Achtsamkeit versus Resonanz, oder die allgemeine Entfremdung

There are 10 replies in this Thread. The last Post () by hedin02.

  • Folgender Vortrag gefällt mir. Passt auch hier ins Forum:

    ich schenk dieses Leben dem Leben zurück...
    weil es nie meins war...
    und jede Trennung nur scheinbar...
    alles in Vielfalt immer eins war...
    brich meinen Stolz…bis ich in Demut mir die Wahrheit schenke...
    nimm hinfort all die falschen Ideen, den falschen Glauben...
    denn wenn nichts mehr bleibt ist alles übrig...
    es gibt nichts zu verstehen...

    Aus dem Song ,,Schmerz" vom Deepwalka

  • Sein "Resonanzbegriff" ist etwas was Hartmut Rosa sehr am Herzen liegt. Resonanz bedeutet für ihn, statt als isoliertes (entfremdetes) Indivduum zu existieren, in die Welt eingebettet zu sein und mit ihr in einem ständigen Beziehung zu stehen. "Resonanz" ist für ihn die Antwort auf die zunehmende Entfremdung. Diesem wird die Ressonanz als Gegenbegriff gegenübegesetzt, wo man wieder in Bziehung zur Welt tritt.


    Wegen dieser Resonanztheorie ist Hartmut Rosa ganz stark der Kritik seiner Kollegen ausgesetzt. Sie sehen in ihm jemand, der gar keine richtige Soziologie mehr betreibt sondern einen religiösen Fimmel bekommen hat und sich zu den Eso und Buddhisten gesellt hat.

    Und wer heute gute Gründe und vernunftgeleiteten Willen durch die Figur des "postautonomen Subjekts" und dessen Fähigkeit zur Anpassung und zum muddling through ersetzt, der schärft seine Mangeldiagnose doch am vernünftigen Subjekt, dem die Moderne stets so etwas wie einen Heldenstatus zugeschrieben hatte. Vielleicht ist eines der beredtesten Symptome solcher Begriffsumstellungen, dass das, was einmal kritische Theorie sein wollte, heute eher im Jammern über den Verlust von "Weltresonanz" kulminiert, wie Hartmut Rosa in kritischer Absicht, aber mit dem kleinbürgerlichen Wunsch nach einer Welt formuliert, in der die Differenzen zwischen Ich und Welt nicht gar so wehtun.

    Und weil Rosa vorgeworfen wird, sich von gesellschaftlchen Themen auf das Subjekt selbst zurückgezogen zu haben, sich in kleinbürgerlichen Befindlichkeiten zu ergehen, ist er sehr darauf bedacht zu zeigen, dass er druchaus kritisch und akdemisch ernzunehmen ist. Um seinen Resonanzbegriff aufzuwerten, wertet er den Achtsamkeitsbegriff ab und geht sogar so weit den Achtsamkeitsbegriff falsch zu verwenden um eine Distanz zu seinem Resonanzbegriff zu schaffen, die so nicht gegeben ist. So als wäre Achtsamkeit keine Öffnung hin auf die Welt enthalten, sondern es wäre ein Rückzug ins Subjekt, wo man satt in Beziehung zu stehen sich aus Beziehung zurückzieht.


    Wobei ein Teil dieser Kritik schon berechtigt ist., weil es teilweise ja wirklich Leute gibt, wo "Achtsamkeit" nicht als etwas erscheint, wo man sich der Welt stellt, sondern so eine innere Wellnesoase: Wenn einem die Welt zu laut und zu krass wird, zieht man sich in sein inneres Scheckenhäuschen zurück und macht es sich dott lauschig "achtsam". Das hat schon was von Neo-Biedermeier hat aber natürlich wenig mit der buddhitischen idee von sati zu tun, wo es ja ja gerade nicht um Welness geht, sondern sich dem Leid und seine Entstehung zu stellen.


  • Das erscheint mir so eine häufige Art von Soziologen und Psychologen zu sein. Weil man unbedingt einen Ansatz braucht, um seinen eigenen Namen zu pushen (weil es hier kaum kooperative Forschung gibt), konstruiert man sich einen problematischen Fall, egal, ob dieser Fall eine besonders hohe praktische Relevanz hat. Dann kann man in Ruhe sagen: Aber das ist doch völlig falsch; richtig wäre... (mein Ansatz).


    Liebe Grüße,

    Aravind.

    PS: Danke für den Neo-Biedermeier-Begriff. Den kann ich bei BL bestimmt noch mal gebrauchen... :wink:

  • Pathologisch psychologisierende Psychologen pathologisieren pathologisch pathetische Patienten. Aber last uns nicht so pathologisch anderen pathologisieren, denn auch das ist ja pathologisch. Vielleicht ist das ganze ja auch nur ein Missverständnis. Verfangen in Sprache. Dabei erwähnt Hartmut Rosa in seinem Vortrag auch das Gedicht von Rilke: ,,Ich fürchte mich so vor dem Menschenwort". Wenn Hartmut Rosa so an seinem Namen gelegen ist, wie Aravind meint, ist es ja nur logisch, dass auch seine Welt entzaubert ist. Sonst wär es ja auch nicht sein Thema. Und meins und vieler anderer auch. Naja, man muss keinen Spalt auftun wo keiner ist (auch wenn man spaltungsirre ist). Im Grunde ist ja richtig verstandene Achtsamkeit = Resonanz.

    ich schenk dieses Leben dem Leben zurück...
    weil es nie meins war...
    und jede Trennung nur scheinbar...
    alles in Vielfalt immer eins war...
    brich meinen Stolz…bis ich in Demut mir die Wahrheit schenke...
    nimm hinfort all die falschen Ideen, den falschen Glauben...
    denn wenn nichts mehr bleibt ist alles übrig...
    es gibt nichts zu verstehen...

    Aus dem Song ,,Schmerz" vom Deepwalka

  • Im Grunde ist ja richtig verstandene Achtsamkeit = Resonanz.

    Wenn Resonanz gleich Achtsamkeit ist, dann ist Resonanz nur ein neuer Name für Achtsamkeit. Wozu aber ein neuer Name? Es würde doch ausreichen, miteinander über Achtsamkeit zu reden.

  • Resonanz ist kein anderes Wort für Achtsamkeit, sondern bezeichnet so etwas wie eine tiefe vielschichte Beziehung. Die Ähnlichkeit mit der Achtsamkeit liegt darin, dass man auch bei der Achtsamkeit vom Augenschein zu tieferem und mehrschichtigen Verständnis kommt. Aber zumindest bei buddhitischer Achtsamkeit (sati) ist dies ja nur Teile eines Weges, bei dem es darum geht Verblendungen - Zuneignungen und Abneigungen zu überwinden. Während bei der Resonanz die tiefe, vielschichte Beziehung ein Selbstzweck ist. Etwas was einem Halt und Sinn gibt.

    Wenn der Weisammler eine innige Bezihung zu jeder seiner Flaschen hat und über Südhänge und Nuancen nachdenkt, dann wäre das ja auch "Resonanz". Und wenn seine Flasche runterfällt, heult er - Achtsamkeit ist etwas anderes.

    Der Begriff der Resonanz wird dabei aus der Physik übernommen, um eine Subjekt-Objekt-Beziehung als schwingendes System zu beschreiben, in dem beide Seiten sich wechselseitig anregen. Im Gegensatz zur physikalischen Bedeutung des Wortes geben sie hier jedoch nicht lediglich den empfangenen Klang zurück, sondern sprechen „mit eigener Stimme“. Dabei konstituieren sich die Beziehungsfähigkeiten der Subjekte und ihre intersubjektiven Strukturen überhaupt erst aus solchen Resonanzerfahrungen bzw. deren Abwesenheit. Verdeutlicht wird dies an der primären Beziehung des Neugeborenen zu seiner Bezugsperson, an deren Aufnahme oder Zurückweisung von Interaktionen sich die grundlegenden Beziehungsmuster herausbilden. Mit dem so verwendeten Begriff der Resonanz wird versucht, einen von kulturellen Wertungen und Vorannahmen möglichst freien Zugang zu der Frage gelingender Beziehungen von Subjekt und Welt im Sinne des „guten Lebens“ zu finden.


    Die möglichen Bezugspunkte solcher Resonanzen sind ubiquitär und werden in drei grundlegenden Achsen beschrieben: Horizontale Resonanzen finden zwischen zwei (oder mehr) Menschen statt, so in Liebes- und Familienbeziehungen, Freundschaften oder dem politischen Raum. Als diagonale Resonanzachsen werden Beziehungen zu Dingen und Tätigkeiten bezeichnet, als vertikale Resonanzachsen Beziehungen zu den großen Kollektivsingularen: die Natur, die Kunst, die Geschichte oder die Religion. In allen diesen Zusammenhängen sind intensive Erfahrungen möglich, die das Leben als intensive Begegnung oder Beziehung um seiner selbst willen erfahrbar machen. Dem gegenübergestellt werden stumme oder instrumentelle, durch die Ausrichtung auf Beherrschung und Verfügbarmachung bestimmte Weltbeziehungen, in denen es vorrangig um das Erreichen eines zweckdienlichen Ziels geht.


    So kann beispielhaft eine Bergtour als intensive Auseinandersetzung mit den Anforderungen des Weges und der begegnenden Natur eine Resonanzerfahrung, als rein zweckgerichtetes Unternehmen aber auch instrumentell und in diesem Sinne „stumm“ sein

    Wenn Resonanz das Gegenteil von Entfremdung ist, dan klingt das ja erstmal gut. Aber weil Entfremdung ja nur die Kehrseite Zweitname der Freiheit ist, ist das Gegenteil von losen Beziehung ist das enge Eingebundenheit. In einer traditionelleren Gesellschaft stand der Bauer mit seiner Scholle in Resonanz stand, mit seinem Dorf, mit seinem Werkzeug, mit seinen Tieren, mit seiner Schwiegermutter und seinem Dorfpfarrer. Und hielt es villeicht nicht aus, dass er keinen Satz sagen kann und nichts tun kann, ohne das das halbe Dorf mitschwingt. Und dann flüchtet er in die Stadt und genießt die Anonymität und die Ungebundenheit.


    Ein ganz großer Problem besteht darin, dass viele "Achtsamkeit" so auffassen, wie Rosa "Resonanz" auffasst. Als ein Gegenteil von Entfremdung, bei dem man eine reiche, tiefe, vielschichtige Weltbeziehung aufbaut. Und das ebenfalls als ein Gegenmittel zu einer beschleunigten, anonymen Welt sehen.

  • https://de.wikipedia.org/wiki/resonanz_(soziologie)


    Es ist der Wahnsinn wie eine selbsternannte geistige Elite das Land mit Unwissen überschwemmt. Wie verdreht/verträumt/blind verliebt in die Formulierungskünste kann man noch über das sprechen was ist?


    Wenn Resonanz das Gegenteil von Entfremdung ist,


    Das Gegenteil von Entfremdung ist kein Hass, kein Begehren, kein Träumen, kein Leid weiter erzeugen, trotzdem man das ja nicht will.


    Hass, Begehren, Träumerei, Leiderzeugung trotzdem man das nicht will, das geschieht aus einer Entfremdung zu dem was wirklich ist. Also aus Unwissenheit heraus.


    Willkommen im Buddhismus :)

  • Das Gegenteil von Entfremdung ist kein Hass, kein Begehren, kein Träumen, kein Leid weiter erzeugen, trotzdem man das ja nicht will.

    Das Wort "Gegenteil" ist ja mehrdeutig. Unter dem Gegenteil eines Mangelzustand wird mrist dessen Erfüllung verstanden. Also wird "satt" als das Gegenteil von hungrig gesehen und sexuelle Erfüllung als Gegenteil sexueller Sehnsucht. Während man im Buddhismus natürlich das Verlöschen des Bedürfnis als das Gegenteil ansieht.


    Und auch In dem Gefühl von "Entfremdung" steckt ja ein Bedürfnis nach einem nicht-entfremdeten Zustand. Wenn

    Entfremdung bedeutet sich als getrennt zu empfinden wäre das

    Gegenteil von Entfremdung so etwas wie Geborgenheit gesehen, wo man eng mit Menschen und Dingen verbunden ist. Diese Verbundenheit bedeutet aber natürlich keine Abwesenheit von Leid oder Verblendung.


    Der Weg in die Hauslosigkeit ist ja sogar ein Weg von einer "geborgenen Umgebung" ( dem Zuhause) in eine selbstgewählte Fremde. Während man zu Hause in Resonanz mit Familie und Dingen steht, ist ein Kloster ja ein Ort wo vieles einen anonymen/ uniformen Charakter hat: Einheitliche Kleidung, Essen kein Privatbesitz. Statt sich in Beziehungen zu begeben löst man such von ihnen. Und braucht nichts mehr, um sich geborgen zu fühlen.


    Mir ist der Punkt deswegen wichtig, weil ich das Gefühl habe, dass Achtsamkeit für viele als Gegenmittel zu einem Gefühl von Entfremdung dient.

  • Eine Entfremdung von Subjektiv und Objektiv tritt durch Achtsamkeit in der samsarischen Wirklichkeit zu Tage.

    Eine Entfremdung bedeutet aber auch, dass zwischen Subjektiv und Objektiv ein beiderseitiges Werteverhältnis vorhanden sein muss. Es muss etwas vorhanden sein, von dem man sich entfernen kann, bzw. wohin sich die Resonaz bewegen kann.

    Im Buddhismus heißt es, dass die objektive Seite der Wahrnehmung “Leer“, also ohne Wert ist und dieser leeren Erscheinung subjektive Eindrücke (Begriff, Wertigkeit), zugeordnet werden; von daher kann die Resonanz und die daraus folgernde Entfremdung nur vom Subjektiv aus gehen.