Aus Lamrimschriften

  • Aus der Lamrim-Schrift: Der Stufenweg zur Erleuchtung aus der Lama Tschöpa vm 1.Panchen Lama Losang Tschökyi Gyältsen: Die Verse dieser Schrift sind in Form eines Wunschgebetes formuliert. Deshalb beginnen sie immer mit "Segne mich, ..."


    Segne mich, dass ich den Schatz der Juwelen der Aryas und die der höheren Schulungen ergreife und so das Siegesbanner der Befreiung hochhalte, indem ich die Ansicht aufgebe, dieses unerträgliche Gefängnis des Daseinskreislaufs sei ein Vergnügungshain.


    Segne mich, dass in mir das natürliche Mitgefühl entstehe, wie es eine liebende Mutter ihrem geliebten Kind entgegenbringt, indem ich bedenke, wie all diese notleidenden Wesen, die meine Mütter waren, mich wieder und wieder mit Güte umsorgten.


    Segne mich, dass ich mich an dem Glück der anderen erfreue; denn zwischen mir und den anderen gibt es keinen Unterschied, da wir auch das geringste Leiden nicht erleben wollen und an Glück niemals genug bekommen.


    Segne mich, dass ich den großen Dämon der Selbstsucht vernichte und ihm alle Schuld zuweise und sie ihm nachtrage, nachdem ich erkannt habe, dass die chronische Krankheit der Selbstsucht die Ursache aller unerwünschten Leiden ist.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • Zwei weitere Verse aus demselben Lamrimtext:


    Segne mich, dass ich die schlechten Umstände in den Pfad umwandle, indem ich sehe, dass die ganze Welt und die Wesen darin von den Resultaten übler Handlungen angefüllt sind, und selbst wenn das unerwünschte Leiden wie Regen auf mich herabkommt, dies doch die Ursache dafür ist, dass sich die Auswirkungen der schlechten Handlungen erschöpfen.


    Kurz, segne mich, dass ich immer einen freudigen Geist beibehalte, indem ich die fünf Kräfte, den innersten Gehalt aller Dharma-Unterweisungen, anwende und so alles, was mir an Gutem und Schlechtem begegnet, in den Pfad umwandle, der die zwei Arten des Erleuchtungsgeistes anwachsen lässt.


    Diese Verse und die des ersten Beitrages beschreiben im Kontext des Lamrims Übungen eines Praktizierenden mit höchsten geistigen Fähigkeiten, der das Ziel hat, den Bodhisattvapfad zu verwirklichen, um die Buddhaschaft zu erlangen.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • Helmut Du scheinst Dich im tibetischen Buddhismus ganz gut auszukennnen.


    Vielleicht darf ich dich hier was zu dem Thema Lamrim fragen. Welche Bücher zu Lamrim würdest du jemandem empfehlen, der zwar schon Meditationserfahrungen hat, für den aber die Praktiken des tibetischen Buddhismus doch eher neu sind?

    "Sich selbselbsten überwinden ist der allerschwerste Krieg; // Sich selbselbsten überwinden ist der allerschönste Sieg." (Friedrich von Logau)

  • Mabli ,


    so wie wir aus dem indischen Buddhismus die Einteilung in die höheren Schulungen der Ethik, Konzentration und Weisheit kennen, so hat sich im Rahmen der zweiten Übertragung des Dharma von Indien nach Tibet die ebenfalls dreiteilige Strukturierung der Dharma in Form des Lamrim entwickelt; allerdings ist die Perspektive etwas anders. Die Perspektive geht von den Fähigkeiten und Zielsetzungen der Praktizierenden aus.


    Man unterscheidet zwischen Praktizierenden mit anfänglichen, mittleren und höchsten Fähigkeiten. Der anfänglich Praktizierende ist jemand, der eine hohe Wiedergeburt als Mensch in der nächsten Existenz anstrebt. Der mittlere Praktizierende ist jemand, der die Befreiung aus Samsara anstrebt, also ein Arhat werden will. Der höchste Praktizierende ist jemand, der den Bodhisattvapfad verwirklichen will, um Buddhaschaft zu erlangen. Entsprechend dieser Zielsetzungen werden die Übungen den Praktizierenden zugeordnet.


    Ein anfänglich Praktizierender zum Beispiel meditiert über das kostbare Menschenleben, Tod und Vergänglichkeit, die Leiden der niederen Daseinsbereiche, Zuflucht zu den drei Juwelen und das Gesetz von Handlung und Wirkung.


    Inhaltlich unterscheidet sich der tibetische Buddhismus kaum vom indischen Buddhismus. Seine Quellen sind Sutras des Sanskritkanons sowie Schriften / Kommentare von indischen Meistern wie Vasubandhu, Asanga, Dharmakirti, Nagarjuna, Candrakirti, Santideva oder Kamalashila; um nur einige zu nennen.


    Die hauptsächlichen Meditationen sind auch im tibetischen Buddhismus die analytische und konzentrative Meditation wie wir sie auch aus dem indischen Buddhismus kennen. Spezifische Unterschiede ergeben sich erst, wenn man sich tiefer mit den vier Hauptlehren des tibetischen Buddhismus beschäftigt.


    Nach dieser langen Vorrede nun zu deiner Frage nach Literatur. Es sind inzwischen schon viele Lamrimtexte ins Deutsche übersetzt worden. Ich persönliche bevorzuge die Lamrimschriften Dshe Tsongkapas.


    Für einen Einstieg ist meiner Meinung nach folgendes Buch besser geeignet: Dagyap Rinpoche, Achtsamkeit und Versenkung, München, 2001, ISBN 3-7205-2264-4.


    Hilfreich finde auch: Die Struktur des Lamrim - Ein Arbeitsheft, zusammengestellt von C. Weishaar-Günter und R. Leisner. Erhältlich ist es im Tibethaus Frankfurt.


    Dagyab Rinpoche ist der spirituelle Leiter des Tibethauses Frankfurt.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • Man unterscheidet zwischen Praktizierenden mit anfänglichen, mittleren und höchsten Fähigkeiten. Der anfänglich Praktizierende ist jemand, der eine hohe Wiedergeburt als Mensch in der nächsten Existenz anstrebt. Der mittlere Praktizierende ist jemand, der die Befreiung aus Samsara anstrebt, also ein Arhat werden will. Der höchste Praktizierende ist jemand, der den Bodhisattvapfad verwirklichen will, um Buddhaschaft zu erlangen. Entsprechend dieser Zielsetzungen werden die Übungen den Praktizierenden zugeordnet

    Danke für die Erläuterung. Das hilft mir gerade sehr weiter. Ich habe vor einiger Zeit mit Tonglen angefangen, ohne den Stufenweg zu praktizieren. Ich glaube diese Übung ist auf dem Stufenweg eigentlich den höheren Praktizierenden vorbehalten. Ich habe aber auch mal gehört, dass das von manchen nicht so eng gesehen wird. Aber die Voraussetzungen der Übung sind wahrscheinlich schon eher groß - auch meiner Erfahrung nach. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass die Übung mit unterschiedlichen Fähigkeiten auf unterschiedlichen Ebenen hilfreich sein können. Oder wie siehst du das?

    Die hauptsächlichen Meditationen sind auch im tibetischen Buddhismus die analytische und konzentrative Meditation wie wir sie auch aus dem indischen Buddhismus kennen.

    Die analytische Meditation kannte ich bis jetzt eher als Kontemplation. Shamata und Vypashyana fallen dann beide unter konzentrative Meditation nehme ich an, oder ? Gerade hier im Westen bei den säkularen Meditationsangeboten spielt Kontemplation meiner Erfahrung nach in der Regel eine untergeordnete Rolle, wenn sie denn überhaupt eine Rolle spielt. Beim Lamrim scheint sie sehr zentral zu sein. Wird dann die konzentrative Mediation in der Regel vor der analytischen Meditation als Vorbereitung gemacht oder anders herum?

    Für einen Einstieg ist meiner Meinung nach folgendes Buch besser geeignet: Dagyap Rinpoche, Achtsamkeit und Versenkung, München, 2001, ISBN 3-7205-2264-4 .


    Hilfreich finde auch: Die Struktur des Lamrim - Ein Arbeitsheft, zusammengestellt von C. Weishaar-Günter und R. Leisner. Erhältlich ist es im Tibethaus Frankfurt.

    Danke für die Literaturtips. Ich habe mir gerade kürzlich gebraucht ein Buch von Thubten Chodron zu "Guided Meditations on the Stages of the Path" bestellt. Wird die Organisation von Thubten Chodron eigentlich dem Vajrayana zugeordnet?

    "Sich selbselbsten überwinden ist der allerschwerste Krieg; // Sich selbselbsten überwinden ist der allerschönste Sieg." (Friedrich von Logau)

  • Die hauptsächlichen Meditationen sind auch im tibetischen Buddhismus die analytische und konzentrative Meditation wie wir sie auch aus dem indischen Buddhismus kennen.

    Die analytische Meditation kannte ich bis jetzt eher als Kontemplation. Shamata und Vypashyana fallen dann beide unter konzentrative Meditation nehme ich an, oder ? Gerade hier im Westen bei den säkularen Meditationsangeboten spielt Kontemplation meiner Erfahrung nach in der Regel eine untergeordnete Rolle, wenn sie denn überhaupt eine Rolle spielt. Beim Lamrim scheint sie sehr zentral zu sein. Wird dann die konzentrative Mediation in der Regel vor der analytischen Meditation als Vorbereitung gemacht oder anders herum?

    Die Kontemplation ist eine Stufe vor der Meditation. In indo-tibetischen Buddhismus wird der Lernprozess meist in drei Schritte eingeteilt: (1) Hören, Lernen, Studieren; (2) Kontemplation und (3) Meditation. Der erste Schritt dient dazu, erst einmal etwas zu lernen, zu verstehen. Der zweite Schritt stellt ein vertieftes Nachdenken über das Gelernte dar. Es ist also noch mit begrifflich-analytischen Denken verbunden. Die Meditation dient dann als dritter Schritt dazu, das Gelernte zu vertiefen, zu verinnerlichen. Es geht dabei darum, es vom Kopf ins Herz rutschen zu lassen, so dass man die meditierten Inhalte stets präsent hat.


    Samatha ist eine konzentrative Meditation, die zu geistiger Ruhe führt, während Vipasyana eine analytische Meditation ist, bei der es um die Vertiefung der Einsicht geht.


    Samatha und Vipasyana wird im Kontext des Lamrim - zumindest in der Gelug-Tradition nach Je Tsongkapa - getrennt voneinander geübt. Entweder man übt Samatha oder Vipasyana in einer Meditationssitzung, aber nicht beide nacheinander in einer Meditationssitzung. Erst wenn man sowohl Samatha als auch Vipasyana verwirklicht hat, werden sie miteinander verbunden.


    Aber bei den Meditationen, die man auf den einzelnen Stufen des Lamrim durchführt, kann man in einer Meditationssitzung sowohl konzentrative als auch analytische Meditationen durchführen.


    Nehmen wir als Beispiel die Meditation über Tod und Vergänglichkeit:

    (1) Zu Beginn der Meditation kann man zunächst eine Atembetrachtung durchführen. Sie ist eine Art von konzentrativer Meditation, die dazu dient, den flatterhaften Geist zu beruhigen, indem man sich auf die Atemzüge konzentriert.

    (2) Dann führt man eine analytischen Meditation durch indem man sich mit verschiedenen Argumenten die Gewissheit des eigenen Todes verdeutlich, Rein intellektuell wissen wir, dass wir irgendwann sterben werden, aber hier geht es darum, dies tief zu verinnerlichen, so dass wir diese Gewissheit des Todes stets präsent haben. Am Ende dieser analytischen Meditation fassen wir den Entschluss, dass es notwendig ist, den Dharma zu praktizieren.

    (3) Nun kann man sich auf diesen Entschluss konzentrieren ohne weiter zu analysieren und den eigenen Geist mit diesem Entschluss verbinden. Dies wäre dann wiederum eine konzentrative Meditation.


    So kann man zum Beispiel in einer Meditationssitzung nacheinander, abwechselnd sowohl konzentrative als auch analytische Meditationen durchführen. Diese beiden Meditationsarten verstärken sich gegenseitig.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • (1) Hören, Lernen, Studieren; (2) Kontemplation und (3) Meditation. Der erste Schritt dient dazu, erst einmal etwas zu lernen, zu verstehen. Der zweite Schritt stellt ein vertieftes Nachdenken über das Gelernte dar. Es ist also noch mit begrifflich-analytischen Denken verbunden.

    Der unterschied zwischen Kontemplation (oder Nachdenken) und der analytischen Meditation ist mir noch noch ganz klar geworden. Ich habe deswegen auch nochmal bei Berzin nachgelesen zur analytischen Meditation. Ich versuche das mal wieder zu geben, um es selbst besser zu verstehen. Also das Nachdenken dient dem Nachvollzug der Argumentation, also der Schlussfolgerungen, und dem richtigen Verständnis der Begriffe.

    Für die klar erkennende Meditation benutzen wir den Geistesfaktor des groben Feststellens (tib. rtog) und den der subtilen klaren Erkennungsfähigkeit (tib. dpyod), was in manchen Zusammenhängen Untersuchung und genaue Prüfung bedeutet.

    Die analytische Meditation beruht dann - mit einem westlichen Begriffsrahmen beschrieben - auf den intellektuellen Fähigkeiten des Verstands. Es geht um das Verständnis der Bedeutungen und die Fähigkeit in der Anwendung auf das eigene Leben klare Unterscheidungen zu erkennen, wenn ich das richtig verstehe.

    Quote from Helmut

    Die Meditation dient dann als dritter Schritt dazu, das Gelernte zu vertiefen, zu verinnerlichen. Es geht dabei darum, es vom Kopf ins Herz rutschen zu lassen, so dass man die meditierten Inhalte stets präsent hat.

    Das passiert dann aber so richtig erst in der stabilisierenden Meditation, oder?

    Seien Sie sich bewusst, dass es sich sowohl bei der klar erkennenden als auch der stabilisierenden Meditation immer noch um auf Konzepten beruhende Wahrnehmungen handelt. Sie basieren auf der Vorstellung, was ein kostbares menschliches Leben bedeutet. Die Vorstellung repräsentiert das kostbare menschliche Leben – entweder mit Worten, einem Bild oder einem Gefühl; diese Repräsentation ist jedoch mit einer Bedeutung verbunden.

    Das heißt nach Berzin sind auch die analytische und stabilisierende Meditation noch durch begriffliches Denken und Vorstellungen geprägt. Letztlich beschreibt Berzin das nicht-konzeptuelle, also nicht-begriffliche Verständnis, das nicht mehr auf Vorstellungen beruht, als Ziel, führt das aber leider nicht weiter aus.

    "Sich selbselbsten überwinden ist der allerschwerste Krieg; // Sich selbselbsten überwinden ist der allerschönste Sieg." (Friedrich von Logau)

  • Zur konzeptlosen Wahrnehmung gibt es am 2.April einen Buddha-Talk von der ehrwürdigen Bhikshuni Tenzin Metok: https://www.buddha-talk.de/


    Mir fallen zu konzeptloser Wahrnehmung ja gleich alle möglichen philosophischen Theorien ein. Adornos zentraler Begriff des Nicht-Identischen soll das umschreiben, was nicht im Begriff und der begrifflichen Erkenntnis aufgeht. Fichte und Schelling sprachen von der intellektuellen Anschauung als einer Anschauung jenseits der sinnlichen Wahrnehmung.


    Mit J. G. Fichte und F. W. J. Schelling wird die intellektuelle Anschauung zu einer zentralen Kategorie ihrer philosophischen Systeme. So ist für Fichte die intellektuelle Anschauung „das unmittelbare Bewußtseyn, dass ich handle, und was ich handle“ und so „der einzige feste Standpunkt für die Philosophie“. Sie lässt sich nicht begrifflich ausdrücken, sondern nur erfahren.[2] Für Schelling ist die intellektuelle Anschauung das „Organ alles transcendentalen Denkens“.[3] Für Friedrich Heinrich Jacobi ist die intellektuelle Anschauung „ein Ausdruck, der nicht gerade zu widersinnig und verwerflich ist“ und bezeichnet „die Art des Bewusstseins [...], in welcher sich uns das an sich Wahre, Gute und Schöne vergegenwärtigt und als ein Überschwängliches, in keiner Erscheinung darstellbares Erstes und Oberstes, offenbart“.[4]

    Würde mich ja sehr interessieren, wie das im tibetischen Buddhismus aufgefasst wird.

    "Sich selbselbsten überwinden ist der allerschwerste Krieg; // Sich selbselbsten überwinden ist der allerschönste Sieg." (Friedrich von Logau)

  • Kontemplation ist kein Nachdenken, es ist eher ein Betrachten der Gedanken, wie sie sich um ein Objekt/Konzept/Begriff einschwingen. Wie ein Brainstorming, viele Ideen um ein Thema, einzig auf das Thema muss man wieder zurückführen, die Gedanken immer wieder zum Thema lenken.


    Analytische Meditation ist mMn das Analysieren der Ideen um sie am Thema zu prüfen, ein Aussortieren unangemessener Impulse durch Überprüfen meiner Erfahrungen mit Erfahrungen anderer, die ich im Geist gespeichert habe. Bei dieser Analyse erscheint einmal Erleichterung, Freude, Gelassenheit. Das deutet auf ein klares Erfassen hin, jedenfalls für Jetzt.


    Das Ergebnis ist der Startpunkt bei der nächsten Meditation, die stabilisieren soll, ohne weitere Gedanken, nur das Ergebnis. Könnte wie ein Mantra sein. Dieses Mantra sinkt immer mehr in das Bewusstsein ein und kann die Gedanken-/Verhaltensstrukturen verändern.


    Stabilisierende Meditation wird dann Meditation, wenn das Ergebnis/Mantra nicht mehr im Denken erscheint. Die Meditation geht nur noch darum ganz da zu sein ohne Gedanken, Wahrnehmen des Seins. Das führt zu unbewusster Verarbeitung in den Schaltkreisen.

    OT Weil ich doch wieder hier schreibe. Aber es sind meine Ergebnisse durch Dzogchen. OT

    Die Verhältnisse der Welt des Geistes wurde von Buddha gezeigt.

    Die Verhältnisse der Welt ohne Geist wurde vom I Ging gezeigt.

    Beide Welten sind bedingt in wechselseitiger Abhängigkeit und Anatta.

  • Mabli ,


    sowohl die analytische als auch die konzentrative Meditation sind mit begrifflichem Denken verbunden. Bei der analytischen Meditation wird mittels Begriffen ein Meditationsobjekt untersucht. Die konzentrative Meditation ist aber auch auf ein begriffliches Konzept ausgerichtet. Sie hat ein begriffliches Konzept als Objekt. Bei der Meditation über die Gewissheit des Todes ist es ja der Entschluss, Dharma praktizieren zu wollen.


    Auch wenn A.Berzins Vokabular etwas anders ist als das, das ich gewohnt bin, denke ich doch, dass es zutreffend ist. Das was ich im Zusammenhang mit der Meditation über die Gewissheit des Todes als konzentrative Meditation bezeichnet habe und Berzins Begriff der stabilisierenden Meditation widersprechen sich ja nicht. Berzin betont mit stabilisierender Meditation die Funktion der konzentrativen Meditation, nämlich das Meditationsobjekt stabil im Bewusstsein zu verankern. Dazu bedarf es allerdings mehr als nur eine Meditationssitzung.


    Was Bhikshuni Tenzin Metok konzeptlose Wahrnehmung nennt ist meines Erachtens kein philosophisches Konzept, sondern bedeutet nur eine unmittelbare, nicht-begriffliche Wahrnehmung. Das ist allerdings eine Wahrnehmung des geistigen Bewusstseins und nicht der Sinnesbewusstseine.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • In den Dharma-Traditionen haben sich ja unterschiedliche Meditationssysteme entwickelt. Im Kontext des Lamrim ist die Kontemplation kein Brainstorming wie Ellviral es in Bezug zu Dzogchen erläutert hat.


    Im Kontext des Lamrims ist Kontemplation ein vertiefendes Nachdenken über das was man vorher gelernt hat; sei es durch Lesen der Schriften oder sei es durch Erklärungen der Lehrer / Lehrerinnen.


    Durch das Lernen entsteht eine Weisheit. Diese Weisheit vertieft man durch die Kontemplation und mit der Weisheit, die durch diese Kontemplation entstanden ist, geht man dann in die Meditation. Dadurch entsteht eine noch tiefergehende Weisheit.


    Durch die aufeinander aufbauenden Meditation des Lamrim entwickelt man die Weisheit, die das eigentliche Gegenmittel gegen unsere Unwissenheit ist, die uns an Samsara fesselt.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • Die Verse in den beiden Eingangsposts beschreiben Übungen eines Praktizierenden mit höchsten Fähigkeiten. Die Lamrim-Übungen beginnen natürlich mit den Übungen und Meditationen eines Praktizierenden mit anfänglichen Fähigkeiten. Ein Praktizierender mit anfänglich Fähigkeiten hat die Motivation, im nächsten Leben wieder eine hohe Wiedergeburt als Mensch zu erlangen.


    Er meditiert über (1) das kostbare Menschenleben, über (2) Tod und Vergänglichkeit, über (3) die Leiden der niederen Daseinsbereiche, sucht (4) Zuflucht bei den drei Juwelen Buddha, Dharma und Sangha und meditiert (5) über das Gesetz von Handlung und Wirkung.


    Zum Thema kostbares Menschenleben schreibt der Panchen Lama Losang Tschökyi Gyältsen nur kurz: "Segne mich, dass ich den tiefsten Gehalt von Muße und Ausstattung erfasse, die nur einmal gefunden werden, schwer zu erlangen sind und schnell vergehen, und dass ich mich nicht durch die bedeutungslosen Beschäftigungen ablenken lasse, die nur auf Ziele in diesem Leben gerichtet sind."


    In der Lamrimschrift "Das Herzstück aller vortrefflichen Lamrim-Lehren" von Gomchen Ngawang Dragpa schlüsselt der Autor das Thema etwas auf und verdeutlich, dass ein kostbares Menschenleben durch zwei Aspekte bestimmt ist: Freiheiten und Reichtum. Die Freiheiten entsprechen der Muße von der der Panchen Lama spricht, und der Reichtum entspricht dem was der Panchen Lama Ausstattungen nennt.


    Gomchen Ngawang Dragpa beschreibt die Freiheiten folgendermaßen: "In einer abgelegenen Region geboren zu sein, nicht im Besitz aller Sinneskräfte, mit verkehrten Ansichten oder dort zu leben, wo es die Lehre des Siegers nicht gibt - dies sind die vier unfreien Situationen der Menschen. Freiheit bedeutet, sich darin nicht zu befinden, noch in dem Bereich langlebiger Götter, noch in den drei Bereichen des elenden Daseins. Zusammen sind es acht Situationen."


    Die Reichtümer unterteilt der Autor in zwei Fünfergruppen: Der Reichtum, der einen selbst betrifft, und den Reichtum, der mit anderen in Verbindung steht.


    Zur ersten Gruppe schreibt der Autor: "Ein Mensch zu sein, in einer zentralen Region geboren und im Besitz aller Sinneskräfte; keine Handlungen begangen zu haben, die unmittelbar ins Elend führen; Vertrauen in die Drei Körbe der Lehre zu haben."


    Zur zweiten Fünfergruppe schreibt der Autor: "Ein Buddha kam; er hat gelehrt, und seine Lehre besteht noch; es gibt diejenige, die ihr folgen und Wesen, die anderen mitfühlende Liebe zeigen."


    Und wie der Panchen Lama schreibt, ist ein solches kostbares Menschenleben nur schwer zu erlangen und es vergeht auch wieder schnell. Deshalb ist es wichtig, das Potenzial eines solchen kostbaren Menschenlebens gut zu nutzen, wenn man es einmal erlangt hat. Der anfänglich Praktizierende nutzt so gut er kann das Potenzial dieses kostbaren Menschenlebens, um in der nächsten Existenz wieder ein Menschenleben zu erreichen, denn er will eine Existenz in den drei niederen Daseinsbereichen vermeiden.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • In den ausführlicheren Lamrimschriften wird das kostbare Menschenleben anhand von drei Aspekten erklärt. Der erste Aspekt besteht in den Merkmalen des kostbaren Menschenlebens, den acht Freiheiten und zehn Ausstattungen.


    Der zweite Aspekt ist der Wert des kostbaren Menschenlebens. Namkha Päl zitiert in seiner Schrift Sonnenstrahlen der Geistesschulung den indischen Meister Asvagosa:


    "Wer die kostbare Menschenexistenz erlangt hat, hat den Samen gelegt, um den Daseinskreislauf hinter sich zu lassen. Es ist der höchste Same für die wunderbare Erleuchtung. [...] Wer würde da die kostbare Menschenexistenz ohne Ergebnis vorübergehen lassen?"


    Es geht also darum, die Möglichkeiten, die uns ein kostbares Menschenleben bietet zu erkennen, und diese dann auch so gut wir können zu nutzen und sie nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.


    Anders formuliert, es geht darum, dieser Existenz einen Sinn zu verleihen. Es gibt drei Arten, auf der Grundlage des kostbaren Menschenlebens dieser Existenz, die wir jetzt haben, einen Sinn zu verleihen:

    • Durch die Übungen, die einem anfänglichen Praktizierenden entsprechen, erlangt man eine hohe Wiedergeburt als Mensch
    • Durch die Übungen, die einem mittleren Praktizierenden entsprechen, erlangt man die Befreiung aus Samsara und wird zum Arhat
    • Durch die Übungen des Praktizierenden mit höchsten Fähigkeiten erlangt man die Buddhaschaft

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • Zur Bedeutung des kostbaren Menschenlebens führt Namkha Päl ein weiteres Zitat von Asvagosa an:


    "Menschen, die reich an Heilsamen sind, haben das in zahllosen Zeitaltern erworben. Wenn sie nun in diesem Leben aus Verwirrung nicht zumindest ein wenig des Schatzes an Verdiensten ansammeln, werden sie in zukünftigen Existenzen an Orten voller unverträglicher Leiden wohnen. Sie sind wie Händler, die, zu einer Juweleninsel gelangt, mit leeren Händen nach Hause zurückgekehrt sind.


    Ohne den Weg der Zehn Heilsamen Handlungen wird man das Menschsein später nicht wieder erlangen. Wie könnte ein Glück ohne die Menschenexistenz überhaupt ein Glück sein - es ist Leiden selbst.


    Kein anderer könnte uns in größerem Ausmaß betrügen. Es gibt keine größere Dummheit als diese!"

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • Zum Thema Wert des kostbaren Menschenlebens noch ein Zitat aus einem Kommentar:


    " Das Beste, was wir tun können, um diesem Leben einen Sinn zu verleihen, ist: den Erleuchtungsgeist [Bodhicitta] entwickeln, die Selbstsucht verringern und diese schließlich ganz aufgeben." (1)


    Der Kommentator zitiert hierzu den tibetischen Meister Khädrup Dshe: "Wenn man über die große Bedeutung des Menschenlebens nachdenkt, ergibt sich automatisch das Gefühl des Verlustes angesichts der sinnlosen Handlungen, die man tut."

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    (1)Geshe Thubten Ngawang, Mit allem verbunden, München, 2005, S.51

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • Der indische Meister Aryasura sagt hierzu:


    "Durch ein Leben als Mensch können karmisch heilsame Samen erzeugt werden, durch die man jenseits der leidvollen Daseinskreisläufe gelangen kann und die unübertroffenen Samen der glorreichen Erleuchtung sich entfalten können. Das menschliche Leben ist ein Fluss heilsamer Qualitäten, besser als jedes wunscherfüllende Juwel. Wer würde dieses Leben - einmal erreicht - sinnlos vergeuden."

    (Zitiert nach: Tsongkapa, Lam rim chen mo - Die große Darlegung des Stufenweges auf dem Pfad zur Erleuchtung, dharma-university-press.org, Band 1, 2019)

    Gruß Helmut


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  • Die Beschreibung des Übungspfades beginnt in den Lamrimschriften mit den Erklärungen zum kostbaren Menschenleben. Warum gibt es diese Erklärungen am Anfang?


    Es gibt sie, um sich klar zu machen, welche Umstände und Bedingungen erforderlich sind, um das Dharma lernen und praktizieren zu können.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • Weiter sagt Aryasura:


    "Jene, die ein menschliches Leben erlangt haben, das aufgrund der Ansammlung von Verdiensten über unzähligen Äonen möglich wurde und angefüllt ist mit heilsamen Potenzialen, die es aber aufgrund von ebenso vorhandenen karmischen Verwirrungen es versäumen, auch nur den kleinsten Schatz an Verdiensten anzuhäufen ..."


    Das zeigt, dass wir auch dann, wenn wir ein kostbares Menschenleben erlangt haben, noch nicht völlig frei sind von Hindernissen für die Praxis.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.