Beiträge von Doris im Thema „Diamantweg was haltet Ihr davon“

    hedin02:
    Doris Rasevic-Benz:


    Warum dann kein Vajrayani?
    Weil Tantra die Rationalität der Lehre aufhebt und ein subjektives Bezugssystem daraus macht. Der/die Einzelne kann mit dem eigenen Subjektivismus/Irrationalität das Ergebnis beeinflussen. Mehr noch - er kann Dinge beeinflussen mit welchen er/sie keinen rationalen Zusammenhang hat. Er nimmt seine eigene Irrationalität als die Ultima Ratio an. Das schafft ein enormes Exklusionspotential und schafft bestimmte Hierarchien, von welchen nicht alle Wesen gleichermaßen profitieren können.


    "Vajrayani" hebt die Rationalität der Lehre nicht nur auf, sondern erklärt die Lehre dadurch für unzureichend!


    Der Dharma ist doch gar nicht rational. Und Menschen funktionieren auch nicht rational wie eine mathematische Formel.
    Die Logik, die dem Dharma innewohnt, ist keine rationale Logik, sondern entspricht und folgt der speziellen Logik des System "Mensch". Und genau dieser speziellen Logik folgt der Vajrayana: Er berücksichtigt in seiner Methodenvielfalt wie Menschen lernen und denken. Das sind keine anderen Lehren als der Dharma, es handelt sich um Methoden. So wie man Mathematik auf verschiedene Weise den Schülern näherbringen kann. Die Mathematikregeln bleiben dieselben.



    Im Übrigen heißt es "Vajrayana".


    Ich verstehe das so:
    Es geht nicht darum möglichst viele Dummheiten zu machen und Regeln zu durchbrechen.
    Es geht um die Art der Annäherung.
    Den Dingen der Welt, den Emotionen, den Schwierigkeiten usw. können wir gar nicht wirklich ausweichen. Auch jemand, der sich in ein Kloster oder die Einsamkeit zurückzieht, wird früher oder später mit seinen Schwierigkeiten konfrontiert werden. Sich selbst kann man ja nirgendwo zurücklassen.
    Im Diamantweg, ich würde sagen bei den Kaguys im allgemeinen, ist es so, dass man sich sofort mit diesen Schwierigkeiten beschäftigt. Wenn da ein Problem ist, nicht erst groß nachlesen und den Kanon studieren, sondern sofort hingucken. Sofort Praxis. Bis man erkennt, dass es keine Schwierigkeiten gibt, dass die Krokodile, also die inneren Dämonen, leer sind, im Geist entstanden sind.


    Das schließt das Studium nicht aus, es bleibt ein wichtiger, unverzichtbarer Bestandteil, auch weil das Denken als ein Teil der Sinnenwelt erkannt wird.


    Die verschiedenen Ansätze durchdringen einander, sind unverzichtbar. Manchmal macht man mehr Studium, manchmal mehr Mediation, manchmal mehr von anderem. Ein natürliches Anpassen an die aktuellen Erfordernisse.

    Ayudha:


    Ich mache mal mit mir den Anfang:
    Warum bin ich jetzt Theravadin? (war mal anders)
    Weil der PK und die Lehre rational überprüfbar ist und egal wo und wie ich sie anwende sie immer wieder reliabel und valide funktioniert. Sie ähnelt einem unwandelbaren Naturgesetz. Der Einzelne kann mit seinem Subjektivismus/Irrationalität nichts am Ergebnis der Lehre ändern. Das schafft ein enormes Inklusionspotential. Deswegen glaube ich, dass Theravada die Linie ist, von der alle Wesen am meisten profitieren können.


    Warum dann kein Vajrayani?
    Weil Tantra die Rationalität der Lehre aufhebt und ein subjektives Bezugssystem daraus macht. Der/die Einzelne kann mit dem eigenen Subjektivismus/Irrationalität das Ergebnis beeinflussen. Mehr noch - er kann Dinge beeinflussen mit welchen er/sie keinen rationalen Zusammenhang hat. Er nimmt seine eigene Irrationalität als die Ultima Ratio an. Das schafft ein enormes Exklusionspotential und schafft bestimmte Hierarchien, von welchen nicht alle Wesen gleichermaßen profitieren können.


    Du packst die Dinge halt nur vom Denken her an. Da Du Religionswissenschaftler bist, verwundert das nicht.
    Nur, wir sind nicht das, was wir sind, wegen Denkprozessen und rationalen Überlegungen. Geht schon vor der Geburt los. Da werden wir durch das geprägt, was wir sinnlich erfahren. Und weiter nach der Geburt. Das ganze Kleinkindalter lernen wir durch Sinneseindrücke, Erfahrungen, Imitieren.
    Die verschiedenen Formen im Vajrayana nutzen diese uns angeborene Prägungsinstrumente in der ganzen Bandbreite aus.
    Der Verstand ist im Erwachsenenalter ein wichtiges Kontrollorgan, aber seine Reichweite ist begrenzt. Das können wir täglich sehen. Wir sehen Wissenschaftler, die die Menschheit mit ihren Forschungen bewusst in das Verderbnis führen, Menschen, die meinen rational zu handeln, aber alles andere als hilfreich gegenüber ihren Mitmenschen und der Welt auftreten, wir erleben die angeblich so rationale Politik und ihre Folgen täglich aufs neue.


    Der Vajrayana ist kein "irrationaler" Gegenentwurf zur angeblichen Rationalität eines Theravada. Im Vajrayna ist man sich bewusst, wie der Mensch wirklich funktioniert und nutzt das gesamte Potential. Das ist intuitives Wissen, dass sich aus der Erforschung der menschlichen Psyche entwickelt hat.


    Z.B.; Was macht einen guten Lehrer aus? Dass er sein Fach beherrscht?
    Meiner Erfahrung nach, nein. Meiner Erfahrung nach, waren die besten Lehrer diejenigen, die Interesse und Begeisterung wecken konnten, die es schafften, die Schüler emotional zu aktivieren und zu fesseln, die sich einfühlen konnten in die Probleme, die der Stoff bereitet und das bei den einzelnen Schülern erkennen konnten, die es schafften durch sinnliche Erlebnisse, den Stoff einzuprägen und sinnlich erfahrbar zu machen. Sogar diese Lehrer sind sinnlich erfahrbar.
    Und vieles mehr.


    Genau diesen vielseitigen, allumfassenden Werkzeugkasten bietet der Vajrayana.
    Noch ein Beispiel: Unser Geruchssinn ist ein sehr ursprünglicher Sinn und verschafft unmittelbare emotionale Erlebnisse. Das fängt bei der Geburt an, wo wir noch im Geburtskanal den Geruch der Mutter erfahren, der sich tief einprägt. Dann der Geruch der Brust, der Milch usw. Wenn das mit Geborgenheit, Sättigung, Sicherheit verbunden ist, dann werden diese Düfte uns ein Leben lang positiv begleiten. Jeder von uns kennt bewusst solche Erfahrungen: "Ahh, das riecht so gut wie bei der Oma in der Küche, wenn sie Pflaumenkuchen gebacken hat!" Ich weiß noch heute, wie die Kleider meiner Mutter rochen.
    Das sind keine rationalen Dinge. Aber sie erwecken Emotionen. Wenn man jetzt z.B. mit Weihrauch meditiert, dann verbinden sich Mediation und der Duft in unserem Gehirn. Der Geruch wird mit etwas Positivem verbunden, wirkt sich unmittelbar auf die emotionale Lage aus. Das wirkt auch ganz unabhängig, denn das Gehirn wurde mit positiven Eindrücken gefüttert. Das schafft neue neuronale Verbindungen.
    Z.B. Wenn ich an warmen Tagen bestimmte Steine rieche, dann erinnere ich mich an meine Wanderurlaube und den Duft der Steine dort, spüre die Wärme der Sonne, den Wind, höre die Geräusche, die meine Füße auf den Steinen machten, bin mit meinem ganzen Körper und Geist wieder dort und empfinde sofort ein großes Glücksgefühl. (Weshalb ich nie mehr wegfahren muss, weil ich dieses Gefühl sofort heraufbeschwören kann, mit allem Positiven, was damit verbunden ist.)


    Die Bilder, die im Vajrayana verwendet werden, bieten diese vielfältigen Trigger. In jedem der Bilder steckt die gesamte Aussage des Dharma drin, in vielen verschiedenen Zusammenstellungen und Betonungen. Wer sich mit diesen Bildern beschäftigt, dem kann es gelingen, allein durch den Anblick eines dieser Bilder, ob Thanka, Dorje, Vajra usw., sofort an den Dharma in seiner Aussage erinnert zu werden. Das dient der Verinnerlichung. Im Laufe der Jahre verknüpfen sich die einzelnen Inhalte der einzelnen Symbolen zu einem Gesamtbild, das nicht mehr einzeln aufgedröselt werden muss. Auch das kennen wir, wenn wir z.B. den ersten Takt eines Liedes hören, mit dem wir bestimmte Erinnerungen verknüpfen, erste Liebe und so.


    Mit den Techniken des Vajrayna werden viele viele neue neuronale Verbindungen geschaffen, die allmählich die alten Verbindungen verkümmern lassen, die für unangenehme Stimmungen gesorgt haben, unser Denken auf negative Weise beeinflusst haben. Wir lernen mit dem ganzen Körper. So wie wir in der Zeit lernen, in der unser Gehirn auf Hochtouren läuft, Unglaubliches leistet und verknüpft ohne Ende: im Kleinkindalter.
    Und davon können alle Wesen gleichermaßen profitieren, denn so funktionieren wir. :D
    Das siehst Du nur nicht, weil Du mit Büchern, dem Prozess rationaler Überlegungen und Analyse usw. positive Emotionen verknüpfst, und dann meinst, es ist der Inhalt der Bücher. Aber es ist das Emotionale, das Du mit ihnen verknüpfst.


    Und weil es Leute gibt, die sich beim Lesen und Analysieren wohlfühlen und andere bei anderen Dingen, gibt es die Vielfalt der Methoden. Wobei es ein Fehlschluss ist, zu meinen, der Vajrayana würde die Methode des Studiums vernachlässigen. Nein, die gehört genauso dazu, was Dir jeder Vajrayani bestätigen kann. So wie auch beim Theravada nicht nur das Nachdenken, sondern das Erleben Teil des Methodenclusters ist. Nur weniger offensichtlich.


    Vielleicht solltest Du Dich ein wenig mit Hirnforschung und Lernforschung beschäftigen. Da Du wissenschaftsaffin bist, könnte Dir das die Sache verständlicher machen.