Konkrete Achtsamkeitsübungen zusätzlich zur Zen-Praxis


12 Antworten. Letzter Beitrag () ist von Aravind.

  • Hallo zusammen,


    ich wollte mal darstellen, was ich in letzter Zeit mache, und bitte euch um eure Meinungen / Erfahrungen.

    Die Situation ist die: Meine Grund-Praxis ist Zazen. Dem lagen nicht so sehr theoretische Überlegungen zu Grunde, als vielmehr die Tatsache, dass ich an meinem früheren Wohnort eine Gruppe vor Ort gefunden hatte, bei der ich mich sehr wohlfühlte, mit einem tollen Lehrer. Insgesamt bin ich damit auch zufrieden, wobei ich mich der Koan-Praxis bisher enthalten habe. Aber ich bin zufrieden damit.


    Und jetzt die Frage: Ich hab recht viel rumgelesen, und z. B. bei Mathieu Ricard, Pema Chöndron, Bhante G und Kabat-Zinn die etwas gerichteteren Überlegungen zu Emotionen und Gedankengängen gefunden, die, mit leichten Unterschieden, auf etwas ähnliches hinauslaufen. (Zusätzlich zur Entwicklung von Konzentration) Sie gehen nämlich eben diesen einen Schritt weiter und schildern gerichtetere, deutlichere Auseinandersetzung mit diesen Dingen, als es im Zen der Fall ist. Bei Kabat-Zinn ist es, im Gegensatz zu den anderen, nicht zu Zwecken spirituellen Wachstums / Erkennen von Impermanenz eingesetzt, sondern klar zur Bewältigung. Grade das ist etwas, das ich bei intensiveren Emotionen, Konflikten, die mich schon lange begleiten, als hilfreich empfinde: Mal Zusammenhänge erkunden, fragen, wo es herkommt, körperliche Aspekte der Emotion gezielt erkunden, und weiteres... letztlich analysieren und beobachten.. aber investigativ. Ich hab den Eindruck, dass manchmal Emotionen oder Gedankenketten so intensiv sind, dass sie sich im Kreis drehen wenn ich sie 'nur' laufen, bzw. vorbeiziehen lasse. Dass ich sie aber effektiver 'knacken' und verdauen kann, wenn ich analytischer und gezielter herangehe.


    Wahrscheinlich ist der Begriff "Vipassana" dafür nicht ganz glücklich gewählt, weil da eben so viel mehr dahintersteht, nämlich eine komplette Praxis - zudem scheint es mir eine Vorgehensweise zu sein, die eben sowohl Theravada-basierte Lehrer, Kabat-Zinn und Vajrajana-Vertreter schildern, nur die Zen-Leute nicht.

    Und das alles ist eben der Knackpunkt. Ich sitze, wenn's gut läuft, im Schnitt eine Stunde am Tag. Ich frag mich da, ob es sinnvoll ist, diese Zeit auf verschiedene Disziplinen aufzuteilen, die ja doch deutlich auseinandergehen. Oder ob ich mir damit nicht einen Bärendienst erweise, und ob es nicht besser wäre, mich auf eine Praxis zu konzentrieren.


    Eigentlich bin ich mit der Zen-Praxis so zufrieden, meine Motivation für die gezielte Achtsamkeitsarbeit ist eine relativ pragmatisch-instrumentelle. Ich setze das ein, weil ich mir konkrete Vorteile davon verspreche in der Bewältigung, und versuche es zu trennen: Beim Sitzen 'reines' Zazen, möglichst frei von Zielen und Überlegungen, und diese Achtsamkeitsarbeit möglichst getrennt davon, an klare Vorstellungen geknüpft. Geht aber sozusagen doch vom Meditations-Zeitbudget ab.


    Klar, letztlich kann niemand diese Frage für mich mit hü oder hott beantworten. Aber da hier doch recht kundige Leute sind, wollte ich es mal hier einstellen und auf eure Gedanken und Anregungen hoffen. Kennt ihr so etwas? Ist es im Zen womöglich gar nicht so unüblich, wie ich denke? Gibts Negativbeispiele, andere Vorschläge? Findet ihr das einfach total super 8)? Und so weiter :)


    Danke schonmal fürs Lesen.

  • Ich sehe da überhaupt keine Probleme, das miteinander zu verbinden. Ich würde mir nur vor Meditationsbeginn klarmachen, was genau ich gleich vorhabe und diese unterschiedlichen Wege nicht innerhalb der gleichen Meditationssitzung verbinden. Aber sich mal 5 Tage hintereinander meditativ mit einem persönlichen Problem zu beschäftigen, schadet sicher auch dem Zazen nicht und schon gar nicht der Erleuchtung :-)

    Bei Kabat-Zinn ist es, im Gegensatz zu den anderen, nicht zu Zwecken spirituellen Wachstums / Erkennen von Impermanenz eingesetzt, sondern klar zur Bewältigung. Grade das ist etwas, das ich bei intensiveren Emotionen, Konflikten, die mich schon lange begleiten, als hilfreich empfinde: Mal Zusammenhänge erkunden, fragen, wo es herkommt, körperliche Aspekte der Emotion gezielt erkunden, und weiteres... letztlich analysieren und beobachten..

    Ich glaube sogar, daß innere Probleme für viele ein Motor sind, mit Meditation anzufangen und auch das ist für mich ein akzeptabler Grund.


    Der Zenmeister Thich Nhat Hanh geht besonders auf diese Problematik ein. Kennst du sein Buch "Versöhnung mit dem inneren Kind"? Er beschreibt sehr gut, wie man die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen Problemen in die Meditation einbinden kann. Seine Anleitungen sind einfach zu verstehen und auch alleine gut nachzuvollziehen, auch wenn man nicht das Glück hat, eine gute Sangha von seiner Meditationsrichtung in der Nähe zu haben, die man ständig fragen kann.

    Ich hab recht viel rumgelesen, und z. B. bei Mathieu Ricard, Pema Chöndron, Bhante G und Kabat-Zinn die etwas gerichteteren Überlegungen zu Emotionen und Gedankengängen gefunden, die, mit leichten Unterschieden, auf etwas ähnliches hinauslaufen.

    Diese von dir angegebenen Personen sind hochwertige, vertrauensvolle Lehrer, du kannst wirklich von allen das übernehmen, was dir gut tut. Denke aber daran, daß diese Lehrer nicht an deinem Wohnort sind, d.h. bei der Auswahl deines Weges, daß du ihre Methoden auch wirklich gut verstehen mußt, bevor du sie anwendest. Du suchst ja jetzt erstmal etwas für zuhause, wenn ich dich richtig verstanden habe. (Eine andere Möglichkeit besteht natürlich darin, bei diesen Lehrern oder deren Nachfolgern einen Kurs oder Retreat zu besuchen.)

  • Die Situation ist die: Meine Grund-Praxis ist Zazen. Dem lagen nicht so sehr theoretische Überlegungen zu Grunde, als vielmehr die Tatsache, dass ich an meinem früheren Wohnort eine Gruppe vor Ort gefunden hatte, bei der ich mich sehr wohlfühlte, mit einem tollen Lehrer.

    So habe ich auch angefangen.:)



    Mal Zusammenhänge erkunden, fragen, wo es herkommt, körperliche Aspekte der Emotion gezielt erkunden, und weiteres... letztlich analysieren und beobachten.. aber investigativ. Ich hab den Eindruck, dass manchmal Emotionen oder Gedankenketten so intensiv sind, dass sie sich im Kreis drehen wenn ich sie 'nur' laufen, bzw. vorbeiziehen lasse. Dass ich sie aber effektiver 'knacken' und verdauen kann, wenn ich analytischer und gezielter herangehe.

    Mach das doch.



    Und das alles ist eben der Knackpunkt. Ich sitze, wenn's gut läuft, im Schnitt eine Stunde am Tag. Ich frag mich da, ob es sinnvoll ist, diese Zeit auf verschiedene Disziplinen aufzuteilen, die ja doch deutlich auseinandergehen. Oder ob ich mir damit nicht einen Bärendienst erweise, und ob es nicht besser wäre, mich auf eine Praxis zu konzentrieren.

    Da kommt dann wieder meine Lieblingsfrage. :grinsen: Übst du mit einem Lehrer?

    Der ist nämlich die erste Anlaufstelle für solche Fragen.


    Ich praktiziere Rinzai Zen. bei uns sind Achtsamkeitübungen völlig normal.

    Empfohlen wird immer wieder Geistestrainig durch Achtsamkeit.

    Jeder Übende bekommt die ihm entsprechenden Übungsanweisungen. Dafür gibt es Dokusan, das Einzelgespräch mit dem Lehrer. Koan ist nicht alles im Leben eines Rinzai Zennies. :D

    Dein eigenes Herz, das inständig den WEG gehen möchte, ist Dein eigentlicher Lehrer.

    (Sen nô Rikyû)

  • Also, ich setzte zu Beginn alles ein, was mir hilfreich erschien und ich im Rahmen meiner Berufstätigkeit gelernt und für gut befunden hatte. Dabei war ich schon immer sehr kritisch, habe beileibe nicht alles mögliche ausprobiert!

    Nach und nach wurden zusätzliche Features zu meiner hauptpraxis überflüssiger.

  • Hallo Grashuepfer ,


    ich habe erfolgreich (whatever that means :) ) Vipassana-Praxis mit einer ahctsamkeits-basierten Traumatherapie kombiniert. Hat super geklappt. Beide sind sher Ähnlich, aber die Traumatherapie eben zielgerichtete Achtsamkeit.


    Probleme können IMHO entstehen, da, wo sie immer entstehen: Wenn man eine der Methoden dazu verwendet, das Leiden zu unterdrücken und auszublenden, statt es zuzulassen und zu transformieren (auch hier spreche ich aus Erfahrung :) Ein guter Lehrer kann da wirklich hilfreich sein).


    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • Wieso fragst DU im Anfängerbereich ?


    Du hast ne gute Intuition, die dir bereits sagt, "was und wie" mit dem Zen-Weg kompatibel sein könnte und was eher nicht.


    Ein guter Zen Lehrer wird dir sagen können, dass der Zen Weg absichtlich den methodischen Vipassyana -Ansatz meidet. Das schliesst aber nicht die achtsamkeitsbasierte Betrachtung aus. Im Gegenteil. Das wiederum.ist ein typischer Zen Aspekt. Bzw. wird, - wenn es soweit ist.


    Einem Vorredner möchte ich widersprechen dass man zwingend einen Lehrer braucht.

  • Ein guter Zen Lehrer wird dir sagen können, dass der Zen Weg absichtlich den methodischen Vipassyana -Ansatz meidet.

    Dafür wird es sicher gute Gründe geben.


    Ich würde das, was der OP beschrieben hat, aber nicht in Vipassana einordnen, sondern eher in den Bereich "Wohlfühl-Achtsamkeitsübungen". Wobei das mit dem "Wohlfühl" sehr negativ klingt, aber nicht so gemeint ist. "Unterhalb" von Zen oder Vipassana halt, was die Zielsetzung oder Nicht-Zielsetzung angeht.


    Liebe Grüße, Aravind.

  • WIeso trennst du ? ( an den Threaderöffner gerichtet )

    Wenn im dürren Baum der Drache Dir singt
    siehst wahrhaft Du den WEG.
    Wenn im Totenkopf keine Sinne mehr sind
    wird erst das Auge klar.


    jianwang 健忘 = sich [selbst] vergessend

  • Aravind


    Versteh ich von deinem Standpunkt her,aber wo er es schon mal erwähnt. Und wir sind da ja auch in Grenzbereichen und wo eine Einordnung nicht per se soo klar ist. Ich glaube er passt schon auf dass es nicht allzu ins Konzeptuelle geht. Deswegen wählt er m.M. ja eher "Softies" als Ispiratoren. ;) Ich wollte da nur noch mal aufsetzen und ihn bestärken, seine Intuition und sein Hintergrundwissen weiterhin mitsprechen zu lassen.

  • Danke euch allen für die vielseitigen und bereichernden Antworten!


    Zazen im Sitzen und Zazen in den Alltag bringen.. keine Trennung von Sitzen und Alltag

    Definitiv ein Ideal, an dem ich arbeite - aber momentan würde ich davon ausgehen, dass sich diese zwei Dinge noch recht deutlich trennen.



    [...]

    Kennst du sein Buch "Versöhnung mit dem inneren Kind"? Er beschreibt sehr gut, wie man die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen Problemen in die Meditation einbinden kann.

    [...]

    Du suchst ja jetzt erstmal etwas für zuhause, wenn ich dich richtig verstanden habe.

    [...]

    Danke, das Buch kenne ich noch nicht, obwohl ich schon ein oder zwei von ihm hab.

    Ja, prinzipiell such ich was für hier, wobei ich Zen bereits bei einem Lehrer gelernt hab und da zumindest die Grundlagen kenne.


    Da kommt dann wieder meine Lieblingsfrage. :grinsen: Übst du mit einem Lehrer?

    Der ist nämlich die erste Anlaufstelle für solche Fragen.

    Ja... noch nicht, hier ist grad Sommerpause. Ich stimme dir zu - ich hab einige Jahre lang alles mögliche gelesen damals, was durchaus sehr hilfreich und bereichernd war, und mir schon viel gebracht hat. Aber als ich dann vor Ort mit Hogen geübt habe, hab ich so vieles gelernt. Danke auch für den Buchtip - ich werd's mir anschauen!



    Wieso fragst DU im Anfängerbereich ? [...]

    Ein guter Zen Lehrer wird dir sagen können, dass der Zen Weg absichtlich den methodischen Vipassyana -Ansatz meidet. Das schliesst aber nicht die achtsamkeitsbasierte Betrachtung aus. [...]


    Einem Vorredner möchte ich widersprechen dass man zwingend einen Lehrer braucht.

    Einmal, weil ich dachte, dass es eine doch sehr grundlegende Frage ist, zudem schien sie mir nicht so richtig in eine der anderen Kategorien zu passen. Und, ich dachte mir, dass es ggf. durch einen Mod verschoben wird...

    Ja, ich denke, dass das eben die Falle ist, die ich zu vermeiden suche - Zen und Vipassana zu vermischen, und dann Pfusch zu produzieren :) Ich hab den Eindruck, dass beim Zen durchaus beobachtet wird, aber eben nicht zielgerichtet analysiert. Wobei mir grade hier folgendes begegnet ist:


    Zitat

    The purpose of meditation is not to deal with problems, however, and problem-solving ability is a fringe benefit and should be regarded as such. [...] Don't think about your problems during your practice. Push them aside very gently. [...] Trust yourself, trust your own ability to deal with tese issues later, using the energy and freshness of mind that you built up during your meditation.

    (Bhante G - Mindfulness in plain English, Kapitel 7)


    Aber ich weiß, was du jetzt sagen willst, kal : mittel- und langfristig wird diese Grenze immer mehr verwischt werden.

    "Unterhalb" von Zen oder Vipassana halt, was die Zielsetzung oder Nicht-Zielsetzung angeht.

    Ja... als konkrete, praktisch ausgerichtetes Werkzeug, an das realweltliche Erwartungen geknüpft sind.


    WIeso trennst du ? ( an den Threaderöffner gerichtet )

    Weil ich eben die Falle vermeiden will, dass ich mir das unbewusst so zurechtbiege, wie's mir grad passt, und dann eben weder Fisch noch Fleisch übrigbleibt, sozusagen. Mir scheint, dass die Zen-Lehrer sich große Mühe zu geben, die Schüler wegzuführen vom konkret-operationalen und an Erwartungen geknüpften Denken, und ich glaube, dass es wichtig ist, das beizubehalten.


    Ich glaube er passt schon auf dass es nicht allzu ins Konzeptuelle geht. Deswegen wählt er m.M. ja eher "Softies" als Ispiratoren. ;)

    Hehe 8)

  • wer ZEN und Achtsamkeit trennt, hat das "kernholz" des dhamma nicht verstanden.

    Beende dein Denken ...

    Wenn im dürren Baum der Drache Dir singt
    siehst wahrhaft Du den WEG.
    Wenn im Totenkopf keine Sinne mehr sind
    wird erst das Auge klar.


    jianwang 健忘 = sich [selbst] vergessend