Entscheidungen im Zen

98 Antworten. Letzter Beitrag () ist von Schneelöwin.

  • Hallo zusammen,


    mein Verständnis von Zen ist nicht das größte, mal sehen, ob wir das ändern können.


    Ein Teil der Zenlehre ist es doch, die Dinge so zu nehmen wie sie sind, richtig?

    Ich weiß, dass es auch im Zen verschiedene Lehrer gibt, mit verschiedenen Standpunkten, aber ich denke, das ist ein fundamentaler Bestandteil.

    Den Moment wahrzunehmen, ohne etwas hinzuzufügen.

    Es ist gut, genauso wie es ist.


    Wenn ich diesen Gedanken weiter spinne, komme ich zu dem Entschluss, dass jede Entscheidung gegen die Lehre spricht.

    Ich sitze auf einer Parkbank. Es fängt an zu regnen.

    Sollte ich nun aufstehen und gehen, um nicht nass zu werden?

    Der Moment ist doch gut wie es ist. Dann werde ich eben nass. Kein Grund, das zu bewerten.

    Das gleiche gilt dann natürlich auch, wenn ich eine Lungenentzündung bekomme und letztlich daran vergehe.

    Der Schmerz, der dabei entsteht, ist einfach nur das. Wir müssen es nicht einmal Schmerz nennen.


    Was ist, wenn ein Mensch hungrig wird? Bedroht wird?

    Folgen wir einfach den natürlichen Handlungsimpulsen, die das auslöst?

    Wenn ich hungrig bin, esse ich. Wenn ich müde bin, schlafe ich.

    Wer reguliert hier Gier? Was verhindert, dass ich so ein im freudischen Sinne Es-Gesteuerter Psychopath werde, ohne jeglichen Blick für die Zukunft zu sorgen?

    Suengsahn schrieb, dass das Handeln aus Herzensgüte kein dogmatisches Vorgehen ist, sondern natürlich aus der wahren Natur des Menschen entspringt.

    Aber wenn ich im Hier und Jetzt bin, und Gier spühre, ist diese nicht echt, entspringt sie nicht meiner wahren Natur? Immerhin ist sie: Jetzt.


    Ein anderes, etwas für manchen vielleicht greifbareres Beispiel, finde ich im ZaZen.

    Wohin wandert meine Aufmerksamkeit? Das derigieren von Aufmerksamkeit ist auch nur eine Handlung.

    Ein Ansatz auf diese Frage wäre, dass es keine Rolle spielt. Wir sitzen einfach nur. Jeder auf seine individuelle Art und Weise. Lass die Aufmerksamkeit machen, was sie will.

    Egal wie schnell sie springt und wohin sie springt.

    Zu den Gedanken, zum Gefühl, zum Kopf, oder zum Bauch. Das ist alles Bestandteil der Handlung "Sitzen".

    Ein anderer Ansatz ist die Ansicht, dass Zazen eine körperliche Übung ist, dadurch wird die Aufmerksamkeit in den Körper derigiert.

    Sie wird also gesteuert. Aber wohin genau? Wann? Wielange verweilt sie?

    Ich habe festgestellt, dass ich eine starke Anhaftung dafür habe, sie zu meiner Stirn zu richten, weil das ein angenehmes kribbeln und interessante innere Bilder erzeugt, und ich sehen möchte, wohin das führt, wenn ich das weiter mache.

    Ein Zenmeister erklärte mir jedoch, dass das Hara ein wichtiger Ankerpunkt im Zazen ist. Aber einfach nur im Hara zu ruhen, ist auch nicht richtig. Die Haltung soll geprüft werden, das berühren der Daumen, der Atem..


    Diese Wiedersprüchlichkeiten machen mich etwas fertig. :grinsen:

    Was denkt ihr darüber, außer vielleicht, dass ich neurotisch bin?


    LG,

    Mogwai-Tree

  • kilaya

    Hat das Thema freigeschaltet
  • Wenn man richtig sitzt wird man gesammelter. Und schon dadurch ist man weniger neurotisch, und kann mit mehr klar kommen, ohne es anders haben zu wollen.


    Wenn es regnet stehst, steht man da halt auf oder bleibt sitzten, aber nichts von beiden halbherzig.


    Sammlen bedeutet ja auch, den Gedanken nicht zu erlauben, alles nach allen Richtungen weiterzuspinnen.

  • Diese Wiedersprüchlichkeiten machen mich etwas fertig.

    Im Zen findet man überall nur Widersprüche. Gutes Beispiel dafür sind ja dann auch wieder Koans. :)


    Als ich vor einigen Jahren angefangen habe mich der der buddhistischen Lehre zu befassen, habe ich zunächst einen großen Bogen um Zen gemacht. Eben weil der Zen-Weg so paradox ist.

    Irgendwann habe ich für mich persönlich erkannt, dass das "Widerspruchsfreie" schön und gut ist. Aber solche Konzepte lassen immer einen Teil aus. Wenn man versucht immer weiter zu begreifen; einem dieses kleine Detail auffällt, für dass ich noch keine Erklärung hatte... Nun ja, dass ist nicht gerade sehr motivierend:grinsen:.


    Zen bietet keine Erklärung auf so viele dringende Fragen.

    Im Gegenteil, Zen wirft mehr neue Fragen auf und hinterlässt (zumindest bei mir regelmäßig) ziemlich große Fragezeichen.

    Das ist auch gut so.

    Mit diesen Fragen leben zu können - ohne klare, eindeutige Antworten zu erwarten - das kann sehr erleichternd sein.


    Es ist gut, genauso wie es ist.

    Genau das ist der Punkt, Mogwai-Tree. Und genau da spinne deinen "gedanklichen Faden" nicht weiter! Oder besser, vielleicht kannst du es schaffen auch weiter deinen Weg zu gehen - ohne Antwort auf diese Fragen!


    Viele liebe Grüße,


    Sturm

    Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg. - Gandhi

  • Ein Teil der Zenlehre ist es doch, die Dinge so zu nehmen wie sie sind, richtig?

    Hatte den Eindruck, dass das nicht im Zen ist, also nicht zen-spezifisch, sondern in vielen buddhistischen Richtungen.

    Habe auch gehört, von Sumedho (aus dem Theravada), das bestimmte Techniken vom Theravada in den koreanischen Zen übernommen wurden. Habe leider vergessen welche. (müsste dafür einiges wieder durchhören bis ich es finde) .

    Ich habe eher den EIndruck, dass es im Zazen viele HIlfsmittel gibt. Einer legt Wert auf die Handhaltung, ein anderer auf die Atmung, auf Hara, auf Atmung zählen oder folgen. Dass sind so wie ich es sehe nur Hilfmittel um ins Samadhi zu kommen, bzw den Geist zu beruhigen. Sogesehen, ich finde da nichts widersprüchliches. Alles nur HIlfmittel also jetzt auf Zazen selbst bezogen.


    Das zu akzeptieren oder anzunehmen, das man stirbt zB., ist auch nicht nur im Zen, dass ist generell im Buddhismus. Also im Grunde , das was ist anzunehmen, und sich nichts dazu oder anders zu denken, sondern in dem Moment zu handeln, das beste was man meint tun zu können. (Nur meine buddhistische Ansicht)

  • Ein Teil der Zenlehre ist es doch, die Dinge so zu nehmen wie sie sind, richtig?

    Ich weiß, dass es auch im Zen verschiedene Lehrer gibt, mit verschiedenen Standpunkten, aber ich denke, das ist ein fundamentaler Bestandteil.

    Den Moment wahrzunehmen, ohne etwas hinzuzufügen.

    Es ist gut, genauso wie es ist.

    ja, aber es ist auch ok, wenn es einem nicht gefällt dass es regnet und man dann einen Schirm aus dem Rucksack holt.

    Man sollte vielleicht nur nicht fünf Minuten lang über das Wetter schimpfen, bevor man den Schirm aufspannt, weil man sonst klatschnass ist :)


    Dieses "nichts hinzufügen" ist nicht starr gemeint, sondern eingebettet in Bewegung. Nirgends stehen bleiben, nichts hinterher laufen und vor nichts davon rennen. Das heißt dann auch aktiv werden und Dinge anpacken, wenn es dran ist. Es hat nichts mit Passivität zu tun.

    Durch das wahrnehmen des Moments, ohne dem ersten Impuls von Flucht oder Klammergriff blind zu folgen hat man dann die Chance zu erkennen, was dran ist und daraus kann Aktion entstehen, die dem jeweiligen Moment gerecht wird.

  • mein Verständnis von Zen ist nicht das größte, mal sehen, ob wir das ändern können.

    Es gibt nichts zu verstehen.

    Übst du Zen oder interessierst du dich nur dafür?

    Genau das ist der Punkt. Damit leben zu können, dass es nichts zu verstehen und nichts zu erreichen gibt.

    Dadurch wird die Praxis des Zen erst lebendig.


    Dadurch werden alle Widersprüche gelöst.


    Liebe Grüße


    Sturm

    Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg. - Gandhi



  • Wer reguliert hier Gier?

    Du nimmst sie wahr.

    Was verhindert, dass ich so ein im freudischen Sinne Es-Gesteuerter Psychopath werde, ohne jeglichen Blick für die Zukunft zu sorgen?

    https://de.wikipedia.org/wiki/kai_(zen)


    Zen ist eine der vielen Traditionen im Buddhismus! Es ist keine losgelöste Meditationsdingsbumserfahrung. Es hilft sehr, einen Lehrer zu haben (der sicherlich Entscheidungen treffen kann und wird) und es hilft sehr, etwas darüber zu lesen. Für beides wünsche ich Dir viel Spass! :)

    Über die Buddhalehre dürfen wir uns nicht in Gedanken verlieren. (Kodo Sawaki)

  • Eine Entscheidung ist nur so lange schwierig wie sie nicht getroffen ist.

    Es ist doch so das dich die Möglichkeiten in Schwierigkeiten bringen und deine nicht Sicht der Folgen wenn Du dich für eine Möglichkeit entscheiden musst. Das Problem der Alternative. Eine Entscheidung, mindestens zwei Möglichkeiten.

    Das ist wie mit den Versuchen. Es gibt Versuchen nur so lange bis eine Handlung erfolgt ist. Auch wenn Du sie als Versuch siehst ist es kein Versuch sonder eine Entscheidung für eine Tat und dann wirst Du sehen ob es ein Erfolg oder ein Fehler war. War es Erfolg kannst Du dir das merken, war es ein Fehler wird es wichtig. Denn nur aus Fehlern, Fehlhandlungen -entscheidungen können wir lernen wie es nicht geht. Bei Erfolg kann es zu Höhenflügen kommen die Fehler erzeugen wegen Glücksgefühlen. Der Gipfel ist erreicht und man fällt auf der anderen Seite vom Berg.

    Auch hier ist die Handlung wichtig, da springen in die Unsicherheit um entlich erkennen zu können ws hilfreich und was nicht hilfreich ist.


    Wenn ein Zenmeister eine Entscheidung trifft die dich betrifft sei auf der Hut und wenn Dir die Entscheidung nicht hilfreich erscheint lege sofort dein Veto ein. Das lässt den Meister erkennen ob du nur vorsichtig bist oder Acht-sam. Mein Satz bei Entscheidungen treffen ist das nicht die Alternative das Wichtige ist sondern das tun einer der Möglichkeiten und zwar so schnell wie möglich. Das ist tun was zu tun ist. Hab ich mich geirrt hab ich Gelegenheit zu lernen, liege ich richtig muss ich mich vor Stolz und Hochmut meiner ruhmreichen Tat mir gegenüber in Acht nehmen.

  • im Bushido gibt es was dazu


    Zitat

    Hast Du etwas Wichtiges zu entscheiden, so triff diese Entscheidung innerhalb von 7 Atemzügen.

    Ist es etwas Unwichtiges, so lass DIr Zeit beim Überlegen.


    Wenn man dies wirklich verstanden hat, so kann es ein Grundsatz des Lebens werden.


    _()_


    PS: und es hat auf keinen Fall etwas mit "Bauchentscheidung" zu tun.

    Wenn im dürren Baum der Drache Dir singt
    siehst wahrhaft Du den WEG.
    Wenn im Totenkopf keine Sinne mehr sind
    wird erst das Auge klar.


    jianwang 健忘 = sich [selbst] vergessend

  • "Bauch Entscheidungen" macht man meistens wenn es dem Bauch schon vom vielen Nachdenken nicht mehr gut geht, das NachDenken mit Geistesgiften verseucht ist.

    Die innerhalb "sieben Atemzüge" ist eine Bauchentscheidung die auch so genannt werden kann. Die sieben Atemzüge brauch ich meist nicht. Das ist ein sehr gutes Buch um einen Anfang zur Bauchentscheidungen zu finden.

    machen_sie_doch_was_sie_wollen.html?id=6-_lpwaacaaj&redir_esc=y


    Auch ein mir wichtiger Link. Vielleicht?

    1106_embodiment-koerpertherapie.pdf

  • Ellviral --- schön ... weitersuchen *gg*

    Ja weiter suchen um Geistesgifte des Festhalten an Vorstellungen zu finden. Natürlich besonders bei einem selber. Selbst wenn es vor einer Tür blitzsauber ist ist es ein Festhalten an Vorstellungen. Putzen hilft nicht.

  • Mein Lehrer sagt immer:

    Zitat

    Wenn Du nicht weißt, was die beste Alternative ist, dann mach einfach das Zweitbeste

    ...und steh zu Deiner Entscheidung - hak' es ab.

    Die beste Möglichkeit weißt. Eine Alternative besteht aus mindestens zwei Möglichkeiten.

  • Die beste Möglichkeit weißt. Eine Alternative besteht aus mindestens zwei Möglichkeiten.

    Ich werde ihn bei Gelegenheit korrigieren ;)

    ...wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob Du Recht hast.

    Für mein Sprachempfinden kommt es aufs Selbe raus.

    Möglichkeiten gibt es immer unendlich viele, aber Alternativen sind Entscheidungsmöglichkeiten an einer bestimmten Weggabelung.

    Im Fernsehquiz habe ich die Antwortalternativen A, B und C. Ich habe aber auch die Möglichkeit zu sagen, dass mir die Frage zu blöd ist.


    Ich hab jetzt doch mal bei Wikipedia geschaut:

    ...ich glaub wir haben beide Recht, wenn ich das da jetzt richtig gelesen und verstanden habe.

  • Mein Lehrer sagt immer:

    Zitat

    Wenn Du nicht weißt, was die beste Alternative ist, dann mach einfach das Zweitbeste

    ...und steh zu Deiner Entscheidung - hak' es ab.

    Die beste Möglichkeit weißt. Eine Alternative besteht aus mindestens zwei Möglichkeiten.

    Die beste alternative Möglichkeit weißt. :):shock:

  • Ich werde ihn bei Gelegenheit korrigieren ;)

    ...wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob Du Recht hast.

    Für mein Sprachempfinden kommt es aufs Selbe raus.

    Möglichkeiten gibt es immer unendlich viele, aber Alternativen sind Entscheidungsmöglichkeiten an einer bestimmten Weggabelung.

    Das kommt eben darauf an, ob Du "Alternativen" nach dem aktuellen, sich eingebürgerten Sprachgebrauch verwendest, oder ob Du alternativ (! :) ) einen besserwisserischen Altphilologen fragst... :wink:

  • Danke für die vielen Anregungen. Ich denke, dass diese Verkopftheit durch mehr Geistesruhe (durch mehr Praxis) von alleine vergehen wird.

    Gefallen hat mir auch die Aussage, dass die Akzeptanz des Moments nicht auf Starre hinaus laufen soll.

    mein Verständnis von Zen ist nicht das größte, mal sehen, ob wir das ändern können.

    Es gibt nichts zu verstehen.

    Übst du Zen oder interessierst du dich nur dafür?

    Ich gehe bald eine längere Zeit in ein Zenkloster. Ich war dort schon einmal, und habe es als unfassbar stabilisierend und bereichernd erlebt.

    Leider konnte ich die Praxis nicht aufrecht erhalten. Ich meditiere immer wieder im ZaZen und stelle Achtsamkeit her - aber nicht in der Intensität, wie ich es gerne hätte. Es fehlt mir an Disziplin, im Kloster fiel mir das alles wesentlich leichter und ich hoffe, dass mich die Zeit dort (1 Jahr) etwas in die gewünschte Richtung formen wird.

    Jaja, ist wahrscheinlich furchtbar Un-Zen, eine derartige Veränderung anzustreben. :D Aber da ich in meinem jungen Leben bisher nicht zu viel im Stande war, finde ich den Versuch gut, meine Weichen zu stellen.

  • Mogwai-Tree darf ich fragen wie lang?

    Vielleicht findest Du ja auch ein Zen-Gruppe in Deiner Nähe, wo Du regelmäßig mit sitzen kannst.

    Hab ich schon öfter gehört, dass es mancheinem schwer fällt, für sich allein am Ball zu bleiben. Da ists wohl am besten raus zu finden, was Du tun musst, um dran bleiben zu können.

    Ich wünsch Dir jedenfalls ne gute Zeit im Kloster und die passenden Ideen wie es weiter gehen könnte.