Sexualität und Befreiung: Ist die kritische Sicht des Buddha auf Sexualität für heutige Praktizierende relevant?


483 Antworten. Letzter Beitrag () ist von Lucy.

  • Ich bin ein wenig überrascht, dass mir wiederholt irgendwelche Ansichten (oder Motive) unterstellt werden. Es wäre doch viel nützlicher für die Diskussion, auf meine Argumente einzugehen und auf das, was ich geschrieben habe.

    Wenn es in einem Kloster kein Problem gibt mit der vorgeschriebenen Praxis, braucht man in diesem Kloster auch keine Ausnahmetatbestände. Es ging lediglich um die Möglichkeit, bei dieser Regel ebenso Ausnahmen zuzulassen wie bei vielen anderen Regeln.

    Aus der Ansicht, dass es "Vertuschen, Verheimlichen und Heucheln" in einigen oder vielen Klöstern gibt, folgt auch keineswegs, dass dies in allen Klöstern so ist.

    Das wäre ein Fehlschluss. Ich habe das weder gesagt noch gemeint. Diese Vorstellung stammt von Dir.

  • Also stellt sich die Frage: Wenn es da ein offenbar gravierendes Problem gibt, warum vertuscht man das Problem lieber und nimmt gravierende Folge-Probleme in Kauf, statt offen und ehrlich über das Problem zu sprechen und differenzierte Lösungen zu finden, die einerseits unnötige Leiden verringern und andererseits den Sinn einer Regel beibehalten?

    Theravada heisst ja nicht umsonst die "Lehre der Älteren" - es soll eben so praktiziert werden wie zu Buddhas Zeiten. Das macht es einerseits sehr authentisch, andererseits auch sehr dogmatisch. Ich finde ehrlich gesagt gar nicht, dass gelegentliche (!) Masturbation eine so krasse Anhaftung ist, solange man sie ausschließlich mittels Kopfkino praktiziert. Das hat in der Regel keine negativen Folgen für andere, und nachdem es erledigt ist, kann man die Sache abhaken. Ähnlich wie beim großen Geschäft. :moon:


    Wenn es stimmt was du erzählt hast - dass einige Mönche regelrechte Kettenraucher sind - stimme ich dir zu dass da ein krasses Missverhältnis herrscht. Drogensucht ist eine tausend Mal schlimmere Anhaftung als gelegentlich ein paar Samen zu verlieren.

    Grundsätzlich stimme ich Dir zu. Allerdings ist es nicht so einfach, weil die Vinaya-Regeln üblicherweise so interpretiert werden, dass Rauchen keinen Regelverstoß darstellt, die kleinste Abweichung von dem Total-Verbot sexueller Betätigung dagegen einen gravierenden Regelverstoß ausmacht.

    Das ist in dieser Form sicherlich merkwürdig und ein Missverhältnis, das dem Sinn der Praxis vermutlich nicht gerecht wird.


    "Regelrechte Kettenraucher" habe ich so übrigens nicht geschrieben. Ein Kettenraucher raucht mehrere Packungen Zigaretten am Tag. Davon weiß ich nichts. Ein normaler Raucher konsumiert etwa eine Packung Zigaretten am Tag. Dass dies bei Mönchen heutzutage vorkommt, davon habe ich verlässliche Informationen. Die Meister der thailändischen Waldtradition, von denen berichtet wurde, dass sie rauchten, haben nach aller Wahrscheinlichkeit viel weniger geraucht. Vermutlich hauptsächlich dann, wenn sie von ausländischen Gästen Tabakwaren geschenkt bekommen haben.

  • Allerdings ist es nicht so einfach, weil die Vinaya-Regeln üblicherweise so interpretiert werden, dass Rauchen keinen Regelverstoß darstellt, die kleinste Abweichung von dem Total-Verbot sexueller Betätigung dagegen einen gravierenden Regelverstoß ausmacht.


    Die Meister der thailändischen Waldtradition, von denen berichtet wurde, dass sie rauchten, haben nach aller Wahrscheinlichkeit viel weniger geraucht. Vermutlich hauptsächlich dann, wenn sie von ausländischen Gästen Tabakwaren geschenkt bekommen haben.

    Ich muss doch immer wieder reinspringen. 8);)


    Also das ist doch wieder so ein Quatsch. Ein/e Mönche/Nonne hat sich gesund zu erhalten. Geraucht wurde zu Buddhas Zeiten wohl nicht. Das haben wir doch von Nativepeople aus Amerika. Und da wurde nur zu besonderen Anlässen gequalmt.


    Es geht in der Lehre um Drogen, um Abhängigkeiten. Und wenn ein Meister der thailändischen Waldtradition das dennoch macht, ignoriert er den Sinn der Regel, keine berauschenden Mittel zu sich zu nehmen. Die müssen ja wohl nicht einzeln aufgezählt werden. Und wenn schon Veränderungen gewünscht werden, dann doch wohl solche, die erst in der heutigen Zeit zum Problem werden, weil sie früher gar nicht zur Hand waren.

    Und Geschenke von ausländischen Gästen, hä? Wenn sie ihm Kokain schenken, darf er das nehmen?

    Langsam wird's komisch.


    :clown:

    Ich bin der Wahrheit verpflichtet, nicht der Beständigkeit.
    Gandhi

  • Elliot


    (1.) "Dukkha" bedeutet doch nicht allein schweres Leiden, sondern umfasst auch alles, was unzulänglich und nicht vollständig befriedigend ist. Deshalb sind sinnliche Genüsse immer "dukkha", auch wenn es sich z.B. um eine Beethoven-Symphonie handelt. Das gilt schon allein deshalb, weil es sich um ein vergängliches Glück handelt.

    Ähnlich ist es mit liebevollen sexuellen Erlebnissen. Auch das ist "dukkha" in dem beschriebenen Sinn.


    Wenn jemand so weit fortgeschritten ist auf dem Weg der Befreiung, dass er die "Dukkha"-haftigkeit auch liebevoller Sexualität oder einer Beethoven-Symphonie nicht bloß direkt nach einer tiefen Meditation empfinden kann, sondern sogar im Alltag, dann wird vielleicht auch ein Laie darauf verzichten wollen. Dazu kann ich aber nichts sagen, weil ich nicht soweit bin in meiner Entwicklung.


    Jedenfalls erinnere ich mich an den Ausspruch eines älteren Freundes, der sein ganzes Leben lang sehr an Sex interessiert war und im hohen Alter meinte: "Was für ein Glück, dass ich jetzt impotent bin. Ich habe das Gefühl, endlich ohne diesen Druck der Sexualität das tun zu können, was sinnvoll ist."

    Das deutet darauf hin, dass es für diejenigen Laien, denen die Überwindung der Sexualität nicht allzu schwer fällt, durchaus sinnvoll sein kann, genau das zu tun.


    (2.) Der Übungsregel für Laien sollte hinzugefügt werden, dass es heilsamere und weniger heilsame Formen der Ausübung von Sexualität gibt. Dass die weniger heilsamen nach Möglichkeit durch die heilsameren ersetzt werden sollten. Und vor allem wäre es sinnvoll, genauer zu beschreiben, welches die heilsameren Formen sind, damit ein Laie sich daran orientieren kann.

    Thich Nhat Hanh hat das übrigens ansatzweise versucht und entsprechend kommentierte Übungsregeln herausgegeben. Warum sollte das nicht auch im Theravada möglich sein? Vereinzelt gibt es auch da schon Lehrer wie Ajahn Brahm, die in diese Richtung gehen.


    (3.) Du weist richtig darauf hin, dass viele Menschen nicht geeignet sind, in einem Kloster zu leben.

    Ob sie aber geeignet sind oder nicht, zeigt sich oft erst nach vielen Jahren. In der Antwort auf Accinca hatte ich oben dazu geschrieben:


    Zitat


    Es gibt nicht bloß Schwarz (geeignet) und Weiß (ungeeignet), sondern mancherlei dazwischen.

    Wer zu den vielen Menschen gehört, die "Sexualität nicht durch spirituelle Praxis überwinden können", ist vermutlich in einem Theravada-Kloster nicht gut aufgehoben und sollte wieder Laie werden bzw. von vornherein Laie bleiben.


    Allerdings weiß man bei den meisten Menschen, die in ein Kloster eintreten, ja gar nicht, ob sie dazu geeignet sind oder nicht. Das stellt sich erst im Laufe der Zeit heraus.

    Viele stehen sozusagen dazwischen und haben in den ersten Jahren erhebliche Probleme. Oder sie haben sogar nach Jahrzehnten plötzlich Probleme und stehen vor der Frage, ob sie deswegen entroben müssen.

    In solchen Fällen kann es eine gute Lösung sein, vorübergehende Ausnahmen von einer Regel zuzulassen, die ein Mensch vorübergehend nicht befolgen kann. Ebenso wie viele Klosterregeln ganz offizielle Ausnahmen zulassen, wenn ein Mönch krank ist. (...)


    Man sollte nicht unterstellen, dass diejenigen, die Probleme haben, nur deswegen Probleme haben, weil sie nicht konsequent üben.

    Es braucht eben Zeit und Geduld und ein gütiges Umgehen mit Unzulänglichkeiten, sofern denn eine grundsätzliche Bereitschaft, Eifer und Motivation vorhanden sind.

    In diesem Zusammenhang erscheint es sinnvoll, nicht mit Strafe und Ausschluss aus der Gemeinschaft zu drohen, sondern vorübergehende und maßvolle Ausnahmetatbestände zuzulassen.

    (...) Von neuen Regeln oder dergleichen war nicht die Rede, sondern von Ausnahmetatbeständen, die vinaya-konform medizinisch begründet werden können.

  • Die von Dir genannten Übungen sind sicherlich empfehlenswert. Aber man sollte nicht unterstellen, dass diejenigen, die Probleme haben, nur deswegen Probleme haben, weil sie nicht konsequent üben.

    Es braucht eben Zeit und Geduld und ein gütiges Umgehen mit Unzulänglichkeiten, sofern denn eine grundsätzliche Bereitschaft, Eifer und Motivation vorhanden sind.

    Je mehr und länger geübt wird um so weniger Zeit. Ist ja klar.

  • Es ging lediglich um die Möglichkeit, bei dieser Regel ebenso Ausnahmen zuzulassen wie bei vielen anderen Regeln.

    Du kannst ja einen eigenen Orden gründen.

    Da kannst du dann manchen was du willst.

  • Ich bin ein wenig überrascht, dass mir wiederholt irgendwelche Ansichten (oder Motive) unterstellt werden.

    Soll ich mich bei der Gesammtbillanz von acht Beiträgen, (wovon drei nicht an Dich gerichtet waren, und einer nicht zum Thema gehörte), durch diese Aussage angesprochen fühlen? ... Weswegen sollte Dir in diesem Forum irgendjemand (z.B. ich) absichtlich "wiederholt irgendwelche Ansichten (oder Motive) unterstellen?"


    Bei mir ist es allenfalls so, dass ich etwas missverstehe; dann entschuldige ich mich dafür, (siehe z.B. eingangs der Diskussion: Verwechslung mit Voids Aussage und nicht Verstehen Deiner Prioritäten in diesem Thread).


    Auch ich ziehe mich hiermit vorzugsweise aus diesem Thread zurück.

  • Liebe Monika,


    Du hast jetzt mehrfach Missfallen über die Diskussion geäußert und wiederholt angekündigt, dass Du Dich nicht mehr beteiligen möchtest oder nicht mehr auf meine Antworten eingehen möchtest, falls ich weiterhin anderer Meinung bin als Du.

    Für mich ist das doch völlig okay, dass Du anderer Meinung bist.

    Ich habe auf die Beiträge, in denen Du das einfach sagst und Deinen Ausstieg aus der Diskussion ankündigst, darum auch gar nicht reagiert.

    Wenn Du aber, so wie jetzt, dennoch neue Beiträge schreibst und ein Argument in die Diskussion einbringst, kann es passieren, dass ich darauf eingehe, obwohl Du ja eigentlich keine Diskussion wünschst.

    Ich hoffe, Du siehst mir das nach.


    Zu dem Thema "Drogen":

    Was als "Droge" gilt und was als harmloses "Genussmittel", ist hochgradig kulturbedingt und verändert sich darüber hinaus im Laufe der Zeit.

    In manchen Kulturen gilt Betelnuss-Kauen als harmlose Gewohnheit, die auch von Mönchen selbstverständlich akzeptiert wird. In anderen Kulturen sieht man so etwas als schwere Drogensucht oder zumindest als befremdlich an.

    Das Rauchen gilt allgemein nicht als Verstoß gegen eine Vinaya-Regel. Ein aufrichtiger Mönch, der stark nikotinsüchtig ist, wird dennoch diese Gewohnheit als Anhaftung auffassen, die langfristig überwunden werden sollte. Nicht aber als Vinaya-Verstoß.


    Abgesehen davon, dass bestimmte "Drogen" oder "Genussmittel" in verschiedenen Jahrhunderten oder in verschiedenen Kulturen jeweils unterschiedlich beurteilt werden, gibt es auch gute Gründe, Rauchen nicht als Verstoß gegen die Regel, "berauschende Mittel zu sich zu nehmen", aufzufassen. Denn Nikotin führt eben nicht zu einem Rauschzustand. Es hat eher aufputschende Wirkung, so wie Koffein, das in Kaffee oder Schwarztee enthalten ist. Und Kaffee- oder Schwarztee-Konsum gilt ebenfalls als harmlose Gewohnheit, die Mönchen gestattet ist.


    Was Du oder ich über das Rauchen denken, spielt zunächst einmal keine Rolle. Ich selbst stimme Dir übrigens zu, dass Nikotinkonsum sehr problematisch ist für die Praxis. (Problematischer übrigens als gelegentliche Selbstbefriedigung, wie Arthur bereits sagte.)

    Heutzutage weiß man auch, dass Rauchen schlimmere Auswirkungen hatte, als man in den letzten Jahrhundert glaubte.


    Obwohl ich also Dein Argument gegen das Rauchen von Mönchen als etwas einseitig empfinde, bin ich grundsätzlich ebenfalls der Meinung, dass die Interpretation der Vinaya-Regeln Deinem Argument gemäß angepasst werden sollte.

    Genau das meine ich damit, dass die Auslegung der Vinaya-Regeln immer im Fluss ist und sich durchaus reformieren lässt.


    ------------------------------------


    Da die Diskussion - nach meinem Empfinden - inzwischen ziemlich heiß und manchmal unsachlich verläuft, werde ich mich jetzt einige Tage nicht mehr daran beteiligen.

    Falls es aber noch sachliche Argumente geben sollte, werde ich später darauf eingehen.

  • Genau das meine ich damit, dass die Auslegung der Vinaya-Regeln immer im Fluss ist und sich durchaus reformieren lässt.

    Meinst Du nun das die Auslegung der Vinaya-Regeln reformiert werden muss, oder meinst Du, dass die Vinaya-Regeln reformiert werden sollten?

  • Du hast jetzt mehrfach Missfallen über die Diskussion geäußert und wiederholt angekündigt, dass Du Dich nicht mehr beteiligen möchtest oder nicht mehr auf meine Antworten eingehen möchtest, falls ich weiterhin anderer Meinung bin als Du.

    Für mich ist das doch völlig okay, dass Du anderer Meinung bist.

    Ich habe auf die Beiträge, in denen Du das einfach sagst und Deinen Ausstieg aus der Diskussion ankündigst, darum auch gar nicht reagiert.

    Wenn Du aber, so wie jetzt, dennoch neue Beiträge schreibst und ein Argument in die Diskussion einbringst, kann es passieren, dass ich darauf eingehe, obwohl Du ja eigentlich keine Diskussion wünschst.

    Ich hoffe, Du siehst mir das nach.

    Ja, aber ich habe mich dabei auch selbst die Schippe genommen, wenn Du die Smileys beachten wolltest.

    Ich habe nichts gegen die Diskussion an sich, sondern an der Wiederholung immer wieder derselben Argumente.

    Das Argument mit dem Rauchen ist für mich haltlos. Vor allem einen Meister anzuführen, der raucht, weil er die Zigaretten vielleicht geschenkt bekommen hat. Der Arme, er muss alles durchziehen, was ihm geboten wird. Worin besteht denn seine Meisterschaft? Aber bitte nicht antworten. Es ist mir egal.


    Ich wünsche Dir eine heilsame Verschnaufpause.

    _()_

    Ich bin der Wahrheit verpflichtet, nicht der Beständigkeit.
    Gandhi

  • Frieden-und-Freude:

    Denn Nikotin führt eben nicht zu einem Rauschzustand. Es hat eher aufputschende Wirkung, so wie Koffein, das in Kaffee oder Schwarztee enthalten ist. Und Kaffee- oder Schwarztee-Konsum gilt ebenfalls als harmlose Gewohnheit, die Mönchen gestattet ist.


    Ich persönlich halte diese Auslegung für Quatsch. Schmerzen soll man transzendieren, man kann es aber nicht ertragen, müde zu sein?


    Man putscht sich doch auf, weil man die Situation, in der man ist, ablehnt. Man will wach sein statt müde. Das ist IMHO eine klassische Aversion aus dem Gebiet "Hass", eine Anhaftung, die man irgendwann überwinden will.


    Darüber hinaus kommt man durch Aufputschen in eine Stimmung, die rechte Rede und rechtes Denken erschwert.


    Dito für das Rauchen. Man will den Nikotinkater nicht, deshalb greift man zur Zigarette. Hass und Gier.


    Bevor mich jemand falsch versteht, ich bin weder orthodox noch streng. Man muss und kann ja nicht alle Anhaftungen sofort aufgeben.

    "Regelverstöße" schön reden mag ich aber nicht.


    Ebenso: Nicht nach Mittag essen, aber Süßigkeiten erlauben. Fleisch essen, aber trickreich begründen, warum das nicht dem Gebot, kein Leben zu nehmen, entgegen steht.


    Für solche Volten haben wir schon die katholische Kirche (Fleisch/Fisch/Biber, Bier als Fastenspeise, Maultaschen, ...)


    Liebe Grüße. Aravind.

    PS: Ich bin von Natur aus morgens hellwach, deswegen komme ich mit wenig oder auch keinem Koffein aus. :P Glück gehabt! :)

  • "Dukkha" bedeutet doch nicht allein schweres Leiden, sondern umfasst auch alles, was unzulänglich und nicht vollständig befriedigend ist. Deshalb sind sinnliche Genüsse immer "dukkha", auch wenn es sich z.B. um eine Beethoven-Symphonie handelt. Das gilt schon allein deshalb, weil es sich um ein vergängliches Glück handelt.

    Ähnlich ist es mit liebevollen sexuellen Erlebnissen. Auch das ist "dukkha" in dem beschriebenen Sinn.

    Laut Lehrreden ist Dukkha:

    "Und was, Freunde, ist die Edle Wahrheit von Dukkha? Geburt ist Dukkha; Altern ist Dukkha; Tod ist Dukkha; Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung sind Dukkha; nicht bekommen, was man sich wünscht, ist Dukkha; kurz, die fünf Daseinsgruppen, an denen angehaftet wird, sind Dukkha."

    Wenn für jemanden das Ausüben von Sex also mit Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer oder Verzweiflung verbunden ist, oder der Sex unbefriedigend ist (man also nicht bekommt, was man sich wünscht, und darunter leidet), dann wäre Sex gleich Dukkha.


    Für die meisten Menschen ist guter Sex aber doch etwas angenehmes.


    Trotzdem führt auch guter Sex früher oder später zu Dukkha, da er auf Begehren und sich Ergötzen beruht und somit die Kette der bedingten Entstehung folgt:

    "Wenn er mit dem Körper ein Berührungsobjekt fühlt, ist er begierig nach ihm, wenn es angenehm ist, lehnt es ab, wenn es unangenehm ist. Er lebt ohne verankerte Achtsamkeit auf den Körper, mit begrenztem Herzen und versteht die Herzensbefreiung, die Befreiung durch Weisheit, bei der jene üblen, unheilsamen Geisteszustände restlos aufhören, nicht der Wirklichkeit entsprechend. Derart in Zu- und Abneigung verwickelt wie er ist, ergötzt er sich am Gefühl, welches Gefühl er auch immer fühlen mag - ob angenehm oder schmerzhaft oder weder-schmerzhaft-noch-angenehm - heißt es willkommen und hält sich daran fest. Weil er dies tut, erscheint Ergötzen in ihm. Ergötzen an Gefühlen ist Anhaftung. Bedingt durch Anhaften ist Werden; bedingt durch Werden ist Geburt; bedingt durch Geburt entstehen Altern und Tod, Sorge, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung. So ist der Ursprung dieser ganzen Masse von Dukkha."

    Wenn jemand so weit fortgeschritten ist auf dem Weg der Befreiung, dass er die "Dukkha"-haftigkeit auch liebevoller Sexualität oder einer Beethoven-Symphonie nicht bloß direkt nach einer tiefen Meditation empfinden kann, sondern sogar im Alltag, dann wird vielleicht auch ein Laie darauf verzichten wollen. Dazu kann ich aber nichts sagen, weil ich nicht soweit bin in meiner Entwicklung.

    Das kann aber noch kommen:

    "Und wie, Ānanda, ist einer ein Schüler in höherer Schulung, einer, der den Weg betreten hat? Ānanda, wenn da ein Bhikkhu mit dem Auge eine Form sieht, entsteht in ihm Erfreuliches, es entsteht Unerfreuliches, es entsteht Erfreuliches-und-Unerfreuliches; er fühlt sich von dem entstandenen Erfreulichen, dem entstandenen Unerfreulichen und dem entstandenen Erfreulichen-und-Unerfreulichen geplagt, beschämt und angewidert [3]. Wenn da ein Bhikkhu mit dem Ohr einen Klang hört, entsteht in ihm Erfreuliches, es entsteht Unerfreuliches, es entsteht Erfreuliches-und-Unerfreuliches; er fühlt sich von dem entstandenen Erfreulichen, dem entstandenen Unerfreulichen und dem entstandenen Erfreulichen-und-Unerfreulichen geplagt, beschämt und angewidert." [...] "Wenn da ein Bhikkhu mit dem Körper ein Berührungsobjekt fühlt, entsteht in ihm Erfreuliches, es entsteht Unerfreuliches, es entsteht Erfreuliches-und-Unerfreuliches; er fühlt sich von dem entstandenen Erfreulichen, dem entstandenen Unerfreulichen und dem entstandenen Erfreulichen-und-Unerfreulichen geplagt, beschämt und angewidert." [...] So ist einer ein Schüler in höherer Schulung, einer, der den Weg betreten hat."

    Viele Grüße

    Elliot

  • Entschuldigt mich , ich bin neu hier , ich finde dieses thread sehr interessant und habe noch in keinem Post meine Sichtweise gelesen.


    Zum Thema dukkha, ich bin mir nicht ganz sicher ob ich es richtig verstehe. Damit ist gemeint das man nicht wirklich frei von gewissen Dingen ist , eine Art Abhängigkeit? Die dich dazu bringt kurz anhaltendes Glück zu erfahren. Man somit nicht wirklich erfüllt ist weil man immer ein verlangen hat das vielleicht für einen Moment gestillt wird jedoch abklingt und dann das leid wieder hervorruft!


    Ich denke ,das wenn man das Ziel erreicht hat und das leiden beendet hat es im Prinzip keine rolle spielt ob man dann Sex hat oder nicht. Normalerweise sollte doch nachdem man Sex hatte das leid immer noch beendet sein . Von dem her stellt sich die Frage für mich ob es Sinn macht das ganze zu unterbinden bis man durchs Ziel gelaufen ist. Ob man dann noch Sex will ist die andere Frage .

  • ... Ob man dann noch Sex will ist die andere Frage .

    Nein, will man nicht.

    "Sandaka, wenn ein Bhikkhu ein Arahant ist, mit vernichteten Trieben, der das heilige Leben gelebt hat, getan hat, was getan werden mußte, die Bürde abgelegt hat, das wahre Ziel erreicht hat, die Fesseln des Werdens zerstört hat und durch letztendliche Erkenntnis vollständig befreit ist, ist er unfähig, Übertretungen in fünf Fällen zu begehen. Ein Bhikkhu, dessen Triebe vernichtet sind, ist unfähig, absichtlich einem Lebewesen das Leben zu nehmen; er ist unfähig zu nehmen, was nicht gegeben wurde, das heißt zu stehlen; er ist unfähig, sich dem Geschlechtsverkehr hinzugeben; er ist unfähig, wissentlich die Unwahrheit zu sprechen; er ist unfähig, Sinnesvergnügen zu genießen, indem er sie ansammelt, wie er es früher im Laiendasein getan hat [4]. Wenn ein Bhikkhu ein Arahant ist, mit vernichteten Trieben, der das heilige Leben gelebt hat, getan hat, was getan werden mußte, die Bürde abgelegt hat, das wahre Ziel erreicht hat, die Fesseln des Werdens zerstört hat und durch letztendliche Erkenntnis vollständig befreit ist, ist er unfähig, Übertretungen in diesen fünf Fällen zu begehen."

    Viele Grüße

    Elliot

  • Irgendwie verstehe ich die ganze Diskussion nicht, Solange man Sex als Begierde (oder Anhaftung) betrachtet ist diese Sichtweise nicht im Sinne des Buddhismus, denn der Buddha lehrte doch die Überwindung von Gier, Hass und Verblendung (mit welchen "geschickten Mitteln" auch immer).

    Liebe Grüße
    S.Y.


    Rufe - soviel Du nur kannst- Liebe, Respekt und Vertrauen hervor !


    aus den "Versen über die Ansammlung der kostbaren Qualitäten der Vollkommenheit der Weisheit"

  • Für die meisten Menschen ist guter Sex aber doch etwas angenehmes.

    Das bezweifle ich. Viele, wenn nicht sogar die meisten Frauen (auch in der westlichen Welt) hatten in der Vergangenheit und haben zum Großteil sogar noch immer keine Freude am Sex. Dazu zähle ich vor allem all die Frauen, die Zwangsehen eingehen mussten, die beschnitten wurden und weiterhin werden, die Männer heirateten und immer noch heiraten, die wenig Zartgefühl, wenn überhaupt Zärtlichkeit mitbrachten und ihre womöglich in sie verliebten Frauen bitter enttäuschten.

    In früheren Jahrhunderten war es auch in unserer Welt normal, verheiratet zu werden - aus Glaubensgründen nur einen Glaubensbruder, wahrscheinlich unerfahren und womöglich prüde und grob - oder weil derjenige zur gleichen Gesellschaftsschicht gehören musste und das Erbe rettete, bei Adeligen, Königshäusern usw.


    Das Leiden dieser Frauen ist unermesslich.

    _()_

    Ich bin der Wahrheit verpflichtet, nicht der Beständigkeit.
    Gandhi

  • Ich denke ,das wenn man das Ziel erreicht hat und das leiden beendet hat es im Prinzip keine rolle spielt ob man dann Sex hat oder nicht. Normalerweise sollte doch nachdem man Sex hatte das leid immer noch beendet sein . Von dem her stellt sich die Frage für mich ob es Sinn macht das ganze zu unterbinden bis man durchs Ziel gelaufen ist. Ob man dann noch Sex will ist die andere Frage .

    Hallo und herzlich Willkommen FloatingLight,

    wer das Ziel erreicht - welches Ziel? -, der kann es nicht mit Sex erreicht haben. Das Leid zu beenden, bedeutet ja nicht, die Hindernisse schmerzfrei zu machen. Sozusagen, nach der Erleuchtung gibt es kein Leid mehr, also kann ich alles tun und lassen, weil mir ja nix mehr wehtut.

    Es geht darum, dass ich durch mein Verhalten selbst dazu beitrage, das Leid zu vermindern, dass also auch kein Mensch mehr durch mich leiden muss.

    Das Leid wird nur beendet, indem es nicht mehr in Erscheinung treten kann. Ist es bei mir verloschen, dann erst bin ich befreit.


    Wenn Du Dir die Zitate von Elliot richtig anschaust und reflektierst, dann müsstest Du das eigentlich verstehen.

    _()_

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    Gandhi

  • Irgendwie verstehe ich die ganze Diskussion nicht, Solange man Sex als Begierde (oder Anhaftung) betrachtet ist diese Sichtweise nicht im Sinne des Buddhismus, denn der Buddha lehrte doch die Überwindung von Gier, Hass und Verblendung (mit welchen "geschickten Mitteln" auch immer).

    Stimmt, man sollte sich verständigen, worüber man spricht. In den Lehrreden tauchen drei verschiedene Begriffe auf:


    Lobha: Meist übersetzt als Gier, zusammen mit Hass (Dosa) und Verblendung (Moha) eine der drei Wurzeln des Unheilsamen.


    Raga: Meist übersetzt als Begierde, nicht so stark wie Lobha.


    Tanha: Meist übersetzt mit Begehren, Verlangen, Lust, "Durst", nicht so stark wie Raga.


    Nun zwei Fragen an Dich:


    1. Welche der drei Lobha, Raga und Tanha meint der Buddha seien zu überwinden, Deiner Meinung nach?


    2. Ist eine der drei Lobha, Raga oder Tanha für Dich notwendige Voraussetzung, dass Du Sex haben kannst beziehungsweise möchtest?


    Viele Grüße

    Elliot

  • Elliot - die Unterteilungen ( Lobha, Raga und Tanha) kennt man m.E. im tibetischen Buddhismus nicht.


    In diesem Link zu den 51 Geistesfaktoren ist ganz allgemein von "Begierdelosigkeit" bzw. von Anhaftung die Rede:


    https://www.buddhaland.de/atta…ist-mentale-faktoren-pdf/


    Wenn ich also von Begierde sprach, meinte ich alle Formen der "Begierde",

    Liebe Grüße
    S.Y.


    Rufe - soviel Du nur kannst- Liebe, Respekt und Vertrauen hervor !


    aus den "Versen über die Ansammlung der kostbaren Qualitäten der Vollkommenheit der Weisheit"

  • Verstehe ich es dann richtig, dass deine Antwort auf Frage 1 lautet: Alle drei?

    Wenn ich also von Begierde sprach, meinte ich alle Formen der "Begierde",

    :)

    Liebe Grüße
    S.Y.


    Rufe - soviel Du nur kannst- Liebe, Respekt und Vertrauen hervor !


    aus den "Versen über die Ansammlung der kostbaren Qualitäten der Vollkommenheit der Weisheit"

  • Wie gesagt, ich kenne diese Unterteilungen nicht, von daher kann ich Dir diese Frage nur aus der Sichtweise des Vajrayana beantworten:


    Ganz allgemein:


    Sex ohne Begierde: Ja

    Sex mit Begierde: nein


    Da in den meisten Fällen Sex immer mit Begierde verbunden ist, wäre die logische Konsequenz ein Verzicht auf Sex.

    Liebe Grüße
    S.Y.


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    aus den "Versen über die Ansammlung der kostbaren Qualitäten der Vollkommenheit der Weisheit"

  • Für die meisten Menschen ist guter Sex aber doch etwas angenehmes.

    Das bezweifle ich. Viele, wenn nicht sogar die meisten Frauen (auch in der westlichen Welt) hatten in der Vergangenheit und haben zum Großteil sogar noch immer keine Freude am Sex.

    Da habe ich vielleicht zu vorschnell von mir auf andere geschlossenen.


    Ich will nicht sagen, dass jeder Sex gut war, den ich hatte, aber wenn er gut war, dann war er auch angenehm.


    Jedenfalls soweit ich mich erinnere, manchmal sieht man das im Rückblick ja auch rosiger.


    Viele Grüße

    Elliot

  • Buddha hatte vor seiner Erleuchtung auch Sex. Ich glaube es wird nichts bringen, wenn man da etwas einfach unterdrückt, während es an Einsicht fehlt. Das würde nur dazu führen, dass man nicht in der Lage ist an etwas anderes zu denken als an Sex. In so einer Situation wäre man dann auch nur ein Opfer seiner Triebe.Trotzdem ist Sexualität ist mit Leid verbunden. Man braucht sich da nur einmal pubertierende Jugendliche angucken...dass ist für die meisten wohl kein Zuckerschlecken wenn die Triebe plötzlich so an die Tür klopfen.