Entwickeln wir uns kollektiv weiter, indem sich genug Einzelne entwickeln?

36 Antworten. Letzter Beitrag () ist von kilaya.


  • Zitat
    Stufe Häufigkeit
    E3: Selbstorientierte Stufe 5%
    E4: Gemeinschaftsbestimmte Stufe 12%
    E5: Rationalistische Stufe 38%
    E6: Eigenbestimmte Stufe 30%
    E7: Relativierende Stufe 10%

    Quellen: Thomas Binder, Susanne Cook-Greuter, Jane Loevinger, (gekürzte Zusammenstellung aus SPON)
    ...

    "Was würde passieren, wenn die Pluralisten und Individualisten die Führung übernehmen?

    Wenn der Anteil der Stufe E7 eine kritische Größe erreicht, dann dürfte sich die Art unseres Zusammenlebens stark verändern. "

    ...

    "Es gibt allerdings auch Tendenzen, die auf einen Rückschritt der Gesellschaft hindeuten. "

    ...

    "Wie lassen sich diese gegenläufigen Trends erklären?

    Ein Grund für den Aufstieg der AfD und von Donald Trump könnte eine soziale Verunsicherung sein. Unsere Gesellschaft entwickelt sich so rasch weiter, dass Menschen früherer bis mittlerer Entwicklungsstufen zu Recht fürchten, auf der Strecke zu bleiben."
    ...

    "Sollte unsere Gesellschaft ihren Schwerpunkt irgendwann wirklich auf Stufe E7 verlagern, dann sollten führende Politiker und obere Führungskräfte sich am besten schon auf Stufe E8 befinden. Der Theorie zufolge wären das Menschen, die in der Lage sind, in hochkomplexen und auch widersprüchlichen Welten zu agieren. Menschen, die multiperspektivisch denken, sich selbst in hohem Maße hinterfragen und die Sichtweisen und Bedürfnisse unterschiedlichster Gruppen berücksichtigen." [Geschätzt 5% der Menschen]


    Zusammengestellt aus:

    Zukunftsanalyse nach Jane Loevinger: Weg vom Leistungsideal - SPIEGEL ONLINE

    "Respekt ist unsere Aufgabe und nicht ne falsche Maske, die ich aufhabe" (Fanta 4)
    OM BENDZA KILI KILAYA HUNG

  • Auch in vergangenen Zeiten war es so, dass die höheren Klassen gebildeter und intelligenter waren als der Pöbel und sich daraus ein Recht ableiteten, diesen zu bevormunden.


    Jeder Beobachter damals hätte das logisch gefunden: Die Reichen waren wirklich schöner, gesünder, neugieriger, intelligenter und die Armen wirklich dümmer, kränker, religiöser und autoritätsgläubiger.


    Und so ist es auch heute verführerisch soziale Klassen psychologisierend in "Entwicklungsstufen" umzudeuten und implzit die Herrschaft der Höherentwickelten über die Minderentwickelten logisch erscheinen zu lassen.

  • Und auch im Bezug auf Gesellschaften wurde das ja damals gemacht. Der gesamte Kolonialismus fußte auf der Idee, dass die höherentwickelten Gesellschaften mit ihren Demokratien und ihrer kulturellen Fortschritt zur Herrschaft über die Gesellschaften in minderen Stadien berufen sind. Stufenmodell , die Menschen in höhere und niedere trennen sind brandgefährlich und nur weil man etwas mit dem wir uns identifizieren - Liberaler Individualismus - an die Spitze gestellt wird, entschuldigt das nichts.

  • Ich glaube man darf diese Entwicklungstheorie nicht mit Klassentheorien verwechseln.


    Gleicher Artikel:

    Zitat

    "Forscher wie Binder betonen, dass keine Ich-Stufe besser oder schlechter ist. [...] Gemeinschaftsorientierte E4-Menschen etwa genießen das Leben in Gruppen und setzen sich in Firmen für ein positives Betriebsklima ein. Menschen auf Stufe E7 können ihre Umwelt mit kreativen Ideen bereichern.

    Nichtsdestotrotz scheint es in Gesellschaften ein Ideal zu geben: eine bestimmte Ich-Stufe, die als besonders erstrebenswert gilt.

    In den derzeitigen westlichen Gesellschaften ist das E6. Menschen dieser Stufe streben danach, ihre Lebensziele zu verwirklichen. Die US-Psychologin Susanne Cook-Greuter beschreibt E6 als Macher, die "mit voller Kraft in die Zukunft marschieren" und die aufgrund ihrer Zielstrebigkeit "oft über Zeitnot klagen".

    Jemand der im Sinne einer Klassentheorie als "Elite" gelten würde, kann in seiner Persönlichkeitsentwicklung durchaus "E3" also in erster Linie selbstbezogen sein. Dass es nach dieser Theorie eine politische "Elite" auf einer höheren (Persönlichkeits-)Entwicklungsstufe geben sollte, ergibt sich glaube ich eher daraus, dass diese die Bedürfnisse der Mehrheitsgesellschaft besser überblicken kann.

    Also diese Entwicklungsstufen sind erstmal eher psychologisch-spirituell definiert - und nicht so sehr politisch.

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    OM BENDZA KILI KILAYA HUNG

  • Hier ist etwas in der Richtung, das stärker spirituell-esoterisch ausgeprägt ist.


    Wertesysteme als Grundbausteine von Spiral Dynamics


    Zitat

    "In seiner langjährigen Forschungsarbeit arbeitete Clare Graves heraus, dass diese Wertesysteme die Veränderungen des menschlichen Lebensraums von ganz kleinen Gruppen hin zu globalen Kontexten abbilden. Mit jeder neuen Entwicklungsstufe, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte gebildet hat, hat sich auch der Blickwinkel erweitert, mit dem Menschen die Welt und das Geschehen in ihr ansehen. So nimmt die Fähigkeit zu komplexem Denken in dem Maße zu, in dem der einzelne Mensch sich immer weiter neue vMeme-Stufen kognitiv und emotional aneignet." ... "Alle vMemes brauchten und brauchen eine längere Zeit, bevor sie sich in ihrer Fülle zeigen und in dem Leben vieler Menschen Raum bekommen. Darum sprechen wir auch davon, dass vMemes sich wie Wellen entwickeln, eine zeitlang nur in kleinen Gruppen wahrnehmbar sind, anschwellen zu einer kraftvollen Welle und dann auch wieder an Kraft und Präsenz verlieren, abebben und einem neuen vMeme Platz machen. Diese ist einer der Gründe, warum mehrere vMemes immer gleichzeitig nebeneinander existieren."

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  • Ich glaube man darf diese Entwicklungstheorie nicht mit Klassentheorien verwechseln.

    ....

    Also diese Entwicklungsstufen sind erstmal eher psychologisch-spirituell definiert - und nicht so sehr politisch.

    Das ist mir schon bewusst. Sich entwickeln und entfalten zu dürfen war immer ein Privileg, das mit Machtstrukturen verbunden war. In früheren Zeiten war es so, dass nur die Privilegierten lesen und Schreiben lernten während die meisten aus ökonomischen und politischen Gründen in ihrer Entwicklung gehemmt und auf ein Leben als Bauer reduziert wurden, in dem sie in einer kurzfristigen Überlebenslogik gefangen waren. Während eine Elite in ihrer Entwicklung nicht beschnitten, reflektieren durften. Die geistige, psychologische Freiheit war also das Abbild ihrer gesellschaftlichen Nische. Indem man das von hinten aufzäumt ist es eine Möglichkeit soziale Machtverhältnisse zu psychologisieren.

  • vMeme?

    Spiral Dynamics | Don Beck | Chris Cowan | vMeme | Graves

    Zitat:

    ….Diese vMeme-Ebenen sind auf unterschiedliche Bedingungen der Existenz ausgerichtet; sie schließen nahezu alle Weltanschauungen, Kulturen und geistigen Strömungen bis in die Gegenwart mit ein. Neue Systeme sind durch Anpassung vorangegangener Ebenen entstanden und entwickeln sich dahingehend, Probleme, die durch die Individuen auf der vorangegangenen Ebene geschaffen wurden, zu lösen....

  • Ein interessantes Thema.:rose:


    So habe ich das Buch von G.Le Bon (1982) früher mal gelesen und kann es sehr empfehlen.

    Le Bon von 1841-1931 vertritt hier eine ganz eigene Auffassung.


    So ist Le Bon der Meinung das Einzelne in einer Hochkultur , in der Masse,

    ihre Kritikfähigkeit verlieren und sich affektiv verhalten werden...


    (Buch: G.Le Bon " Psychologie der Massen")_()_

  • Void, hast du den Artikel gelesen oder assoziierst du gerade?


    Ich hab nicht nur den Artikel gelesen sondern auch das darin verlinkte pdf:


    Mitte der 60er-Jahre haben Psychologenii erstmals postuliert, dass die Individuation der Menschen durch eine immer neue Aushandlung der Balance zwischen Differenzierung und Integration geschieht. Angyal nannte es den inhärenten doppelten Trend in Richtung Autonomie

    und Homonomie. Er definiert Homonomie wie folgt: „Homonomie ist der Wunsch nach Harmonie mit einem Verband, der über das eigene Selbst hinausreicht. Dieses ... Ganze [der Verband] mag dargestellt werden ....von einer sozialen Einheit – Familie, Klan, Nation – einer Ideologie, oder ... von einem mit Bedeutung versehenem Universum.“ (1965, S. 15). Wir kennen dieses doppelte Bedürfnis besser unter anderen Namen wie Differenzierung und Integration; Absonderung und Teilnahme; Eigenständigkeit und Beziehung; Unabhängigkeit und Verbundenheit; Anteilnahme und Gerechtigkeit.


    Die in der Grafik mit einem Schrägstrich gekennzeichneten Stufen sind Differenzierungsstufen. Es handelt sich um die Stufen: "Selbst-schützend", "Selbst-bewusst", "Individualistisch" und "Konstrukt-bewusst". Jedes Mal, wenn jemand aus einem Weltbild heraustritt, mit dem er identifiziert war, ist er geneigt sich auf die nun hervortretenden Unterschiede gegenüber dieser alten Sichtweise zu konzentrieren. Er integriert die neu gewonnene Unabhängigkeit, aber benennt auch das Unbehagen, welches aus dem Verlust der zurückgelassenen Beziehungen resultiert. Menschen auf den Entwicklungsstufen mit einer Ziffer ohne Schrägstrich (Konformistisch, Selbst-bewusst, Autonom und Integriert) sind im Allgemeinen ausgeglichener, da sie in Übereinstimmung mit einer neuen Gemeinschaft sind, mit welcher sie sich in einer Art und Weise verbinden, die ihren momentanen kognitiven und emotionalen Bedürfnissen und ihren Bedürfnissen nach Austausch entsprechen. Die Entwicklung geht dabei von einer Identifikation mit anderen, welche äußerlich ähnlich sind in Stufe 3 (Konformistisch), zu einer Identifikation mit Gleichgesinnten auf Stufe 4 (Selbst-bewusst) zu einer Identifikation mit übereinstimmenden Prinzipien auf Stufe 5 und zu einer Identifikation mit gleichem Geist auf Stufe 6 (Integriert), von der aus der strahlende Seinsgrund in allen Menschen wahrgenommen wird.


    Ich interretiere das so, dass die genannte Stufen selber sind zwar psychologische Stufen, aber der Kontext in dem sie auftreten ist der der "Anpassung" an einen gesellschaftlcihen Wandel , in dem eben Kollektive wie Klan und Familie und Verband eine immer geringere Rolle spielen.

    Während es natürlich auch vor 500 Jahren sehr individualistische Leute gab, waren die Nischen in denen es Individualisten geben viel kleiner und die Bereiche in denen man nur bestehen konnte wenn man sich radikal unterordnen musste viel größer. Erst durch den Wandel der Gesellschaft von einer Agrar- zur Industriegesellschaft und von da aus zu einer postindustriellen Dientleisitungsgesellschaft - durch den Wandel von eng eingebundenen landbevölkerung zum individualistischen Städter gab es größere Nischen für neue Ich-Entwicklungen.


    Auch wenn das hier aufscheint, dass die Stufen mit der Integration in neue Verhältnisse zu tun hat, ist das im Folgenden nur noch implizit angesprochen. Das Psychologische verdeckt das ihm zugrunde liegende Soziale und Politische. Und eben auch die damit verbundenen Herrschaft- und Machverhältnisse.


    Und das bis zu einem Punkt, wo es als harmlos gelten kann- Menschen auf unterschiedliche Entwicklungsstufen zu stellen.

  • vMeme?

    Link lesen, der Text ist ja von da. "Meme" sind generell Vorstellungsmuster, die sich von Menschen auf Menschen auf verschiedene Weise übertragen können, im persönlichen Kontakt, durch Erziehung, Vorleben, Medien usw. (Die Memes in den Sozialen Medien heissen an Anlehnung daran so, weil sie ach Gedanken und Emotionen teilen und diese dann viral verbreitet werden)

    "Respekt ist unsere Aufgabe und nicht ne falsche Maske, die ich aufhabe" (Fanta 4)
    OM BENDZA KILI KILAYA HUNG

  • Diese Stufen (Spirial Dynamics) haben ja sehr viel mit der Macht zu tun, die der Menschen über die Natur gewonnen hat - sie korrelieren mit Zivilisationsstufen:

    • Zuerst in der Mensch der Natur hilflos ausgelifert und hat ein animistisches Weltbild (Beige).
    • Dann werden Landwirtschaft und Besitz wichtiger und Könige und Götter erscheinen (Purpur und Rot).
    • Schliesslich entstehen Reiche und ein Denken in Gesetzten und Wahrheiten werden wichtig (Blau)
    • In der Neuzeit wird das wissenschaftlcihe Denken wichtig (Orange)
    • Und schließliche seit der Französischen Revolution die Gestaltbarkeit der Gesellschaft (Grün)


    Indem der Mensch nicht mehr der Natur untertan ist und auch nicht mehr seiner eigenen Hierarchie, wird er freier. Er rennt nicht mehr an die Grenze des Ökosystems and und ist nicht mehr Bauer und Krieger sondern lebt als Wohlstandsmade im Zivilisationsspeck, wo er seine Potentiale entfalten und seinen Steckpferden frönen kann und auch viel friedlicher und harmonischer sein. Er führt ein Leben, wie es in vergangenen Zeiten nur Prinzen (wie Shakyamuni) vergönnt war. Diese Entwicklung der Macht über die Natur ist insofern mit einer geistigen Entwicklung verbunden, weil die Verfallenheit an die Materie immer kleiner wird und man immer mehr Möglichkeiten hat, seine Träume zu leben und seine Projekte zu verwirklichen. Wobei diese Aufwärtsspirale aus der Perspektive der Natur ja eine Abwärtsspirale in die Versklavung darstellte, wo ihre Freiheitsgrade rapide beschnitten wurden. Von der Mehrzahl der Spezies kassierst du da kein Like.


    Es hört sich ja gut an: Wir post-post-postmodernen Westler sind die Speerspitze der Entwicklung und von daher ist es uns vergönnt auf die Niedrigstehenden herabzuschauen. Auf die Monotheisten, die noch immer an ihren Buchwahrheiten hängen, auf die Animisten mit ihren Fetischen, auf die Anhänger von reaktionären Strömungen. Es sind nicht nur die Tiere und Pflanzen, denen gegenüber wir als Krone der Schöpfung gegnübertreten können sondern auch unter den Menschen sind wir diejenigen die sich weit über alle anderen erhoben haben.


    Mir kommt es so vor, als würden die Denkweisen die sich mit der zivilisatorischen Höherentwicklung des Menschen einstellten, und die mit einem Wachstum an Freheit verbunden waren- mit spiritueller Höherentwicklung gleichgesetzt. Aber ist die These haltbar? Buddha entsagte ja seinem Luxusleben und setzte sich Regen und Hitze aus. Statt dass aus dem Zelt eine Hütte und aus dem Holzhaus ein Steinhaus wird, führt sein Weg von all diesen Behausungen in die Hauslosigkeit. Statt in die Wolken abzudriften suchte er die Bodenhaftung.

  • Ich finde die Entwicklungsspiralen schon nachvollziehbar. Ich denke, dass da die psychologische Ebene im Vordergrund steht, und man nachträglich auch zivilisatorische Entwicklungsstufen damit in Verbindung gebracht hat. Auch haben diese Entwicklungstheorien oft Überschneidungen mit den kindlichen Entwicklungsstufen bis zum Erwachsenwerden. Man könnte im Rahmen eines holistischen Weltbildes schon sagen, dass auch die Menschheit als Ganzes solche Entwicklungen durchläuft. Ich würde allerdings die äußere zivilisatorische Entwicklung nicht damit in der massiven Weise gleichsetzen, wie Du es darstellst. Auch hier: es kann jemand in einer dicken Stahl und Betonvilla mit Smarthome-Features sitzen und total egoistisch und angstgesteuert sein. Das wäre in der Persönlichkeitsentwicklung keine "hohe" Stufe.


    Wenn man so ein Stufenmodell, oder Spiralenmodell, auf den Buddhismus übertragen würde, dann gibt es da auch Entwicklungsstufen. Man würde sicherlich - in einigen Traditionen - auch sagen: der, der möglichst wenig egoistisch ist, ist der vorzuziehende Herrscher oder geeignet für eine Regierung. Stufen der Entwicklung gibt es da generell doch in allen buddhistischen Traditionen und jemandem, der dabei weit gekommen ist wird auch immer eine gewisser Respekt entgegengebracht.

    Auch die Idee, dass wenn eine kritische Masse einer Gesellschaft sich in der Form als einzelne Personen weiterentwickelt hat, dass diese Gesellschaft dann einen Entwicklungssprung macht, ist nicht fremd.

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  • Zitat

    Ich finde die Entwicklungsspiralen schon nachvollziehbar. Ich denke, dass da die psychologische Ebene im Vordergrund steht, und man nachträglich auch zivilisatorische Entwicklungsstufen damit in Verbindung gebracht hat


    In Jeder Gesellschaft versucht die Kinder zu Erwachsenen zu erziehen, die dem Ideal dieser Gesellschaft entsprechen. So wie man früher sagte, dass die Embryo die Evolution des Tieres im Schnelldruchlauf nachholen („Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese“) so muss das Kind ja zivilsatorisch auf den Stand eines "reifen individuums" gebracht werden.


    Und weil es ein "reifes Individuum" ist, verköpert es alle Eigenschaften, die die jeweilige Gesellschaft schätzt. Eine martialische Kriegergesellschaft würde den Weg vom verweichlichten Muttersöhnchen hin zum gestählten Krieger sehen. Und so wie bei uns der Raufbold - der in einer Kriegergesellschaft gut zurück käme- Ärger bekommt, bekäme es dort vielleicht der sensible Träumer. Und auch dort würde eine Stufenfolge intuitiv sehr nachvollziehbar wirken. Es käme dem alten Krieger - der das Ideal der Gesellschaft vollendet repräsentiert - nicht seltsam vor, sich selber als Endpunkt einer Entwicklung zu einem höheren Selbst zu sehen. Während es den Jüngling noch mitnimmt, einen Gegner zu töten, ist ihm selber das in Fleisch und Blut übergegangen.


    Und das ist ja bei uns das aufgklärte, rationale Individuum das Idealbild der Gesellschaft. Wie können wir feststellen, ob es sich wirklich um objektive, universelle Stufen handelt oder ob es uns wie dem "alten Krieger" geht und uns unsere eigenen Werte und Ideale so intuitiv richtig erscheinen, dass wir sie für universell halten?


    In der Studie The weirdest people in the world problematisieren Hinricht et al, dass ganz viele Studie die für sich in Anspruch nahmen, allegmeinmenschlcihe Aussagen zu machen, in Wirklichkeit nur Amerikaner als Testpersonen hatten und von diesen wiederum ein erschreckender Anteil nur amerikanische Psychologiestudenten. Eine winzige Minderheit testete sich selbst und erklärte die draus gewonnene Erkentnisse für universell. Und die Leser, die aus der selben Schicht in dem gleichen Land stammen, finden das enorm logisch.

  • Das, was Du daraus liest, ist für mich eine komplett andere Achse. Aber es stimmt schon: die Skalen sind nur annehmbar, wenn man eine progressive Haltung hat und viele konservative Werte wie z.B. heteronormative Werte für rückständig hält. Für mich ist es z.B. selbstverständlich, dass es besser ist, wenn jeder sich individuell verwirklichen kann, solange man niemand anders schadet.

    "Respekt ist unsere Aufgabe und nicht ne falsche Maske, die ich aufhabe" (Fanta 4)
    OM BENDZA KILI KILAYA HUNG

  • Das, was Du daraus liest, ist für mich eine komplett andere Achse. Aber es stimmt schon: die Skalen sind nur annehmbar, wenn man eine progressive Haltung hat und viele konservative Werte wie z.B. heteronormative Werte für rückständig hält. Für mich ist es z.B. selbstverständlich, dass es besser ist, wenn jeder sich individuell verwirklichen kann, solange man niemand anders schadet.

    Ich denke man kann druchaus sagen, dass derjenige der den anderen so achtet wie sich selbst wirklich auf einer höheren Ebene ist, als der der egoistisch handelt. Und ich schätze es ist auch bei Gesellschaften so, dass Kooperation besser als Konkurrenz ist. Ich glaube auch das bestimmte Gesellschaftsordnungen besser sind als andere und die Leute glücklicher machen. All das möchte ich nciht bestreiten und auch Ich möchte nicht in einem starren und ungerechten System leben.


    Aber ich sehe die Parallel- oder Gleichsetzung von zivilisatorischen und spirituellen oder ethischen Fortschritt problematisch und bei Stufenleitern bin ich total abergläubisch. Egal ob, "Stufenleiter der Gesellschaft" oder "Stufenleiter der Natur" oder "Stufenleiter der Kultur" das ist da fast immer so, dass die Komplexität der Schönheit geopfert wurde und jemand gnadenlos vereinfacht hat.


    Die Wirklichkeit ist doch fast immer wirr und vielschichtig und sperrt sich Skalen: Eine primitive Gesellschaft kann sehr egalitär sein und Freheiten einräumen, wo dann ein einfaches Königtum wieder ungerecht sein kann. Bei den zivilisierten Römern paarte sich eine sehr fortgeschrittene "hochzivilisierte" Gesellschaft innerhalb einer kleinen Schicht der Freien mit dem schreienden Unrecht der Sklaverei. Seneca konnte gleichzeitig ein äußert zvilisierter Tugenbold sein und davon leben, dass sich Sklaven tot schufteten. Vilelleicht hätte er sich auch über ein Stufenmodell gefreut, in dem er selbst - der frei herumreflektieren konnte - hoch über den Sklaven stand der nur dump Überlebensinteressen im Kopf hatte. Auch das großartige Rechtssystem bewahrte nicht, dass Menschen zur Ware wurden. Völker - die man eher auf Stammesniveau sehen würde - die Iroksenföderation - hatten eine demokratische Gesellschaftsordnung. Und die Azteken hatten nicht nur blutige Menschenopfer sondern auch gute Philosophen und Dichter, die diese poetisch reflektierten:


    No one comes on this earth to stay
    Our bodies are like rose trees -
    They grow petals then wither and die.
    But our hearts are like grass in the springtime,
    They live on and forever grow green again.

  • Aber ich sehe die Parallel- oder Gleichsetzung von zivilisatorischen und spirituellen oder ethischen Fortschritt problematisch und bei Stufenleitern bin ich total abergläubisch. Egal ob, "Stufenleiter der Gesellschaft" oder "Stufenleiter der Natur" oder "Stufenleiter der Kultur" das ist da fast immer so, dass die Komplexität der Schönheit geopfert wurde und jemand gnadenlos vereinfacht hat.

    Die Vereinfachung ist ja das Ziel von Modellen und Grafiken. In den Geisteswissenschaften "Reduktion von Komplexität" genannt. Dort ist immer bewusst, dass eine Vereinfachung oder ein Modell nicht die gesamte Wahrheit erfassen oder darstellen kann. Es wird ein Teilbereich herausgenommen und dieser möglichst anschaulich gemacht. Wenn man dann die Grundlagen verstanden hat, kann man leichter die damit zusammenhängende Komplexität erfassen.


    Das erst Buch, das ich von Ken Wilber gelesen habe, bezog sich darauf wie wir mit dem wissenschaftlichen Geist die Dinge eigentlich zerlegen und kaputt machen. Wer erfasst das Wesen der Rose? Der, der sie auseinander nimmt, unter das Mikroskop legt, jede Zelle erfasst und deren Funktion - oder der, der davor sitzt und ihren Duft und ihre Schönheit erfasst? Letztlich beide, aber dort klang es schon eher wie eine Kritik am Zerlegen.

    Später kennt man dann von Wilber das Quadranten-Modell, oder er bezieht sich auf Spiral Dynamics. So kommt man vom einfachen, direkten Zauber der Dinge zu einer modellhaften Vereinfachung von Strukturen. Beides hat m.E. seine Berechtigung...


    Das was Du beschreibst würde ich als Missbrauch solcher Modelle und Darstellungen bezeichnen. Da wird etwas daraus oder damit gemacht, was von den Erstellern des Modells oder der Theorie nicht beabsichtigt ist. Ein bischen wie wenn ein Wissenschaftler eine neue saubere Energiequelle erschafft, und dann hat das Militär nichts besseres zu tun, als diese erstmal auf ihre Waffentauglichkeit zu testen.

    "Respekt ist unsere Aufgabe und nicht ne falsche Maske, die ich aufhabe" (Fanta 4)
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  • Das liest sich für mich wie so eine Gehaltstabelle ...Lohngruppe xy muss das und jenes können und zu soundso viel % selbstständige arbeiten ausführen..nur die Euros dahinter fehlen. Wobei meinen Chef sehe ich da allerhöchstens bei E3.....passt also auch nicht....sollte es aber...

  • Das liest sich für mich wie so eine Gehaltstabelle ...Lohngruppe xy muss das und jenes können und zu soundso viel % selbstständige arbeiten ausführen..nur die Euros dahinter fehlen. Wobei meinen Chef sehe ich da allerhöchstens bei E3.....passt also auch nicht....sollte es aber...

    Genau das kann man eben nicht so übertragen. Gerade wer meint, "Chef" sein zu müssen, kann sehr egobezogen sein, während die Reinigungskraft vielleicht mit einer ganzheitlichen Einstellung unterwegs ist. usw.

    "Respekt ist unsere Aufgabe und nicht ne falsche Maske, die ich aufhabe" (Fanta 4)
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  • Ich habe nochmal nachgeschaut, von was Loevinger ausgeht, und was sich da genau entwickelt.

    Loevinger conceived of an ego development system that would closely resemble moral development but be both broader in scope and utilize empirical methods of study. Loevinger started by creating an objective test of mothers' attitudes to problems in family life, which she called the Family Problems Scale. This first test did not yield the expected results, but Loevinger noted a strong similarity between authoritarian family ideology and the concept of authoritarian personality being developed at UC Berkeley in the early 1960s. Loevinger noticed that the women who scored at the most extreme ends of the authoritarian scale also tended to be the most immature. These women would tend to agree with such statements as "[a] mother should be her daughter's best friend" while at the same time endorsing punitive behavior. Additionally, Loevinger observed that a liberal, non-authoritarian personality was not the opposite of a high authoritarian personality. Rather, anomie, a disorganized and detached social style was the opposite of the high authoritarian, evidencing a curvilinear relationship.


    Loevinger theorized that this was because the Authoritarian Family Ideology' scale was not measuring just authoritarianism but some broader concept which weighed heavily upon all the other constructs she measured. By combining this theoretical framework with Sullivan and Grant's interpersonal maturity continuum, she created the concept of ego development. From this new concept, Loevinger then developed the Washington University Sentence Completion Test, which remains the primary method of determining ego development on Loevinger's scale.

    Die Grundsituation die sie sich hinter ihrer Entwicklung vorstellt ist also so eine Erziehungsituation. Wo die Mutter gegenüber der Tochter implusiv sein kann, oder es starre Regeln gibt , wo die Tochter brav ist oder eben dann später ein vernünftiger Erwachsener, mit dem man rational verhandeln kann und der sich selber refektiert.


    Ich frage mich, inwieweit das denn ein allegmeingültiger Weg vom mehr Egoismus zu mehr Kooperation ist. Oder ist es unsere kulturelle Prägung und andere Länder haben andere Formen der Kinderziehung, die genauso von Egoismus zu Kooperation gehen? Nur eben in anderen Form?

    Die Idee des autonomen individuums hat ja sehr stark mit dem Protestantismus zu tun, wo ja die Idee stark ist, dass man vor allem Gott bzw. dem eigenen Gewissen verantwortlich ist.