Unterschied Zazen und Vipassana

There are 288 replies in this Thread. The last Post () by Ellviral.

  • Die formfreie dreifache Praxis (muso sangaku) des Zen ist für Jeden und für jede Zeit geeignet. Manchen ist das jedoch nicht speziell genug und so nutzen sie spezielle Techniken der Geistesschulung - die dann aber notwendig auf spezielle Effekte beschränkt sind.


    Insofern ist die Zenübung und insbesondere deren Zentrum Zazen keine "spezielle" Übung und schon gar keine "Technik" (bzw. auf "Effekte" aus). Es ist die umfassende formlose Praxis des gesamten achfachen Pfades durch Manifestation / Aktualisierung der Buddhanatur im Folgen der Spuren der uns vorangegangenen Buddhas.


    Das ist ein völlig anderer Ansatz als Meditionsformen, die auf den Bereich der Geistesschulung (die Aspekte 6, 7 und 8 des achtfachen Pfades) beschränkt sind. Wobei sich auch da Einzeltechniken durchaus miteinder verschmelzen lassen. Śamatha und vipaśyanā sind Beispiele solcher Techniken, wobei insbesondere in den traditionelleren Schulen śamatha als eine Art Propädeutik ("Vorschule") für vipaśyanā gilt. Im Mahayana hat vor allem Tiantai (Jap. Tendai) und da insbesondere Zhiyi (538 - 597) mit diesen Techniken auch theoretisch gearbeitet und sie zu einer einzigen Technik verschmolzen, dem 'großen śamatha-vipaśyanā' (mohe zhiguan / makashikan 摩訶止観). Das ist die "Technik", mit der z.B. Dōgen aufwuchs, nachdem er mit 13 Jahren im Tendai ordiniert worden war.


    Grashuepfer : wenn Du Dich derzeit mit śamatha-vipaśyanā wohler fühlst als mit Zazen, dann praktiziere śamatha-vipaśyanā. Da gibt es kein grundsätzliches 'besser' oder 'schlechter' - nur und ausschließlich in Bezug auf Dich als Übenden. Entscheidend ist, was für Dich im Moment hilfreich ist.


    _()_

  • Warum gehst du gleich von "traditioneller Handhabe" aus?!

    Kannst du erklären, was du damit meinst? Ich verstehe die Frage nicht.


    Insofern ist die Zenübung und insbesondere deren Zentrum Zazen keine "spezielle" Übung und schon gar keine "Technik" (bzw. auf "Effekte" aus). Es ist die umfassende formlose Praxis des gesamten achfachen Pfades durch Manifestation / Aktualisierung der Buddhanatur im Folgen der Spuren der uns vorangegangenen Buddhas.


    Ja, das ist zweifellos wahr. Das ist dann eben das, was es etwas kompliziert macht - in der Perspektive, aus der du (sehr zutreffend) formulierst, mischen sich Weltanschauung / philosophisches und "technisches". Ich habe versucht, es mal auf die Technik runterzubrechen, weil nur so überhaupt ein Vergleich möglich ist. Der ist dann natürlich mit entsprechenden Verlusten behaftet.

    Aber, wie wir alle übereinstimmend feststtellen - das ist auch alles überhaupt kein Problem. Für mich ist es ein spaßiges Vergleichen, ein reines Kopfspielchen. Darf ja auch mal sein, aber natürlich hat das mit der Essenz der Praxis herzlich wenig zu tun.


    So ähnlich, wie es mir herzlich egal ist, ob es jetzt Wiedergeburten nach tibetischer Philosophie gibt oder nicht - in beiden Fällen müssen wir hier und jetzt unsere Praxis leben, das ist das einzige, das wirklich zählt. Kann spaßig sein, sich über die Theorie Gedanken zu machen, aber allzu ernst sollte man das nicht nehmen.

  • Ja. Wobei das ja zwar eine ausgefeilte Methode ist, aber nicht mehr. Es sagt nichtmal viel darüber aus, ob man säkularer Buddhist ist oder nicht, denn es ist vor allem eine Meditationsanleitung.

    Ist recht ähnlich dem sog. Vipassana-Movement, indem es schon reformlastig ausgelegt ist, aber der große Unterschied ist, dass TMI einen großen Fokus auf Samatha-Meditation legt und dass vom sog. trockenen Vipassana abgeraten wird.

  • Die formfreie dreifache Praxis (muso sangaku) des Zen ist für Jeden und für jede Zeit geeignet. Manchen ist das jedoch nicht speziell genug und so nutzen sie spezielle Techniken der Geistesschulung - die dann aber notwendig auf spezielle Effekte beschränkt sind.


    Insofern ist die Zenübung und insbesondere deren Zentrum Zazen keine "spezielle" Übung und schon gar keine "Technik" (bzw. auf "Effekte" aus). Es ist die umfassende formlose Praxis des gesamten achfachen Pfades durch Manifestation / Aktualisierung der Buddhanatur im Folgen der Spuren der uns vorangegangenen Buddhas.


    Das ist ein völlig anderer Ansatz als Meditionsformen, die auf den Bereich der Geistesschulung (die Aspekte 6, 7 und 8 des achtfachen Pfades) beschränkt sind. Wobei sich auch da Einzeltechniken durchaus miteinder verschmelzen lassen. Śamatha und vipaśyanā sind Beispiele solcher Techniken, wobei insbesondere in den traditionelleren Schulen śamatha als eine Art Propädeutik ("Vorschule") für vipaśyanā gilt. Im Mahayana hat vor allem Tiantai (Jap. Tendai) und da insbesondere Zhiyi (538 - 597) mit diesen Techniken auch theoretisch gearbeitet und sie zu einer einzigen Technik verschmolzen, dem 'großen śamatha-vipaśyanā' (mohe zhiguan / makashikan 摩訶止観). Das ist die "Technik", mit der z.B. Dōgen aufwuchs, nachdem er mit 13 Jahren im Tendai ordiniert worden war.



    Sehr schön von dir beschrieben. Hier noch zwei links, zu Texten (leider auf englisch), die das Thema umkreisen, in dem einen geht es um Zazen ist nicht das selbe wie Meditation, im anderen um Einssein und Achtsamkeit bei Dogen und einem kurzen Video von Brad Warner (wo man sicher hinterfragen kann, inwieweit im Soto des Dogen die Betonung des Haltung nicht überbewertet wird)
    Ansonsten hab ich so den Eindruck, daß VIPassana-Praktizierende im Verstand verwurzelt sind, Zen-Praktizierende mehr im Bauch.
    Auch hab ich den Eindruck, daß die Methodik doch sehr verschieden ist. Im Vipassana ist es aus meiner Sicht eher so, daß man dicke Bohlen im Boden einläßt, um die Wellen zu verhindern (in der esoterieschen Variante lächelt man dann noch dazu), im Zen eher so, wie wenn man eine Pfütze, die wellig und verschmutzt ist, einfach sich überläßt, und sie dadurch, daß sie nicht mehr umgerührt wird, still und klar wird.

    Zitat

    Ein Mönch fragte Meister Ling-Yan Dschih-TschinYa: »Wie muss sich ein Mönch vervollkommnen, um den Leiden des Lebens — um Geburt, Alter, Krankheit und Tod entgehen zu können?«

    »Schau dir einmal den hochragenden, waldbedeckten Berg vor dem Kloster an«, sagte der Meister. »Er steht dort schon seit vielen Tausenden von Jahren und lässt die Morgennebel sein Haupt umhüllen, den Abendregen seine Hänge peitschen, nimmt alles an, was kommt, und lässt es gehen, gehen, wie es will.«

    (Wissenschaftlich könnte man fragen, ob Vipassana mehr den intellektuellen Bereich des Gehirns beansprucht, Zen mehr den intuitiven. (Daher könnte auch die Bedeutung der Künste im Zen herrühren.))
    Sudhanas Aussage: "Das ist ein völlig anderer Ansatz als Meditionsformen, die auf den Bereich der Geistesschulung (die Aspekte 6, 7 und 8 des achtfachen Pfades) beschränkt sind." macht vielleicht auch verständlich, warum eine die Rationalität (über-)betonende säkulare Buddhismus Samatha und Vipassana bevorzugt. (Aus meiner Sicht einer seiner großen Schwachpunkte, weil er müßte sich ja für alle Schulen durchbuchstabieren, aber vielleicht sind dann Zen und Dzogchen schon zu nondual. Und vielleicht verpasst man dadurch auch das, was man von anderen Schulen, von Huayen bis zu Nichiren und Shin lernen könnte. Aber ich schweife schon wieder mal ab).
    Ansonsten ist sicher auch ein Unterschied, daß Vipassana mir ein Stufenweg zu sein scheint, Zen aber dem plötzlichen Erwachen zugeneigt ist.

    Zazen Is Not the Same as Meditation

    One Moon, Two Moons – Oneness and Mindfulness in the Teachings of Zen Master Dogen




  • Ansonsten hab ich so den Eindruck, daß VIPassana-Praktizierende im Verstand verwurzelt sind, Zen-Praktizierende mehr im Bauch.
    [...] Im Vipassana ist es aus meiner Sicht eher so, daß man dicke Bohlen im Boden einläßt, um die Wellen zu verhindern (in der esoterieschen Variante lächelt man dann noch dazu), im Zen eher so, wie wenn man eine Pfütze, die wellig und verschmutzt ist, einfach sich überläßt, und sie dadurch, daß sie nicht mehr umgerührt wird, still und klar wird.

    Der Vergleich hat schon was. Um nochmal einen zu bringen: Shinzen Young, der beide Traditionen recht gut kennt, hat Vipassana mit "Malen nach Zahlen" verglichen, Zen-Praxis damit, den Leuten vor der leeren Leinwand einen Pinsel in die Hand zu drücken, mit der Anweisung "mach!". In ersterem Fall kommt fast immer was brauchbares raus, aber selten große Kunst. In zweiterem Fall gehts manchmal ganz schief, aber dafür ist die Chance größer, ein Meisterwerk zu schaffen.

  • Ansonsten hab ich so den Eindruck, daß VIPassana-Praktizierende im Verstand verwurzelt sind, Zen-Praktizierende mehr im Bauch.
    Auch hab ich den Eindruck, daß die Methodik doch sehr verschieden ist. Im Vipassana ist es aus meiner Sicht eher so, daß man dicke Bohlen im Boden einläßt, um die Wellen zu verhindern (in der esoterieschen Variante lächelt man dann noch dazu), im Zen eher so, wie wenn man eine Pfütze, die wellig und verschmutzt ist, einfach sich überläßt, und sie dadurch, daß sie nicht mehr umgerührt wird, still und klar wird.

    Kann ich für die mir bekannten Vipassana-Richtungen und Praktizierenden nicht bestätigen, habe aber keine Statistik zur Hand ;) . Ein Ziel der Vipassana-Praxis ist genau dieses Setzen des Pfützenwassers, die klare Sicht auf und die Hingabe an das, was ist. Die dicken Bohlen gehören ja eher in die Wohlfühl-Meditation.


    (Ich frage ich gerade, ob hier wieder die Begriffsverwirrung zugeschlagen hat. Reden wir über die Vipassana-Meditation, oder die Vipassana-Praxis, die Praxis der Schulen der Vipassana-Bewegung?)


    Wissenschaftlich könnte man fragen, ob Vipassana mehr den intellektuellen Bereich des Gehirns beansprucht, Zen mehr den intuitiven.

    Wenn das so wäre, würde der Vipassana-Praktizierende etwas falsch machen! :)


    Wenn Vipassana-Meditierende pauschal irgendwo verwurzelt sein sollten, dann nicht im Verstand, sondern im Herzen. Der (analytische) Verstand wird als Hindernis angesehen; angestrebt wird Erkenntnis und Entdecken, nicht Verständnis. Das passiert vor allem dann, wenn die Gedanken versiegen.


    Insgesamt stellt sich natürlich immer die Frage, was eine so allgemeine Diskussion über buddhistische Hauptrichtungen für einen Sinn ergeben kann. In meinem Regal steht mindestens ein Zenbuch, in dem ein knallharter Stufenweg beschrieben ist.


    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • Insgesamt stellt sich natürlich immer die Frage, was eine so allgemeine Diskussion über buddhistische Hauptrichtungen für einen Sinn ergeben kann. In meinem Regal steht mindestens ein Zenbuch, in dem ein knallharter Stufenweg beschrieben ist.


    Liebe Grüße,

    Aravind.

    Ich schätze mal da ist der WEG nach nachbeschrieben.Und nicht vorbeschrieben.Das dann kein Vorlegen.

  • Ansonsten ist sicher auch ein Unterschied, daß Vipassana mir ein Stufenweg zu sein scheint, Zen aber dem plötzlichen Erwachen zugeneigt ist.

    Ich habe gelesen, dass das Konzept des plötzlichen Erwachen im Zen historisch gesehen auch verschieden ist in den Linien. Ist das "Konsens" in den verschiedenen Zens?

  • Insgesamt stellt sich natürlich immer die Frage, was eine so allgemeine Diskussion über buddhistische Hauptrichtungen für einen Sinn ergeben kann.

    Ja, wie schon gesagt - das ist ein Philosophieren über Unterschiede, aber nicht mit einer Wertung.


    Zum Beispiel kann man sich auch anschauen, wie in der deutschen und in der chinesischen Kultur Kritik vorgebracht wird. Da sind die Unterschiede drastisch. Das ist faszinierendes Material, aber es heißt nicht, dass eine Kultur "besser" ist als die andere. Ich finde, im gleichen Licht muss man solche Vergleiche sehen.

    Natürlich geht das nie ohne Vereinfachungen, denn die Wahrheit ist einfach viel zu komplex. Drum sollte man so etwas auch nicht zu ernst nehmen.


    In meinem Regal steht mindestens ein Zenbuch, in dem ein knallharter Stufenweg beschrieben ist.

    Interessant - welches ist das denn?

  • Ja, wie schon gesagt - das ist ein Philosophieren über Unterschiede, aber nicht mit einer Wertung.


    Zum Beispiel kann man sich auch anschauen, wie in der deutschen und in der chinesischen Kultur Kritik vorgebracht wird.

    Das Problem meine ich. Welche chinesische Kultur? Han, Mandschukis (wie immer man das auf Deutsch schreibt :) ), Tibeter, Uiguren, Mongolen, Han's, die im Westen studiert haben?


    Trotzdem kann es natürlich zu einem netten Austausch kommen!

    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • @ Aravind:

    Klar, müsste man erst mal klären, auf welches Vipassana und welches Zen wir uns beziehen. (Ajahn Chah's Ansätze scheinen mir offener zu sein als die von Goenka oder Sayadaw z.B.). Und es ist sicher ein Unterschied, ob ich auf frühes Ch'an, Soto-Zen oder Rinzai-Zen oder Obaku-Zen schaue. (ganz zu schweigen von MBSR und TNH auf der einen Seite und christlichen Zen und Manager-Zen auf der anderen Seite)
    Aber die Tendenz scheint zu bestehen, daß Vipassana Geistestraining ist, Zen nicht. Im Vipassana scheint es mir darum zu gehn, einen positiven Geisteszustand zu erzeugen, während es im Zen (z.B. bei Wuzhu) heißt: Nichterzeugen ist Zen.

    Der Unterschied zwischen Verstand und Herz ist aus meiner Sicht für das chinesisch/japanische Denken weniger ausgeprägt, da spricht man von Xin/Shin Herz-Geist.

    Ich habe gelesen, dass das Konzept des plötzlichen Erwachen im Zen historisch gesehen auch verschieden ist in den Linien. Ist das "Konsens" in den verschiedenen Zens?

    In den südlichen Zenschulen (in Japan wären das Soto, Zen, Obaku) ist es aus meiner Sicht unstrittig. Es wurde von den südlichen Schulen oft behauptet, daß der Stufenweg in den (nicht mehr existierenden) nördlichen Schulen gelehrt würde, aber das kann ich bei den wenigen Lehrern, deren Schriften man gefunden hat, und ich gelesen hab, so nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil, es war ein Vertreter der Nordschule, Heshang Moheyan, der in einer berühmten Debatte in Tibet, bekannt als das Konzil von Samye (792 bis 794), die Position des plötzlichen Erwachens vertrat, sein Gegenpart war der Inder Kamalashila, der die Position des Stufenweges vertrat.

  • Hallo, Daoist,

    ein kleiner Hinweis: Wenn Du zwischen dem @ und meinen Name ein Leerzeichen machst, dann werde ich nicht benachrichtigt, und übersehe Deine spannenden Beiträge leicht.


    Klar, müsste man erst mal klären, auf welches Vipassana und welches Zen wir uns beziehen.

    Ja. Oder man macht das so wie Du gerade: Man teilt seine Meinung konkret und fragt dann, wie das Praktizierende der jeweiligen Richtung erfahren/sehen. Nur eine allgemeine Diskussion halte ich nicht für sehr hilfreich, so wie die allgemeine Diskussion über Deutsche und Chinesen. ;)


    Aber die Tendenz scheint zu bestehen, daß Vipassana Geistestraining ist, Zen nicht. Im Vipassana scheint es mir darum zu gehn, einen positiven Geisteszustand zu erzeugen, während es im Zen (z.B. bei Wuzhu) heißt: Nichterzeugen ist Zen.

    Ja, keinen "positiven", aber einen bestimmten Zustand, wobei auf dem Kissen wiederum jeder Geisteszustand recht ist. Man kann das eh nur beeinflussen, aber nicht kontrollieren.


    Geistestraining also auf jeden Fall, aber nicht im intellektuellen Sinne, ganz im Gegenteil. Der Zustand, den man anstrebt, ist Samadhi, aber nicht so tief, dass man in reiner Glückseeligkeit schwebt, alles ausblendet, und gar nicht wieder zurückkehren will. Sondern noch so, dass man das, was gerade auftaucht, beobachtt. Nach längerer Übung geht das Beobachten auch ohne "aktive" Gedanken oder Benennungen; das, was hier oder in dem anderen Faden als "Reines Gewahrsam" beschrieben wurde. Das ist auch die Stelle, an der man für die Klärung der Pfütze offen ist.

    Der Unterschied zwischen Verstand und Herz ist aus meiner Sicht für das chinesisch/japanische Denken weniger ausgeprägt, da spricht man von Xin/Shin Herz-Geist.

    Da muss ich mal drüber nachdenken, wie das genau ist, interessante Frage. Sicher ist: Geist ist nicht identisch mit Verstand.


    Liebe Grüße,

    Aravind.


  • Der Unterschied zwischen Verstand und Herz ist aus meiner Sicht für das chinesisch/japanische Denken weniger ausgeprägt, da spricht man von Xin/Shin Herz-Geist.

    Im PTS-Wörterbuch steht, dass die rationale Betonung von "citta" sich durch die Scholastik (Abhidhamma) verstärkt haben soll (siehe hier) und davor auch stärker eher die Bedeutung hatte wie wenn man im Deutschen sagt "Er wünscht sich etwas von Herzen.", also wo eigentlich schon beides mitgedacht wird (Herz und Geist).


    Das Abhidhamma spielt im Zen vermutlich keine Rolle. Ich nehme an, dass es im Vergleich zu den anderen Hauptströmungen ein wesentlicher Unterschied ist (?) und deswegen vllt auch eher seinen sinnbildlichen Ausdruck behielt (also keinen scholastischen). Ich weiss es nicht und habe mir das grade ausgedacht, aber ich könnte mir das gut vorstellen, dass es ein Grund ist.


    Wenn ich Vipassana (PTS: vipassana) als altmodische Variante (in den Nikayas des PK, zB. M118) anschaue, dann sehe ich keinen grossen Unterschied. Atmen und achtsam und klarbewusst sein im "Vipassana" (= "Klarblick", also so wie ich das verstehe eig. ein Modus und keine Methode) und im Zen auch. Oder?

  • Klar, müsste man erst mal klären, auf welches Vipassana und welches Zen wir uns beziehen.

    Ja. Oder man macht das so wie Du gerade: Man teilt seine Meinung konkret und fragt dann, wie das Praktizierende der jeweiligen Richtung erfahren/sehen. Nur eine allgemeine Diskussion halte ich nicht für sehr hilfreich, so wie die allgemeine Diskussion über Deutsche und Chinesen. ;)

    Es kommt halt immer darauf an, wie speziell es wird. Klar, Verallgemeinerungen sind gefährlich, aber letztlich beinhaltet jede vergleichende Aussage eine Reduzierung. Und man kann zum Beispiel meiner Meinung nach durchaus sagen, dass Chinesen eine wesentlich indirektere Art haben, Kritik zu formulieren, als Deutsche das tun.

    Das heißt natürlich weder, dass jeder Chinese und jede Chinesin unter diese Aussage fällt, noch, dass es innerhalb des Spektrums "Chinese" keine Unterschiede gibt. Aber es ist dann nicht notwendig, nach Bundesländern und dutzenden chinesischer Minderheiten zu differenzieren, bevor man diese Aussage tätigt - solange es einem klar ist, wie allgemein sie ist. Dazu kommt, dass man dann schon von Han-Chinesen ausgehen wird, da diese einfach die überwältigende Mehrheit stellen, und nicht grade eine obskure Minderheit auf einem yunnanesischen Berg heranziehen wird.


    Und genauso ist es meine Annahme, dass das allermeiste, das man unter Vipassana-Meditation versteht, wesentlich 'technischer' und zielorientierter und feiner in Teilaspekte aufgedröselt sein wird als Zazen. Und dass man deshalb die beiden Dinge durchaus überblickshalber vergleichen kann. Sobald man dann tiefer in die Diskussion einsteigen will, muss man präzisieren. Und ja, besonders Vipassana ist ein sehr vieldeutiger Begriff.


    Also, da ich hier als Westler, der im Westen wohnt, schreibe, meine ich (ich dachte, das sei mehr oder weniger offensichtlich) diese Lehren, die mir als solchem zugänglich sind. Also, Soto / Rinzai-Zen, das man hierzulande in verschiedenen Schulen gut lernen kann, und nicht unbedingt das, das in japanischen Klöstern des 18. Jahrhunderts gelehrt wurde. Und genauso, wenn ich Vipassana meine, dann vor allem die verschiedenen Schulen, die das einem Westler anbieten, das wären insb. die burmesische Schule, Goenka, der tibetische Buddhismus und die amerikanische Vipassana-Bewegung. So besser?

  • So besser?

    Es geht mir nicht um besser oder schlechter.

    Deine Aufzählung:

    die burmesische Schule, Goenka, der tibetische Buddhismus

    zeigt das Problem ja recht deutlich. Wie sollte man über diese so verschiedenen Ansätze allgemeine Aussagen machen, mit oder ohne Relation zum Zen?


    Für mich stellt sich immer die Frage: Kann ich da was mit anfangen und etwas draus lernen, und kann man sich darüber sinnvoll unterhalten. Ich bin da ganz egoistisch. ;)

    Und dabei sehe ich halt immer vor allem die praktische Sicht. Allgemeine Aussagen sind für mich da selten hilfreich.


    Deshalb fnde ich es spannender, Details raus zu greifen, wie das Beispiel oben mit der Pfütze und dem Bohlenweg, oder die Frage nach Samatha. Dann kann jede und jeder prüfen, ob er seine Praxis richtig wiedergegeben sieht, oder ob es ein Missverständnis auf Grund von Gehörtem ist, oder ob man selbst den Charakter seiner Praxis falsch eingeschätzt hat.


    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • Wenn ich Vipassana (PTS: vipassana) als altmodische Variante (in den Nikayas des PK, zB. M118) anschaue, dann sehe ich keinen grossen Unterschied. Atmen und achtsam und klarbewusst sein im "Vipassana" (= "Klarblick", also so wie ich das verstehe eig. ein Modus und keine Methode) und im Zen auch. Oder?

    Vorsicht, ich wiederhole mich mal:


    (Ich frage ich gerade, ob hier wieder die Begriffsverwirrung zugeschlagen hat. Reden wir über die Vipassana-Meditation, oder die Vipassana-Praxis, die Praxis der Schulen der Vipassana-Bewegung?)

    Grashüpferin bezog sich auf das Meditationssystem, das von verschiedenen Linien der Vipassana-Bewegung gelehrt wird, nicht nur auf den Kern, die Vipassana-Meditation selbst.


    Trotzdem bleibt Deine spannende Frage:

    "Atmen und achtsam und klarbewusst sein im "Vipassana" (= "Klarblick", also so wie ich das verstehe eig. ein Modus und keine Methode) und im Zen auch. Oder?"



    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • Vorsicht, ich wiederhole mich mal: ...

    Ich hatte es davor geschrieben und dann rauseditiert, weil ich es für gedoppelt hielt zu schreiben, dass ich mich auf die Nikayas beziehe und dann nochmal extra schrieb, worauf ich mich nicht beziehe (Vipassana-Bewegung). Letzteres wurde oben schon erwähnt und ich kenne mich damit zu wenig aus. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sinngemäss etwas anderes als einsichtige/klarbewusste Achtsamkeit gemeint sein soll. Wenn doch, was soll das sein?