Die atomaren Bausteine unserer Körper - eine naturwissenschaftliche Perspektive aufs Intersein

9 Antworten. Letzter Beitrag () ist von Ellviral.

  • Mein Körper besteht nach dem aktuellen Kenntnisstand der Forschung zu ca. 99% aus Wasserstoff-, Sauerstoff- und Kohlenstoff-Atomen. Auf die anderen 38 in meinem Körper verbauten Elemente (u.a. Stickstoff, Kalzium, Phosphor, Schwefel, Natrium, Kalium und Chlor) entfallen gerade einmal 1% (1). Würde man alle Atome meines Körpers zusammenzählen, käme man bei meinem Gewicht von 70 kg auf die Anzahl von


    7.000.000.000.000.000.000.000.000.000 Atomen (anders ausgedrückt 7*1027).


    Bevor ich mich jedoch voller Stolz an meinen 7*1027 Atomen erfreue, muss ich eines bedenken: Bereits 1953 fanden Forscher heraus, dass die atomaren Bausteine von uns Menschen permanent ausgetauscht werden.


    Je nach Studie werden die meisten Atome unseres menschlichen Körpers alle 5-7 Jahre ersetzt. Bereits nach einem Jahr werden 98% aller Atome ausgewechselt. Der Austausch geht dabei unterschiedlich schnell vonstatten (2):


    -       das im Körper gespeicherte Wasser wird alle 16 Tage ausgetauscht (wir bestehen immerhin zu ca. 72% aus Wasser)

    -       die Atome der Haut alle 4 Wochen

    -       die Atome der Leber alle 6 Wochen

    -       Kalzium und Phosphor in den Knochen in der Regel alle 8-11 Monate (durch Kristallwachstums- und Äuflösungsprozesse)


    Auf meinen Körper übertragen bedeutet dies, dass 50 kg meines Gewichts vor 3 Wochen noch nicht Bestandteil meines Körpers waren und nur sehr wenige meiner 7*1027Atome vor 10 Jahren schon zu mir gehörten.


    Wenn man sich das einmal plastisch vorstellen möchte, kann man sich gerne näher betrachten: vor drei Wochen waren lediglich die Masse von meinem Kopf und dem rechten Bein Bestandteil meines Körpers. Vor einem Jahr gehörte lediglich die Masse meiner beiden Hände zu mir, der Rest ist neu (3). Was damals noch mir war, ist jetzt anderswo verbaut.


    Wenn es in mir eine Konstanz gibt, ist diese nicht materiell. Wer sich mit seinem Körper identifiziert, wird hier deshalb leicht auf das bereits von antiken Philosophen diskutierte Theseus-Paradoxon (4) stoßen, in wieweit mein heutiges Ich trotz ausgetauschter Bausteine noch das von vor 10 Jahren ist.


    Auf jeden Fall passt dieser Wandel kaum zur weit verbreiteten Vorstellung eines statischen menschlichen Körpers, dessen Bestandteile erst nach dem Tod den Besitzer wechseln.Der Körper ähnelt vielmehr einem Strom oder einem Feuer durch welches ohne Unterlass Materie fließt und umgewandelt wird. „Ununterbrochen kleiden wir unsere Persönlichkeit in neues Fleisch“ (5).


    Rummelplatz der Atome


    Wenn ich mir den Fluss meiner Bausteine betrachte, verschwimmen außerdem die Grenzen zwischen mir und anderen.


    Wenn ich bspw. atme, wird Sauerstoff und Glukose zu Energie und Wasser umgewandelt. Das Wasser wird auch über die Atemluft ausgeschieden, immerhin 400g Wasser pro Tag, was bei 20.000 Atemzügen ca. 0,02 g Wasser je Atemzug entspricht (6). 0,02g Wasser entsprechen 0,000028% meines Körpers, was grob 2.000.000.000.000.000.000.000 Atomen (2*1021) bzw. 670.000.000.000.000.000.000 Wassermolekülen (6,7*1020) entspricht. Damit atme ich eine unvorstellbare Menge meiner Atome mit jedem Atemzug aus.


    Ein plastischeres Rechen-Beispiel: Auf meinem 10-minütigem Weg zum Bäcker atme ich ca. 150 mal ein und aus. Damit gebe ich ca.


    100.000.000.000.000.000.000.000 Wassermoleküle (1023)


    aus meinem Körper in die Umgebung ab. Ein Großteil hiervon wird vermutlich vom Winde verweht und über den Wasserkreislauf weithin verteilt. Mit einem anderen Teil dürfte auf meinem Weg zum Bäcker durch belebte Straßen noch etwas viel Interessanteres passieren:


    Wenn von 1 Million ausgeatmeten Wassermolekülen nur ein einziges Molekül von einem Mitmenschen eingeatmet wird und von 1 Million eingeatmeten Wasser-Molekülen nur ein einziges bei einem anderen Lebewesen durch Resorption der Schleimhäute in Lunge und Rachenraum aufgenommen wird, würden allein auf meinem kurzen Weg zum Bäcker ca. 100 Milliarden Moleküle (100.000.000.000) den Besitzer wechseln. Wenn die Annahme auch nur grob zutrifft, würden in nur 10 Minuten mehr Bausteine zwischen uns ausgetauscht als es Menschen auf dem Planeten gibt. In einem Raum mit vielen Menschen wie im Bäckerladen oder innerhalb einer Meditationshalle findet ein noch viel größerer Austausch statt.


    Unzählige Wassermoleküle die vor meinem Einkauf noch Bestandteil meines Körpers waren, sind nun in anderen Lebewesen verbaut. Natürlich auch umgekehrt. Mit jedem Atemzug verbauen wir eine unvorstellbare große Zahl an Atomen in unseren Körper, die kurz zuvor noch in anderen Menschen, Tieren und Pflanzen waren. Und die Atmung ist nicht der größte Austauschprozess im Körper. So gesehen würde es mich nicht wundern, wenn jeder Mensch zu jeder Zeit Bausteine von den meisten Tier- und Pflanzenarten des Planeten – egal ob ausgestorben oder nicht – in sich tragen würde.


    Wenn ich bedenke, dass meine 50 kg Wasser in den letzten 39 Jahren bereits über 900 mal komplett ausgetauscht wurden und ich damit allein hierdurch 45,6 Tonnen Materie in die Umwelt abgegeben habe (die sich mittlerweile großflächig verteilt haben dürften – man denke nur daran, wie sich radioaktive Elemente nach Tschernobyl oder Fukushima weltweit ausgebreitet haben), frage ich mich, ob es hier überhaupt einen Forenteilnehmer geben kann, der keine ehemaligen Bausteine von mir in sich trägt und umgekehrt.


    Mit ziemlicher Sicherheit nicht: Unsere gesamte Erdatmosphäre besteht aus 3*1022 ca. Litern Luft (9). Bedenkt man, dass allein meine in den letzten Jahrzehnten in die Umwelt abgegeben 45,6 Tonnen Wasser 4,6*1030Atome enthielten und stellen wir uns aus Gründen der Vereinfachung einmal vor, dass sich die Hälfte dieser Atome gleichmäßig innerhalb der Atmosphäre verteilt haben (die andere Hälfte könnte in den Weltmeeren oder Erdreich gelandet sein), würde jeder einzelne Liter Luft auf unserem Erdball 75 Millionen ehemalige Atome von mir enthalten. Ein Liter entspricht etwa einem Atemzug.


    Mir gefällt der Gedanke, dass ich mit jedem Atemzug viele Millionen Atome einatme und in meinem Körper verbaue, die bereits Buddha selbst gehörten. Was könnte einen Atemzug heiliger machen?*




    Zum Nachschlagen und weiterlesen


    (1)  ch03_1.php

    (2)  Brian Roemmele's answer to How long does it take for most of the atoms in your body to be replaced by others? - Quora(nach Bhardwaj 2006; Spalding 2005, Bergmann 2009, Spalding 2005 verbleiben vermutlich einige Atome der Neuronen im Neokortex, z.T. auch Herzmuskelzellen und Zahnschmelz-Atome über die Lebensspanne im Körper)

    (3)  ArsMartialis.com - Kampfkunst und Wissenschaft

    (4)  https://de.wikipedia.org/wiki/schiff_des_theseus

    (5)  Der Fluss des Lebens - Wissen - Tagesspiegel

    (6)  Mini: How much water do we produce when we breathe? – Recreational Engineer

    (7)  Aus wie vielen Atomen besteht ein Wassertropfen?

    (8)  Atemfrequenz – Wikipedia

    (9)  Further physics - The last breath of Caesar

    *) das gilt natürlich auf für Jesus, Sokrates oder den eigenen Nachbarn

    Schüler fragt Zen-Meister, was den Meister von ihm unterscheidet. Zen-Meister entgegnet: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich." Schüler erwidert: „Aber das mache ich doch auch.“ Zen-Meister: “Wenn Du gehst, denkst Du ans Essen und wenn Du isst, dann denkst Du ans Schlafen. Wenn Du schlafen sollst, denkst Du an alles Mögliche. Das unterscheidet uns.“ :)

  • In Thich Nhat Hanhs poetischen Worten:



    Bitte nenne mich bei meinem wahren Namen


    Sage nicht, daß ich morgen fortgehe –

    denn ich komme doch heute gerade erst an.


    Betrachte es ganz tief: Jede Sekunde komme ich an –

    sei es als Knospe an einem Frühlingszweig

    oder als winziger Vogel mit noch zarten Flügeln,

    der im neuen Nest erst singen lernt;

    ich komme als Raupe im Herzen der Blume

    oder als ein Juwel, verborgen im Stein.


    Ich komme stets gerade erst an, um zu lachen und zu weinen,

    mich zu fürchten und zu hoffen.

    Der Schlag meines Herzens ist Geburt und Tod

    von allem, was lebt.


    Ich bin die Eintagsfliege, die an der Wasseroberfläche

    des Flusses schlüpft.

    Und ich bin auch der Vogel,

    der herabstürzt, um sie zu schnappen.


    Ich bin der Frosch, der vergnüglich

    im klaren Wasser eines Teiches schwimmt.

    Und ich bin die Ringelnatter, die in der Stille

    den Frosch verspeist.


    Ich bin das Kind aus Uganda, nur Haut und Knochen,

    mit Beinchen so dünn wie Bambusstöcke;

    und ich bin der Waffenhändler,

    der todbringende Waffen

    nach Uganda verkauft.


    Ich bin das zwölfjährige Mädchen,

    Flüchtling in einem kleinen Boot,

    das von Piraten vergewaltigt wurde

    und nur noch den Tod im Ozean sucht;

    und ich bin auch der Pirat –

    mein Herz ist noch nicht fähig, zu erkennen und zu lieben.


    Ich bin ein Mitglied des Politbüros

    mit reichlich Macht in meinen Händen;

    und ich bin der Mann, der seine „Blutschuld“

    an sein Volk zu zahlen hat

    und langsam in einem Arbeitslager stirbt.


    Meine Freude ist wie der Frühling, so warm,

    daß sie Blumen auf der ganzen Erde erblühen läßt.

    Mein Schmerz ist wie ein Tränenstrom, so mächtig,

    daß er alle vier Meere auffüllt.


    Bitte nenne mich bei meinem wahren Namen,

    damit ich all mein Weinen und Lachen

    zugleich hören kann,

    damit ich sehe,

    daß meine Freude und mein Schmerz eins sind.


    Bitte nenne mich bei meinem wahren Namen,

    damit ich erwache,

    damit das Tor meines Herzens

    von nun an offensteht –

    das Tor des Mitgefühls.

    Schüler fragt Zen-Meister, was den Meister von ihm unterscheidet. Zen-Meister entgegnet: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich." Schüler erwidert: „Aber das mache ich doch auch.“ Zen-Meister: “Wenn Du gehst, denkst Du ans Essen und wenn Du isst, dann denkst Du ans Schlafen. Wenn Du schlafen sollst, denkst Du an alles Mögliche. Das unterscheidet uns.“ :)

  • void

    Hat das Thema freigeschaltet
  • Ja, wenn man sich solche Dimensionen ansieht, bekommt man unweigerlich ein wenig Demut. Auch wenn man bedenkt, dass alle schweren Elemente in unserem Körper aus Supernovae stammen. Gold wird meines Wissens überhaupt nur in einer Supernova produziert. Ein Goldkettchen ist also der Rest eines explodierten Sterns. Ganz allgemein ist unser Universum ein recht schräger Ort. Sich selbst da wichtig nehmen wirkt etwas deplatziert.

  • Von mir auch ein Juhu : o ) auf das Leben, die Natur, die Evolution usw.


    trebroN

    Aus welchem Grunde war es Dir wichtig, dass Du Dein „Juhu“ mit dem Begriff „Intersein“ verbunden hast?


    Meines Wissens nach ist der Begriff „Intersein“ von TNH etabliert worden und eine neuzeitliche Wortschöpfung.

  • Ja, wenn man sich solche Dimensionen ansieht, bekommt man unweigerlich ein wenig Demut. Auch wenn man bedenkt, dass alle schweren Elemente in unserem Körper aus Supernovae stammen. Gold wird meines Wissens überhaupt nur in einer Supernova produziert. Ein Goldkettchen ist also der Rest eines explodierten Sterns. Ganz allgemein ist unser Universum ein recht schräger Ort. Sich selbst da wichtig nehmen wirkt etwas deplatziert.

    und doch ohne mein wichtig sein gibt es kein Universum das betrachtet und als schräg bezeichnet werden kann. Ich bin ein Photon, zu winzig aber da.

  • Aus welchem Grunde war es Dir wichtig, dass Du Dein „Juhu“ mit dem Begriff „Intersein“ verbunden hast?

    Mir hat die Überlegung, dass wir alle unsere körperlichen Bausteine permanent unter einander austauschen und unsere materielle Hülle ständig auswechseln, geholfen, die Verbundenheit von allen besser zu verstehen und die Vorstellung eines statischen, festen oder zu wichtigen Ichs etwas mehr zu hinterfragen. Mir gefällt außerdem, dass man beide Themen mit einer eher naturwissenschaftlichen Argumentation auch weniger spirituell veranlagten Menschen etwas zugänglicher machen kann.

    Schüler fragt Zen-Meister, was den Meister von ihm unterscheidet. Zen-Meister entgegnet: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich." Schüler erwidert: „Aber das mache ich doch auch.“ Zen-Meister: “Wenn Du gehst, denkst Du ans Essen und wenn Du isst, dann denkst Du ans Schlafen. Wenn Du schlafen sollst, denkst Du an alles Mögliche. Das unterscheidet uns.“ :)

  • Aus welchem Grunde war es Dir wichtig, dass Du Dein „Juhu“ mit dem Begriff „Intersein“ verbunden hast?

    Mir hat die Überlegung, dass wir alle unsere körperlichen Bausteine permanent unter einander austauschen und unsere materielle Hülle ständig auswechseln, geholfen, die Verbundenheit von allen besser zu verstehen und die Vorstellung eines statischen, festen oder zu wichtigen Ichs etwas mehr zu hinterfragen. Mir gefällt außerdem, dass man beide Themen mit einer eher naturwissenschaftlichen Argumentation auch weniger spirituell veranlagten Menschen etwas zugänglicher machen kann.

    Deinen Enthusiasmus hast Du bereits auf besondere Weise im Eingangspost zum Ausdruck gebracht.


    Ich hatte nach der Verbindung des Begriffs „Intersein“ gefragt - was bedeutet er für Dich und weshalb verwendest Du diese neuzeitliche Wortschöpfung eines (zugegebenermaßen) „populären“ buddhistischen Lehrers in diesem Zusammenhang?


    Oder in die Runde gefragt: Ist „Intersein“ ein allgemein bekannter Begriff im Buddhismus?


    Negativ zugespitzt: Ist „Intersein“ als Begriff/Wortschöpfung eher als „Marketing“ im Sinne einer Abgrenzung der TNH Sangha zu verstehen? Meine bisherige Wahrnehmung tendiert dazu.

  • Negativ zugespitzt: Ist „Intersein“ als Begriff/Wortschöpfung eher als „Marketing“ im Sinne einer Abgrenzung der TNH Sangha zu verstehen? Meine bisherige Wahrnehmung tendiert dazu.

    Warum negativ? Warum Abgrenzung? Wenn, dann Wortschöpfung; den Begriff "Es gibt kein (abgegrenztes) Ich und kein Du" gibt es ja. Mit welchen Hauptwort würdest Du das beschreiben?


    (Ich bin kein TNH-Anhänger, finde das Wort aber ganz treffend und griffig (ah, in dieser Hinsicht, "griffig", doch wieder Marketing :) )).


    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • "Intersein" hab ich sofort gefühlt. Nicht in der Mitte sein sondern Mitte sein.