Posts from void in thread „Die Gelassenheit und die Ignoranz des Buddhismus“

    Ich weiß nicht genau, was Einsamkeit ist. Natürlich sind erstmal viele Leute einsam, weil sie alleine sind. Aber es gibt ja sowohl Leute die sehr alleine sind ( der spirituelle Einsiedler) und Leute die inmitten sozialer Bindungen oder auch in Menschenmassen einsam sind.


    Ich habe mal nachgeschaut und bin auf das "Kompetenznetz Einsamkeit" gestoßen. Da heißt es:


    Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, bei dem die eigenen sozialen Beziehungen nicht den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen.

    Wenn man sich nach dem Partner sehnt und dieser tot ist, dann ist das ein Wunsch der ja leider nicht zu erfüllen ist. Aber ansonsten kann man ja anfangen seine Bedürfnisse anzusehen und zu schauen, wo es Menschen gibt mit denen man auf eine gemeinsame Wellenlänge kommt.


    Das Kompetenznetzwerk hat ja sogar eine Karte für Angebote.

    Nun, einen wesentlichen Impuls erfuhr die "bundesdeutsche" [Wessi-]Gesellschaft ja vor allem durch die '68er' - eine halbe Generation früher. Davon blieb dann Dutschkes Perspektive des 'langen Marsches durch die Institutionen' übrig - und natürlich ein gewisser 'trickle down' - Effekt auf manche Heranwachsende ('Boomer'). Auf dem 'langen Marsch' wurden die wilden Revoluzzer zu Parteibonzen, alt und vernünftig - Prototyp Gerd Schröder. Oder zu Grünen - den treuesten politischen Stoßtruppen unserer glorreichen Führungsmacht in Europa und besten Freunden jener Wirtschaftssparte, die Geld mit der Herstellung von Mordwerkzeugen macht.

    In der 68iger Bewegung war ja ein Amalgam aus sehr unterschiedlichen Ideen. Von Bürgerechtsbewegung, Kommunismus und Antikolonialismus hin zu Hippie-Ideen, Selbstverwirklichung unD Popkultur.


    Aber dann zeigte sich, dass der Kapitalismus sehr anpassungsfähig war, und viel "Befreierisches" in sich aufnehmen konnte. Gerade da wo es um die Befreiung des leistungswilligen, gut ausgebildeten Individuum von Bevormundung ging, konnte ja vieles ( Feminismus, Konsumkultur, Antirassismus Jugendkulturen) sogar als Wachstumsmarkt gesehen und die entsprechenden individuellen Bedürfnisse befriedigt werden können. Die "Realos" triumphierte, während systemsprengende "Fundi" Ziele

    Pazifismus, Gerechtigkeit, Ökologie) nach und geopfert wurden.


    Ich verstehe den Zusammenhang zwischen Boomern und Nazi Opas mit dem Thema hier nicht.

    void kannst Du mir bitte auf die Sprünge helfen? Danke!!!

    Es reiht sich in die anderen Beispiel von Doppelgesichtigkeit. So wie Thomas Jefferson für seine Anhänger ein Befürworter von Freheit und für seine Sklaven ein Oppressor war, kann auch ein Großvater gütig zu seinen Enkeln sein und gleichzeitig unmenschlich gegenüber gefühlten Feinden.

    Ich tue mir zum Zwecke des morgendlichen Studiums von Massenhysterien und multinationalem Trickbetrug eine Tageszeitung an (dazu einen Cappucino, ein Glas Orangensaft und zwei Laugencroissants - aber das tut hier nichts zur Sache). Okay, keine schöne Art, den Tag zu beginnen, aber meinen Blutdruck treibt das nicht hoch (das ist der wichtigste Teil der Übung), sondern es wappnet mich mit einer Haltung leiser Ironie und nachsichtigen Wohlwollens für die (idR erfreulich harmlosen) Begegnungen mit diversen Exemplaren dieser Spezies, deren kulturelle Errungenschaften in meiner Morgenzeitung umfassend dargestellt werden, in freier Wildbahn. Ich weiss, das klingt möglicherweise etwas herablassend. Aber so, wie Brecht meinte, als er erwachsen wurde, gefielen ihm die Leute seiner Klasse nicht - so gefallen mir die Leute meiner Spezies nicht. Und da hilft nicht einmal mehr Kommunist werden ....

    Gerade die Generation der Boomer war ja Teil einer Kultur der ganz großen Hoffnung - eines ganz großen Traums von einer besseren Zukunft. Mehrere Träume eigentlich. Des Traums vom Wirtschaftswunder, des Traums der Demokratie, des Traums der Gerechtigkeit, des Traums der Freiheit, der Traum des Wachstums, der individuellen Entfaltung. Und das all diese hehren Träume so Schiffbruch erleiden, wäre ja noch zu verschmerzen. Da hätten "die Guten" einfach eine Niederlage eingesteckt und müssten es nochmal, besser probieren -mehr und stärker kämpfen.


    Aber ich denke es ist ja viel schlimmer: All das was da nach dem zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde - der Zuwachs an Wohlstand, an Freiheit, an Emanzipation erschien zwar als Verbesserung. Es waren aber die positiven Früchte einer Entfesselung der Produktionskräfte, die aber eben auch gewaltige negative Nebenfolgen hatte, die sich jetzt. Die ganze schöne Konsumwelt war ja nur möglich, weil man da die gespeicherte fossile Energie von Jahrmillionen verbrauchte, die Natur erschöpfte und so die Lebensgrundlage für kommende Generationen vernichtete. Sogar auf dem Lebensstandard der 80 ziger Jahre hätten noch viele Generationen nach uns schön leben können. Aber jetzt ist die Situation glaube ich so, dass ungefähr 3 Generationen die Ressourcen von hundert zukünftigen Generationen verpulvert haben. Wir sind also irgendwie die Schurken der Weltgeschichte, aber trotzdem irgendwie "nett" und harmlos. So nette Schurken.


    Ich bringe das nicht ganz zusammen. So als versucht man sich Flip den Grashüpfer aus Biene Maya als Teil einer Heuschreckenlage vorstellen:


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    Aber vielleicht ist das ja der Normalfall, das Menschen eine nette Plage sind. Cicero war ja auch gleichzeitig ein gebildeter Humanist und Teil eine kolonialen Gebildes. Und Sklavenhalter war er ja auch. So wie ja auch Thomas Jefferson. Nette Sklavenhalter, humanistische Imperialisten. Gütige Naziopas. Da reihen sich ja die apokalyptischen Boomer gut ein.


    Es ist schwierig all diese Bilder übereinander zu bringen. Und durch eine Art Trauerarbeit viel von den falschen Selbstbildern loszuwerden so dass man dann zwar desillusioniert ist aber nicht verbittert. Und sich Offenheit und Freundlichkeit bewahrt.

    Was ich betonen will, ich sehe es genau, wie ich es geschrieben habe. Ich will nicht gegen etwas halten, es ist nur mein Gefühl gewesen und ich wollte es einmal mit jemanden teilen.


    Ich schrieb schon öfter, es geht nicht um Recht haben. Normal bin ich sehr offen zu lernen, hier ist meine Meinung sehr gefestigt.

    Von Buddha gibt es ja den Satz:


    Zitat

    So wie der große Ozean nur einen Geschmack hat,den Geschmack von Salz,so hat auch meine Lehre nur den einen Geschmack,den Geschmack von Freiheit.


    Das Gegenteil von Freheit ist ja Unfreiheit. Man steckt in einer unguten Situation mit unguten Menschen fest und erlebt Niederlage auf Niederlage, Frustration um Frustration.


    Von daher sehe ich es als wichtig an, dass man wenn man so eingemauert ist, zu schauen, ob nicht der ein oder andere Stein weniger gefestigt ist. Ob man nicht die ein oder andere Unfreiheit als Illusion entlarven kann. Als eigenen Wahrnehmungsfilter - wie bei der Nostalgie - oder z.B als Zerrbild - wie bei den Medien. Das war so mein Ansatz.

    Ich beobachte sehr achtsam seit langer Zeit wie sich so die Gesellschaft, also "meine" Gesellschaft in der ich mich bewege bzw. die ich beobachte, also auch die Medien, die sozialen Medien, die Printmedien, das TV oder in der Arbeit usw.


    Meine Empfindung ist eine starke Polarisierung in der Kommunikation, die Aggressionen werden immer stärker und sogar diejenigen, die eigentlich dem Volk ein Vorbild im Sinne von einer gesitteten Kommunikation sein sollten, die haben eine Sprache, die ist unterirdisch.

    Es gibt ein Buch "Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. (Steffen Mau, Thomas Lux, Linus Westheuser) in dem das thematisiert wird.


    Von einer »Spaltung der Gesellschaft« ist immer häufiger die Rede. Auch in der Alltagswahrnehmung vieler Menschen stehen sich zunehmend unversöhnliche Lager gegenüber. So plausibel sie klingen mögen, werfen entsprechende Diagnosen doch Fragen auf: Wie weit liegen die Meinungen in der Bevölkerung wirklich auseinander? Und ist die Gesellschaft heute wirklich zerstrittener als zur Zeit der Studentenproteste oder in den frühen Neunzigern? Nicht zuletzt weil man eine Spaltung auch herbeireden kann, tut mehr Klarheit not. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser kartieren aufwendig die Einstellungen in vier Arenen der Ungleichheit: Armut und Reichtum; Migration; Diversität und Gender; Klimaschutz. Bei vielen großen Fragen, so der überraschende Befund, herrscht einigermaßen Konsens. Werden jedoch bestimmte Triggerpunkte berührt, verschärft sich schlagartig die Debatte: Gleichstellung ja, aber bitte keine »Gendersprache«! "Oft wird behauptet, die Gesellschaft sei gespalten wie nie. Aber stimmt das? Drei Soziologen gehen dieser Frage nach, indem sie das deutsche Stimmungsbild zu Themen wie Klimaschutz oder Diversität analysieren. Das überraschende Ergebnis: Bei den meisten Fragen herrscht Konsens - solange es nicht um Lastenräder oder Gendersterne geht“

    Weil sich das was in den Medien kommt, meistens um die "strittigen Themen" und die strittigen Personen dreht, gerät das was unstrittig oder sogar versöhnlich ist so stark aus den Blickfeld, dass es unsichtbar wird. Es ist ein Zerrspiegel in den wir blicken. Leider habe ich das Buch noch nicht gelesen, aber ich habe es vor.

    Es gab seitdem wir auf der Welt sind noch nie so viele Brennpunkte wie heute.

    In Goethes Osterspaziergang heißt es:


    Zitat

    Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei die Völker aufeinander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten. Dann kehrt man abends froh nach Haus und segnet Fried und Friedenszeiten.


    Solange die Kriege in der Distanz "hinter der Türkei stattfinden" den Vietnamkrieg mit seinen 3 Millionen Toten, für Kriege in Iran und Irak, den Krieg im Kongo( 1998-2003) , im Yemen, in Darfur, in Syrien, kann man weil es nicht der eigene Krieg ist, dies für sich als Friedenszeit verbuchen. Es stört die Bequemlichkeit nicht - die Konflikte gleiten vorbei wie die Schiffe - von denen man manche bucht beachtet oder schnell vergisst.


    Aber wenn es ein paar Meter vor der Türkei ist - wenn der Krieg Europa bedroht, -dann wird das ein ernstzunehmender, ein richtiger Krieg. Man kann man sich einbilden, dass es so etwas Schlimmes zur eigenen Lebenszeit nie gab.


    Wenn man wie Goethes Oszerspaziergänger das nichteuropäische subtrahiert, dann sieht man vielleicht nur mehr ein bedrohlicher blauer Balken nach einer langen Friedenszeit.

    Was soll denn das für eine Dharmapraxis sein, die im Angesicht des normalen Alltags zerbricht? Klingt für mich eher nach Wohlfühlbuddhismus um des Egogemüts willen

    Unterschiedliche Menschen sind unterschiedlich belastet und unterschiedlich belastbar. Das was für den einen eine Herausforderung ist an der er wächst, ist für den anderen etwas worunter er leidet und zerbricht.

    Eine Frau hat gestern gesagt, wir im Westen leben in einem Psychokrieg zwischen einander und ich habe mir dabei gedacht, ganz falsch kann das nicht sein, so empfinde ich es auch manchmal

    Man neigt dazu, die eigene Situation zu verallgemeinern. So als befunden wir uns auf einem Hühnerhof wo jeder Henne die andere hackt. Aber das ist doch zu düster.

    Die Untersuchung ergibt, dass zum Zeitpunkt der Befragung 74 der insgesamt 2.765 erwerbstätigen Befragten gemobbt werden. Damit liegt die querschnittsbezogene aktuelle Mobbingquote in der erwerbstätigen Bevölkerung bei 2,7% .

    Es werden also ungefähr so viel Prozent (2.7%) der Arbeitnehmer gerade gemobbt wie gerade krankgeschrieben sind ( 3%)


    Einer von 40 wird gemobbt. Von daher sind die Chance nicht schlecht eine Umgebung mit weniger Mobbing und Bossing zu finden.


    Bei uns herrscht kein Psychokrieg und er tobt auch nicht im Westen.

    In traditionellen Gesellschaften wed man ja tendenziell mehr fertig gemacht wenn man nicht der Norm entspricht. Hier eine Karte zum Mobbing unter Schülern:


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    In einer Gegend wo jeder zweite fertig gemacht wird, kann man vielleicht von einem Psychokrieg reden.

    Wie geht man den um mit Menschen, die einen so hohen Pegel an Aggressivität haben?

    Buddha sagt, man solle solche Leute meiden:

    133. Welchen Menschen soll man ganz unbeachtet lassen, im Umgang und Verkehr meiden und nicht zum Gefährten machen?

    Da ist ein Mensch jähzornig und äußerst erregbar. Wenn man ihm auch nur das Geringste sagt, so wird er ärgerlich, gerät in Zorn und Wut, wird eigensinnig, legt Verstimmung, Groll und Mißtrauen an den Tag. Gleichwie ein schlimmes Geschwür, mit einem Stück Holz oder einer Scherbe angestoßen, heftig Eiter absondert,—oder wie ein Ebenholzfeuer, mit einem Stück Holz oder einer Scherbe aufgestört, heftig zischt und knistert,—oder wie eine Dunggrube, mit einem Stück Holz oder einer Scherbe aufgestört, heftig stinkt: ebenso ist da ein Mensch jähzornig und äußerst erregbar. Wenn man ihm auch nur das Geringste sagt, so wird er ärgerlich, gerät in Zorn und Wut, wird eigensinnig, legt Verstimmung, Groll und Mißtrauen an den Tag. Einen solchen Menschen soll man ganz unbeachtet lassen, im Umgang und Verkehr meiden und nicht zum Gefährten machen. Und warum? Beschimpfen möchte er einen, schmähen möchte er einen, Schaden möchte er einem antun: darum soll man einen solchen Menschen ganz unbeachtet lassen, im Umgang und Verkehr meiden und nicht zum Gefährten machen.

    Also weg von den üblen Gefährten.

    void

    Ich meine eigentlich die massive Aggression, der starke Trend zum Narzissmus, der Populismus, Gefühllosigkeit.

    ...

    Sprechen wir nun vom Gleichen? Ich stehe da etwas auf der Leitung.


    Ich schätze so im Großen und Ganzen waren die Menschen ähnlich gut oder böse. Aber es gibt unterschiedliche Bedingungen, die Kooperation befördern oder behindern.

    1. In einem "Nullsummenspiel" ist der Kuchen begrenzt - der Gewinn des einen ist der Verlust des anderen.
    2. In einem wachsenden System ist das nicht so. Es entstehen ständig neue Chancen und um die zu ergreifen, lohnt es sich zusammenzuarbeiten. Es herrscht Aufbruchstimmung und es sind Offenheit, Kooperation und Risikobereitschaft gefragt.
    3. Am negativsten ist es in einem schrumpfenden System. Das ist dann wie bei dem Spiel "Reise nach Jerusalem" wo ständig Stühle rausgetragen werden. Das macht ängstlich, mißtrauisch und wütend. Es bringt die schlechtesten Seiten von uns zum Vorschein.

    Man selber sieht das häufig nicht und schreibt diese Systemeigenschaften dich selber und den anderen zu. Ich hatte mal eine Radtour auf der ich mich innerlich selbst beglückwüschte, wie fit ich bin aber auf der Rückfahrt merkte ich dass das in Wirklichkeit nur Rückenwind war, gegen den ich jetzt als Gegenwind ankämpfen mußte. Und ich hatte mir das selber gutgeschrieben.


    Und da hatten wir eben im 20 Jh eine Situation in der der Kuchen größer wurde und wo man das Gefühl hat das dass was man tut und wenn man kooperiert, sich für einen selbst und die Kinder auszahlt. Was dazu führt, dass man kooperiert und eher bereit ist , sich zu mäßigen und zu "zivilisierten".


    Und jetzt haben viele den Wind nicht im Rücken sondern im Gesicht und viele sehen sich übervorteilt. Sie strampeln und nichts geht weiter - sie fühlen sich betrogen, ausgenutzt und werden grantig: Schluss mit lustig, andere Saiten aufziehen, starker Mann und so etwas. Wenn man die Kooperation nicht als für sich lohnend ansieht, dann führt das bei einer nicht kleinen Minderheit zu Entsolidarisierung und Abgrenzung.


    Dass viele Leute nur deswegen kooperativ, menschlich, demokratisch waren weil es sich für sie gelohnt hat, ist eine herbe Erkenntnis. Die gewohnte Geschichte, dass Leute aus dem Weltkriegen und Holocaust gelernt haben, und vernünftiger, demokratischer und zivilisierten wurden klingt besser. Es ist verwunderlich und beängstigend , dass das so leicht umkehrbar ist.


    Wie haben uns da ganz viel vorgemacht. Rückenwind als eigene Stärke reklamiert, zivilisatorischen Errungenschaften als stabil gesehen und so weiter. Je mehr man an diesen Illusionen als Norm klebt desto mehr erscheint die samsarisches Normalität als Abgrund.


    Von daher ist es wichtig, da die eigene Orientierung der Realität anzupassen.

    Du hast Recht, scheinbar reden wir von zwei verschiedenen Dingen. Wobei wenn du das was ich beschrieben habe als Wohlstand ansiehst, dann reden wir vom Gleichen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es für dich Wohlstand war und ist, sehe ich in gewisser Weise auch so, da ich ja weiß, wie es in den meisten Teilen der Welt aussieht, nicht heute sondern schon immer.

    Mir geht es einfach nur um die unterschiedliche Perspektive. Ich bastel mal ein Bild:


    Wir sind der Mensch im Auto und wir weil wir eine Zeit des extrem Wachstums hinter uns haben, ist uns das Referenzsystem verrutscht und wir sehen etwas, was fast vertikal ist als "normal" an und das Ende der Extremsituation und die Rückkehr zur samsarischen Normalität ist uns ein gähnender Abgrund:


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    Je mehr man sieht, dass die eigene Referenz unglaublich verzerrt war, und nicht das kleine runde Bild sondern das

    große Bild die Lage adäquat wiedergibt,

    desto mehr kann man sich an die neue Normalität gewöhnen.


    Ich denke das ist für viele von uns - ich nehme mich da nicht aus - ein schmerzlicher Prozeß des Umdenkens bei dem man sich von vielen Illusionen verabschiedet.

    void

    Warum denkst du ich wäre ein Mensch, dem materieller Wohlstand wichtig gewesen wäre?

    ...

    Es ging um die andere Atmosphäre dieser Zeit, die Menschen arbeiteten sicher mehr als heute, waren aber gesünder mental wie körperlich.

    Das denke ich doch ganz und gar nicht. Mir dünkt wir reden aneinander vorbei.


    Vielleicht mal so: Wenn ich meine Vorfahren anschaue, dann hatten die Jahrhundertelang ein eher kurzes, hartes und entbehrungsreiches Leben als Bauern und Handwerker. Dann kam das Grauen von erstem und zweiten Weltkrieg und dann für die Generation meiner Eltern die Nachkriegszeit. Und dann plötzlich ab 1960 eine Zeit wo alles "aufwärts ging". Wo man Reisen machen konnte, wo Kinder studieren konnten, wo Frieden und Demokratie herrschte und man hoffen konnte, dass es den Kindern besser geht. Nach ganz viel Frustration ein Lichtblick.


    Dies ist nicht auf individueller Wohlstand ( mein Ururgroßvater war als Lebensmittelhändler wohl reicher als ich, aber 7 seiner 10 Kinder erreichten das Erwachsenenalter nicht) oder das das Steben danach reduzierbar, sondern etwas gesellschaftliches. Eine Gesellschaft in der es nach oben geht, schafft ihren Mitgliedern eben Lebenschancen, Zuversicht, Sicherheit und Hoffnung in einer über das bisherige hinausgehende Maß. Und damit auch ein Gefühl der Unbeschwertheit.


    Wahrend jetzt zwar unser materieller Wohlstand vielleicht höher ist, aber - einfach nur weil die Bedingungen wegfallen - schwindet der Zukunftshorizont. So als habe man die rosige Zukunft irgendwann im Jahr 2000 überholt und würde sich jetzt zunehmend nostalgisch von ihr wegbewegen.


    Ein Zustand der Offenheit gerät an sein Ende und es wird wieder enger und unfreundlicher. Demokratie nimmt ab, Rechtsradikalismus Kriege und Unzufriedenheit nehmen zu. Das gute alte Samsara hat uns wieder.


    Insgesamt sehr ich es so, dass eher die Situation unter der wir geboren wurden eine große positive Ausnahme darstellte - eine historisch kurzen Phase der gefühlten Schwerelosigkeit. Dies als Norm zu nehmen ist schlecht - es führt zu einem starken Gefühl des Verlustes, zu Hilflosigkeit, Traurigkeit und Wut. Und es sind doch diese Gefühle die uns umgeben.

    Ich war am zufriedensten von Mitte der 70er Jahre bis Mitte der 90er Jahre und nein das sind keine Erinnerungen, die mich täuschen, das war so.

    Der Punkt ist doch eben, dass damals eben ein enormes Wachstum gab. Es war eine Zeit wo vieles ( Menschen, Wirtschaft, Möglichkeiten) exponentiell wuchs. Was eben auf die Menschheit Geschichte gesehen extreme Boom-Bedingungen waren.


    Und was ja nur möglich war weil wir da die Rohstoffe von ein paar Millionen Jahren in verballert haben. Ein ganz und gar extremes Ereignis.


    Vielleicht so wie wenn Ratten auf eine Insel kommen, wo vorher keine waren und sich für ein paar Jahre im Paradies wähnen und sich an arglos glubschenden Vögeln sattfressen können. Aber irgendwann ist ein Punkt eingetreten wo es keine Vogel und viele Ratten gibt.


    Wenn man die Normalität nicht kennt und diesen Extremzustand für die Normalität hält, trifft einen das dann als Schock und dann wird man vom Boomer zum Doomer und fühlt sich betrogen.

    Der Kaiser ist tot,

    es herrscht Krieg in Heiligen Land,

    die Bauern begehren auf.


    könnten alles Schlagzeilen aus dem Mittelalter sein.


    Der Punkt ist vielleicht der, dass wir zu einer sehr seltsamen Zeit geboren wurden, in der Wünsche der Menschen nicht so stark frustriert wurden, sondern wo durch rasanten technischen Fortschritt und fossile Brennstoffe die Möglichkeiten der Menschen stiegen.


    Weswegen es dann so aussah, als würde alles immer besser und besser. Wenn man exponentielles Wachstum als Norm nimmt, wirkt die Rückkehr zur Normalität des ungesicherten Lebens und die Rückkehr der Risiken wie ein Abgrund. Es wurde uns ja kein Mittelalter versprochen sondern so eine Zukunft. Da ist glaube ich viel Trauerarbeit nötig und viele fühlen sich betrogen und werden wütend und suchen Schuldige.

    Wobei ich zugeben muss, wie fängt man denn ein Gespräch an bzw. vermeidet es nach dem Befinden zu fragen? Das habe ich noch nicht herausgefunden.

    Es ist im Allgemeinen so, dass den Leuten die eigenen Befindlichkeiten und Nöte wichtig sind und die der anderen nicht so wichtig oder sogar egal.


    Höflichkeit versucht, dem entgegenzuwirken indem Umgangsformen etabliert, wo der anderen mit einem Grundmaß an Respekt behandelt wird. Es ist klar dass viel davon geheuchelt ist, aber es ist darin erfolgreich ein Mindestmaß der Umgangsformen zu gewährleisten.


    Schopenhauer meinte dazu:

    "Höflichkeit ist wie ein Luftkissen. Es mag zwar nichts drin sein, aber es mildert die Stöße des Lebens."

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    Diese Grafik schätzt, welchen Anteile bestimmte Regionen der Erde an der Weltwirtschaft hatten. Man sieht das Indien und China lange den Hauptanteil hatten. Dann kam Amerika hinzu und durch die europäische Dominanz in Kolonialismus und Kapitalismus kam es zu einer gigantischen Delle. Europäer war es vergönnt im Vergleich zum Rest der Welt in großem Luxus zu leben, während die ehemaligen Platzhirsche China und Indien in die Bedeutungslosigkeit gedrängt wurden.


    Aber jetzt kommt diese Entwicklung an ihr Ende. Auch wo anders ist Hochtechnologie möglich: Auch wo anders gibt es qualifizierte und innovative Mitarbeiter. Und so stellen sich langsam die alten Verhältnisse wieder her - die "koloniale Delle" bügelt sich aus.


    Wenn man aus einer Perspektive des nationalen Interesse drauf blickt, ist das natürlich etwas was Sorgen und Existenzängste auslöst. Man rauft sich die Haare läuft im Kreis und sucht nach Wegen die entschwundene Vormacht zu halten . Viele verfallen in Resignation und Depression und einige an rechte Strömungen, die versprechen einen wieder großartig zu machen.


    Aber ist der Buddhismus - dieser alten orientalischen Religion- der richtige Adressat für die Rettung des Abendlandes und seines Lebensstandarts?

    Die erste Frage ist doch die nach dem "warum"

    1. Warum gibt es heute viele Brennpunkte?
    2. Warum gibt es einen Rechtsruck?
    3. Warum geht die Gesprächskultur zum negativen?
    4. Warum gibt es eine Diskrepanz zwischen Medien und Realität?

    Dies alles hat doch mit einer bestimmten wirtschaftlichen Entwicklung zu tun. Hier z.B eine Zeitraffer des Bruttoinlandsprodukt (GDP) einzelner Länder:


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    Für viele Jahrzehnte spühlte es den deutschen Ball nach oben. Es gehörte zu den fröhlichen Profiteuren des kapitalistischen, fossilen Ausbeutungsregimes. Dies erhöhte nicht nur den Wohlstand sondern auch den Optimismus, Zufriedenheit mit der Regierung und die Loyalität zur Demokratie. Im Wachstum ergeben sich "Win-Win" Situationen wo sich Zusammenarbeit auszahlt und von daher die beste Seite sichtbar werden können. Etwas was leicht seine eigene Bedingtheit verschleiert. Man hält das Wesen der Menschen für freundlich, das Wesen der Gesellschaft für demokratisch und die Zukunft für gegeben.


    Aber seit einiger Zeit wächst die Gerechtigkeit auf der Welt - die Unterschiede zwischen Industrienationen und den Rest der Welt schwinden- was bei uns ehemals privilegierten den gegenteiligen Effekt hat: Der Pessimismus wächst, das Pendel schwingt von Kooperation zu gegenseitigen Mißtrauen und statt "Win-Win" hat man "Loose-Loose" wo man sich abzugrenzen sucht und Mauern baut und Fremde fürchtet. (Während sich Leute anderswo über bescheidenen sozialen Aufstieg freuen können. Die erste Toilette, der erste Computer, Das erste Auto, die Tochter an der Uni)


    Auch die Ideologie wo jeder seines Glückes Schmied wird ist im Niedergang destruktiv. Angesichts der Zertrümmerung von Weltbildern und Gewißheiten wird man verzweifelt, wütend und bereit falschen Nachrichten und Propheten zu vertrauen.


    Von daher ist es doch gerade im Niedergang wichtig, zu einer Sicht zu finden wo man auch unter Widrigkeiten ( Dukkha) heiter und freundlich bleibt . Und sich statt von der Misere mitreißen zu lassen inmitten der sich veränderenden Gesellschaft die Möglichkeiten zur Verbesserung sieht. Genau dabei kann der Buddhismus seinen Beitrag leisten.