Die Irrlehre vom Elend der Welt ;-)

  • Das Elend der Welt. Ja, ja. Das Elend der Welt.


    Ich persönlich liebe die Welt, sie war schon immer meine Geliebte, und da so manchem Scholastiker des Theravada und auch anderen Buddhisten ein Dorn im Auge sein könnte, das als ein Ergebnis der Lehre zu bezeichnen, behaupte ich erst gar nicht, das sei irgendwie buddhistisch. Allerdings ist mir das letztlich auch egal.


    Ich habe die Welt genossen bisher, all die Farben und Töne, Gerüche und Geschmäcke, all das Tast- und Denkbare, und tue es noch und bin nie satt daran geworden – und je länger ich praktiziere, desto intensiver wird mir die Schönheit von allem, was mich umgibt, bewusst. Seltsam: je weniger ich behalten oder besitzen will, was diese meine Geliebte mir gibt oder nicht gibt, desto mehr an unerwarteter und unvermuteter Schönheit entdecke ich in und an ihr. Schönheit ist nicht Glück und nicht Leid.


    Ich frage mich, warum ich meiner Geliebten das Leiden vorwerfen sollte, das ich erlebe. Ich weiß, auf was ich mich eingelassen habe. Oder warum ich mich enttäuscht abwenden sollte, weil das Glück, das ich von ihr erfahre, nicht beständig ist. Ich erwarte das ja auch gar nicht. Es ist so, als würde ich vorgeben, meine Geliebte zu lieben, und würde von ihr dann die Erfüllung all meiner Bedürfnisse erwarten. Was für eine Liebe kann das schon sein? Ich selbst bin für meine Bedürfnisse und meine Bedürftigkeit verantwortlich, nicht die Welt. Eine Liebe, die das Gegenüber einzig als notwendige und notdürftige Milderung des eigenen Mangels begreift, und dann sich enttäuscht abwendet, wenn die Geliebte nicht den Erwartungen entspricht, ist Ausdruck von erbärmlicher Armut.


    Je länger ich praktiziere, desto reicher fühle ich mich – ganz unverdient... Ich brauche immer weniger von der Welt, um mich froh zu fühlen, aber ich habe sehr gern, was da ist. Klar, es kommen Alter, Krankheit und Tod. Alles wird vergehen, alles. Aber so ist meine Geliebte nun mal. Ich liebe sie genau deshalb: Sie ist wild und wankelmütig, unendlich kreativ, grausam, langweilig und gütig, ständig im Fließen begriffenes Werden und Vergehen, flirrendes Licht im Schatten – oder nichts von alledem. Es ist schön, sich von der Meeresbrandung wie ein Streichholz umherwirbeln zu lassen. Ich werde ihr das nicht zum Vorwurf machen, auch wenn mir einmal unter Wasser die Luft ausbleiben sollte. Ich liebe sie eben darum.


    In der Stille kommt zutage, dass alles schon da ist, was ich brauche, dass dem nichts hinzuzufügen ist. Und weil alles schon da ist, muss ich meine Geliebte nicht mehr anbetteln: bitte, bitte gib mir dies oder das, damit ich endlich glücklich sein kann. Der Mangel selbst nimmt langsam ab mit der Praxis. Und darum brauche ich die Welt nicht mehr so sehr wie früher und liebe sie darum umso mehr. Wenn ich langsam freier und freier von meiner tief sitzenden Bedürftigkeit werde, von Gier, Abneigung und Vorurteilen, kann ich meiner Geliebten umso offener gegenübertreten. Ich bin am Ende vielleicht auch nicht mehr so wichtig, immer weniger wichtig. Um so mehr kann sie voller Bewunderung betrachten und mich an ihre erfreuen. Auch mein Leiden und Sterben ist eine ihrer Facetten: Es gab schon Leiden und Frustration, es wird Leiden und Frustration geben, Angst, Verlust und Schmerz und am Ende wird sie mich auslöschen. Und weil ich aus ihr hervorgegangen bin, ist nichts verloren, wenn ich mich darin auch wieder verliere. Ich bedauere es nicht.

    Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert.

  • Das erinnert mich an Nietzsches Loblied auf die Ewige Wiederkunft. Wer es zu singen vermag, dem sei es vergönnt. Allerdings erschließt sich mir nicht, wieso man die Mühen des Buddhapfades auf sich nehmen sollte, wenn alles so herrlich und wunderbar ist. ;)

  • Arthur, ohne die Mühen des Buddhapfades wird das doch gar nicht erkannt.

    Ich befürchte, Du hast zu oberflächlich gelesen ;)

    _()_

    Ohne mich ist das Leben ganz einfach

    Ayya Khema

    Oder anders ausgedrückt: Die Beherrschung der Gedanken ist der Weg zum Glück (SH Dalai Lama)

  • Über was wir hier reden müssen sind ja die drei Daseinsmerkmale:

    1. anicca (Pali; Sanskrit anitya) – Alles ist vergänglich und nichts von ewigem Bestand. Alles ist dem Wandel unterworfen.
    2. dukkha (Pali/Sanskrit) – Alles ist dem Leiden unterworfen. ...
    3. anatta (Pali; Sanskrit anātman) – Alle Dinge und Phänomene existieren ohne einen unveränderlichen Wesenskern.

    Im Prinzip stellst du die Frage, ob das auf was sich die drei Daseinsmerkmale beziehen mit "Welt" zu bezeichnen ist.Was ja erstmal so scheint.


    Aber wenn man sich z.B die Welt vor der Entstehung des Lebens vorstellt,dann kann man mit Sicherheit sagen, dass auch damals schon die Merkmale 1(annica) und 3(anatta) vorhanden waren.


    Aber war damals auch schon 2(Dukkha) vorhanden? Ist Dukkha Teil der objektiven Welt? Dies kann man mit Recht bezweifeln.


    Was man sagen kann ist, dass Dukkha Teil der phänomenalen Welt ist und daraus entsteht dass wir Wünsche haben, die statt die Welt ( anicca, anatta, Bedingtheit) anzunehmen, sich an ihnen reiben. Das Elend von Dukkha ist so gesehen kein Elend der Welt sondern ein subjektives Aufbegehren wieder die Welt - die Diskrepanz zwischen "Welt" und Wünschen.


    Dies fällt aber deswegen nicht auf, weil Buddha sich ja die Aufgabe gestellt hat, Dukkha zu überwinden. Und eben weil Dukkha eher etwas ist was subjektiv auf der Wahrnehmungsebene entsteht, wählt Buddha die phänomenogische Ebene als seine Betrachtungsebene. Das was er als Dinge (Dhamma) sieht sind eben die Phänomene. Und von daher kommt er auf eine Beschreibung in der die drei Daseinsmerkmale nebeneinander stehen können.


    Von daher kann man sagen, dass mit der Verlöschen von Gier und Hass eher der Widerstand gegen die Welt schwindet und nicht die Welt.


    Ein Befreiter lebt in einer Welt ohne 2(Dukkha) aber mit 1(annica) und 3(anatta). Während Letztere Eigenschaften der Welt sind ist es ersteres offensichtlich nicht. Dukkha als Merkmal der Welt zu sehen würde ja dessen Verlöschen / Befreiung leugnen.

  • Und jetzt? Was macht man dann mit dieser Liebe?

    Ich persönlich liebe die Welt

    Das Leben und also die Welt muss ja gestaltet werden und damit ist man im Geflecht von Absicht und Handlung und unterliegt dem Prinzip von Ursache und Wirkung - Karma.

    Vincent van Gogh schrieb in einem seiner Briefe an seinen Bruder: Je mehr einer liebt, umso tätiger ist er.

    Dann also, mach' mal hinne.

    Es gibt viel zu tun - Klima, Frieden, und das bisschen Haushalt.

    :zen:

  • void : Ein wenig differenzierter wird das schon gelehrt. Das lakṣaṇa ('Merkmal') anātman gilt für alle dharmas ('Seinsmomente'), die beiden lakṣaṇa anitya und duḥkha hingegen lediglich für bedingte dharmas ('zusammengesetzte', saṃskṛtadharma). Ein (bzw. das) asaṃskṛtadharma (also nicht-bedingtes dharma) ist im Theravada nibbana. Andere 'alte' Schulen nahmen z.B. auch den Raum als ein asaṃskṛtadharma an oder unterschieden das 'fixierte nirvāṇa' (parinirvāṇa) vom 'nirvāṇa mit (skandha-)Resten' (sopadhiśeṣanirvāṇa) des lebenden Buddha oder Arahat als verschiedene nicht-bedingte dharmas.

    OM MONEY PAYME HUNG

  • Lieber Thorsten Hallscheidt ,


    danke für deine "Liebeserklärung an die Welt", ich habe sie sehr gerne gelesen, nicht zuletzt, weil du wirklich wundervolle, poetische Worte gefunden hast.

    Vielleicht wolltest du damit auch einen Gegenpol zu dem anderen Thread (" Die Irrlehre vom Lieben, was gerade ist") betonen, wo der Schwerpunkt sich beim Thema "Leiden" einpendelte.

    Zu Weihnachten, als "Fest der Liebe" verstanden, passt es auch irgendwie, vor allem aber habe ich nun eine konkretere Vorstellung davon bekommen, was mit "Lieben, was ist...." auch gemeint sein kann....


    Seltsam: je weniger ich behalten oder besitzen will, was diese meine Geliebte mir gibt oder nicht gibt, desto mehr an unerwarteter und unvermuteter Schönheit entdecke ich in und an ihr. Schönheit ist nicht Glück und nicht Leid.

    Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters.....Es kann stimmungsabhängig sein, wie man etwas bewertet oder, anders ausgedrückt, man sieht die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie man selbst (gestimmt) ist.

    Wenn du also viel Schönes wahrnimmst, dürftest du dich in einem recht glücklichen Zustand befinden, der auch länger anhält und sich zweifelsohne auch der buddhist. Praxis verdankt:

    Je länger ich praktiziere, desto reicher fühle ich mich – ganz unverdient... Ich brauche immer weniger von der Welt, um mich froh zu fühlen, aber ich habe sehr gern, was da ist.

    Wunderbar, dass du solche positiven Effekte bei dir beobachtest.


    Klar, es kommen Alter, Krankheit und Tod. Alles wird vergehen, alles. Aber so ist meine Geliebte nun mal.

    Hier musste ich ein wenig schlucken, wie locker-flockig du über diese grundsätzlichen Leiden "hinwegfliegst".

    Aber möglicherweise bist du wirklich schon so weit fortgeschritten, dass du deine "Geliebte" mit ihren "Allüren" so annehmen kannst....

    Eine "Überdosis Weihnachtspunsch" unterstelle ich dir jedenfalls nicht. :grinsen: ;)



    Es gab schon Leiden und Frustration, es wird Leiden und Frustration geben, Angst, Verlust und Schmerz und am Ende wird sie mich auslöschen. Und weil ich aus ihr hervorgegangen bin, ist nichts verloren, wenn ich mich darin auch wieder verliere. Ich bedauere es nicht.

    Diese Einstellung zum "schauerlichsten aller Übel" (Epikur), dem Tod, möchte man wohl jedem wünschen....


    Ob die sogenannten "5 täglichen Betrachtungen", die der Theravada-Buddhismus empfiehlt, wohl diese Wirkung entfalten?:

    1 . Ich bin dem Altern unterworfen, ich kann dem Altern nicht entgehen.

    2. Ich bin der Krankheit unterworfen, ich kann der Krankheit nicht entgehen.

    3. Ich bin dem Tode unterworfen, ich kann dem Tode nicht entgehen.

    4. Alles, was mein ist und mir lieb, wird sich ändern und vergehen.

    5. Ich bin der Eigentümer meines Wirkens,

    geboren aus meinem Wirken,

    umgeben von meinem Wirken,

    getragen von meinem Wirken.

    Wie immer mein Wirken sein wird, dessen Erbe werde ich sein.

    Wirklich liegt alle Wahrheit und alle Weisheit

    zuletzt in der Anschauung. (Arthur Schopenhauer)


    Dein Auge kann die Welt trüb' oder hell dir machen:

    Wie du sie ansiehst, wird sie weinen oder lachen. (F. Rückert)

  • Weil es so schön zu dem Text passt, ein Zitat des Buddhologen Alois Payer:


    Da humpelt ein altes, runzliges Männlein durch Nordindien, hat alle üblichen Altersbeschwerden und -- wie es einer meiner Studenten metaphorisch so schön ausgedrückt hat -- singt "Schön ist es auf der Welt zu sein!". Nicht: "Halleluja, bald ist alles vorbei!", nein: "Schön ist es auf der Welt zu sein!". Das ist der Zustand des Erlösten, der wirklich sagen kann: "Tod wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel?!" (1. Korinther 15,55).

    Freundschaft mit sich selbst zu schließen, ist wesentlich, um sich auf dem Pfad weiter zu entwickeln.

  • Und jetzt? Was macht man dann mit dieser Liebe?

    Nichts. Bestenfalls. Kunst ist für mich ein Weg.

    Wenn einer sagt "ich liebe die Welt", dann sagt er, Ich liebe mich selbst.

    Klar, "Ich" ist ja ein Teil davon, ist aber nicht mehr so außerordentlich wichtig wie früher vielleicht, wie ich auch geschrieben habe, und hoffentlich immer weniger wichtig.

    Hier musste ich ein wenig schlucken, wie locker-flockig du über diese grundsätzlichen Leiden "hinwegfliegst".

    Tue ich nicht. Das ist ein Teil, mit dem ich auch schon Kontakt hatte, und den ich fürchte. Aber das verändert meine generelle Freude an der Welt nicht, oder anders: Ich käme mir sehr undankbar vor, wenn ich beginnen würde, die Welt zu verachten und abzulehnen, weil mit mir das geschieht, was die Basis der Wirklichkeit ausmacht: Werden und Vergehen. Das ist so wie bei dem, der sich nur die Rosinen herauspickt, mit dem Kuchen aber nichts zu tun haben will. Zudem gibt es den "Ort", an dem Frieden ist. Diese Insel, diese Zuflucht führt dazu, dass ich mich etwas sicherer fühle. Die leise Ahnung, die ich davon habe, macht es leichter.


    Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters

    Diese Vorstellung von Schönheit ist sehr begrenzt. Es gibt noch einen weiteren Begriff von Schönheit, der darin besteht, dass gefallen oder nicht gefallen wegfallen.


    Aber möglicherweise bist du wirklich schon so weit fortgeschritten, dass du deine "Geliebte" mit ihren "Allüren" so annehmen kannst....

    Nein, bin ich nicht. Ich hatte dieses Sichtweise schon als Kind, Jugendlicher und kehre vielleicht etwas dorthin zurück. Im "Leben", das man als Erwachsener sich und anderen aufnötigt, ist dafür nur leider nicht so viel Platz. Die buddhistische Praxis entfernt diese Schichten aus Konventionen, individualistischer Selbstbehauptung und Sicherheitsbedürfnis langsam etwas, sodass ich wieder freier atmen kann. Zugleich ärgere ich mich, dass ich mich überhaupt so in diese Mühle habe drängen lassen. Wie viel Zeit verschwendet für nichts! Mein eigener Tod... Klar, ich werde Angst haben, auch vor Verlust, Alter und Krankheit. Aber genau darum versuche ich ja, den Durst nach Leben und Befriedigung einzuschränken.

    Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert.

  • Klar, es kommen Alter, Krankheit und Tod. Alles wird vergehen, alles. Aber so ist meine Geliebte nun mal.

    Hier musste ich ein wenig schlucken, wie locker-flockig du über diese grundsätzlichen Leiden "hinwegfliegst".

    Ich wundere mich nicht mehr über derartige Aussagen, habe ich doch selbst so locker-flockig gesprochen und geschrieben.


    Jetzt sehe ich das anders. Aber wie soll es sonst ausgedrückt werden? Das Gegenteil wäre Selbstmitleid. Ich erlebe alle 3 Leiden innerhalb der letzten 6 Wochen. Mein geliiebter Mann ist vor meinen Augen gestorben, ich hatte vor einer Woche Corona und alt bin ich auch.


    Trotzdem würde ich sagen, alles ist gut so wie es ist. Es sind die unvermeidlichen Leiden. Wenn sie da sind, sind sie nicht so schlimm wie die Angst davor. Also das Problem sitzt im Kopf.

    Geht es uns gut, scheinen sie weit weg oder sie werden dramatisiert je nach Konditionierung.


    Ich kann mir aussuchen, welcher Gedankengang mir am besten gefällt. Das ist der Erfolg aus der Geistesschulung. Ich habe die Wahl, deshalb wähle ich

    Ich habe die Welt genossen bisher, all die Farben und Töne, Gerüche und Geschmäcke, all das Tast- und Denkbare, und tue es noch und bin nie satt daran geworden – und je länger ich praktiziere, desto intensiver wird mir die Schönheit von allem, was mich umgibt, bewusst. Seltsam: je weniger ich behalten oder besitzen will, was diese meine Geliebte mir gibt oder nicht gibt, desto mehr an unerwarteter und unvermuteter Schönheit entdecke ich in und an ihr. Schönheit ist nicht Glück und nicht Leid.

    ...


    Je länger ich praktiziere, desto reicher fühle ich mich – ganz unverdient... Ich brauche immer weniger von der Welt, um mich froh zu fühlen, aber ich habe sehr gern, was da ist. Klar, es kommen Alter, Krankheit und Tod. Alles wird vergehen, alles.

    Aber ich liebe diese Welt nicht. Wobei: die Welt kann nichts dafür.


    Alles Gute für Euch

    _()_

    Ohne mich ist das Leben ganz einfach

    Ayya Khema

    Oder anders ausgedrückt: Die Beherrschung der Gedanken ist der Weg zum Glück (SH Dalai Lama)

  • Danke @ Thorsten Hallscheidt für Deinen schönen Text!


    Ich freue mich wirklich über jeden Menschen, der so etwas von sich berichten kann.


    Ich weiß, auf was ich mich eingelassen habe.

    Hm? Ich wusste es nie und mich hat auch keiner gefragt ob ich das will.

    Bin froh, wenn ich mich einigermassen darin zurechtfinde und gleichmütig agieren kann.


    Aber ich arbeite weiter daran. ;) Alles Liebe von Bubbles

    :)

  • Ich erlebe alle 3 Leiden innerhalb der letzten 6 Wochen.

    Das sind wirklich harte und einschneidende Belastungen, die du da - innerhalb kürzester Zeit - zu tragen hattest/hast, liebe Monika! Du musst ein stabiles Fundament (u.a.) in der Buddha-Lehre gefunden haben, das dich innerlich gestärkt und resilient gemacht hat:

    Trotzdem würde ich sagen, alles ist gut so wie es ist. Es sind die unvermeidlichen Leiden. Wenn sie da sind, sind sie nicht so schlimm wie die Angst davor. Also das Problem sitzt im Kopf.

    Geht es uns gut, scheinen sie weit weg oder sie werden dramatisiert je nach Konditionierung

    Einer meiner Lieblingsphilosophen, Lucius Annaeus Seneca, äußerte sich ganz ähnlich, wie du: "Kein Übel ist so groß wie die Angst davor." Vielen Dank, dass du dies nun aus eigenem Erleben bestätigt hast!

    Meine Erfahrung ist auch, dass man sich im Vorhinein viel zu viele Gedanken und Sorgen macht und sich Gelassenheit in der Einstellung "Es kommt, wie es kommt!" ausdrückt....

    Aber ich liebe diese Welt nicht. Wobei: die Welt kann nichts dafür.

    Würdest du die Welt denn lieben WOLLEN? Würde es irgendetwas (zum Besseren) ändern, wenn du es tätest?


    Alles Gute für dich!


    Liebe Grüße _()_ :heart:

    Wirklich liegt alle Wahrheit und alle Weisheit

    zuletzt in der Anschauung. (Arthur Schopenhauer)


    Dein Auge kann die Welt trüb' oder hell dir machen:

    Wie du sie ansiehst, wird sie weinen oder lachen. (F. Rückert)

  • Als ich die letzte Grippe hatte, war da ein Wunsch... gesund zu werden... das es besser wird...


    Glaub mir wenn du auf Grund von Krankheit dann keine Möglichkeit mehr hast und dir dein Leben aus den Händen gleitet wie trockener Sand...


    Daher bleibe ich bei meiner Praxis und sehe auch den Kontext in dem diese Worte entstanden sind.


    Einem Menschen scheint es unheimlich gut zu gehen, während andere sagen, es würde ihnen schlecht ergehen.

  • Nein, nichts würde sich ändern. Aber wenn ich schreibe, ich liebe sie nicht, dann heisst das auch nicht das Gegenteil, sondern Liebe ist zuviel des Guten. Die Welt ist - und das ganz einfach, ohne Bewertung.

    _()_

    Ohne mich ist das Leben ganz einfach

    Ayya Khema

    Oder anders ausgedrückt: Die Beherrschung der Gedanken ist der Weg zum Glück (SH Dalai Lama)

  • Liebe ist konkret.


    Es ist irgendwie schon merkwürdig, wenn Thorsten Hallscheidt einerseits in einem thread aus dem 1. Johannesbrief (2.1-6) zitiert, wobei er das Zitat wohl nur aus dem Internet gefischt hat und dass er den 1. Johannesbrief (2,1-6) offenbar nicht gelesen hat. Dort findet sich nämlich auch der Satz, 1 Joh 2,15

    Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist!



    :zen:

  • Wenn man die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Lieben nicht unterscheidet, dann wird doch fast alles was man sagt zweideutig und blödsinnig.


    Es spricht doch nichts dagegen sich der Welt freundlich, ehrfürchtig und dankbar zu nähren und nicht so arg viel sich ihr begehrend und anhaftend zu nähern.


    Was genau spricht denn dafür all dies in einen Topf mit der Aufschrift "Liebe" zu werfen? Das führt doch eher zur Verwirrung als zur Klarheit.

  • Liebe ist konkret.

    Ja, das ist richtig. Und das konkreteste und zielführendste, das man zurzeit machen kann, wenn einem die an der Welt liegt, ist nichts, denn vieles an dem, was zur Zerstörung von Klima und Ökosystemen führt, ist die ungeheure Betriebsamkeit der Menschheit bezüglich der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse – sei es Rohstoffgewinnung, Gütertransporte, Mobilität, Energiegewinnung, Konsum, etc. Da ist es das Beste, mal die Füße stillzuhalten. Auch die Versuche eines grünen Wachstums führen zu enormen Belastungen der Ökosysteme – siehe Elektromobilität. Zudem führen die zahllosen Versuche, die Welt zu verändern, zu verbessern, umzugestalten auch immer wieder zu noch größeren Verwerfungen, weshalb man auch hiervon die Finger lassen sollte. Also: möglichst weitgehend "Nicht handeln" als beste Option. Und das ist es auch, was wir konkret hier in Maulbronn in verschiedene Formaten versuchen zu vermitteln, da Du schon so konkret fragst.


    Es ist irgendwie schon merkwürdig, wenn Thorsten Hallscheidt einerseits in einem thread aus dem 1. Johannesbrief (2.1-6) zitiert, wobei er das Zitat wohl nur aus dem Internet gefischt hat und dass er den 1. Johannesbrief (2,1-6) offenbar nicht gelesen hat. Dort findet sich nämlich auch der Satz, 1 Joh 2,15

    Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist!

    Hm? Wo und in welchem Kontext habe ich denn aus 1. Johannesbrief 2.1-6 zitiert? (Beklemmend dieser Text über weite Passagen.)

    Dass die Christen die Welt nicht lieben, und sie als Untertan begriffen haben und begreifen, ist vielleicht einer der Gründe, warum heute so ein kolossaler Raubbau auf und mit der Welt betrieben wird. Wobei der Begriff "Untertan" im Grunde Verantwortung implizieren sollte. Damit hat es aber offenbar auch nicht geklappt.

    Nebenbei: Klar kopiere ich Texte aus dem Netz, wenn möglich, denn es ist eher mühsam, das alles aus Büchern abzutippen.

    Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert.

  • Zitat

    "Alles will ich euch zeigen, ihr Mönche, das höret wohl. Was ist also, ihr Mönche, alles?

    • Das Auge ist es und die Formen,
    • das Ohr und die Töne,
    • die Nase und die Düfte,
    • die Zunge und die Säfte,
    • der Körper und die Gegenstände,
    • der Geist und die Dinge:

    das heißt man, ihr Mönche, alles.

    Wer, ihr Mönche etwa behaupten wollte: 'Ich werde solch ein <Alles> zurückweisen und ein <Alles> von anderer Art aufweisen,' und er würde über den Gegenstand seiner Behauptung befragt werden, so könnte er keinen Bescheid geben, würde vielmehr in weiteren Widerstreit geraten. Und aus welchem Grunde? Weil so etwas, ihr Mönche, nicht zu finden ist".

    Was er dabei verschwiegen hat ist, dass das, was er sagt ja auch nichts weiter ist als "der Geist und die Dinge [die er hervorbringt]". Objektiv ist es ist also vollkommen belanglos, ob wir von "Alles", von "Welt", vom Schönheit, Hässlichkeit, Glück oder den drei Daseinsmerkmalen oder was auch immer reden, subjektiv ist es das nicht. Wir haben die Wahl, welche Gedanken wir kultivieren wollen, und ob wir ausdrücken, was wir denken oder unsere Gedanken für uns behalten. Oft verpasst man einen hilfreichen Gedanken, weil man damit beschäftig ist, dass nicht sein kann, was nicht sein darf (was einen auch immer auf diese zwanghafte Spur gebracht haben mag).

    mankind ... must act and reason and believe; though they are not able, by their most diligent enquiry, to satisfy themselves concerning the foundation of these operations, or to remove the objections, which may be raised against them [Hume]

  • Hm? Ich wusste es nie und mich hat auch keiner gefragt ob ich das will.

    Wenn ich mein Glück auf eine unbeständige, letztlich nicht zufriedenstellende Realität, die leer von dem ist, was ich mir an Vorstellungen und Ideen von ihr mache, gründen möchte oder muss, dann muss mir bewusst sein, dass dieses Glück nicht von Dauer ist, dass ich keine Erfüllung von dort erwarten kann, und dass diese Realität nie meinen Vorstellungen und Wünschen entsprechen wird. In dieser Hinsicht gibt es schon die Möglichkeit zur Entscheidung, zumindest aber der Bewusstwerdung.

    Die Erfahrungen nutzen sich ab. Der 50. Frühling hat für mich nicht mehr den Zauber des ersten Frühlings. Wenn ich dennoch den Frühling genieße, so mit dem Wissen, dass die Erfahrungen für mich an Glanz immer mehr abnehmen werden. Aber das heißt ja nicht, dass der Frühling mit seinen Erscheinungen selbst frustrierend oder leidhaft wäre – nur mein Begehren hat an ihm keine Erfüllung gefunden, was mich frustrieren mag, weil ich die falschen Erwartungen und Vorstellungen gehegt habe. Auf der anderen Seite ändert sich der Eindruck, den der Frühling in mir hinterlässt, wenn ich nichts mehr an ihm finde (was ich vorher darin an Erfüllung suchen wollte), nichts mehr von ihm will, nichts mehr von ihm brauche und mir nichts mehr unter ihm vorstelle: Er hört auf, Instrument für die Befriedigung meines Begehrens zu sein. Was ist der Frühling, wenn er für sich selbst ist, ohne mein Werkzeug zu sein?

    Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert.

    Edited once, last by Thorsten Hallscheidt ().

  • Das Angenehme als solches annehmen und gehen zu lassen wie es kommt und geht - es, so lange es währt, in Gemütsruhe zu genießen - funktioniert nur, wenn auch das Unangenehme als solches ohne Widerstand angenommen und losgelassen werden kann, wie es kommt und geht. Es so lange es währt, in Gemütsruhe erleidet. Gleiches gilt für das Neutrale.


    Angemessen handeln mit Denken, Sprache und Körper heisst sicher, Angenehmes anzustreben und Unangenehmes zu vermeiden. Es heisst aber auch, die Grenzen, die diesem Streben gesetzt sind, zu erkennen und vorbehaltlos zu akzeptieren. Es sind die Grenzen des Ich - und die sind sehr eng gezogen.


    Sind sie einmal aufgebrochen, wird das 'Annehmen und Loslassen' ohne Zögern zur Natur des Gehens auf dem mittleren Weg. Dann entfällt die sinnlos gewordene Unterscheidung von Angenehmem und Unangenehmem. 'Ein Geschmack'. Für 'Liebe' wie für 'Elend' ist da kein Bedarf. Et kütt wie et kütt :clown:

    OM MONEY PAYME HUNG

  • Das Wort Elend stammt aus dem mittelhochdeutschen Ellende, das zunächst für „anderes Land“, „Verbannung“,[1] später für Not und Trübsal steht.[2] Elend beschreibt einen Zustand von Not, Armut oder Hilflosigkeit, bildungssprachlich auch Misere; ursprünglich gekoppelt mit der Zusatzbedeutung Vereinsamung oder Ausgestoßenheit.

    Das Wort "Elend" bezeichnet also zunächst eine Fremdheit und Trennung. Wenn .an Verbannt ist, dann hat man ja eben gerade zu niemanden eine Beziehung. Da "der Fremde" ja ein Buch von Camus ist, muß ich an dessen Begriff des Absurden denken.


    Das Gegenteil der "Fremde" währe "Heimat" und das Gegenteil des Absurden - des Missklingens - harmonischer Zusammenklang. Hartmut Rosa spricht von "Resonanz" - von gelungener Weltbeziehung und greift dabei auch buddhistische Idee von Achtsamkeit auf:


    Ich meine mit Resonanz eine Beziehung zur Welt, in der man einerseits offen ist, um sich berühren zu lassen, vielleicht ergreifen zu lassen, aber andererseits auch selber seine eigene Stimme entfalten kann und damit etwas oder jemanden erreichen kann in der Welt“, sagte Rosa in einem Interview.

    Resonanz entsteht laut Rosa also da, wo der Mensch sich berühren, inspirieren und bewegen lässt von den Begegnungen, die er hat. Diese Begegnungen können mit Menschen sein, mit der Natur oder mit einer sinnhaften Tätigkeit. Doch um all das wirklich wahrzunehmen, brauche es eine Offenheit dafür, denn wir müssen in der Lage sein, diese Resonanz auch zu spüren.

    Dabei bewegt sich Rosa natürlich in einer gewissen Tradition. Mich erinnert es an Erich Fromm oder auch das dialogischen Prinzip bei Martin Buber.


    Die Idee ist,dass man - indem man die Polarität zwischen Subjekt und Welt aufbricht und die Beziehung hervortritt in der Ich Welt schafft und Welt Ich schafft verwirklichen sich Verbundenheit und Dialog.


    Meine Hypothese wäre also, dass Thorsten Hallscheidt mit Liebe nicht Begehren meint sondern so eine Resonanz - eine "gelungene Weltbeziehung" wie bei Rosa. Liege ich da richtig, lieber Thorsten Hallscheidt ?

  • Meine Hypothese wäre also, dass Thorsten Hallscheidt mit Liebe nicht Begehren meint sondern so eine Resonanz - eine "gelungene Weltbeziehung" wie bei Rosa. Liege ich da richtig, lieber Thorsten Hallscheidt ?

    Ja, genau, an den dachte ich auch eben, als ich im Wald war.

    Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert.

  • Für 'Liebe' wie für 'Elend' ist da kein Bedarf. Et kütt wie et kütt

    Hier würde ich formulieren: Für Begehren, Ablehnen und Verblendung ist kein Bedarf. Et kütt wie et kütt

    Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert.