Beiträge von diamant im Thema „Dogen lehrte gar kein Shikantaza (Foulk/Heine)“

    Eine allgemeine Beobachtung: Um Dôgen einordnen zu können, ist es m.E. wichtig, sein gesamtes Werk zu studieren, also nicht nur Auszüge aus dem Shobogenzo, sondern dessen verschiedene Fassungen, das gesamte Eihei Koroku, auch seine Verse, das Eihei Shingi usw. Das Shobogenzo Zuimonki stammt von seinem Schüler Ejo bzw. dessen Schülern. Es stellt nur einen kleinen Teil der Überlieferung zu Dôgen dar, die - wenn man sie im Gesamten kennt - etliche Widersprüche enthält. Siehe hierzu auch David Putney über die frühen und späten Schriften Dôgens: http://www.thezensite.com/ZenE…/some_problems_putney.htm


    [Meine Anmerkung zu Stellen, in denen Dôgen Aussagen von einem Weg von A nach B (also durch Übung zum Erwachen) nachgesagt werden, wo er also seine Vorstellung von Zazen mit den klassischen Erweckungsgeschichten in Einklang zu bringen sucht:}
    Die Idee, dass das Erwachen durch den Ton eines Kieselsteines auf Bambus etc. im Wesentlichen körperlich sei, ist ein Zirkelschluss in dieser Lesart (in diesem Falle kann man dafür vielleicht Ejo verantwortlich machen). Tatsächlich hören ja auch Nicht-Erwachte da einen Ton, aber er führt nur dann zum Erwachen, wenn der Geist darauf vorbereitet ist, keinerlei Gedanken bei der Wahrnehmung zu hegen. Denmach wäre es also gerade nicht die körperliche Sinneswahrnehmung, die hier entscheidet, sondern die "Leere" und Empfänglichkeit des Geistes.

    Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, dass man Dôgen Zenji auch anders verstehen kann, ja verstehen sollte, als es die Sôtô-Schule gemeinhin tut und viele von ihren Mitgliedern in Deutschland. Im neuen Buch von Steven Heine (Dogen and Soto Zen, Oxford 2015), aus dem ich kürzlich schon zitierte, findet sich der Aufsatz "Dogen’s Use of Rujing’s ‘Just Sit’ (shikan taza) and Other Koans” von T. Griffith Foulk, den der Herausgber folgendermaßen zusammenfasst:


    "Eine zentrale These dieses Kapitels ist, dass Dogen tatsächlich nicht die Art von Zazen lehrte (oder sich auch nur ausdachte), die ihm von modernen Soto-Gelehrten und Zen-Lehrern gemeinhin als Shikantaza zugewiesen wird. Foulk analysiert im Detail, dass Dogens Anweisungen fürs Zazen diesen Ausdruck nicht verwenden und auch keine Methode empfehlen, die sich mit dem deckt, was heutige Forscher über Nur-Sitzen sagen."


    Foulk zeigt vielmehr auf, dass Dôgen "Nur-Sitzen" als Kôan verstand. Dôgen habe Sitzen auf mehrere Weisen begriffen, als körperlich wie auch als "geistiges Sitzen" (mental sitting), das in jeder Haltung möglich sei. Hängt der Übende aber weder an körperlichen noch geistigen Phänomenen, dann ist dieser befreite Zustand das "Sitzen von 'Körper und Geist sind abgefallen'". Foulk schließt daraus, dass Dôgen seines Lehrers Rujings Ermahnung zum Nur-Sitzen als Aufforderung in diesem Sinne verstand: "Erlange nur Erwachen!".


    Diese Interpretation stützt u.a. meine hier seit langem geäußerte Kritik an der verzerrten Sicht, Dôgen habe kein "um ...zu" gelehrt. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Dôgen in der Tat vor der Vereinnahmung durch den Zensprech vieler Sôtô-Anhänger geschützt werden sollte. Nicht nur kennt Dôgen das Erwachen mittels eines Kôan (wie Sitzen), sondern er hält auch die eigentliche Tradition des sechsten Patriarchen durch sein Verständnis des "geistigen" und später "befreiten" Sitzens aufrecht.


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