Von der Gosse in den Tempel

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Von der Gosse in den Tempel

Beitragvon Ji'un Ken am 03.05.2009, 21:29

Von der Gosse in den Tempel
David Schneider
In Tau gekleidet.
Issan Dorsey: Drag Queen und Zen Mönch.
Theseus Verlag, Berlin 1998


    Issan Thommy Dorsey, dessen Biographie in diesem Buch niedergelegt ist, hatte alle Register weltlichen Lebens gezogen, ehe er auf Shunryu Suzuki Roshi traf und einer seiner hingebungsvollsten Schüler wurde. Sein Chronist und Freund David Schneider berichtet von allen Stationen seines schillernden Lebens als Homosexueller, Transvestit, Drogenabhängiger, Zen-Schüler, Zen-Lehrer, Hospizgründer und Aidskranker. In einer bürgerlichen Familie 1933 in Santa Barbara geboren, entdeckte Issan Dorsey als Teenager auf der High School seine Liebe zum Tanz, zum Theater und zum gleichen
    Geschlecht. Schnell knüpfte er Kontakte zur schwulen Szene, tobte durch die Bars und erhielt die ersten Rollen in verschiedenen Shows. Alkohol und Drogen waren sein tägliches Brot. Er arbeitete in Nachtclubs, hatte unzählige Affären, verdingte sich als schwule Hure, dealte und stahl. Als „Drag Queen“ Thommy Dee tourte er in Frauenkleidern durch Nachtclubs der USA. Rund 15 Jahre führte er dieses ausschweifende Leben, bis er Mitte der 60er Jahre in die spirituelle
    Szene San Franciscos hineinrutschte und als Hippie in einer Kommune lebte. Unversehens fand sich Thommy Dee eines Tages auf dem Meditationskissen im Zendo eines buddhistichen Zentrums wieder, das unter der Leitung des japanischen Meisters Shunryu Suzuki Roshi stand. Anfangs war es vor allem dieser Lehrer, dem Issan Dorsey spontanes, tiefes Vertrauen entgegenbrachte und der ihn dazu bewog, sein Leben völlig neu zu ordnen. Er hörte von einem Tag auf den anderen mit dem
    Drogenkonsum auf. Die einfache, direkte Art der Zen-Praxis sagte ihm zu, die eiserne Disziplin, die täglich mit einer Meditation um 4 Uhr begann, läuterte seinen Geist. Ende der 60er Jahre zog er in das Zen-Zentrum ein und band sich
    von da an immer stärker an die buddhistische Gemeinde. Für diese, so berichtet der Chronist, war er eine echte Bereicherung. Seine krassen Erfahrungen in seinem vorbuddhistischen Leben hatten ihn großes Mitgefühl und Verständnis gelehrt. Nach dem Tod seines Lehrers Suzuki Roshi übernahm Issan Dorsey an der Seite von dessen Nachfolger
    Baker Roshi führende Rollen im Zen-Zentrum, das viele Höhen und Tiefen durchmachte, die in dem Buch skizziert werden. Eines der Hauptthemen, denen er sich mit glühendem Eifer widmete, war die Verbindung von Homosexualität und Buddhismus. 1987 nahm er einen Aids-Kranken in das Zentrum auf, es war die Geburtsstunde des ersten buddhistischen Hospizes und zugleich eine Entwicklung, die nicht alle Zentrumsmitglieder begeisterte. Für Issan Dorsey jedoch, der mittlerweile selbst Schüler hatte, fand buddhistische Praxis nicht hauptsächlich auf dem Kissen statt, sondern in der Welt, im Kontakt mit sozial Benachteiligten, Ausgegrenzten, Kranken und Sterbenden. Mitgefühl – mit sich selbst und anderen –
    wurde zum zentralen Thema seines Lebens. Die Nachricht von seiner Aids-Infektion traf ihn und seine Freunde hart.
    Nach einem monatelangen, schrecklichen Kampf mit dem Tod, der einen wichtigen Teil des Buches einnimmt, starb Issan
    Dorsey mit 57 Jahren.
    Das Buch erzählt schlicht und voller Sympathie die Geschichte eines ungewöhnlichen Menschen, der sich mit Hilfe des Buddhismus selbst aus der Gosse zog. Zugleich zeigt es die Schönheit der Buddha-Lehre. Wie die Sonne leuchtet sie dort, wo wir uns gerade befinden – und sei es im tiefsten Morast der Leidenschaften.

    Birgit Stratmann

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Mitgefühl heißt, dass der Geist von einem Geschmack erfüllt ist:
der liebenden Güte allen Wesen gegenüber.
"Nagarjuna, Nagarjunas Juwelenkette, Jeffrey Hopkins (Hrsg.)"
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