Posts by Leonie

    Und von daher ist es doch verständlich, wenn man da eher konservativ ist und wenig "Mut zu Veränderung" zeigt. Wenn man etwas dagegen nur rein als beliebig konstruiert sieht, dann ist man viel freier darin, da Veränderungen vorzunehmen.

    Statt konservativ sehe ich die Bezeichnung traditionell für angebrachter und dafür braucht es ja auch Mut, gegen alles Streben der Veränderung an Tradition fest zu halten.

    Die Konventionen sind zwar willkürlich - im Sinne eines nach Tönnis bestimmten "Kürwillen" - d.h. es sind Setzungen, Übereinkünfte, die aber nicht beliebig sind, sondern sich als Verhaltensregeln herausgebildet haben oder auch herausbilden sollen. Sehr ausführlich hat das David Lewis in seiner Arbeit "Convention" durch dekliniert.
    Neben den Verhaltenskonventionen gibt es dann auch die Konventionen der Kommunikation, zu denen Sprechakte, wie Grüßen, Entschuldigen, Versprechen, aber auch Anordnung, Befehl und Deklaration uam. gehören. Sie sind allesamt - also auch die Konventionen in der Sprache transformierend, d.h. sie verkörpern Gegebenheiten unter der wesentlichen Bedingung, dass sie anerkannt werden.

    Sprechakte sind in schamanischen Kulturen (Bön) geläufig und wie wir aus Harry Potter wissen, sind Zaubersprüche auch Sprechakte. :grinsen:

    Fehlt die Anerkennung, d.h. der Glaube daran, haben diese Praktiken keine Wirkung.

    Ich denke es ist ein großer Unterschied, ob man so ein System von außen betrachtet, oder von seiner Wirkung auf den Praktizierenden.

    Das ist es. Aber Systeme sind so definiert, dass sie ein Innen und Außen haben und sie mit der Umwelt interagieren. Da die Praktizierenden von außen kommen, müssen sie in das System integriert werden und da gibt es im Vajrayana die Hierarchie zwischen denen, die den Tantra lehren und denen, die belehrt werden.

    Und, wenn ich da im Berzin Archiv lese, ist das ein Fass ohne Boden - da ist der Palikanon ein klacks.

    Die Wirkung auf die Praktizierenden wird vor allem durch Hingabe (bedingungslose) erzeugt. Und die braucht es auch, denn das Vajrayana ist ein ausuferndes Lehrsystem, das so gebaut ist, damit es Generationen beschäftigt und nicht zusammen fällt.

    Wer in dieses rabbit-hole kommt, findet da wohl nur schwer heraus.

    Es gibt im tibetischen Buddhismus verschiedene Systematisierungen parallel. Was aber nicht Beliebigkeit bedeutet.

    Wenn du die Semiotik von Charles S. Pierce vielleicht kennst, dann weißt du, dass diese Systeme, semiotische Systeme sind, die abgebildet werden können in einem semiotischen Dreieck von Zeichen, Konzept und Objekt.

    Nehmen wir mal das Objekt einer Fußspur im Gras - um dieses Zeichen überhaupt wahrnehmen zu können, als Fußspur, braucht es bereits eine Erfahrung und ein Konzept. Es muss dir schon mal gezeigt worden sein, dass Hasenspuren oder Ochsenspuren SO aussehen. Und es braucht außerdem eine Kultur oder Konvention, die dieses Zeichen als bedeutungsvoll ansieht. In einer Jägerkultur macht das also Sinn, auch in einer Kultur, in der der Ochse eine Bedeutung hat, wie in China - in einer anderen Kultur aber nicht.

    Pierce unterscheidet zwischen Index, Icon und Symbol - das Symbol nun ist ein Zeichen, dass keine Beziehung zu (s)einem Objekt hat, also auf Konvention beruht, wie die Sprache.

    Alles, was du da oben zitiert hast ist also konventionell und beruht nur auf willkürliche Setzung - außerhalb der Kultur und deren Konventionen haben diese Systeme keinen Sinn.

    Das gilt auch für die Symbole der Chinesen, die das I Ging oder die "Medizin" verwenden. Chinesen sind ja sehr fixiert auf diese Art von Glaube - an jeder Ecke bietet man dir dort Wahrsagerei an.

    Wenn man nun aber auf das Herz-Sutra verweist, dann ist die letzte Wirklichkeit zeichenlos - der Tathagatha hat keine Merkmale.

    Und in dem Augenblick, in dem dir das Konventionelle dieser ganzen Symbolsysteme klar wird, siehst du nur noch die Geschichten, die da erzählt werden und dass es ein kulturelles und konventionelles Phänomen ist. Darüberhinaus hat es keine Bedeutung.

    Aber mal was zu Sache - das Buch aus dem Meiner-Verlag ist leider nicht empfehlenswert. Schau dir mal die Rezensionen dazu auf amazon an. Der Kommentar von Geldsetzer ist fragwürdig und die Übersetzung aus dem Chinesischen ist eigentlich unsinnig, da man ja die Sanskrit-Version hat.


    Empfehlenswert ist hingegen die Ausgabe von Weber-Brosamer, die aus dem Sanskrit-Text übersetzt.

    Die Philosophie der Leere: Nagarjunas Mulamadhyamaka-Karikas. Übersetzung des buddhistischen Basistextes mit kommentierenden Einführungen (Beiträge zur Indologie, Band 28)
    Kaum ein anderer indischer Philosoph hat größeren Einfluß und weitere Ausstrahlung erreicht als der buddhistische Mönch Nagarjuna (2.-3. Jhdt. n. Chr.). Sein…
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    "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod."

    Das war natürlich der Buddha. Meine Güte! ;)

    Drunter geht gar nicht. Aber fragen wir doch mal wiki über google:

    Zitat

    Alexander Kluge sagte über den Titel: „Den Titel des Films fanden wir als Graffito im Keller eines der besetzten Häuser.“[1] So zeigt es die erste Einstellung des Films. Die Kamera nähert sich langsam einer Zimmertür, auf der mit der Hand geschrieben steht: „In Gefahr und größter Noth bringt der Mittelweg den Tod.“ Das ist jedoch nichts anderes als das geringfügig abgewandelte Epigramm (Sinngedicht) „Der Mittel-Weg“ des schlesischen Dichters Friedrich von Logau: „In Gefahr und grosser Noth // Bringt der Mittel-Weg den Tod.“ (siehe dazu Wikiquote).


    Friedrich von Logau? nie gehört.

    Verschoben

    Abgetrennte Beiträge zum Thema Farbe aus dem Thread "Mut zur Veränderung"


    Die liturgischen Farben in der katholischen Kirche haben sich über längere Zeiträume entwickelt und violett wird z.B. an den Fastenzeiten vor Ostern und Weihnachten (Advent) als Meßgewänder getragen. Die Symbolik ist davon unabhängig - aber man kann natürlich jeder Farbe ein Symbol oder Eigenschaft zuordnen. Das sind aber auch fake-Zusammenhänge, die einfach durch bloße Zuschreibungen hergestellt werden. Sie sind auch kulturabhängig, z.B. weil die Herstellung von Farben früher sehr teuer war und daher nur den oberen gesellschaftlichen Schichten es möglich war, sich farbig zu kleiden.


    Farbe ist zudem auch keine Objekteigenschaft, sondern wird im Gehirn gebildet, durch das Zusammenspiel der für die Farbwahrnehmung gegebenen Sinneszellen im Auge. Für unsere Farbwahrnehmung sind das drei Typen von Zellen mit denen wir eben drei Grundfarben wahrnehmen/unterscheiden - aber es gibt auch Lebewesen, die nur zwei Typen haben oder sogar vier.


    hier wird das schön erklärt


    oder auch dies

    Die liturgischen Farben in der katholischen Kirche haben sich über längere Zeiträume entwickelt und violett wird z.B. an den Fastenzeiten vor Ostern und Weihnachten (Advent) als Meßgewänder getragen. Die Symbolik ist davon unabhängig - aber man kann natürlich jeder Farbe ein Symbol oder Eigenschaft zuordnen. Das sind aber auch fake-Zusammenhänge, die einfach durch bloße Zuschreibungen hergestellt werden. Sie sind auch kulturabhängig, z.B. weil die Herstellung von Farben früher sehr teuer war und daher nur den oberen gesellschaftlichen Schichten es möglich war, sich farbig zu kleiden.


    Farbe ist zudem auch keine Objekteigenschaft, sondern wird im Gehirn gebildet, durch das Zusammenspiel der für die Farbwahrnehmung gegebenen Sinneszellen im Auge. Für unsere Farbwahrnehmung sind das drei Typen von Zellen mit denen wir eben drei Grundfarben wahrnehmen/unterscheiden - aber es gibt auch Lebewesen, die nur zwei Typen haben oder sogar vier.


    hier wird das schön erklärt


    oder auch dies

    Wer weiß, ob es nicht eine für uns - aus physikalischen Gründen - nicht zugängliche Welt gibt, in der die Lieblingsfarbe Violett eine sehr wichtige Rolle spielt in der spirituellen Praxis.

    Kann aber auch sein, dass Farben da etwas ganz anderes sind ....

    Ich empfehle dir mal das Buch von Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache.Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht.


    Wenn man sich von Autoritäten ablösen will, dann findet man immer plausible Gründe. Nur man kann dann sehr leicht bei der nächsten Autorität landen, denn ein Leben ohne Vorgaben muss ja auch eingeübt werden. Die Quantenmechanik bietet da jede Menge Material für Ersatz-Autorität - meistens versteht man sie nicht, in jedem Fall ist das so, wenn man nicht gerade am CERN arbeitet und nach Teilchen-Kollisionen Messungen macht.

    Gerade in der Physik gibt es jede Menge Spekulationen und je weiter man von der experimentellen Überprüfung sich entfernt hat, umso größer ist der Anteil der Spekulation. Dann bleibt die Mathematik und die Beweisverfahren und auch da braucht es experimentelle Nachweise der Existenz von diesem oder jenem.

    Die meistens Menschen laufen, mangels adäquaten Gebrauchs des Verstandes, irgendwelchen Spekulationsblasen hinterher. Wenn man sich in so eine Blase für längere Zeit begibt, sei es eine Zen-Blase oder tibetische Blase, dann braucht es immer ein wenig Abstand, bis einem auffällt, dass das im wesentlichen Echokammern sind, in der sich Menschen sich wechselseitig bestätigen.

    Dhamma ist für mich nicht Religion sondern Lebensweg

    Schon klar.

    Wenn man den Buddhismus als Religion sieht, dann hast du Recht. Doch da das Dhamma keine Religion ist und auch nix Spirituelles, ist auch der Buddha kein religiöser "Führer", sondern nur ein an praktischen Lösungen interessierter Mensch.

    Ein Selbst entsteht nicht, das ist der Knackpunkt - ein Selbst ist gegeben. Was entsteht und vergeht sind Prozesse.

    Das ist einfach nur eine (unbeweisbares) Annahme, die unterstellt, dass die Prozesse eine Ursache in einem gegebenen Selbst hätten.

    Über derartige Ansichten hat Buddha in der Lehrrede MN 2 gesagt, sie seien ein Gestrüpp, ein Dickicht von Ansichten, in denen sich der nicht-unterrichtete Weltling verheddert und somit keine Befreiung finden kann.


    Zitat
    • Die Ansicht 'für mich gibt es ein Selbst' entsteht in ihm als wahr und erwiesen; oder
    • die Ansicht 'für mich gibt es kein Selbst' entsteht in ihm als wahr und erwiesen; oder
    • die Ansicht 'ich nehme Selbst mit Selbst wahr' entsteht in ihm als wahr und erwiesen; oder
    • die Ansicht 'ich nehme Nicht-Selbst mit Selbst wahr' entsteht in ihm als wahr und erwiesen;
    • oder die Ansicht 'ich nehme Selbst mit Nicht-Selbst wahr' entsteht in ihm als wahr und erwiesen; oder
    • ansonsten hat er eine Ansicht wie diese: 'Es ist dieses mein Selbst, das da spricht und fühlt und hier und da die Ergebnisse guter und schlechter Taten erfährt; aber dieses mein Selbst ist unvergänglich, dauerhaft, ewig, nicht der Vergänglichkeit unterworfen, und es wird so lange wie die Ewigkeit überdauern' [4].

    Diese spekulative Ansicht, ihr Bhikkhus, wird das Dickicht der Ansichten genannt, die Wildnis der Ansichten, die Verdrehtheit der Ansichten, der Wankelmut der Ansichten, die Fessel der Ansichten. Durch die Fessel der Ansichten gebunden, ist der nicht unterrichtete Weltling nicht befreit von Geburt, Alter und Tod, von Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung; er ist nicht befreit von Dukkha, sage ich."

    Majjhima Nikāya 2

    Na ich will das wissen und der Grund ist Einsicht und im besten Falle Befreiung. Wenn es keinen Wissenden gibt, wozu gibt es dann die Lehre?

    Die Lehre gibt es damit sie praktiziert wird.

    Das Selbst ist eben nie in Vorstellungen zu finden, auch nicht in höheren Vorstellungen von "wahrem Geist" oder "wahrem Selbst" - eben weil die Vorstellungen sind. Aber, ich wiederhole mich, bedeutet das nicht, dass es kein Selbst gibt, sondern nur, dass es dort, wo wir suchen (eben in den Phänomenen und geistigen Prozessen) nicht gefunden werden kann.

    Da Selbst eine Vorstellung ist, ist es unsinnig es IN einer Vorstellung zu suchen. Oder anders gesagt eine Vorstellung kann nicht gleichermaßen in sich und an sich sein.

    Dein Problem ist die Frage nach der Existenz eines Selbst - das ist gleich der Frage nach der Existenz eines Koffers oder eines Wagens.

    Da alle Phänomen, dhammas, zusammengesetzt sind, haben wir lediglich Begriffe, also Gestaltungen, geistige Objekte, die aber auch wiederum zusammengesetzt sind und die zudem Konventionen sind.

    Nun haben wir sowohl im Bereich der Form, als auch im Bereich des Formlosen nichts anderes als Phänomene und deshalb können wir eben außerhalb nicht suchen. Wir können uns da aber vieles zusammen reimen, einbilden und daraus wunderbare Theorien basteln und diese glauben, und uns darüber dann streiten (diskursives Denken und Reden) und dann kann man auch Kriege darüber führen. Wir finden da keine Lösung, sondern nur Leiden.

    Buddha hat sich nur für eine Frage interessiert. Was ist Leiden, woher kommt es, wenn es eine Ursache hat, dann gibt es auch einen Weg es zu beenden. Alles spekulative Denken hat er nicht kommentiert.

    Das "wahre Selbst" ist ja eben keine religiöse Überzeugung, Welt-Ansicht etc. sonst hätte Buddha ja gesagt: "Das bin ich, dies ist mein Selbst" - wenn es denn in solchen Bereichen gefunden werden könnte.

    Es ist doch gleich, welche Attribute dem Selbst zugeschrieben werden. Es ist immer ein Selbst. Und diesem Selbst wird dann durch ein Attribut, wie wahr, stark, wirklich, schwach eine Eigenschaft zugeordnet, die aus dem Baukasten der Religion oder Psychologie entnommen wird, Bereiche in denen ein Selbst überhaupt erst einen Sinn macht. Kierkegaard hat dies in seiner Schrift "Die Krankheit zum Tode" beispielsweise sehr ausführlich ausgearbeitet. Darin beschreibt er aber eine Vorstellung, eine Ansicht, die er sehr ausführlich entwickelt, die aber letztlich das Leiden nicht berührt, sondern die zum Glauben führen soll - also mit einer religiösen Vorstellung verbunden wird und so eine erlösende Kraft entfalten würde.


    Vielleicht nochmal: Buddha ging es nicht um Religion und deshalb hat er in diesem Feld auch nichts gesucht - ihm ging es allein um die Befreiung von dukkha - und er hat erkannt, dass dukkha an diese drei Vorstellungen gebunden sind: Mein, Ich und Selbst.

    Entscheidend ist dabei der Ausdruck "DAS" oder "DIES" in dem "Das bin ich nicht" - "Dies ist nicht mein" .

    Was also ist "DAS" oder "DIES"? Es bezieht sich auf alles was ergriffen werden kann - die fünf skandhas als Gruppen des Ergreifens - Form, Gefühl, Wahrnehmung, Bewusstsein, Gestaltung.


    Da du aus der Lehrrede den Abschnitt 27 aus dem Zusammenhang zitiert hast, solltest du nochmals auf den Abschnitt 15 zurück kommen:

    Zitat

    15. "Ihr Bhikkhus, da gibt es diese sechs Grundlagen für Ansichten. Was sind die sechs? Ihr Bhikkhus, ein nicht unterrichteter Weltling, der die Edlen nicht beachtet und in ihrem Dhamma nicht bewandert und geschult ist, der aufrechte Menschen nicht beachtet und in ihrem Dhamma nicht bewandert und geschult ist, betrachtet materielle Form so: 'Dies ist mein, dies bin ich, dies ist mein Selbst. [6]' Er betrachtet Gefühl so: 'Dies ist mein, dies bin ich, dies ist mein Selbst.' Er betrachtet Wahrnehmung so: 'Dies ist mein, dies bin ich, dies ist mein Selbst.' Er betrachtet Gestaltungen so: 'Dies ist mein, dies bin ich, dies ist mein Selbst.' Er betrachtet das, was gesehen, gehört, empfunden, erfahren, erlebt, gesucht und geistig erwogen wird, so: 'Dies ist mein, dies bin ich, dies ist mein Selbst.' Und diese Grundlage für Ansichten, nämlich 'Die Welt und das Selbst sind dasselbe; nach dem Tode werde ich unvergänglich, dauerhaft, ewig, nicht der Veränderung unterworfen sein, ich werde so lange wie die Ewigkeit überdauern' - auch dies betrachtet er so: 'Dies ist mein, dies bin ich, dies ist mein Selbst.'

    mich würde mal eure Ansicht interessieren zu folgendem Auszug aus dem Pali Kanon (MN 22)

    Meine Ansicht ist die, dass ich es vorziehe eine Lehrrede insgesamt zu lesen und zu studieren und nicht mich mit Auszügen zu begnügen. In MN 22 wird genau erläutert, was denn dieser von dir zitierter Abschnitt bedeutet - und das erläutert auch die Anmerkung von Kay Zumwinkel genauer.

    Begehren, Ich-Dünkel und Ich-Ansicht äußern sich so: "Dies ist mein, dies bin ich, dies ist mein Selbst."

    "Dies ist mein" ist der Ausdruck von Begehren; somit könnte man es ausführlicher formulieren "dies bezieht sich auf mich", da Begehren auch ablehnende, negative Anhaftung bedingt. Die Übung des Stromeingetretenen etc., "dies ist nicht mein", bedeutet natürlich nicht, daß irgendetwas anderes dann "mein" sein könnte - ein Irrtum einiger früher Buddhisten im Westen.

    "Dies bin ich" ist der Ausdruck von Ich-Dünkel, und lautet präzise "dies (deutet darauf hin): ich bin". Ein Beispiel, das den Unterschied zwischen diesen beiden Formulierungen verdeutlicht: man kann sich bereits klar sein, daß Gedanken nicht "Ich" sind, aber dennoch die Behauptung vertreten "ich denke, also bin ich."

    "Dies ist mein Selbst" ist die Ich-Ansicht, eine Theorie oder Vorstellung über das Selbst.


    Diese Selbst-Vorstellung wird durch eine Theorie von einem wahren Selbst lediglich aufgebläht und findet Ausdruck in religiösen Überzeugungen oder Welt-Ansichten, Gottesvorstellungen etc. Das Ich - also die eigene Selbstvorstellung erhält dadurch eine Orientierung auf einen vermeintlichen Lebenssinn, welcher Art auch immer.

    Buddha kritisiert das garnicht, sondern stellt nur die Zusammenhänge dar, weil diese Ansichten allesamt zu dukkha führen. Ihm ging es jedoch um die Befreiung von dukkha. Und einer der von dukkha befreit ist, braucht nicht noch was zusätzliches oder wahres, neben dem was einfach nur so da ist.

    Andrea Honin

    Hier gibt es noch ein Ton-Dokument von Viktor Frankl.

    Landsberger Zeitgeschichte: Tondokument - Viktor Frankl


    Nun zu deinen Fragen:


    Zitat

    Wer oder was trug und trägt eigentlich die Verantwortung, für das was tgl. noch immer auf der Welt, in irgendeiner Form passiert?


    Warum ist der Mensch so grausam und warum auch auf der anderen Seite wieder so hilfreich, wie es sich schon oft in Krisenzeiten gezeigt hat?


    Warum ist der Eine so und die Andere so?


    Und woher kommt das alles?


    Unabhängig davon ob es sich definiere lässt oder nicht, was ist es, woher kommt es, warum, wieso, weshalb?


    Gibt es einen „Willen zur freien Wahl“ oder nicht?


    Und was ist dann mit dieser Welt, die wir einmal geschmeckt haben?


    Wo ist der Ochse dann?


    Im Rinzai Zen werden auch Fragen gestellt - auch solche Fragen nach dem Sinn, der Schuld/Verantwortung, und nach dem warum - und da wirst du dann mit deiner Frage auf das Kissen zurück geschickt und sollst die Antwort das nächste Mal vorbei bringen. Nächste Woche oder eben zum nächsten Sesshin, jedenfalls im nächsten Dokusan. Nehmen wir mal die Frage "Woher kommt das alles?

    Das sind ja Koan - Fragen, die aus der Tiefe kommen - wie die Frage Buddhas nach dem Leiden, den Ursachen des Leidens und dem Weg, der zum Auflösen des Leidens führt.

    Und die Bodhisattva Gelübde kommen aus dieser Quelle.


    In einem Teisho zum ersten Bodhisattva-Gelübde shujo muhen seigando heißt es:

    Zitat

    Angesichts der Unermesslichkeit des Bodhisattva-Gelübdes ist es wichtig zu verstehen, dass es in Wirklichkeit niemanden zu retten gibt. Das ist die tiefe Unterweisung des Diamant-sutras. Es gibt in der buddhistischen Unterweisung widersinnige Dinge, aber diese Paradoxe haben eine befreiende Wirkung. Wenn wir nicht verstehen, dass es kein Wesen zu retten gibt, können wir uns unendlich schuldig fühlen, was unseren Gleichmut stören kann, denn diese riesige und fast unendliche Aufgabe, alle Wesen zu retten, ist eine Quelle des Leidens für den Bodhisattva. Ein Bodhisattva leidet nicht mehr aufgrund seines Egos, sondern aus Mitgefühl. Um dieses Leiden aus Zuneigung zu lindern, braucht der Bodhisattva Weisheit. Er erinnert sich, dass es wegen des Nicht-Egos, wegen der Leerheit kein Wesen und kein Ego zu retten gibt. Alle Wesen sind bereits gerettet oder befreit, denn sie sind Leerheit, sie sind ohne Ego.

    Das Erste der grossen Gelübte des Bodhisattva - ABZE - Association Bouddhiste Zen d'Europe

    Das Ego, dessen Quelle der Durst ist, versiegt mit diesem. Die empirische Person, der puggala, verschwindet nicht notwendig mit ihm - wenn seine Motivation nicht länger eine egoistische oder gemischte ist, sondern eine rein altruistische (selbst-lose). Ein nicht-egoistisches Ego mag ein Widerspruch in sich sein, doch für die Sinne eines gewöhnlichen Menschen ist da kein Unterschied. Das sieht aus wie ein Ego, hört und fühlt sich an wie eines, riecht und schmeckt wie eines. Was lehrte da eigentlich 45 Jahre lang den Dharma?

    Ob da dann einer sich als selbstloser Bodhisattva glaubt und damit als empirische Person den Dharma lehrt, ist hier nicht von Belang - aber die Frage, was da einer 45 Jahre gelehrt hatte, oder was da den Dharma gelehrt hatte, beantwortet das Diamant-Sutra in Abschnitt 7. In Abschnitt 25 wird auch darauf verwiesen, dass es keine Wesen zu retten gibt - die Bodhisattva-Gelübde also im Licht des Diamant-Sutras keineswegs eine Aufgabe für altruistische Geister sind.


    Aber es ging hier, nur mal zur Erinnerung - um den Punkt: das Ego zu nutzen, nicht abschneiden. Der Gegensatz ist ja eine ulkige Konstruktion und unterstellt, man könne da was abschneiden und da wäre es dann doch besser man nutzt dieses Ding.

    Vom Nutzen zu reden ist dann aber auch wieder eine instrumentelle Sichtweise und wer nutzt denn da wen oder was?


    Der Pali-Kanon ist hingegen recht eindeutig, was das Ich oder Ego anbetrifft. Man wendet sich ab.

    Samyutta Nikaya 22.51-60

    Zitat

    18.-22. "Daher, o Mönche: was es irgend an Körperlichkeit gibt - an Gefühl - an Wahrnehmung - an Gestaltungen - an Bewußtsein gibt, sei es vergangen, künftig oder gegenwärtig, eigen oder fremd, grob oder fein, gewöhnlich oder edel, fern oder nahe - von jeder Körperlichkeit - jedem Gefühl - jeder Wahrnehmung - allen Gestaltungen - jedem Bewußtsein gilt: 'Dies ist nicht mein, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst!' So hat man dies der Wirklichkeit gemäß mit rechter Weisheit zu betrachten.


    23. So erkennend, o Mönche, wendet sich der erfahrene, edle Jünger von der Körperlichkeit ab, er wendet sich ab vom Gefühl, er wendet sich ab von der Wahrnehmung, er wendet sich ab von den Gestaltungen, er wendet sich ab vom Bewußtsein. Abgewandt wird er entsüchtet. Durch die Entsüchtung wird er befreit. Im Befreiten ist die Erkenntnis: 'Befreit bin ich. Versiegt ist die Geburt, vollendet der Heilige Wandel, getan das Werk, nichts Weiteres nach diesem hier' - so erkennt er."

    Das Ego nutzen, nicht abschneiden

    Darum ging es. Und Igor07 - da gebe ich dir völlig recht,für den normalen Menschen gibt es keine oder sehr wenige Optionen - deshalb machen sie ja das, was so ansteht und stecken den Kopf in den Sand.


    Man kann auch sagen "Den Arm nutzen, nicht abschneiden" - aber der Arm gehört mir nicht und er ist nicht ich, denn er ist nicht "mein" Arm, sondern nur ein Arm. Er lässt sich eben auch nicht einfach so nutzen. Und was dann, wenn er nutzlos geworden ist? Soll er dann abgeschnitten werden?

    Auch das Ego bin nicht ich und es gehört mir nicht und es ist nicht "mein" Ego. Doch sollte es auf keinen Fall unterschätzt werden. Es ist mein Lehrer. Es lehrt mich Wachsamkeit, Vorsicht und Demut.

    In meiner Arbeit mit Demenzkranken habe ich festgestellt, dass es nicht reicht wenn nur der Körper Durst hat. Wenn das Ich nix meldet, dann trocknet der Körper aus.

    Der Körper braucht dann natürlich auch die mentalen Funktionen, wie Wille, damit sich das Bedürfnis äußern kann. Oder es braucht Beine, Arme etc. und andere körperliche Funktionen, damit überhaupt was getrunken werden kann. Daher braucht es sogar einen anderen, der z.B. eine Infusion setzen kann, um Flüssigkeit intravenös zuzuführen. Oder der darauf achtet, dass die zu Pflegenden ausreichend trinken, weil das Durstgefühl schwindet. Es ist eben ein recht komplexes Phänomen, nama-rupa - das Körperlich-Geistige.

    Das "ich" ist, wie auch das "Du" eine identifizierende Vorstellung von einer körperlich-geistigen Einheit, die aber nicht eigenständig IST oder aus sich selbst heraus lebt. Gerade wegen diese fehlenden Eigenständigkeit und diesem Angewiesensein hinsichtlich der Bedürfnisse und seiner Befriedigung, d.h. ich brauche für "mein" Glück das Glück der anderen, hat diese Ich-Vorstellung eine wichtige Funktion, denn sie dient dem Zweck, zwischen heilsamen und unheilsamen Ansichten, Willen und Taten zu unterscheiden und so dem Pfad angemessen zu folgen, bis es dann fallen gelassen werden kann. So lässt sich dann aber auch erkennen, was heilsam und was unheilsam ist und welche Menschen zu meiden sind und welche als Freunde geeignet sind.

    Zusammengefasst: es gibt das Körperlich-Geistige als funktioneller Prozess und eine Verbindung beider über das Bewusstsein, also eine Erfahrung von Ich, Mein, Selbst (mein Körper, mein Wille, meine Taten, meine Gedanken etc.) und das Ich-Bewusstsein (oder Ego) ist dann eine Instanz, die durch den Pfad und z.B. die Achtsamkeitsübungen sich entfalten kann und die Bedingungszusammenhänge soweit erkennt, dass es das Ich als Illusion enttarnen kann und sieht, dass alles nur ein sich wechselseitig bedingender Prozess in einem gesamten Gefüge ist.

    Solange das Ich mit Überlebensgedanken befasst ist, wird es seine Selbst-Vorstellungen pflegen und sich gegen diesen Prozess auch wehren.

    Klar, man braucht die Ego-Strukturen im Alltag , einfach um zu überleben.

    Das braucht niemand. Aber es kommt dann doch hin und wieder Angst auf oder Wut, Ärger oder was auch immer. Und dann kann es sein, dass man doch in alte Muster zurück fällt. Doch dann erkennt man sie und greift sich ans Hirn - .

    Wie du schon aus dem Kernholz zitiert hast - in diesen Situationen, die Buddha aufgezählt hat, Krankheit, Alter, Sterben, mit Unlieben zusammen sein, mit Lieben getrennt sein, entsteht dukkha durch das Ergreifen bzw. Identifikation als Mein oder Mir. Dabei ist einfach nur der Körper durstig und will Wasser trinken.

    Es gibt kein Ego. Aber es gibt die (falsche) Vorstellung von Ich, Mein und Selbst - und diese falsche Vorstellung wird genährt durch die fünf skandhas - Körper, Wahrnehmung, Gefühl, Bewusstsein, Geistobjekte (sankhara) . In MN 9 wird gezeigt, dass Gier, Hass und Unwissenheit es sind, die diese Illusion am Leben erhalten und daher ist es Unsinn, wenn man meint, man könne die Illusion nutzen, um Illusion zu beenden. Unwissenheit wird dadurch nur aufrecht erhalten.


    Zitat

    70. "Und was sind die Triebe, was ist der Ursprung der Triebe, was ist das Aufhören der Triebe, was ist der Weg, der zum Aufhören der Triebe führt? Es gibt drei Triebe: den Sinnestrieb, den Werdenstrieb und den Unwissenheitstrieb [10]. Mit dem Ursprung von Unwissenheit ist der Ursprung der Triebe. Mit dem Aufhören von Unwissenheit ist das Aufhören der Triebe. Der Weg, der zum Aufhören der Triebe führt, ist eben dieser Edle Achtfache Pfad; nämlich Richtige Ansicht, Richtige Absicht, Richtige Rede, Richtiges Handeln, Richtige Lebensweise, Richtige Anstrengung, Richtige Achtsamkeit, Richtige Konzentration."

    71. "Wenn ein edler Schüler so die Triebe verstanden hat, den Ursprung der Triebe, das Aufhören der Triebe, und den Weg, der zum Aufhören der Triebe führt, dann gibt er die Neigung zur Begierde vollständig auf, er vernichtet die Neigung zur Abneigung, er rottet die Neigung zur Ansicht und zum Dünkel 'Ich bin' aus, und indem er die Triebe aufgibt und wahres Wissen erweckt, macht er Dukkha hier und jetzt ein Ende. Auch auf jene Weise ist ein edler Schüler einer mit Richtiger Ansicht, dessen Ansicht geradlinig ist, der vollkommene Zuversicht in Bezug auf das Dhamma hat und bei diesem wahren Dhamma angelangt ist."

    Majjhima Nikāya 9

    Die Freude "abseits von Sinnesvergnügen, abseits von unheilsamen Geisteszuständen, welche himmlische Glückseligkeit übertrifft" ist wohl den Erleuchteten/Erwachten/Befreiten vorbehalten....

    Ohne Frage und das fällt aber auch nicht so von irgendwoher zu, sondern es bedarf der ernsthaften Praxis des Pfades. Wenn einer dann so ernsthaft dem Pfad folgt, ist das dann aber auch keine "eigene" Erleuchtung oder Befreiung, sondern es ist noch immer Buddhas Erwachen, Erleuchtung, Befreiung.


    Ich habe in der letzten Zeit, auch angeregt durch diese Themen hier, Thanissaro Bikkhu entdeckt und möchte seine Schriften allen wärmstens empfehlen.

    Thanissaro Bhikkhu: (Geoffrey DeGraff)

    Kopf und Herz gemeinsam: Aufsätze über den buddhistischen Pfad


    Jetzt wünsche ich euch noch ein recht ruhiges, friedliches Silvester.