Trockenes Vipassana vs. feuchtes Vipassana (dry vipassana / wet vipassana)

There are 40 replies in this Thread. The last Post () by Grashuepfer.

  • Weißt du, raterz, ich hoffe, es ist klar, dass ich mich nicht über dich lustig machen will. (Die andren sicher auch nicht.) Es ist halt nur so, dass es der buddhistischen Ökumene nicht sehr hilfreich ist, einer Meditationsrichtung grundsätzlich die Fortschritte abzusprechen.


    Übrigens, Fun Fact: Freud hat diesen Effekt, den wir auch innerhalb verschiedener buddhistischer Gesellschaften beobachten können, recht schön beschrieben:


    Zitat

    Sigmund Freud bemerkte, „dass gerade benachbarte und einander auch sonst nahestehende Gemeinschaften sich gegenseitig befehden und verspotten, so Spanier und Portugiesen, Nord- und Süddeutsche, Engländer und Schotten“. Die Aggression zwischen benachbarten Nationen, verwandten Konfessionen, Lehrern und Schülern liegt in diesem „Narzissmus der kleinen Differenzen“ begründet.

    Gastvortrag: „Narzissmus der kleinen Differenzen“



    Daniel Ingram hat dazu auch noch was längeres geschrieben. Ich nehme mal an, dass es rechtlich ok ist, das alles hier zu posten, da sein Buch selber auch offiziell zum kostenlosen Download freigegeben ist, im englischen Original und in einervorläufigen deutschen Übersetzung. (Buddhistische Gesellschaft)


    Zitat

    KONZENTRATION VS. EINSICHT


    (mz) Bei den Unterschieden zwischen Konzentrationspraxis und Einsichtspraxis gibt es viel

    Durcheinander. Dies mag zum Teil durch den „Mushroom-Faktor“ verursacht sein oder durch andere

    Faktoren wie, dass Konzentrationspraxis einfacher und die meiste Zeit auch deutlich angenehmer als

    Einsichtspraxis ist. Konzentrationspraktiken (Samatha- oder Samādhi-Praktiken) sind Meditation auf

    ein Konzept als Meditationsobjekt, ein geistig verfestigtes Aggregat von vielen flüchtigen

    Empfindungen. Während Einsichtspraxis Meditation auf die vielen flüchtigen Empfindungen selbst, so

    wie sie sind, ist. Wenn wir Konzentrationspraktiken ausführen, versuchen wir absichtlich den Geist in

    einen speziellen Zustand zu bringen oder einzufrieren, der „Vertiefung“, „Jhāna“ oder „Dhyana“

    genannt wird. Während die Realität nicht in dieser Weise eingefroren werden kann, kann die Illusion

    von Festigkeit und Stabilität gewiss kultiviert werden und das ist Konzentrationspraxis.

    Einsichtspraxis wurde entworfen, um die Drei Illusionen der Beständigkeit, des

    Zufriedenstellenkönnens und des separaten Selbsts zu durchdringen, um dadurch Freiheit zu erreichen.

    (Anm. Die Illusion des Zufriedenstellenkönnens hat mit dem fehlerhaften Empfinden zu tun, dass das

    Aufrechterhalten der geistigen Illusion eines separaten, permanenten Selbsts befriedigen könnte oder

    hilfreich sei und bezieht sich nicht auf einen repressiven und spaßverneinenden Leidenstrip)

    Einsichtspraxis (verschiedene Arten von Vipassanā, Dzogchen, Zazen etc.) führen zu den

    fortschreitenden Einsichtsstufen. Einsichtspraxis neigt dazu schwierig und irgendwie beunruhigend zu

    sein, da sie entwickelt wurde, unsere Verblendung und viel behütete Ansichten über uns und über die

    Welt zu dekonstruieren. Manchmal kann sie aber auch für frustrierend kurze Perioden erschütternd

    glückseligmachend sein.


    Konzentrationszustände sind grundlegend immer eine Zusammenstellung von großem Spaß,

    extremer Faszination, verführerischen, umfassenden, glückseligen, friedvollen, spektakulären Empfindungen etc.

    Es gibt eigentlich keine Grenze, wie interessant Konzentrationspraxis sein kann.

    Einsichtsstufen und ihre Enthüllungen können auch sehr interessant sein, aber sie sind nicht so

    potenziell süchtigmachend, wie es die Konzentrationspraxis und ihre Seiten- effekte sein können.

    Einsichtspraxis neigt dazu, die meiste Zeit harte Arbeit zu sein. Sogar wenn sie erfolgreich arbeitet,

    zeigt sie uns nur die Dinge, wie sie sind.


    Einer der Faktoren, der tatsächlich Verwirrung mit sich bringt, ist, dass die Terminologie der

    konzentrativen Zustände (Jhānas) in den Originaltexten benutzt wird, um beide, die fortschreitenden

    unechte- ren Konzentrationszustände und auch den Einsichtsfortschritt, mit wenig Hinweisen, was was

    ist, zu beschreiben. Dies wurde zu einem gewissen Grad ein paar hundert Jahre später, als die Stufen

    der Ein- sicht in den kanonischen Kommentaren artikuliert wurden, revidiert. Aber das Grundproblem

    wurde nicht erwähnt. Dies wurde hauptsächlich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch

    94die Burmesen gelöst. Ich werde die Vipassanā-Jhānas später skizzieren.

    Um die Dinge auf eine Weise klar zu halten, wie es die alten Texte nicht taten, meine ich immer,

    wenn ich mich auf Jhānas beziehe, ohne zu erwähnen, ob ich Samatha- oder Vipassanā-Jhānas meine,

    Samatha-Jhānas, einen stabilen, durch Konzentration geschaffenen Zustand. Wenn ich mich auf die

    Jhānas, die durch Einsichtspraxis produziert werden, beziehe, werde ich sie immer Vipassanā-Jhānas

    nennen. Konzentrationspraxis entwickelt Konzentration, aber sie entwickelt keine Weisheit. Das

    Problem ist, dass Konzentrationszustände Leute leicht narren können, da sie oft denken, dass diese

    Zustände das Ziel des spirituellen Pfades seien, da sie so glückseligmachend, umfassend und sogar

    formlos sein können und so einige unpräzise Beschreibungen oder Erwartungen, wie Erwachen sein

    könnte, treffen könnten.


    Konzentrationspraxis kann jedoch auch sehr hilfreich und wichtig sein. Ohne eine gewisse

    Konzentrationspraxis oder –fähigkeit ist Einsichtsmeditation praktisch unmöglich. Es gibt eine Debatte

    in den antiken Kommentaren über einige Studenten, die erleuchtet wurde, ohne sogar den Niedrigsten

    der Konzentrationszustände (das 1. Jhāna, wird später erklärt) zu erreichen. Praktiker, die „trockene

    Einsichtspraktizierende“ genannt werden. Ich würde mich aber nicht darauf verlassen, dass so etwas

    häufig passiert. Glücklicherweise kann Einsichtspraxis selbst gleichzeitig Konzentration und Einsicht

    entwickeln, obwohl die Gefahr von den konzentrativen Zuständen verführt zu werden, auch hier eine

    Falle bilden kann. In Kürze, ihr müsst das 1. Jhāna meistern, um eine minimale Basis für den Fortschritt

    der Einsicht zu haben, aber dies ist alles, was für Erleuchtung benötigt wird.

    Solange man sich klar ist, was Konzentrations- und was Einsichtspraxis ist (was leider nicht so

    leicht verstanden wird, wie einige denken), kann auch Konzentrationspraxis jenseits des 1. Jhānas

    hilfreich für Einsichtspraktizierende sein. Alle Konzentrationszustände stabilisieren den Geist und dies hat

    vier grundlegende Vorteile. Erstens, wie eine Filmkamera, die wild geschüttelt, wahrscheinlich keinen

    klaren oder scharfen Film abliefern wird, so wird auch der Geist, der nicht fest auf dem Objekt

    verbleibt, keine klare Wahrnehmung der letztendlichen Wahrheit dieses Objektes erhalten. Zweitens, da

    Konzentrationszustände tiefe Klarheit und Stabilität auf die Inhaltsebene kultivieren, sind sie sehr

    nützlich, um tiefe heilende psychologische Einsichten zu entwickeln. Um es auf andere Weise zu sagen,

    wenn ihr euren Stoff aufarbeiten wollt, macht Konzentrationspraxis.


    Drittens, Konzentrationszustände können eine willkommene und wertvolle Erholung vom

    Stress sein, da sie für eine sehr tiefe Entspannung und Frieden sorgen, die extrem wichtige Teile des

    vernünftigen, mitfühlenden und gesunden Lifestyles sein können.

    Der Buddha pries diejenigen, die die Konzentrationszustände gemeistert hatten, und das sollte

    als Gedächtnisstütze all denjenigen dienen, die ihren großen Wert unterschätzen, oder irrigerweise annehmen,

    dass das Nicht-Genießen des Lebens irgendwie „spirituell“ wäre. Viertens, Konzentrationspraxis kann

    dabei helfen, dass der Einsichtspraktizierende irgendwie mental stabiler und balancierter

    bleibt, da seine alten Konzepte seiner Existenz durch die Einsichtspraxis auseinander gerissen werden.

    Wenn diese Zustände jedoch damit enden, dass sie diesen Prozess verhindern, entweder durch ein

    Gefühl eines Selbsts oder wenn sie eine Aversion zur klaren Erfahrung des Leidens erzeugen, dann

    werden sie ein Hindernis.


    Dies ist eine sehr trickreiche Balance. Wenn ein Schüler an Stabilität hängt, wird er sicher

    keinen Einsichtsfortschritt machen. Wenn er jedoch in die schnellen und harten Vibrationserfahrungen

    der Ein- sichtspraxis eintaucht, ohne die lindernden Effekte der Konzen- trationspraxis, die ihm helfen,

    irgendwie geerdet zu sein, kann der Schüler sich so fühlen, als hätte er eine kleine Dosis (oder im

    schlechtesten Fall eine große Dosis) LSD genommen oder zu viel Kaffee getrunken hat. Ich verbrachte

    die ersten fünf Jahre meiner Praxis damit den Samatha-Jhānas wenig Aufmerksamkeit zu schen- ken

    95und realisiere jetzt, dass dies möglicherweise ein Fehler war.

    Manchmal können spirituelle Enthüllungen sehr extrem und drama- tisch sein. Die Fähigkeit die

    Dinge zu verlangsamen und zu beruhigen, kann manchmal sehr nützlich sein, wenn wir es einerseits

    mit der normalen Welt und andererseits mit diesen Enthüllungen zu tun haben. In Kürze, wendet

    Konzentrationspraxis an, wenn ihr bei eurer Einsichtspraxis erst einmal nicht weiterkommen wollt, da

    ihr einfach etwas runterkommen müsst, um in der Lage zu sein mit eurem Leben weiterzumachen, ohne

    komplett auszuflippen (wie z. B. bei einem Studenten der Medizin). Ein Weg dies zu tun, ist, in

    Konzentrationszuständen zu schwelgen. Wenn man dies mit der formalen Resolution, keinen

    Einsichtsfortschritt machen zu wollen, ausführt, kann das sehr effektiv sein.

    Es gibt viele Konzentrationszustände und sie werden später nach ihrer Meisterung immer

    geläuterter. Eine kurze Beschreibung der Konzentrationszustände folgt nun. Sie basiert auf den

    Standard- texten und ist sehr genau. Ungeachtet der Tradition, der ihr folgt, sobald ihr anfangt eine

    ihrer Konzentrationspraktiken zu meistern, werdet ihr durch diese Zustände in dieser Reihenfolge hoch

    bis zu der Stufe eurer aktuellen Fähigkeit gehen, obwohl einige Leute Jhānas überspringen können.

    Die spezifischen Meditationsobjekte mögen die Stufe des Jhānas, das erreicht werden kann, begrenzen,

    als auch die Erfahrung dieser Zustände färben. Solche Details werden in verschiedenen kanoni- schen

    Texten ausgesprochen, wie der „Visuddhi Magga“ und der lesbareren aber schwerer zu findenden

    „Vimutti Magga“. Bhante Gunaratanas „The Jhānas“, die in seinem kompletteren Werk „The Path of

    Serenity and Insight” enthalten sind, sind eine wissenschaftliche Arbeit über dieses Thema, wie es auch

    Nyanatilokas „Der Weg zur Erlösung“ ist.

    Einige dieser Texte (insbesondere die ersten zwei) enthalten lange komplizierte Diskussionen

    welche Haltung und welches Objekt das Bestgeeignetste für die individuellen Neigungen der

    verschiedenen Arten der Leute sein könnte.


    Es ist unschön, dass diese Art der Information heutzutage kaum in Gebrauch ist. Ich nehme an,

    dass ein Anzug von der Stange es bei den meisten Gelegenheiten tut, aber es gibt irgendetwas an denen,

    die maßgeschneidert sind. Mir wurde erzählt, dass es noch ein paar Klöster gibt, die diese Art des

    traditionellen Trainings bieten. Unglücklicherweise ist dieses Thema zu komplex, um es hier richtig zu

    behandeln. Aber denjenigen von euch, die dieses Thema ernsthaft interessiert, wird sehr empfohlen, die

    Originalquellen zu untersuchen. Sie enthalten eine erstaunliche Menge an machtvoller Information.

    Aber unglücklicherweise in ziemlich ermüdender Form.

    Viele Traditionen benutzen den Atem anfänglich als primäres Objekt und steigen dann auf die

    Qualitäten der Zustände selber, wenn sie entstehen und die Konzentration stark ist, als

    Meditationsobjekt um. Die Qualität eines Jhāna kann entweder „weich“ oder „hart“ sein, was daran

    liegt, wie fest dieser Zustand ist. In einem weichen Jhāna sind die Qualitäten dieses ungewöhnlichen

    Zustandes definitiv anders erkennbar, als bei der gewöhnlichen Erfahrung und zwar dadurch, dass wir

    uns sicher in einem durch diese Qualitäten definierten veränderten Zustand befinden.

    In einem wirklich harten Jhāna fühlt es sich an, als ob unser Geist mit diesen Qualitäten verschmolzen

    ist oder mit dem Objekt mit Superkleber vereint ist, als wenn wir nichts als ein fester Block dieser

    Qualitäten oder dieses Objektes wären, als ob wir und das Objekt die ganze Welt wären, mit nichts das

    übrig bleibt. Ein wirklich hartes Jhāna zu erreichen, bringt dramatische Erhöhungen der vorteilhaften

    Effekte der Praxis mit sich. Es erfordert aber eine größere Stärke der Konzentration und gewöhnlich

    auch bessere Praxisbedingungen. Wenn man die Vorteile der Jhānas allein möchte, kann hierbei auch

    das Konzentrationsobjekt helfen, was einfach ein leicht identifizierbares äußeres Objekt, wie eine

    Kerzen- flamme oder eine Farbscheibe sein kann.


    Detaillierte gute Instruktionen für Praktiken mit äußeren Objekten, die „Kasina-Praktiken“

    96genannt werden, stellen die oben gelisteten Werke, insbesondere das von Bhante Gunatatana „The Path

    of Serenity and Insight“ zur Verfügung, sodass ihr einfach nur die Quellen erstehen und lesen müsst.

    Die grundlegenden Anweisungen sind jedoch diese: Stabilisiert eure Konzentration auf ein äußeres

    Objekt (Kasina) bis ihr das Objekt mit geschlossenen Augen sehen könnt. Nehmt diese Vision als neues

    Objekt und stabilisiert eure Aufmerksamkeit darauf, bis eure Konzentration wie ein Felsen ist. Mit

    dieser Konzentration solltet ihr in der Lage sein, leicht irgendeinen dieser Zustände, die ich nun gleich

    beschreiben werde, zu erreichen.

    Das Basismuster, mit dem man durch diese Zustände geht, ist das Folgende. Zuerst entwickelt

    man genug Konzentration, um Jhāna zu erreichen. Dann sieht/fühlt der Geist das Jhāna, bewegt sich in

    seine Richtung und geht hinein. Fast alle diese Zustandsänderungen ge- schehen zwischen dem Ende

    des Ausatmens und dem Beginn des neuen Einatmens gelegentlich durch Augenlidflackern begleitet.

    Dann gibt es eine Flitterwochenperiode, wo das Jhāna frisch aber unstetig ist. Dann folgt die

    Reifeperiode, wo das Jhāna wirklich mehr in seine eigene Festigkeit kommt und seine wahre Pracht

    zeigt. Nun werden die Unvollkommenheiten des Jhānas sichtbar, als auch die Nähe des Zustands zum

    Zustand darunter und die Leichtigkeit mit der man in diesen niedrigeren Zustand fallen kann. Als

    Nächstes vertieft sich die Konzentration und eine Art von Gleichmut über die guten und schlechten

    Aspekte dieses Jhānas setzt ein. Wenn die Konzentration stark genug wächst und das aktuelle Jhāna

    nicht länger wünschenswert ist, steigt der Geist ganz natürlich zum nächsthöheren Jhāna auf und der

    Zyklus fängt, innerhalb der Begrenzungen, die nach Menschenermessen erreichbar sind, und euren

    aktuellen Fähigkeiten, wieder an.

  • Grashuepfer : der Bodyscan ist doch gerade Samatha!

    Das ist echt schon eine Weile her :) Aber mir fiel es ein, als ich heute mit einem Vipassana-Lehrer gesprochen hab. Hab nachgefragt, ob für ihn Bodyscan als Einsichtsmeditation zu sehen ist oder nicht.

    Die Antwort war sehr interessant. Er meint, dass man Bodyscans zu beidem verwenden kann, so wie eigentlich alle Praktiken. Die tatsächliche Frage ist, wie man vorgeht, bzw. die Methode einsetzt. Dass es das entscheidende sei, wie genau man hinschaut, wie genau man mental analysiert, ob man über ein gewisses Intensitätslevel hinausgeht. Wenn man weit genug geht damit, dann kann man mittels Körperempfindungen die zustandsartige Natur der geistigen Regungen erkennen - wenn man an der Oberfläche bleibt, dann kann man Bodyscan auch als Beruhigungsübung nutzen, wie z.B. bei MSBR. Er meinte weiterhin, dass in der Goenka-Tradition der Bodyscan als echte Einsichtspraxis... praktiziert wird ;)


    Fand ich sehr interessant. Auch in dem Buch, das ich gerade lese, wurde ähnlich argumentiert. Man kann mit mittlerer Intensität Achtsamkeit praktizieren, um den Geist zu beruhigen und sich siner Regungen bewusster zu werden. Und man kann weiter gehen, genauer hinschauen, hinter die Kulissen blicken um eine tiefgreifende Transformation zu erfahren.


    Letztlich war mir der Gedanke relativ neu, dass man die meisten Techniken zu beidem einsetzen kann. Was hältst du davon? Ich find es faszinierend, bei näherem Hinsehen ist es auch gar nicht so überraschend. In vielerlei Hinsicht ist Shikantaza ja auch eine sogenannte somatische Praxis, denn man sitzt ja "mit dem Körper" beim Nur-Sitzen. Natürlich wird dort dann gar nicht analysiert, aber dennoch sind die Übergänge mal wieder fließend.

  • Endlich komme ich dazu, zu Deinem netten Bericht etwas zu schreiben.

    Letztlich war mir der Gedanke relativ neu, dass man die meisten Techniken zu beidem einsetzen kann.


    Das finde auch Sicht meiner Praxis aus auch verwunderlich. Die Übung meiner Tradition beruht gerade auf dem Wechsel zwischen gerichteter Achtsamkeit (auf das Meditationsobjekt) und ungerichtetem Gewahrsam. Im ungerichteten Gewahrsam wird auch nicht analysiert, höchstens benannt ("höchstens", weil auch die Benennung "nur" eine Hilfe ist, je nach Tagesform und eigenem Fortschritt, die man später meist nicht mehr braucht). Die "Wahrheit" kommt dann durch unmittelbare Erkenntnis zum Vorschein, nicht durch bewusste Analyse.


    Ich habe den Verdacht, das bei Goenka Bodyscan nicht gleich Bodyscan ist, sondern in beiden Ausführungen existiert: Als Meditation auf ein Objekt (auch wenn das ständig wechselt), und als offene Achtsamkeit auf das, was man gerade vorfindet. EIgentlich könnte man das verschieden benennen.


    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • Die tatsächliche Frage ist, wie man vorgeht, bzw. die Methode einsetzt. Dass es das entscheidende sei, wie genau man hinschaut, wie genau man mental analysiert, ob man über ein gewisses Intensitätslevel hinausgeht. Wenn man weit genug geht damit, dann kann man mittels Körperempfindungen die zustandsartige Natur der geistigen Regungen erkennen - wenn man an der Oberfläche bleibt, dann kann man Bodyscan auch als Beruhigungsübung nutzen, wie z.B. bei MSBR.

    Zitat dazu:


    Zitat

    Es gibt Praktiken, wie das Körperauskehren, wo die Achtsamkeit die ganze Zeit über bewegt wird. Dies kann sehr hilfreich sein, da es uns motiviert hält wegen der neuen interessanten Empfindungen, und uns davon abhält in den Gedankentrott zu kommen, dass wir bei neuen Empfindungen sind, während wir in Wirklichkeit nur alte Muster erinnern. Jedoch hat diese Praxis die Schattenseite, dass es ihr manchmal an echter Präzision von aufrichtiger Achtsamkeit mangelt, was durch den Aufenthalt bei einem restriktiveren Fokusgebiet kommt. Wir können dabei enden, mehr Achtsamkeit darauf zu verwenden, unsere Achtsamkeit am Bewegen zu halten, als klar zu untersuchen, was unsere Achtsamkeit enthüllt.

  • Danke Karin! Das ist eine interessante Sache, und sicher eine gute Technik, besonders wenn man schon eine gewisse grundlegende Konzentrationsfähigkeit hat. Willst du noch sagen, woher das Zitat ist?

  • Danke Karin! Das ist eine interessante Sache, und sicher eine gute Technik, besonders wenn man schon eine gewisse grundlegende Konzentrationsfähigkeit hat. Willst du noch sagen, woher das Zitat ist?

    Achso Entschuldigung. Ist auch von Daniel Ingram aus Hardcore Buddhismus :)

  • Ich poste jetzt einfach mal das ganze Kapitel, weil ich es als sehr aufschlussreich empfinde:


    Zitat

    Objekte für die Einsichtspraxis


    Wie schon oben erwähnt, gibt es eine Menge an Einsichtstraditionen und sie haben alle ihre bevorzugten Objekte. Wobei vom reinen Einsichtsstandpunkt aus gesehen, dass Meditationsobjekt nicht wichtig ist, genau wie bei den Haltungen, gibt es einige andere praktische Erwägungen bezüglich unserer besonderen Fähigkeiten und der laufenden Phase unserer Praxis, die es Wert sind, in Betracht gezogen zu werden. Es sollte hier bemerkt werden, dass kein Objekt inhärent ein Objekt für die Einsichtspraxis oder die Konzentrationspraxis ist. Der Unterschied ist, ob wir die Drei Daseinsmerkmale dieser Objekte untersuchen oder ob wir die Tatsache, dass das Objekt aus einzelnen Empfindungen zusammengesetzt ist, ignorieren und es damit künstlich verfestigen. Deshalb könntet ihr jedes der unten erwähnten Objekte (und natürlich auch noch viele andere) für beide

    Arten der Praxis benutzen.


    Die erste Frage ist, ob man ein bestimmtes Programm für die Art der Empfindungen oder den Bereich, den man in seine Praxis einbeziehen möchte, hat oder nicht hat. Das heißt, ob man „wahllose Achtsamkeit“ ausüben möchte oder eine mehr strukturiertere Praxis. Wahllose Achtsamkeitsübungen haben den Vorteil sehr umfassend und „natürlich“ zu sein und trotzdem gibt es Leute, die leicht gestört und ungeerdet reagieren, wenn sie kein strukturierteres Verfahren nehmen.


    Bei den strukturierteren Verfahren geht es um den Grad, wie man körperliche oder geistige Empfindungen während der Meditation einbezieht. Ob man ein engfokussiertes oder ein offeneres Aufmerksamkeitsfeld benutzt und ob man die Achtsamkeit herumbewegt oder sie immer am selben Platz lässt.


    Der größte Vorteil den Fokus hauptsächlich auf den körperlichen Empfindungen, wie den Atem, den Gehempfindungen, die Kontaktpunkte mit dem Boden oder den Empfindungen unseres physischen Körpers im Allgemeinen zu halten, ist, dass sie weniger verführerisch sind als geistige Empfindungen. Geistige Empfindungen neigen dazu, uns in den Content und in Geschichten zu verwickeln, wie jeder, der jemals versucht hat zu meditieren, gut genug weiß. Je mehr geistige Empfindungen wir in unsere Praxis einbeziehen, desto mehr unseres emotionalen Stoffes werden wir begegnen. Das kann sowohl positiv als auch negativ sein. Wenn unsere Praxis sehr machtvoll ist, können wir problemlos solch ein Gebiet betreten und dennoch die wahre Natur der Dinge sehen, die all diese Empfindungen ausmachen. Wenn unsere Praxis allerdings schwach ist, werden wir einfach versumpfen, verloren gehen in den Gewohnheitsmustern des Denkens verbunden mit unserem Stoff.


    Deshalb helfen uns körperliche Empfindungen uns selbst zu erden und geistige Empfindungen öffnen uns einzutauchen in die Tiefen unseres geistigen Lebens oder darin verloren zu gehen. Von einem reinen Einsichtsstandpunkt aus ist weder das eine noch das andere heiliger oder mehr eine Quelle der Wahrheit. Jedoch, wenn wir den Versuch machen, werden wir schnell realisieren, womit wir arbeiten können. „Arbeiten“ bedeutet in diesem Fall, dass wir dabeibleiben können, die wahre Natur der zahlreichen schnellen Empfindungen, die unsere Realität ausmachen, zu sehen.


    Es gibt zahlreiche andere Arten von körperlichen Objekten, die untersucht werden können, inbegriffen Geräusche, Gesehenes, Gerüche und Schmeckbares. Einige Leute haben eine natürliche Neigung zum Untersuchen von Empfindungen eines bestimmten Sinnestores. Es gibt ein Mönch in Burma, der seinen Schülern empfiehlt, den hohen Ton in unseren Ohren als Objekt zu nehmen und manchmal fand ich das sehr nützlich und interessant. Mehr als das es ein kontinuierlicher Ton zu sein scheint, können wir so jede kleine einzelne Empfindung des Tönens als unterbrochene Entität hören. Wir können auch Gesehenes als Objekt nehmen, wie die Farbe auf der Rückseite unserer Augenlieder oder, falls unsere Augen offen sind, was auch immer sich für eine visuelle Empfindung präsentiert. Diese sind auch unbeständig und wenn wir dabei gut sind, können wir sogar unserer visuelle Welt sich als einzelne Bilder eines Film präsentieren sehen.


    Eine andere Erwägung ist, ob wir unsere Achtsamkeit in einem engen oder breiten Fokus anwenden. Der Vorteil eines engeren

    Fokusses der Achtsamkeit ist, dass er viele Störungen ausschließt. Einige sind beim Betrachten gewisser ausgesuchter Objektarten, wie den Atemempfindungen im Bauchbereich oder nur an der Nasenspitze sehr gut und das ist auch richtig und eine sehr gute Sache. So eine einspitzige Praxis wird routinemäßig empfohlen und einige Leute, wie auch ich, haben eine natürliche Neigung zu diesem Stil. Andere finden, dass es sie zu nervös und empfindlich macht. Jedoch können sie es dann besser mit einem umfassenderen und weiteren Achtsamkeitsfeld. Diese Dinge variieren mit der Person und der Situation und wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, werden wir erkennen, mit was wir arbeiten können und mit was nicht. Der Vorteil

    eines weiten Achtsamkeitsfeldes ist, dass wir weniger Anstrengung für das Fokussiertsein verwenden müssen und wir präsenter demgegenüber sein können, was auf natürliche Weise aufkommt. Der Nachteil ist, dass wir faule Meditierende werden können und uns in Gedanken verlieren. Die Vor- und Nachteile müssen gegeneinander abgewogen werden.


    Es gibt Praktiken, wie das Körperauskehren, wo die Achtsamkeit die ganze Zeit über bewegt wird. Dies kann sehr hilfreich sein, da es uns motiviert hält wegen der neuen interessanten Empfindungen, und uns davon abhält in den Gedankentrott zu kommen, dass wir bei neuen Empfindungen sind, während wir in Wirklichkeit nur alte Muster erinnern. Jedoch hat diese Praxis die Schattenseite, dass es ihr manchmal an echter Präzision von aufrichtiger Achtsamkeit mangelt, was durch den Aufenthalt bei einem restriktiveren Fokusgebiet kommt. Wir können dabei enden, mehr Achtsamkeit darauf zu verwenden, unsere Achtsamkeit am Bewegen zu halten, als klar zu untersuchen, was unsere Achtsamkeit enthüllt. Nochmal, einige Leute kommen gut mit bewegenden Achtsamkeitspraktiken klar und andere scheinen zu gedeihen, wenn sie die Achtsamkeit an einem

    Ort halten.


    Es sollte bemerkt werden, dass wir nicht immer wissen, was das Beste für uns ist. Wir suchen uns vielleicht Praktiken aus, die sich für uns absolut gut anfühlen, weil sie nicht zu stark treffen, uns nicht erlauben, die verwirrende Wahrheit der Unbeständigkeit und des Leidens zu untersuchen, nicht unser Empfinden der Identität auf eine Weise, die uns wirklich bis auf die Knochen trifft, klar zu untersuchen. Wir können auch Traditionen heraussuchen, die zermürbend und sehr schmerzhaft für uns sind, weil wir uns vorstellen, dass dies das ist, was wichtig ist. Sogar wenn solche Traditionen keine klare Untersuchung der Wahrheit der tatsächlichen Erfahrung fördern. Deshalb ist das Arbeiten mit guten Lehrern, die uns anweisen können, und uns dabei helfen, uns beim Ausharren in unseren Verblendungen abzuhalten, empfohlen. Die meisten Lehrer lehren aber nur eine Praxis, gewöhnlicherweise die eine Besondere, die bei ihnen funktionierte. Wenn dies auch eine Technik ist, die richtig bei

    uns funktioniert, dann können wir sie benutzen. Wenn nicht, können wir andere Techniken oder Traditionen untersuchen.


    Eine dazugehörige Bemerkung: Ich habe befürwortet herauszubekommen, was für euch funktioniert, indem ich annahm, dass ihr dabei klug vorgeht. Ich empfehle jedoch darin Mäßigung. Wenn ihr euch z. B. zum Meditieren hinsetzt und dann meint, dass ihr jetzt ein wenig schläfrig seid, deshalb aufsteht und wenn ihr euch dann wieder ein wenig eingewöhnt habt, wollt ihr euch ein paar Minuten später wieder hinsetzen. Dann eine Minute später entscheidet ihr euch, dass ihr diesen kleinen Schmerz im Knie nicht mögt und legt euch deshalb hin. Wenn ihr so mit eurer Praxis fortfahrt, ist dies vermutlich wenig vorteilhaft für euch. Versucht deshalb eine bestimmte Haltung auszuwählen und innerhalb vernünftiger Grenzen auch dabei zu bleiben. Dasselbe gilt für Meditationsobjekte, besonders am Anfang. Es gäbe noch eine Menge darüber zu sagen diese grundlegende Stufe an Selbstkontrolle und Disziplin zu kultivieren. Ohne sie kann es passieren, dass wir unsere Praxisgewohnheiten ständig ändern, wenn unsere Untersuchungspraxis anfängt, in unsere Nähe zu kommen.


    Daniel Ingram - Hardcore Buddhismus

  • Ich kann bei manchem mitgehen was Ingram da schreibt.


    Was mich aus Sicht meiner Praxis verwundert, ist, dass er sich die Chance vergibt , durch den Wechsel zwischen gerichteter Achtsamkeit (Samadhi) und offener Achtsamkeit (Vipassana, Satipathana) zu Erkenntnissen zu kommen. Das bleibt in seinem "System" dann ja komplett dem Zufall überlassen, ist aber nach meiner Erfahrung ein starkes Werkzeug.



    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • Hmm.. ich hab Ingram nicht gelesen, aber würde angesichts dessen, was ich so von ihm kenne, vermuten, dass er sehr viel mehr an Techniken kennt und nennt, als das von Katrin zitierte.

  • Hallo Aravind, ich hatte neulich noch einmal einen sehr ähnlichen Input bezüglich dessen, dass man eine Methode zu verschiedenen Zwecken einsetzen kann. Diesmal ging es nicht num Bodyscans, sondern um Atembetrachtung.


    Es fand im Rahmen eines Online-Retreats mit Jeremy Graves (TMI-Coautor und klinischer Psychologe) statt. Graves selber unterrichtet mittlerweile eher im Stile von Pa Auk Sayadaw, welcher einen sehr großen Schwerpunkt auf Samatha und Jhanas legt. TMI gilt ja als Samatha-lastig, aber andererseits wird von Anfang an zumindest in geringeren Dosen auch Einsichtspraxis geübt.


    Da kam dann das Gespräch darauf - dass man eben Atembetrachtung auch auf verschiedene Arten praktizieren kann: Man kann den Fokus auf die Flüchtigkeit der Erscheinungen des Atems, die ständig wechselnden geistigen Erscheinungen bei der Atembetrachtung und die Abwesenheit eines Wesenskerns, der betrachtet legen. Du ahnst es - Atembetrachtung (für Neunmalkluge: Anapana ;) wird zum Erkennen der drei Daseinsmerkmale genutzt und hat somit einen Vipassana-/Einsichts-Schwerpunkt.


    Pa Auk Sayadaw hingegen unterrichtet etwas, das gerne mal als "Pure Samatha" bezeichnet wird. Ziel ist eben nicht diese Art der Betrachtung - der Atem wird nur ganz locker beobachtet, gar nicht untersucht, jedes Untersuchen wird fallengelassen, wenn man es bemerkt. Ziel ist, dass der Atem mehr ein mentales Objekt wird wie z.B. ein Kasina oder eine Visualisierung. Und somit ein Ort, in dem der Geist verweilt, zur Ruhe kommt - Pure Samatha eben.


    Der Punkt da ist für mich die nochmal von einem durchaus sehr kundigen Lehrer, wieder einem ganz anderen, angestoßene Ansicht, dass die Art, wie man sich einer Sache zuwendet, einen riesen Unterschied macht und man gar nicht so einfach sagen kann: "Atembetrachtung ist Samatha."

    Ich habe den Verdacht, das bei Goenka Bodyscan nicht gleich Bodyscan ist, sondern in beiden Ausführungen existiert: Als Meditation auf ein Objekt (auch wenn das ständig wechselt), und als offene Achtsamkeit auf das, was man gerade vorfindet. EIgentlich könnte man das verschieden benennen.

    Während die Debatte offenes Gewahrsein vs. objektbasierte Meditation nochmal eine andere ist, geht es ja doch in diese Richtung. Eigentlich könnte man die zwei Herangehensweisen nämlich durchaus auch hier verschieden benennen. Ist es nicht toll, was man alles mit dem Geist machen kann? 8)

  • Ist ja toll was man alles mit dem Geist machen kann?!!!

    Genau darum hab ich alles was Geist machen kann aus meiner Meditation rausgeschmissen oder lass es links liegen wenn es auftaucht. Da ist mir egal was da irgendwer denkt, glaubt betrachten möchte, für wichtig hält.

    Ich hab gerade erkannt das bei mir all das nicht in meiner Meditation stattfindet. Das ist Kontemplation nachdenken und was auch immer. Wenn ich mich hinsetze um zu meditieren wird all das vernachlässigt und, ja, sogar verweigert.Darum wird wohl auch nicht verstanden was ich unter Meditation empfinde. Da gibt es nichts zu berichten außer das dann nichts außer sitzen stattfindet. Darum versteh ich auch Diskussionen über meditieren nicht weil es da für mich nicht möglich ist zu zählen zu betrachten zu visualisieren, das stört mich alles beim Sitzen.

    1) Alle Dinge, auch Gedanken sind Dinge, sind in gegenseitiger Abhängigkeit bedingt durch Bedingungen Entstehend.

    2) Das ist nicht Mein, das ist nicht mein Ich, das ist nicht mein Selbst, das ist nicht mein Nibbana/Nirwana.

    Sinnsuche ist Sinngeben. Sinngeben ist Meinung. Meinung ist Leiden.