von sumedhâ am 27.11.2011, 16:12
Ehre den Daini!
Daini lebte zur Zeit Shakyamunis. Auch heute noch gibt es große Differenzen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten Indiens. Die oberste Kaste bilden die so genannten Brahmanen, der hinduistische Priesterstand. Danach kommt der Stand der Könige und Krieger, die Kshatriyas. An dritter Stelle das gemeine Volk, die Vaishyas. Und danach der Knechtsstand, die Shudras. Daini stammte aus der Kaste der Knechte, der untersten Kaste von allen. Er und seine Brüder verdienten sich ihren Unterhalt damit, dass sie die Fä¬kalien in der Stadt entsorgten. Nicht nur war es ihnen untersagt, mit anderen Kasten zusammenzusitzen. Nein, die Angehörigen anderer Kasten wollten noch nicht einmal anfassen, was die Knechte aus der untersten Kaste anfassen mussten. Sie wurden wie Abfall behandelt. Man nannte sie sogar "die Unberührbaren. Sie hatten keinen Ort, an den sie gehen konnten, denn da war keiner, der sie aufgenommen hätte. Shakyamuni war der einzige, der nicht die geringsten Unter¬schiede zwischen den Angehörigen verschiedener Kasten machte. Eines Tages erschien Daini vor Shakyamuni. Da sagte der Buddha zu ihm: "Daini, warum wirst du nicht mein Schüler?"
Hätte Daini einer der gewöhnlichen Kasten angehört, dann würde er sich über diese Einladung vielleicht nicht so gefreut haben. Aber für ihn als Unberührbaren, mit dem keiner etwas zu tun haben wollte, war es etwas ganz Besonderes, dass sich Shakyamuni nicht nur mit ihm abgab, sondern ihn sogar einlud, sein Schüler zu werden. Shak¬yamuni selbst war ein Kshatriya, ein Prinz aus dem Kriegerstand, der das weltliche Leben aufgegeben und das große Erwachen erfahren hatte. Daini konnte deshalb gar nicht glauben, dass sich eine solche Persönlichkeit direkt an ihn wandte. Ihm blieb nichts, als einfach nur den Kopf zu senken. In dem Moment, als er ehrfurchtsvoll den Kopf senkte, lösten sich all die Begierden und Illusionen, die er seit endlo¬ser Vergangenheit in sich aufgestaut hatte, in nichts auf. Und es heißt sogar, dass ihm das Haar von selbst vom Kopf fiel, sein Körper auf einmal in eine Mönchsrobe gekleidet war und er das Erwachen eines großen Heiligen erfuhr.
Daini gehörte der untersten Bevölkerungsschicht an. Es versteht sich von selbst, dass er weder lesen noch schreiben konnte. Sein Leben hatte er damit verbracht, Fäkalien zu entsorgen. Da war nichts, worauf er sich hätte berufen können. Nichts, womit er sich vor Shakyamuni hätte behaupten können. Aber genau deshalb gab es für ihn auch nichts mehr loszulassen, und als Shakyamuni sich an ihn wand, war sein plötzliches, ehrfurchtsvolles Senken des Kopfes Aus¬löser für sein Erwachen als großer Heiliger.
Das sprach sich natürlich in der Stadt herum: Ein Unberührbarer war zum Schüler Shakyamunis geworden! Wie war das möglich? Es überstieg einfach die Vorstellungskraft der damaligen Menschen. Die Leute wollten ihren Ohren nicht trauen. Damals glaubte man, dass ein Haus verrottet, wenn es von einem Unberührbaren besucht wird. Wieso sollte ein Unberührbarer von einem wie Shakyamuni als Schüler angenommen werden? Also beschlossen sie, Daini aus der Gemeinschaft Shakyamunis zu vertreiben und berieten sich, wie das zu bewerkstelligen sei. Anstatt sich direkt an Shakyamuni zu wenden und ihn zu bitten, Daini zu verstoßen, baten sie den König Prasena¬jitl darum. Als Prasenajit von der Sache hörte, stimmte er zu, dass etwas unternommen werden müsse. Wenn Shakyamuni den Unbe¬rührbaren nicht bald aus der Gemeinschaft ausschlösse, dann würde das nicht nur den anderen Mitgliedern des Ordens schaden, nein, auch Shakyamuni selbst würde von Daini verunreinigt werden. Und wer würde dann noch kommen, um Shakyamunis Lehre zu hören? Ganz außer sich vor Sorge beschloss Prasenajit, Shakyamuni im Jetavana-Park aufzusuchen.
Prasenajit brach in einen inneren Tumult aus. In der Meinung, so¬fort etwas unternehmen zu müssen, hatte er sich auf den Rücken eines Elefanten geschwungen und war aus dem Palast gestürzt. Doch als er in die Nähe des Jetavana-Parks kam, sah er einen Mönch auf einem beeindruckend schönen, von Moos überwachsenen Felsen sitzen. Der war gerade dabei, seine zerfetze Robe zu flicken und hatte die Ausstrahlung eines wahrhaftigen Heiligen. König Prasenajit stieg von seinem Elefanten und bat den Mönch, ihn zu Shakyamuni zu führen. In seiner schlichten, doch Ehrfurcht gebietenden Art erwi¬derte der Mönch: "Warten Sie nur einen Augenblick!".
Nicht nur wirkte dieser Mönch wie ein vollkommen Erwachter, er schien auch über magische Kräfte zu verfügen: Er glitt durch den Erdboden hindurch und stand plötzlich vor dem Buddha. Nachdem er diesen über den Besucher unterrichtet hatte, verschwand er wieder wie vom Erdboden verschluckt, um abermals vor dem König aufzu¬tauchen, den er auf gleiche Weise zum Buddha führte. Kein Wunder, dass Prasenajit beeindruckt von diesem erhabenen Mönch und seinen besonderen Fähigkeiten war. Deshalb fragte er Shakyamuni, noch bevor er die Bitte um Dainis Ausschluss aus der Gemeinschaft vor¬brachte: "Wer ist denn dieser Heilige, der mich eben hierher geführt hat und jetzt schon wieder verschwunden ist?"
Shakyamuni erwiderte: "Das ist Daini, der vor Kurzem mein Schü¬ler geworden ist."
Vor Schreck blieb dem König der Mund offen stehen. Er hatte den Buddha aufgesucht, um sich für die Initiative der Bürger einzusetzen, Daini aus der Mönchsgemeinschaft zu vertreiben. Doch bevor er sein Anliegen vorbringen konnte, war er bereits von Dainis Ausstrahlung gefangen genommen worden und hatte ihm seinen Respekt erwiesen. Sein ganzes Vorhaben hatte sich damit in Luft aufgelöst.
Was ermöglichte es Daini, so schnell zu einem vollkommen Er¬wachten zu werden? Das lag daran, dass es für ihn von Anfang an nichts mehr loszulassen gab. Er verfügte weder über sozialen Status noch angelerntes Wissen - kein Studium, das ihm im Weg gestanden hätte, und kein Reichtum, an dem er gehangen hätte. Da war nichts, woran sich die vier Sichtweisen des Ego - die Ignoranz (Gachi), der eigene Standpunkt (Gaken), der Wettbewerb mit anderen (Gaman) und die Eigenliebe (Gaai) - hätten klammern können. Er war bereits nackt und ohne Fesseln, was hätte ihn da gefangen halten können? Als ihn Shakyamuni deshalb aufforderte, sein Schüler zu werden, fiel ihm die Antwort ganz leicht: "Vielen Dank!"
Dogen Zenji sagt an einer Stelle: "Wer sich respektvoll verbeugt, ist ein großer Erwachter". Das trifft auch hier genau zu. Daini be¬dankte sich einfach und senkte den Kopf. Ermöglicht wurde ihm dies, weil er als Unberührbarer nichts hatte, woran er sich hätte klammern können. Man kann sagen, dass dies das größte Glück auf Erden bedeutet.
„Tag für Tag ein guter Tag“
Kodo Sawaki