There are 85 replies in this Thread. The last Post () by mkha'.

  • Hallo zusammen. Ich würde gerne ein paar Gedanken mit euch teilen:


    Wenn ich durch unsere Wohnung gehe und mir all die Dinge anschaue, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, kommen mir fast die Tränen. So viele Dinge, so viel Gestaltungswille, Ressourcen, Energie, Wissen, Sorgfalt und Lebenszeit, die sich darin manifestieren.


    Eine Werbebroschüre liegt auf dem Tisch: Farben, Texte, Fotografien, Menschen darin abgebildet. Ich sehe die Lebenszeit des Grafikers, sehe die Mühe und die Langeweile, die Routine und die Konzentration, ahne die Wünsche und die Hoffnungen. Ich sehe die in der Broschüre abgebildeten Menschen, sehe Stil und Farben ihrer Kleidung, sehe die Qualität der Beleuchtung, sehe die künstlerische Erfahrung des Fotografen. Wer sind all diese Menschen? Eine Familie ist abgebildet. Ein Kind ist auch darunter. Wie ist die Welt dieses Kindes beschaffen? Wer gestaltet und näht die Kleidung für die Menschen auf diesem Foto, unter welchen Bedingungen? Ich vermag kaum ein paar Schritte in dieses Labyrinth hinein zu tun, und schon merke ich, dass ich all denen, die zusammenkommen mussten, um diese Werbebroschüre herzustellen, nicht einmal annähernd die angemessene Aufmerksamkeit und Achtung entgegenbringen kann. Welchen Weg die Mineralstoffe für die Druckfarben genommen haben mögen, welchen Weg die Rohstoffe für das Papier? Dieses Wunderwerk, diese belanglose Broschüre von irgendwem für irgendwas, die der Strom der Dinge in meinen Lebensraum gespült hat, ich werfe sie in den Müll, achtlos, sorglos, stumpf. Was habe ich damit tun? Was tut dieses Ding in meiner Lebenswelt?!


    Ich schau mich weiter um. Tassen, Teller, eine Teekanne, unsere Katze, ein Buch, ein Mobiltelefon, der alte Schrank, ein paar Schuhe… Ich gehe darüber hinweg, achtlos, sorglos, stumpf.


    Wenn ich jedem Ding die Sorgfalt, Aufmerksamkeit und die Zeit widmen würde, die der Arbeit entspricht, die sich darin manifestiert, so wäre die Menge dessen, was ich besitzen kann und möchte, sehr begrenzt.


    Wenn ich jeder Tätigkeit die Menge an Zeit und Konzentration widmen würde, die sie benötigt, um ihren Nutzen, ihre wirkliche Qualität für mich und andere zu entfalten, so würde ich weniger und andere Dinge tun wollen. Viele Tätigkeiten, mit denen ich meine Zeit zubringe, führen zu nichts. Nicht wenige sind schädlich für mich und andere.


    Wenn ich den Menschen, Tieren und Pflanzen in meiner Umgebung den Respekt und die Achtung entgegenbringen würde, die sie verdienen, würde ich so viel Aufmerksamkeit und Zeit benötigen, dass ich weiter noch vom Tätig-Sein und Besitzen-Wollen Abstand nehmen müsste. Muss ich für mich begründen, warum sie das verdienen? Ja. Immer wieder neu: In jedem Lebewesen – wie in mir auch – verkörpern sich Empfindung, Freude und Leid, an denen ich mit meinem mittelbaren und unmittelbaren Tun und Wollen Anteil habe.


    Warum Sorgfalt, Konzentration, Aufmerksamkeit, Respekt und Achtung? Das sind ein paar Grundbedingungen für eine tiefe Beziehung zur Wirklichkeit, für ein sinnhaftes Leben. Das weiß ich schon lange. Nur: Ich bin dazu selten wirklich in der Lage. Der Grund: Zu viele Dinge, zu viele Tätigkeiten, zu viele Kontakte. Diese Krankheit, scheint mir, sitzt tief.

  • Meine Erkenntnis daraus ist, wenn ich umziehe wird ein Haushaltsauflöser gerufen und alles was in nicht brauche beseitige, bis da hin wird alles nach und nach entsorgt. Ja ganz genau, weg damit. Kommen BehaltenGefühle auf lass ich mit einen Tag zeit dann geht das: weg damit.

    Es gibt Unmengen an Metaebenen. Yang. Es gibt eine Ebene der Realität. Yin

    Dahinter gibt es nichts das diese erschaffen könnte, nur ich bin davor.

    Bedingtes Entstehen in wechselseitiger Abhängigkeit ist Erleben.

  • Hallo Bara.


    Mal sehen... Ich trage dieses Unbehagen schon länger in mir herum. Wenn es so einfach wäre, aus einer Erkenntnis sofort die richtigen Konsequenzen zu ziehen, wäre nach dem Begreifen der ersten drei der vier edlen Wahrheiten der Fisch gegessen. Klappt aber nicht. Dafür gibt es dann den Pfad.

    Wir haben in unserer Familie beschlossen, weniger Dinge zu kaufen, das vorhandene zu reduzieren. Das führt dazu, dass wir weniger Geld brauchen und wir nicht mehr so viel arbeiten müssen. Daher könnten wir unsere Arbeitszeit eigentlich kürzen... Könnten! Das ist aber je nach Beruf gar nicht so einfach. Und hier ist die Krux. Wir sind gesellschaftlich vielfältig verknüpft. Es fällt uns nicht leicht, einen komplett anderen Weg einzuschlagen, und noch weniger, diesen auch beizubehalten. Manche Gewohnheiten oder Normen sind so stark, dass wir trotz guter Vorsätze immer wieder in alte Handlungsmuster zurückfallen. Das merken wir meist erst im Nachhinein, weil diese Dinge so schleichend passieren. Das ist, als würde man in einer großen Menschenmenge, die sich in eine Richtung bewegt, vom Weg abweichend in eine andere gehen wollen. Unweigerlich gibt es immer wieder Zusammenstöße, und man wird doch in die Richtung gedrängt, die man eigentlich verlassen möchte.


    Auch merke ich, dass tief in mir drin all diese gesellschaftlichen Werte und Standards arbeiten, den größten Teil der Zeit vollkommen unbemerkt. Zum Beispiel als Gefühl des Versagens, wenn ich nicht ausreichend an meiner Karriere zu arbeiten glaube, als Gefühl der sozialen Missachtung, wenn ich mit abgetragener statt mit neuer Kleidung herumlaufe, als Gefühl der Nicht-Teilhabe, wenn ich weniger reise, kein Auto fahre, kein neues Handy kaufe, etc.. Wenn ich diese Zusammenhänge erkenne, kann ich zwar in diesem Moment etwas rational dagegen tun. Meist aber spielt sich das im Verborgenen ab, und ich merke erst nach Wochen oder Monaten, dass ich wieder im selben Sumpf gelandet bin, den ich eigentlich verlassen wollte. Die Erkenntnis allein reicht leider nicht. Es ist ein zäher, langsamer und mühsamer Prozess der Umkonditionierung: Der Pfad.


    Ich habe den Eindruck, dass ich aus buddhistischer Perspektive betrachtet in einer Welt lebe, in der die drei Geistesgifte im Gegenteil als Heilmittel gesehen werden. Und zu Teil stimmt es ja auch. Noch kein System hat der Welt so viel Wohlstand und Bildung für gleichzeitig so viele Menschen gebracht wie der Kapitalismus. Dass dieses System uns jetzt den Boden unter den Füßen wegzieht, weil es grenzenloses Wachstum auf einer begrenzten Welt benötigt, ist die andere Seite. Aber wie viel Individualität und Lebensqualität wird geschaffen durch Begehren und Abneigung, durch die Illusion dieser oder jener Gruppe zuzugehören... Das ist ein langes Thema, und ich habe keine Lösung.


    Ich merke, dass die tägliche Meditation auf einer ählich tiefen Ebene wie die Werte und Standards unserer Zeit etwas verändern. Zum Beispiel wird das Unbehagen größer.


    Es gibt jeden Tag unzählige Möglichkeiten, sich zu entscheiden. Hier versuche ich, bei so vielen Möglichkeiten, wie mir bewusst werden, einen anderen Weg einzuschlagen, in der Hoffnung, dass sich dadurch die Richtung insgesamt ändert.

  • Hallo Thorsten,


    wenn du nicht die Gesellschaft verlassen willst, in der du aufgewachsen bist, wenn du nicht eine einsame Höhle für den Rest deines Lebens aufsuchen willst oder kannst, dann ist die Lösung vielleicht sich bei den vielen Dingen und Einflüssen sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

    Dies ist, glaube ich, nach der Lehre des Buddha die Achtsamkeit auf die eigenen Handlungen.

    Ich habe das nicht so verstanden, dass wir unsere Achtsamkeit auf das Entstehen von Werbebroschüren und ähnliches verwenden sollten, ja noch nicht mal auf die Handlungen anderer Menschen.


    Wenn man etwas erklären kann, wenn man anderen diverse Belehrungen geben kann (wenn sie hören wollen), wenn man Freigebigkeit üben kann, ist das okay. Aber man braucht da nicht die ganze Kausalität und alle Zusammenhänge erforschen wollen, denn das gibt kein Ende und verbraucht unsere Energien und Zeit, die wir besser für die Achtsamkeit auf uns selbst aufheben sollten. Auf uns selbst in der Gegenwart, nicht wir wir aus Millionen von Ursachen und Bedingungen so geworden sind wie wir jetzt sind.


    Wir können nicht auf alle Lebewesen wirken, und auf die Menschen in unserer Umgebung wirken wir am besten durch Vorbildfunktion mit unserer Lebensführung.

  • Lieber Thorsten,


    schön, dass Du unzufrieden bist und das wahrnimmst. Das finde ich schon mal eine gute Motivation. :wink:

    wenn du nicht die Gesellschaft verlassen willst, in der du aufgewachsen bist, wenn du nicht eine einsame Höhle für den Rest deines Lebens aufsuchen willst oder kannst, dann ist die Lösung vielleicht sich bei den vielen Dingen und Einflüssen sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

    Dies ist, glaube ich, nach der Lehre des Buddha die Achtsamkeit auf die eigenen Handlungen.

    :!::like:

    Mir scheint, Du, Thorsten, suchst die Ursache Deiner "Probleme" (/Leiden/Unzufriedenheit) im Außen. Sie sind sicher nicht unabhängig davon, aber die eigentliche Ursache liegt im inneren (2te Edle Wahrheit). Wie Du Dein Äußeres gestaltest, wird dann schon folgen, wenn Du den Weg konsequent gehst. IMHO kannst Du da ruhig Vertrauen haben.

    Aber man braucht da nicht die ganze Kausalität und alle Zusammenhänge erforschen wollen, denn das gibt kein Ende und verbraucht unsere Energien und Zeit, die wir besser für die Achtsamkeit auf uns selbst aufheben sollten. Auf uns selbst in der Gegenwart, nicht wir wir aus Millionen von Ursachen und Bedingungen so geworden sind wie wir jetzt sind.

    Genau. Die Einsichten in die Zusammenhänge, was für Dich wichtig oder unwichtig ist, kommt dann von ganz alleine. Autofahren lernen heißt einfach nur Auto fahren lernen. Von Physik und Ingenieurskunst musst Du dazu erst mal nichts wissen, sondern achtsam spüren und tun. Und wenn Du dann mal Rennfahrer werden willst, kommt das Interesse an Fahrphysik von alleine. Am Anfang wäre das nur hinderlich.


    Mit dem Blick auf Deine Lebensumstände raubst Du Dir IMHO nur Energie, auch wenn die Beschäftigung damit natürlich nahe liegt. Und um ein Standardmissverständnis zu vermeiden: Das bedeutet nicht, alles in Deiner Umgebung hinzunehmen und nicht zu verändern. Aber die Priorität der Veränderung sollte auf Deinem Geist liegen. Die Kraft, Unpassendes zu verändern, hast Du dann von ganz alleine. Und die Kraft für die schwierige Aufgabe, vieles einfach so sein zu lassen, wie es ist.


    Liebe Grüße, stay tuned!

    Aravind.

  • Hallo Rudolf, hallo Aravind.


    Danke für eure Antworten auf meinen Beitrag. Mir fällt auf, dass ihr beide Geist trennt von der Wirklichkeit, der Gesellschaft, die ihn umgibt. Ihr trennt zwischen Innen und Außen. Hier ich und mein Geist – dort die Welt mit ihren eigenen Geschäften... Wie geht das? Wie kann ich das, was mich bewegt, trennen von dem, was meine Umwelt bewegt? Wie sollen meine Handlungen unabhängig (zu beurteilen) sein von all den Handlungen und Strukturen meiner Umwelt? Es geht, bei dem, was ich geschrieben haben, gar nicht so sehr um mich. Für mich ist der buddhistische Pfad nicht zu trennen von der Einsicht in die Wirklichkeit und Gesellschaft, von der ich unablässig ebenso Impulse empfange wie ich aussende, aus der alles was ist (inkl. Körper, Gefühle und Gedanken) besteht.


    Wenn ich meinen Geist verändere, sind die Probleme gelöst? Wo endet der Geist?


    Liebe Grüße


    Thorsten

  • Thorsten, Du bist noch zu sehr in der "Ich" Illusion verhaftet … lerne und übe …

    Wenn im dürren Baum der Drache Dir singt
    siehst wahrhaft Du den WEG.
    Wenn im Totenkopf keine Sinne mehr sind
    wird erst das Auge klar.


    jianwang 健忘 = sich [selbst] vergessend

  • Hallo Rudolf, hallo Aravind.


    Danke für eure Antworten auf meinen Beitrag. Mir fällt auf, dass ihr beide Geist trennt von der Wirklichkeit, der Gesellschaft, die ihn umgibt. Ihr trennt zwischen Innen und Außen.

    nein, dann habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, ich meine das ganz pragmatisch: wo fange ich mit Veränderungen an. Ich denke, es würde Sinn machen, Deine Achtsamkeit erst einmal auf Dein Inneres zu richten. Mehr kann und will Buddhas Pfad auch gar nicht leisten. Die Veränderung des Äußeren ergibt sich dann, egal, ob und wo man da eine Grenze zieht.


    Die "Theorie" dahinter, ob dualistisch oder nicht, spielt noch gar keine Rolle. Mein Tipp: Wenn Du mit dem Äußeren anfängst, wirst Du wahrscheinlich scheitern. Das kann nie so perfekt werden, dass Dein Unbefriedigtsein weg geht.

    Die zweite Edle Wahrheit heißt nicht: Leiden entsteht durch zu viel Zeugs und unbefriedigende gesellschaftliche Bedingungen. :wink:


    Liebe Grüße,

    Aravind.

    PS: ich schreib gleich noch ein paar Zeilen, das wird mir gerade zu viel fürs Tablet. :)

  • ... so, jetzt am Rechner.

    Falls Du einen Ansatzpunkt suchen solltest, so als Anregung: Mir ist aufgefallen, dass Dein OP voller Wertungen ist.


    nicht einmal annähernd die angemessene Aufmerksamkeit und Achtung


    Wenn ich jedem Ding die Sorgfalt, Aufmerksamkeit und die Zeit widmen würde, die der Arbeit entspricht


    den Respekt und die Achtung entgegenbringen würde, die sie verdienen

    Ich weiß nicht, was das bedeuten könnte. Was entspricht denn, was verdient jemand? Wenn Du Lust hast, kannst Du ja mal drüber nachdenken, warum Du das festlegen und bewerten musst, was angemessen ist.


    den Respekt und die Achtung entgegenbringen würde, die sie verdienen

    Respekt und Achtung muss nicht verdient werden. Das haben alle lebenden Wesen automatisch durch ihr Sein "verdient", mit und ohne Buddhismus (bei Werbeprospekten bin ich mir nicht sicher :wink:). Sonst würde man ja ständig Gefahr laufen, zwischen werten und unwerten Existenzen zu unterscheiden. In Anbetracht unserer Geschichte: Ganz dünnes Eis! (Nicht, dass ich Dir eine Nähe zu diesem Gedankengut unterstellen würde, auf keinen Fall! Aber die Begründung, warum alles Leben Respekt verdient hat und liebenswert ist, ist in dem Kontext recht einfach).


    Warum Sorgfalt, Konzentration, Aufmerksamkeit, Respekt und Achtung? Das sind ein paar Grundbedingungen für eine tiefe Beziehung zur Wirklichkeit

    Genau. Wie sieht es denn mit Aufmerksamkeit, Respekt und Achtung für Dich selbst aus? :wink:


    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • Hallo Aravind.


    Als ich vor vielen Jahren zum Buddhismus kam, hat mich ein Gedanke sehr begeistert:


    Das vorhandene Heilsame (Das, wovon man eingesehen hat, dass es richtig ist) soll man erhalten und fördern.

    Neues Heilsames, das noch nicht Teil des eigenen Lebens ist, integrieren, in dem man sich daran gewöhnt.

    Das vorhandene Unheilsame (Das, wovon man eingesehen hat, dass es falsch ist) soll man ablegen.

    Neues Unheilsame nach Möglichkeit vermeiden.


    Ich habe das damals im buddhistischen Haus in Berlin zum ersten Mal gelesen. So einfach diese Gedanken sind, so kraftvoll in ihrer Wirkung sind sie und waren sie bis heute für mich. Wenn ich dieser Strategie folgen will, werde ich unterscheiden: Das ist heilsam, das ist unheilsam.


    Dann gibt es da die zehn unheilsamen Handlungen, bzw. deren Vermeidung. Oder generell Ahimsa – das Nicht-Verletzen: Weder mit Taten, noch mit Worten, noch in Gedanken. So ist eine Handlung, die dazu führt, dass ich mir selbst oder anderen Schaden zufüge, unheilsam. Ebenso, etwas zu nehmen, dass nicht freiwillig gegeben wurde. Lügen, sexuelles Fehlverhalten, etc. Ethisches Verhalten ist in diesem Sinne grundsätzlich mit einer Bewertung des eigenen Tuns verbunden.


    Zitat

    Respekt und Achtung muss nicht verdient werden. Das haben alle lebenden Wesen automatisch durch ihr Sein "verdient", mit und ohne Buddhismus


    Das ist die Theorie, die sicher viele Menschen unterschreiben würden. Im meinen Handlungen zeigt sich dann aber die Alltagstauglichkeit dieser Theorie, bzw. meine (Un-)Fähigkeiten, sie in die Tat umzusetzen. Beispiel: Autofahren auf der Autobahn. Ist es respektvoll, das Leben unzähliger Insekten zu vernichten, um schnell von A nach B zu kommen? Oder anderes Beispiel: Betrachte die Warenströme der globalen Märkte, die ich als winziger Teil des Motors durch meinen Konsum befördere, wieviel Respekt und Achtung vor allen lebenden Wesen ist bei genauer Betrachtung darin enthalten? Die Theorie müsste – konsequent zuende gedacht und danach gehandelt – in der Praxis zum Jainismus führen. Dazu bin ich nicht in der Lage. Aber ich kann mich diesem Ziel oder Ideal etwas annähern, indem ich meine tagtäglichen Handlungen daraufhin überprüfe (und bewerte), was sie mit den Lebewesen, die mit mir mittelbar oder unmittelbar in Verbindung stehen, machen.


    Ich denke, es liegt ein generelles Missverständiss vor. Mein Eingangsbeitrag ist nicht – auch wenn es so erscheinen mag – Ausdruck einer Frustration oder Überforderung – im Gegenteil.

    Wenn Du schreibst:


    Zitat

    Die zweite Edle Wahrheit heißt nicht: Leiden entsteht durch zu viel Zeugs und unbefriedigende gesellschaftliche Bedingungen.


    So ist das richtig. Aber zu viel Zeugs und unbefriedigende gesellschaftliche Bedingungen (ich würde noch das zerstörerische Potenzial unseres Wirtschaftssystems dazurechnen) sind das Ergebnis und das sichtbare Wirken der drei Geistesgifte in den Vielen, von denen ich ein Teil bin.


    Ein anderes, tieferes Verhältnis zu den Dingen und Lebewesen, die mich umgeben, bzw. der Wunsch danach, ist für mich ein Ergebnis von der Praxis der Achtsamkeit. Ich erhoffe mir für mich ein anderes Verhältnis zu den Dingen und Lebewesen, weil ich es für heilsam halte, sowohl für mich als auch für andere. Ein wichtiger Aspekt davon ist die Wertschätzung. Wertschätzung ist das Gegenteil von Verschwendung und Oberflächlichkeit, und das bedeutet, Dinge oder Lebewesen nicht zum Objekt meiner Begierde oder meiner Abneigung oder meiner Verblendungen zu machen.


    Ich habe vor einiger Zeit die Laien-Gelübte genommen im Zen. Das entspricht in etwa dem Wunsch oder festen Willen nach der Abkehr von den zehn unheilsamen Handlungen. Das beschäftigt mich spätestens seit dem natürlich sehr. Ich habe die Laien-Gelübte genommen, weil ich eingesehen habe, dass sie zutiefst richtig und heilsam sind. Mein Eingangstext handelt von den gescheiterten und gelungenen Versuchen, diese Gelübte im meinem Leben wirklich, wirksam werden zu lassen. Das ist für mich persönlich ein eher heilsamer Prozess, als Grund für Frustration, auch wenn es manchmal mit Traurigkeit verbunden ist, wenn ich meine eigene Unfähigkeit oder Oberflächlichkeit sehe.


    Ich persönlich kann das Gebot des Nicht-Verletzens (Ahimsa) nicht in meinem Leben verwirklichen, wenn ich nicht darüber nachdenke, welche konkreten Folgen mein Handeln für meine Umwelt und andere Wesen hat. Führen meine Handlungen mittelbar oder unmittelbar bei anderen zu Leiden, so werte ich sie als unheilsam. Also versuche ich sie zu vermeiden. Nicht aus Angst vor schlechtem Karma, sondern weil es mir leid tut, wenn ich andere verletze. Ich suche also eine Strategie, wie ich mein Verhätnis zur Wirklichkeit verändern kann, um weniger schädlich zu wirken oder im Gegenteil vielleicht sogar nützlich.


    Viele Grüße


    Thorsten

  • Ich würde gerne noch etwas zum Thema 'Veränderungen' beitragen:


    Ich glaube, wenn man etwas verändern will, ist es wichtig, nicht mit 100 Sachen gleichzeitig anzufangen, um sich kurz später zu knüppeln, dass man es ja eh nicht schaffe, um dann frustriert aufzugeben. Danach

    könnte man sich noch mehr vornehmen, um noch tiefer abzustürzen ...

    Das alles gilt auch für Veränderungen bezüglich gewünschter buddhistischer Verhaltensweisen oder Meditationsfortschritte.


    Sich 1 erreichbares Ziel zu setzen, nach seinem Erreichen erst das Nächste, usw., das wäre weniger frustrierend. Egal, ob es um die Beeinflussung der eigenen Gefühle oder Gedanken oder um eine Veränderung im Aussen geht.


    Was ist dir denn am allerwichtigsten? Was ist dir so wichtig (und warum?), dass du damit anfangen willst? Was brauchst du, um das auch durchhalten zu können? Bist du alleine davon betroffen oder müssen auch andere mitziehen? Wollen und können die überhaupt mitziehen? Wirksame Veränderungen brauchen gedankliche Vorbereitungen und wir als Buddhisten haben zusätzlich noch das Geschenk der Meditation, in der wir auf einer tieferen Ebene etwas durchdringen können.


    Wenn ich Aravind richtig verstanden habe, wollte er/sie dir klarmachen, dass, wenn man etwas erstmal im eigenen Innern intensiv entwickelt hat, die Umsetzung im Äußeren deutlich leichter und erfolgreicher wird. Wenn du im Äußeren anfängst, landest du wahrscheinlich im Hamsterrad, weil auch psychisch die Kraft dazu fehlt, das Vorgenommene durch alle inneren und/oder äußeren Widerstände hindurch durchzuziehen.


    Übrigens, mir hat das Buch "Factfullness" sehr geholfen zu erkennen, wie wenig die "böse Welt" da draußen den Realitäten entspricht und wie die eigene Meinung über diese Welt vorwiegend dadurch entstanden ist, dass sich Negativnachrichten am schnellsten verbreiten und am besten verkaufen lassen. Dieses vorwiegend durch Medien verbreitetes Weltbild entspricht aber nur sehr wenig der Wirklichkeit.

  • Hallo Thorsten,


    das kann ich alles nachvollziehen und ist für mein Empfinden ein gutes ergründen der lebenswelt und verstehen von abhängigem entstehen. ...zu sehen, wie viele Welten in einem einzigen ‚Ding‘ stecken.


    Danke fürs teilhaben lassen.

    Mein kleiner Garten: wild und etwas chaotisch, nicht gar so oft gepflegt, wird er doch jedes Jahr schöner. Viele Pflanzen und Tiere ziehen hier einfach ohne Zutun ein und bereichern das Bild. Und das Gemüsebeet lässt sich wunderbar umrunden...

  • Sehr interessantes Thema, danke Thorsten!

    Ich glaube wir sollen auch ein Stück weit Kinder unserer Zeit sein und bleiben. Mir fällt zum Beispiel oft gar nicht mehr auf, wo ich schon alles Konsequenzen gezogen habe. So kleine Dinge, wie ein Schildchen am Briefkasten wo steht "Bitte keine Werbung einwerfen". Es gibt sicher viele solcher Beispiele und das immer wieder inne halten und heraustreten aus den scheinbaren Zwängen unserer Gesellschaft ist ja schon eine große Hilfe, uns nicht über Gebühr verbiegen und gefangen nehmen zu lassen. Eine totale Abkehr sollte man sich mMn auch garnicht als Ideal-Möhre vor die Nase hängen.

    Einfach wach bleiben und im jeweiligen Moment ungezwungen entscheiden. Das merkt man oft gar nicht und das ist auch gut, weil man sich dann nichts drauf einbildet, bloß sollte man sich dann auf der anderen Seite auch nicht schelten, wenn man dann doch immer wieder auch ein Zugeständnis an unsere gesellschaftlichen Normen macht.

    Wenn man so ein Alltagsoptimierungsprogramm auflegt rennt man ja auch nur wieder manipulativ durch die Gegend und hat einen permanenten Energieaufwand um das Programm am Laufen zu halten und man meint ständig zu verzichten. Wenn man es sich einfach entwickeln lässt kommen eher so Situationen in denen man ganz geräuschlos verzichtet ohne einen Mangel zu spüren.


    Was aber auch nicht heißt, dass man seinen Kopf ausschalten sollte.

  • Zitat

    Respekt und Achtung muss nicht verdient werden. Das haben alle lebenden Wesen automatisch durch ihr Sein "verdient", mit und ohne Buddhismus


    Das ist die Theorie, die sicher viele Menschen unterschreiben würden. Im meinen Handlungen zeigt sich dann aber die Alltagstauglichkeit dieser Theorie, bzw. meine (Un-)Fähigkeiten, sie in die Tat umzusetzen.

    Respekt ist eine Haltung. Die sich dann natürlich auch in Handlungen ausdrückt. Bei den genannten Insekten würde das für mich bedeuten, dass mir das nicht gleichgültig ist, ob sie sterben. Es gibt für mich persönlich aber keinen Grund, daran zu leiden.


    Wenn Du der Überzeugung bist, das nur absolutes Ahimsa Respekt ausdrückt, dann bleiben natürlich keine Handlungsoptionen mehr übrig, weil es absolutes Ahimsa nicht gibt, auch nicht für Jains. Dann verstehe ich Deine Gedankengänge. Auch Jains leben auf diesem Planeten und erzeugen Leben und Tod.


    Selbst wenn Du Dich jetzt umbringen würdest (kein Sarkasmus!), würdest Du damit Lebewesen in Deinem Körper töten, und Tiere in der Umwelt durch die Gifte, die sich in Deinem Körper angesammelt haben. Und Du würdest als Aas und Dünger anderes Leben ermöglichen.


    Für hören sich Deine Beiträge so an, als ob Du Leiden damit erzeugst, dass nur "perfekt" gut genug ist, es Perfektion aber nicht gibt. Ob das so ist, kannst natürlich nur Du selbst benatworten.



    Es gibt von mir zu dem Thema nichts mehr zu sagen, das ist dann doch zu weit weg von meiner Gedanken- und Praxiswelt. Ich habe einfach einen viel pragmatischeren Blick auf die Welt und meine Rolle darin.


    Liebe Grüße und vile Liebe,

    Aravind.

  • Hallo zusammen.


    Es ist lustig. Ich habe das ganze gar nicht so als Überforderung oder moralische Pflicht formulieren wollen. Sondern eher als Traurigkeit darüber, all diese Potenziale für eine tiefere Beziehung zur Wirklichkeit in Händen zu halten, und zugleich immer wieder davon weggerissen zu werden, wie ein Taucher, der einen großen Luftsack um die Hüften trägt, und so immer wieder nach der Oberfläche gezogen wird, obwohl er die größten Schätze am Meeresgrund ausmachen kann.


    Dann habe ich für mich diese Wenn–Dann–Gleichungen aufgemacht:


    Wenn ich viele Dinge besitze, dann kann ich zu keinem Ding in eine tiefere Beziehung treten.
    Wenn ich mich vielen Tätigkeiten widme, dann kann ich keine dieser Tätigkeiten so machen, dass sie ihr volles Potenzial entfalten können (Und das ist eine tiefe Verbundenheit mit dem Tun und dem, was dabei herauskommen mag).
    Wenn ich wie ein Affe von einem Baum (Ding, Tätigkeit, Lebewesen) zum nächsten springe, dann kann ich den Lebewesen um mich her nicht die Aufmerksamkeit widmen, die ich ihnen gerne geben möchte (Fürsorge?).


    Also zusammengefasst: Wenn ich einen Luftsack um die Hüften trage, dann kann ich nicht tauchen.


    Denn jedesmal, wenn es mir geling...


    zu einem Gegenstand eine echte Beziehung aufzubauen,
    oder eine Tätigkeit konzentriert um ihrer Selbst willen auszuüben,
    oder einem anderen Menschen oder Tier ungeteilte Aufmerksamkeit entgegenzubringen,


    hebe ich einen Schatz vom Meeresgrund – um in diesem Bild zu bleiben. Eine andere, bedeutend kostbarere Qualität von Sein tritt ins Leben – zumindest meiner Erfahrung nach. Diese Erfahrungen machen das Leben so reich, dass ich bei meinem Weg durch die Wohnung all diese Potenziale gesehen habe und dachte: Warum bin ich so elends blind?! Jeder Gegenstand, jedes Wesen, jede Tätigkeit kann zu solch einem Schatz werden. Ich habe all diese Schätze gesehen und mich gefragt, warum es mir so oft nicht gelingt, das, was mich immer wieder zur Oberfläche zieht, loszulassen. Die Antwort, die Lösung ist relativ einfach (die ersten drei edlen Wahrheiten). Der Weg (Der Pfad) dorthin ist es nicht.


    Dennoch sind diese Wechselwirkungen für mich ein Ansatzpunkt, eine Möglichkeit an den Stellschrauben meines Seins eine Veränderung herbeizuführen. Klar, den instinktiven Wunsch nach Vereinfachung und Reduktion habe ich schon lange, aber das „In-eine-tiefere-Beziehung-treten“ zu Dingen, Handlungen und Wesen als grundlegend heilsam und kostbar zu sehen, ist mir in Abhängigkeit von dem "zu viel des anderen" erst kürzlich so wirklich ins Bewusstsein getreten, und damit meine ich nicht das "einfache" Erkennen, sondern das beinahe körperliche Begreifen, was mich dann echt traurig gemacht hat.


    Dieses in Beziehung-Treten ist automatisch verbunden mit Sorgfalt, Achtung und Respekt, ohne dass ich mich darum bemühen müsste. Im Gegenteil. Es ist wie bei der Liebe zu meiner Tochter immer da und unerschöpflich. Vielleicht ist es Liebe zu den Dingen, Tätigkeiten und Wesen, die ich meine.


    Es geht mir also gar nicht darum, ein bestimmtes moralisches Verhalten zu predigen, sondern eher von einer Erfahrung zu sprechen, wie unglaublich kostbar und schön die Wirklichkeit manchmal ist, wenn es gelingt, zu tauchen, wenn diese Form der Liebe entsteht (ich weiß kein besserers Wort).


    Das Papier, die Farben, die Menschen auf einer Werbebroschüre haben alle das Potenzial zu dieser Schönheit. Sie alle können Teil einer solchen Seinserfahrung sein.


    Um das einmal konkret zu machen:


    Kintsugi – Wikipedia


    Diese Haltung gegenüber den Dingen hat mich sehr berührt. Ich bringe meine Kleidung seit dem immer wieder zum Reparieren, auch wenn Schuhmacher oder Schneider sagen, das lohnt sich nicht mehr. Die Dinge verändern sich dadurch. Sie bekommen Geschichte, und ich trete in eine andere Beziehung zu ihnen. Die Kleidung wird kostbarer, je älter sie wird, weil sie immer mehr Zeit und Erleben und Arbeit akkumuliert. Ich lebe mit den Dingen, sie werden echter Teil meines Lebens. Wenn ich so mit den Dingen in meiner Umgebung umgehe, brauche ich viel, viel weniger. Das wenige wird immer älter und wird mir immer lieber.


    T

  • Thorsten Hallscheidt Du könntest auch erleben das der Luftsack genau das ist das dich immer wieder vor dem Festalten-wollen bewahrt.

    Ein sehr gutes Beispiel, werde ich bei mir so sehen um mein Ego daran zu hindern in eine Sucht zu fallen.

    Es gibt Unmengen an Metaebenen. Yang. Es gibt eine Ebene der Realität. Yin

    Dahinter gibt es nichts das diese erschaffen könnte, nur ich bin davor.

    Bedingtes Entstehen in wechselseitiger Abhängigkeit ist Erleben.

    Edited once, last by Ellviral ().

  • Gerade finde ich den Ansatz interessant, das man sich nicht eine Möhre vor die Nase halten sollte. In der Tat passiert das ja gerade in der religiösen Praxis, abseits von ZEN.

    Im Vajrayana oder auch im Theravada wird ja oft darauf hingewiesen, das man eben nur Mensch ist und noch nicht "Vollkommen". Das erzeugt innerlich ein Steben nach "Vollkommenheit" und eine Abwertung der momentanen Situation. Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht.

    :buddha: Es geht immer darum, sich in die Unannehmlichkeiten des Lebens hineinzulehnen und sich diese ganz genau anzuschauen. :buddha:

  • Im Vajrayana oder auch im Theravada wird ja oft darauf hingewiesen, das man eben nur Mensch ist und noch nicht "Vollkommen". Das erzeugt innerlich ein Steben nach "Vollkommenheit" und eine Abwertung der momentanen Situation. Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht.

    Das wäre eine Möglichkeit! :wink: Oder man nimmt es an, nicht perfekt zu sein (perfekt sein zu können), und entspannt sich. Dazu beispielsweise die Praxis der Liebenden Güte.


    Liebe Grüße,

    Igor.

    PS: Von "nicht vollkommen sein" habe ich im Theravada noch nie gehört. Nur vom "nicht vollkommenen Verhalten/Verblendung".

  • Hallo Ellviral.


    Zitat

    Du könntest auch erleben das der Luftsack genau das ist das dich immer wieder vor dem Festalten-wollen bewahrt.


    Nun, dann brauchst Du Dich nur vollkommen, den Reizen und dem Rausch von Internet, Drogen, Medien, Konsum, Wegwerfgesellschaft, etc. hinzugeben. Dann läufst Du nicht Gefahr, an etwas Festhalten zu wollen, weil es immer wieder Neues und Nachschub gibt. ;-)


    T

  • Übrigens, mir hat das Buch "Factfullness" sehr geholfen zu erkennen, wie wenig die "böse Welt" da draußen den Realitäten entspricht und wie die eigene Meinung über diese Welt vorwiegend dadurch entstanden ist, dass sich Negativnachrichten am schnellsten verbreiten und am besten verkaufen lassen. Dieses vorwiegend durch Medien verbreitetes Weltbild entspricht aber nur sehr wenig der Wirklichkeit.

    Danke für den Buchtipp!:)

  • Es geht mir also gar nicht darum, ein bestimmtes moralisches Verhalten zu predigen, sondern eher von einer Erfahrung zu sprechen, wie unglaublich kostbar und schön die Wirklichkeit manchmal ist, wenn es gelingt, zu tauchen, wenn diese Form der Liebe entsteht (ich weiß kein besserers Wort).

    ich glaub, ich weiß schon was Du meinst, aber für mich hört es sich so an, als würdest Du meinen, man könnte im Handstreich jemand völlig anderes werden der dauerhaft, 100%ig im Einklang mit dieser "Liebe" sein alltägliches Leben führt und nichts anderes mehr will. Da ist eine demütigere Herangehensweise aus meiner Sicht besser, die der Liebe immer wieder Raum gibt und sich von ihr stetig von innen verwandeln lässt, ohne Resultate oder Geschwindigkeit bestimmen zu wollen. Es bleibt nämlich eine andere Ebene, die mit der Alltagsebene zusammen wachsen muss. Sie kann sie nicht ersetzen und schon garnicht durch einen Beschluss des Ego.


    Diese "Momente" verstehe ich als wertvolle Hinweise, wohlwissend, dass nach den Momenten wieder ganz andere kommen und das akzeptiere ich, denn dann bin ich nicht sauer wenn es vorbei ist und bekomme keinen Endorphinschub wenn es da ist. Dann beginnt man auch zu ahnen, dass die Liebe sogar da ist, wenn man sie gerade nicht spürt. Das trägt dann nochmal ganz anders und irgendwie auch tiefer. Nicht zu wählen, wie es im Zen heißt, bedeutet für mich auch, Schwächen anzuerkennen und keinen Anspruch auf permanente Klarheit zu erheben.


    Ein bisschen Luft wird also mMn immer im Sack sein und das bringt das Menschsein mit sich. Diese Spannung gehört dazu und man soll vielleicht auch garnicht so abtauchen, dass man mit der Oberfläche nicht mehr in Kontakt ist.

    Es gibt da so einen Zen Spruch von dem ich grad nicht genau den Wortlaut und die Herkunft kenne aber es geht ungefähr so:

    Zitat

    Einatmend verliere ich mich nicht in der inneren Welt und ausatmend verliere ich mich nicht in der äußeren Welt.


    Oder wie Etty Hillesum mal schreibt:

    Zitat

    Nichts von der inneren Welt um der Äußeren Willen preis geben, aber auch nicht anders herum

  • Hallo Niemand,


    ich habe an keiner Stelle von Geschwindigkeit gesprochen oder von 100%iger oder permanenter Klarheit – eher von Prozess. Da merkt man doch wieder, dass jeder seine eigenen Dämonen mitbringt. ;-) Ich nehme an, dass wir von verschiedenen Dingen sprechen, denn außen und innen spielen, bei dem, was ich meine, keine Rolle, auch keine Enttäuschung wenn ein Endorphinschub ausbleibt. (Das kenne ich wohl auch.) Die Kategorien Schwächen/Stärken passen hier nicht hin. Darum geht es doch gar nicht. Es geht um eine Art der Beziehung zur Wirklichkeit, die ich für heilsam halte. Möglicherweise ist das hier auch nicht der richtige Ort darüber zu sprechen. Ich wollte mit dem Missverständnis aufräumen, ich würde irgendeine enge Moral proklamieren. Das habe ich jetzt hoffentlich gemacht.


    Hier ein Beitrag von einem Soziologen, der das mit anderen Worten sehr gut zum Ausdruck bringt, was ich meine:


    Resonanz. Eine Soziologie des guten Lebens


    Liebe Grüße


    T

  • Quote from Thorsten Hallscheidt

    Hier ein Beitrag von einem Soziologen, der das mit anderen Worten sehr gut zum Ausdruck bringt, was ich meine:


    Resonanz. Eine Soziologie des guten Lebens


    Liebe Grüße

    Zu hartmut Rosa und seinem Konzept der Resonanz gibt es zwei Threads:


    Achtsamkeitskritik Hartmut Rosa ( Juni 2018)


    Achtsamkeit versus Resonanz, oder die allgemeine Entfremdung (März 2019)

  • Danke void.


    Ja, Hartmut Rosa hat ein paar Vorbehalte gegen die Achtsamkeitsszene, zumindest dort, wo diese Szene in Richtung Egozentrismus, Selbstoptimierung, Abgehobenheit und Narzissmus tendiert. Der Vortrag, den ich verlinkt habe, geht aber um sein Konzept von Resonanz, das ich sehr interessant bezüglich der derzeitig problematischen Haltung zu Natur, Ressourcen und Umwelt finde, weil es dem Konzept "Verzicht" etwas ganz anderes entgegensetzt.


    Viele Grüße


    T