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Hallo Lucius
Ich habe ein wenig nachgelesen über Bhutan und die Geschichte mit den nepal-stämmigen Lhotsampas.
Die Datenlage ist ein wenig dünn und auch kontrovers.
Der Link in dem Wikipediaartikel „Bhutan“, auf dem anscheinend der ganze Abschnitt „Bevölkerung“ dort basiert, führt nirgendwo mehr hin. Ich habe nicht versucht die Wikipediadaten zu finden. Keine Ahnung also, ob die so stimmen.
Allerdings gibt es ein Buch von einem Michel Hutt, „Unbecoming Citizens
Culture, Nationhood, and the Flight of Refugees from Bhutan“, (1) welches wohl eine (die einzige?) detailierte Untersuchung des Problems darstellt. Hutt ist immerhin „Professor of Nepali and Himalayan Studies at the School of Oriental and African Studies in London.“
Aber aber, es gibt eine sehr kritische Stimme (anscheinend aus Bhutan) die den Herrn Hutt beschuldigt ein sehr verzerrtes Bild der Situation zu zeichnen und Daten falsch wieder zu geben. (2) Diese Seite enthält einige Links zu Artikeln von Hutt. Die ermöglichen auf jeden Fall, das man sich ein detailliertes Bild zu Hutts Position machen kann. Ein Kommentator auf dieser Seite kritisiert Hutt im Detail, aber man kann sich auf die Schnelle kein Bild machen, ob da nun Bhutanesen sich beleidigt fühlen und sie deswegen Hutt kritisieren, oder ob er wirklich schlecht gearbeitet hat.
Anscheinend gab es mal eine Kampagne von Amnesty International zu dem Thema, aber dazu habe ich auch nichts mehr gefunden.
Zum Bruttoglücksprodukt habe ich hier (3) eine Seite gefunden, die es genauer unter die Lupe nimmt. Scheint ganz verlässlich zu sein.
Alles in allem kann man sagen, daß ein Journalist sich nur mal einen halbenTag hinsetzen müsste und er hätte schnell ein wenig Hintergrundinformation beisammen. Daß in dem Artikel in Buddhismus aktuell nicht mal erläutert wird, was denn dieses ominöse Bruttoglücksprodukt ist, ist bezeichnend. Der ganze Artikel ist auf diese Buddhismusfantasie vom Shangri-La ausgerichtet. Auf Seite 16 finde ich den zweiten Absatz im Abschnitt „Inneres Glück“ charakteristisch für diese Projektion: „Im Hinterland“, in nur zu Fuß erreichbaren Regionen, wo die Leute ihre Felder mit „Pflug und Zugtier“ bestellen, würden die Menschen eine „natürliche Zufriedenheit und eine heiteres Glück“ ausstrahlen. Von „natürlichem, inneren Glück“ ist da die Rede, das einen entscheidenden Teil des bhutanischen Bruttoglücksproduktes ausmache.
Es gibt mit diesem Glücksprodukt nur einen klitzekleinen Haken (siehe Quelle (3)): Diese Kennzahl wurde anscheinend bisher überhaupt nur in Bhutan erhoben und das auch nur bisher einmal, nämlich 2008. D.h. diese Kennzahl, nämlich 0,805, steht völlig ohne Beziehung im Raum. Die Messung mag innovativ sein, wir können aber über ihre Qualität nichts sagen. Eher würde da vielleicht schon der „Human Development Indicator“ helfen. (4) Dieser soll eine „Alternative zu konventionellen Kennzahlen der nationalen Entwicklung“ sein. Bhutans Rang ist der 141. von 187 Ländern mit vergleichbaren Daten.
Was dieses „natürliche, innere Glück“ angeht von dem Franz Binder in dem Buddhismus aktuell-Artikel schreibt, so wäre das wohl die eigentliche Sensation. Bekanntlich ist die erste edle Wahrheit diejenige die davon berichtet, daß nach buddhistischer Auffassung alles Leid ist. Die Bhutanesen scheinen da also einen echten Entwicklungsvorsprung zu haben – oder zumindest glaubt das der Autor. Ob die Bhutanesen wirklich noch so glücklich darüber sind, daß sie ihre Pflüge noch von Tieren ziehen lassen müßen ist die Frage – wenn sie mal gesehen haben mit welch modernem Gerät die Schweizer z.B. ihre Berge bewirtschaften.
Was den Tourismus in Bhutan angeht, noch folgendes. 240$ pro Tag muß man entrichten, um sich dort aufzuhalten. Mit den Transportkosten ist man da schnell bei 4000$ für zwei Wochen. Der Tourismus in Bhutan zieht also genau das Klientel an, das auch in Europa und Amerika den neuen Buddhismus ausmacht – die reiche Mittelklasse und Oberschicht. Da werden ganz interessante Mechanismen in Gang gesetzt. Nur um das anzudeuten: Die Budddhismusauffassung die diese europäische und amerikanische Bevölkerungsschicht hat – Stichwort Shangri-La – wird durch ihre Reisetätigkeit in den ,ursprünglichen‘ Buddhismus in Bhutan zurück projiziert. D.h. der dortige Buddhismus fängt evtl. an sich tatsächlich an diesem aus dem Westen kommenden überhöhten Bild zu orientieren. Kurz und bündig hiesse das, die Westler die dort hinreisen, finden dort irgendwann tatsächlich den sagenhaften Buddhismus des Shangri-La vor weil die Bhutanesen ihnen den Gefallen tun Shangri-La zu spielen. Donald S. Lopez. hat in seinem „Prisoners of Shangri-La“ diese Hypothese in Bezug auf den Tibetischen Buddhismus ausgearbeitet. (5) Das nur in aller Kürze als Denktip.
Schlussendlich ist Lucius‘ Stichwort vom „edlen Wilden“ wichtig. Shangri-La ist der romantische Traum von einem organischen Urzustand. Das geht in die Romantik zurück, bis zu Rousseau und evtl. bis in die christlich-jüdische Bibel. Daß man darüber jemals etwas in einem Heft wie Buddhismus aktuell finden wird, wage ich auszuschließen. Das hiesse, das deren ganzem Buddhismusbild die Grundlage entzogen würde. Wir allerdings, glaube ich, sind da doch ein bisschen weniger selbstverlogen. Ich kann mich Lucius‘ medikamentaler Empfehlung für eine angelegentliche Punk-Kur nur anschließen. Im Sinne von „Meditate and Destroy“ würde ich als zusätzlich Medikation noch empfehlen „Search and Destroy“ – in hohen Dosen (ist völlig ungefährlich). (6)
(1)
http://ukcatalogue.oup.com/product/9780195670608.do(2)
http://bhutanstory.blogspot.com/2010/07 ... chael.html(3)
http://tomate.twoday.net/stories/brutto ... s-gemacht/(4)
http://hdrstats.undp.org/en/countries/profiles/BTN.html(5) Lopez, Donald S.; Prisoners of Shangri-La; 1998.
(6) In der Version der Red Hot Chili Peppers. SEHR gut!:
http://www.youtube.com/watch?v=Eo9u9om- ... re=related Pop up the Volume ]:->