddhismus wird - wider besseres Wissen - in der westlichen Öffentlichkeit lanciert, weil der Buddhismus hier einen guten Ruf hat.
Fazit: Falun Gong hat nichts mit dem Buddhismus zu tun, was selbstverständlich kein Problem ist. Unsympathisch ist es aber so zu tun, als ob. Ob Falun Gong als Gong (als eine bestimmte Übungsmethode) eine positive Wirkung hat kann ich nicht beurteilen und interessiert mich auch nicht. Die brutalen Repressionsmaßnahmen des chinesischen Staates ruinierten das Leben vieler Menschen, sie brachten viel Unglück über diese Menschen, die wohl nach moralischen Kategorien, immer oder fast immer völlig unschuldig waren. Politisch gesehen, konnte der Staat jedoch nicht anderes reagieren, denn der chinesische Staat ist schwach und stark zugleich, aus seiner eigenen Perspektive handelte er jedenfalls effizient und erfolgreich. In diesem Sinne agierte er richtig und Falun Gong falsch. Der Staat besteht weiter und gedeiht als eine geopolitisch zentrale Figur, Falun Gong endete als eine randständige und obskure Sekte.
Kongjiazhong