Posts by Thorsten Hallscheidt

    Gefühle der Freude oder "Liebe zur Welt" sind nicht das unmittelbare Ergebnis der Praxis. Es ist sogar eine Falle, glaubte man, dass man nur dem Pfad der Liebe und des Wohlbefindens folgen müsse, um "Befreiung" zu erlangen. Erlebnisse der Euphorie oder des tiefen Berührt-Werdens können zu großer Begierde führen, zu Stolz, Neid und Wut, wenn irgendetwas oder irgendwer diese Gefühle verhindert, anzweifelt oder scheinbar herabmindert, indem er sie schlicht nicht zum Ziel, sondern zum Symptom erklärt. Das, was die Praxis erwirkt, steht eher mit einer Veränderung der grundlegenden Parameter des Denkens und Fühlens in Verbindung. Vielleicht kann man es mit dem Unterschied von Klima und Wetter vergleichen. Es kann im Winter sehr kalt sein, obwohl sich das Klima in Richtung einer Erwärmung verändert. Ebenso kann es trotz buddhistischer Praxis zu Leid und Freude kommen, wie es eben immer zu Leid und Freude kommt und diese wieder vergehen. Ein einzelnes noch so positives Erlebnis von Befreiung oder Freude bedeutet noch keine Veränderung, ebenso wie ein einzelner Hitzetag kein Beleg für eine Klimaveränderung ist. Dennoch ändert sich im Laufe der Jahre das Klima des Lebens insgesamt, langsam und unmerklich wie Bäume wachsen.


    Die Bereitschaft und Fähigkeit, an zahllosen kleinen Dingen Freude zu empfinden, nimmt zu, weil sie nicht mehr so sehr von großen, massiven Leidenschaften verdeckt werden. Ein Alkoholiker, der zwischen Rausch und Übelkeit schwankt, hat nur wenig Raum, sich von einem Windhauch erfreuen zu lassen, weil Schuld und Begierde, Kopfschmerz und pathetische Gefühle ihn komplett gefangen halten. Von dieser Abhängigkeit befreit, entsteht mehr Raum für subtilere Wahrnehmungen, von denen die gegenwärtige Wirklichkeit übervoll ist, wenn der Sinn und die Aufmerksamkeit dafür vorhanden und nicht überdeckt sind. Sei es nun Alkoholismus, Angst, Eitelkeit, Ehrgeiz, Neid oder andere unheilsame Zustände, ihnen ist gemeinsam, dass sie die Empfindungsfähigkeit für das, was im Hier und Jetzt geschieht, überdecken, den Geist sich immer wieder in Projektionen und Vorstellungen verlieren lassen, sodass er am Leben selbst, an der unmittelbaren Wirklichkeit keinen Anteil mehr haben kann, denn das Leben findet weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit noch in der Vorstellung statt.


    Leidenschaften, Geistesgifte, unheilsame Zustände erzeugen einen Schleier vor der Wirklichkeit, der so dicht gewebt sein kann und so massiv, dass von Lebendigkeit keine Rede mehr ist. Und aus diesen Verstrickungen auch nur wenig gelöst zu sein, führt zu einem "Wieder-zum-Leben-Kommen", das von Glücksgefühlen und dem Gefühl der Gesundung begleitet werden kann. Dieses veränderte Klima führt zu einer insgesamt freieren Gestimmtheit, einer größeren Bereitschaft, sich von der unmittelbaren Wirklichkeit berühren zu lassen, ohne gleich in Vorstellungen, Begierden oder Ablehnungen zu verfallen, die einen wieder von der Wirklichkeit und Gegenwart abtrennen, was einem Zustand der Krankheit ähnelt. Darum können auch freudige Zustände nicht das Ziel der Praxis sein, denn dieses Streben nach einer Veränderung dessen, was hier und jetzt ist zugunsten eines eingebildeten Besseren, schnürt die Fesseln, die Leben verhindern und Leid vermehren, nur um so enger.

    Im Buddhismus geht es m.E. darum, einen Zustand j e n s e i t s von Freude und Elend, nämlich Gleichmut, zu erreichen, welcher gleichwohl befähigt, Wesen aus dem "Elend" zu einem freudvolleren Dasein zu verhelfen.

    Worum geht es im Buddhismus?


    Quote

    "Bei einer späteren Gelegenheit, nachdem ich den Ursprung, das Verschwinden, die Befriedigung, die Gefahr und das Entkommen im Falle der Sinnesvergnügen der Wirklichkeit entsprechend kannte, überwand ich das Begehren nach Sinnesvergnügen, entfernte ich das Fieber nach Sinnesvergnügen, und ich verweile ohne Durst, mit einem Geist, der inneren Frieden hat. Ich sehe andere Wesen, die nicht frei von Sinnesbegierde sind, die vom Begehren nach Sinnesvergnügen verzehrt werden, die vor Fieber nach Sinnesvergnügen brennen, die in Sinnesvergnügen schwelgen, und ich beneide sie nicht, auch ergötze ich mich nicht daran. Warum ist das so? Māgandiya, weil es eine Freude gibt, abseits von Sinnesvergnügen, abseits von unheilsamen Geisteszuständen, welche himmlische Glückseligkeit übertrifft. Da ich mich an jenem erfreue, beneide ich nicht, was geringer ist, auch ergötze ich mich nicht daran."


    -> Quelle

    Ich würde das ja gerne mit dir zusammen anschauen aber wenn du alles was nicht deiner Meinung entspricht als "Irrlehre"zu sehen gewillt bist, wird das schwer.

    Das mit der Irrlehre ist doch gar nicht ernst gemeint. Es ist eine Anspielung auf den Thread "Die Irrlehre vom Lieben, was gerade ist". Ich halte es mit Nakamura:

    Quote

    Die Definitionen, die von Nirvāṇa gegeben werden, spiegeln oft viel getreuer die Persönlichkeiten derer wider, welche sie aufgestellt haben, als dass sie das Denken des Buddhismus im Allgemeinen repräsentieren würden.

    Man also statt vom Verlöschen des Leides auch von "unaussprechlucher Seligkeit" sprechen könnte.

    Es gibt viele Stellen, in denen sich der Buddha ähnlich äußert. Weiter oben hatte ich schon zitiert:


    Quote

    "Bei einer späteren Gelegenheit, nachdem ich den Ursprung, das Verschwinden, die Befriedigung, die Gefahr und das Entkommen im Falle der Sinnesvergnügen der Wirklichkeit entsprechend kannte, überwand ich das Begehren nach Sinnesvergnügen, entfernte ich das Fieber nach Sinnesvergnügen, und ich verweile ohne Durst, mit einem Geist, der inneren Frieden hat. Ich sehe andere Wesen, die nicht frei von Sinnesbegierde sind, die vom Begehren nach Sinnesvergnügen verzehrt werden, die vor Fieber nach Sinnesvergnügen brennen, die in Sinnesvergnügen schwelgen, und ich beneide sie nicht, auch ergötze ich mich nicht daran. Warum ist das so? Māgandiya, weil es eine Freude gibt, abseits von Sinnesvergnügen, abseits von unheilsamen Geisteszuständen, welche himmlische Glückseligkeit übertrifft. Da ich mich an jenem erfreue, beneide ich nicht, was geringer ist, auch ergötze ich mich nicht daran."


    -> Quelle

    Und meine Antwort ist die, dass es da um ein bestimmtes Gefühl geht. Und dieses benennen ich als das religiöse Gefühl. Ein Gefühl der Ehrfurcht und der Wertschätzung. Und als solches braucht es ein erhabenes Objekt seiner Wertschätzung. Zum Beispiel "die Wirklichkeit" - "die Natur" oder "Gott". Aus einem Wegfallen von Gier und Hass wird ein Aufscheinen von etwas Größerem.

    Als Antwort hierauf möchte ich einen Text von Hajime Nakamura über das Ziel der buddhistischen Heilslehre anfügen.


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    Dieser kleine Ausschnitt stammt aus: Buddhism in Comparative Light (1975)

    So wie ich es verstehe, geht es hier um etwas, was man als "religiöses Gefühl" bezeichnen kann

    Nein. Es geht um die simple Beobachtung, dass, wenn mein Geist nicht mehr jede Sekunde mit Wünschen, Erinnerungen, Abneigungen, Erwägungen, Vorstellungen, Befürchtungen und Zielen besetzt ist, die Wirklichkeit ein anderes Gesicht zeigt, das nicht oder zumindest weniger das Ergebnis meiner Instrumentalisierung dieser Wirklichkeit bezüglich meiner Bedürfnisse und Abneigungen ist. Diese "neue" ewig alte Wirklichkeit, die immer schon da war, ist schön. In dieser Wirklichkeit zu verweilen, in Frieden und Stille, macht Freude.

    Wer sagt, er liebe die Welt, hat meist das Leid der anderen Wesen gerade mal ausgeblendet, weil er sich aktuell in einem glücklichen/euphorischen Zustand befindet

    Was ist das denn eine Idee von Liebe? Lieben bedeutet doch nicht, alles, was geschieht oder existiert, gut zu finden oder nur positiven Seiten sehen zu wollen. Im Gegenteil: Lieben bedeutet, etwas mit allen Schwächen und dunklen Seiten um seiner selbst willen annehmen. Die Menschen, die anderen Leid zufügen, sind oft genug weder in der Lage, die Welt, wie sie ist, andere Wesen noch auch nur sich selbst zu lieben.


    Für mich hat es deshalb immer einen etwas bitteren Beigeschmack, wenn der wohlhabende Mitteleuropäer einen Vortrag darüber hält, wie sehr er die Welt liebt, weil die Blumen dieses Jahr so schön blühen. Ich möchte ihm zurufen: "Schau halt mal Nachrichten!" Das ist deutlich näher an der realen Welt als unsere ach so liebenswerte Wohlstandsinsel.

    Genau das ist ja ein zentrales Wohlstandsymptom: Mitten in Wohlstand und Sicherheit leben, und zeitgleich ewig unzufrieden und deprimiert, das Elend der Welt beschwören und als Konsequenz immer mehr Ablenkung und Konsum, um Traurigkeit und Unzufriedenheit zu mildern. Als ich in Nordafrika war, haben sich die Menschen, die ich dort getroffen habe, sehr gewundert, wie schlecht gelaunt, deprimiert und unzufrieden die reichen Europäer oft sind. Natürlich schaue ich mir die Nachrichten an, ich weiß sehr genau, was, wie massiv schiefläuft und wie viel Leid das erzeugt, und auch ich selbst habe schon genug Elend in meinem Leben erlebt, um zu wissen, was Armut und Gewalt bedeuten. Und nochmal: Diese Depressionen, Gewalt, Elend, Ausbeutung, Kriege, zerstörte Ökosysteme, Hyperkonsum, etc. sind gerade das Ergebnis von Fühllosigkeit, Gleichgültigkeit und Freudlosigkeit gegenüber der Welt, anderen Wesen und der eigenen Person.


    So richtig darüber 'freuen', wie toll es mir geht, kann ich mich allerdings nicht.

    Das ist schade, denn diese Freude wäre ein Ausdruck von Dankbarkeit und Wertschätzung für das, was da ist, und was es uns ermöglicht, in Frieden und ohne größere existenzielle Not zu leben. Die Konsequenz dieser Freude und Wertschätzung könnte sein, immer weniger Besitz, Wohlstand und Geld zu benötigen, um ein zufriedenes Leben zu führen, da bewusst wird, wie kostbar auch nur eine Scheibe Brot oder die Wahrnehmung eines Blätterrauschens an einem windigen Tag ist. Und das würde einen Anfang machen, um global einen besseren Weg einzuschlagen.

    Mit Allverbundenheit wird da lediglich eine Romantik bedient, vor allem, wenn sie schönfärbend übersieht, dass diese Verbundenheit aller Wesen nur im Leiden, in der Vergänglichkeit und Unpersönlichkeit besteht.

    Kooperation ist die Grundlage für den buddhistischen Weg. Ein Mönch, ein Kloster kann ohne die Kooperation mit den Laien nicht existieren, und auch untereinander ist Kooperation ein maßgeblicher Faktor für Frieden und Ruhe, durch die buddhistische Praxis erst möglich und der Raum dafür geschaffen wird. Dazu kommen die sechs Paramita, die es im Buddhismus zu entfalten gilt. Freigebigkeit, Mitfreude und liebevolle Güte bringen zum Ausdruck, dass Verbundenheit mit allen Wesen kein Ausdruck von Romantik, sondern ein Ziel buddhistischer Lebensführung ist, denn sie sind die Basis für Kooperation. Nebenbei bemerkt ist die Verbundenheit, das Eingebundensein in zahllose Abhängigkeiten ein Faktum, das einem um so mehr auf die Füße fällt, je mehr man es zu ignorieren sucht.


    Die buddhistische Lehre besteht nicht nur aus schwarz und weiß, dort das einzige wahre Glück des Nirwana, hier nur Leiden in Unpersönlichkeit und Vergänglichkeit. Glück ist eine Frage der Relation. In Relation zu befreiten Geisteszuständen erscheint Sinnesfreude leidbehaftet. In Relation zu Angst, Depression und Verzweiflung hingegen sind schöne Sinneserfahrungen eine Ursache für Freude. Auf diese Weise gibt es zahllose Formen des Glücks, von Schwarz, der totalen Abwesenheit des Glücks in tiefster Verzweiflung bis zum Glück des Nirwana, das fleckenlos, von Abhängigkeit befreit und leidfrei ist. Darum ist es keine Utopie, die Interaktion zwischen den Wesen so zu gestalten, dass insgesamt alle etwas glücklicher und friedvoller leben können. Die Empfindungen von Glück und Leid werden immer subtiler, dennoch ist einer der zentralen Wünschen der Buddhisten für alle Wesen:


    Zitat

    Sie mögen glücklich und voll Frieden sein,

    Die Wesen alle! Glück erfüll' ihr Herz!

    void

    Da stellt sich mir die Frage, wem oder was ein Buddhist genau entsagt, und was mit "Welt" gemeint ist. Ich denke, da gibt es auch unter Buddhisten keine einheitliche Meinung. Die Ursache des Leidens ist ja nicht mit "Welt", sondern mit den drei Geistesgiften definiert. Das Ziel der Lehre ist das Aufhören von Gier, Hass und Unwissenheit nicht die Abkehr von der Welt, obwohl die Analyse und Abkehr von der Welt der Sinnesfreuden zumindest ein Zwischenschritt ist, um überhaupt erst einmal einen entreizten Zustand (Freude, abseits von Sinnesvergnügen, abseits von unheilsamen Geisteszuständen, welche himmlische Glückseligkeit übertrifft) erfahren zu können, denn erst aus dieser relativen Perspektive wird klar, warum der Buddha die Erleichterung, die sinnliches Vergnügen dem Brand des Begehrens verschafft, mit dem Ausbrennen von leprösen Wunden vergleicht:


    Zitat

    13. "Angenommen, Māgandiya, es gäbe einen Leprakranken mit Wunden und Blasen an den Gliedern, der, von Würmern zerfressen, mit den Fingernägeln den Schorf von seinen wunden Stellen kratzte und seinen Körper zur Erleichterung über einer Grube mit brennender Holzkohle einbrannte. Dann würden seine Freunde und Gefährten, seine Angehörigen und Verwandten einen Arzt herbeischaffen, um ihn zu behandeln. Der Arzt würde eine Medizin für ihn zubereiten, und mit Hilfe dieser Medizin würde der Mann von der Lepra geheilt, und er würde gesund und glücklich sein, unabhängig, sein eigener Herr, in der Lage zu gehen, wohin es ihm beliebt. Dann könnte er einen anderen Leprakranken sehen, mit Wunden und Blasen an den Gliedern, der, von Würmern zerfressen, mit den Fingernägeln den Schorf von seinen wunden Stellen kratzte und seinen Körper zur Erleichterung über einer Grube mit brennender Holzkohle einbrannte. Was meinst du, Māgandiya? Würde jener Mann jenen Leprakranken um seine Grube mit brennender Holzkohle oder um den Gebrauch von Medizin beneiden?"


    "Nein, Meister Gotama. Warum ist das so? Weil im Krankheitsfalle Medizin zubereitet werden muß, und wenn es keine Krankheit gibt, es nicht nötig ist, Medizin zuzubereiten."


    14. "Ebenso, Māgandiya, vergnügte ich mich früher, als ich ein Leben zu Hause führte, versorgt und ausgestattet mit den fünf Strängen sinnlichen Vergnügens: mit Formen, die mit dem Auge erfahrbar sind, die erwünscht, begehrt, angenehm und liebenswert sind, die mit Sinnesgier verbunden sind und Begierde hervorrufen; mit Klängen, die mit dem Ohr erfahrbar sind, die erwünscht, begehrt, angenehm und liebenswert sind, die mit Sinnesgier verbunden sind und Begierde hervorrufen; mit Gerüchen, die mit der Nase erfahrbar sind, die erwünscht, begehrt, angenehm und liebenswert sind, die mit Sinnesgier verbunden sind und Begierde hervorrufen; mit Geschmäckern, die mit der Zunge erfahrbar sind, die erwünscht, begehrt, angenehm und liebenswert sind, die mit Sinnesgier verbunden sind und Begierde hervorrufen; mit Berührungsobjekten, die mit dem Körper erfahrbar sind, die erwünscht, begehrt, angenehm und liebenswert sind, die mit Sinnesgier verbunden sind und Begierde hervorrufen. Ich hatte drei Paläste, einen für die Regenzeit, einen für den Winter und einen für den Sommer. Ich hielt mich die vier Monate der Regenzeit über im Regenzeit-Palast auf, vergnügte mich mit Musikern, die alle Frauen waren, und ich ging nicht zum unteren Palast hinunter."


    "Bei einer späteren Gelegenheit, nachdem ich den Ursprung, das Verschwinden, die Befriedigung, die Gefahr und das Entkommen im Falle der Sinnesvergnügen der Wirklichkeit entsprechend kannte, überwand ich das Begehren nach Sinnesvergnügen, entfernte ich das Fieber nach Sinnesvergnügen, und ich verweile ohne Durst, mit einem Geist, der inneren Frieden hat. Ich sehe andere Wesen, die nicht frei von Sinnesbegierde sind, die vom Begehren nach Sinnesvergnügen verzehrt werden, die vor Fieber nach Sinnesvergnügen brennen, die in Sinnesvergnügen schwelgen, und ich beneide sie nicht, auch ergötze ich mich nicht daran. Warum ist das so? Māgandiya, weil es eine Freude gibt, abseits von Sinnesvergnügen, abseits von unheilsamen Geisteszuständen, welche himmlische Glückseligkeit übertrifft. Da ich mich an jenem erfreue, beneide ich nicht, was geringer ist, auch ergötze ich mich nicht daran."


    -> Quelle


    Rosa spricht übrigens vom gelungenen Leben in bewusster Abgrenzung vom glücklichen Leben, welches er für eine fatale Wunschvorstellung hält, die dem Gelingen des Lebens eher im Weg steht, statt ihm zu dienen.

    Wow, die alle ...lol...haben dich und deine "Liebe" zerredet.

    Ach, was heißt schon zerredet. Ich habe eine Ansicht formuliert und entsprechende Reaktionen erhalten. Das ist generell einmal positiv. Und dann kamen denkwürdige Antworten, die mich gezwungen haben, zu präzisieren. Ich finde es gut, dass wir hier in solch einem Austausch sind. Wenn wir alle einer Meinung wären, würden wir nur schweigen und nicken können – wie ein Rudel Wackeldackel.

    Hm? Ich wusste es nie und mich hat auch keiner gefragt ob ich das will.

    Wenn ich mein Glück auf eine unbeständige, letztlich nicht zufriedenstellende Realität, die leer von dem ist, was ich mir an Vorstellungen und Ideen von ihr mache, gründen möchte oder muss, dann muss mir bewusst sein, dass dieses Glück nicht von Dauer ist, dass ich keine Erfüllung von dort erwarten kann, und dass diese Realität nie meinen Vorstellungen und Wünschen entsprechen wird. In dieser Hinsicht gibt es schon die Möglichkeit zur Entscheidung, zumindest aber der Bewusstwerdung.

    Die Erfahrungen nutzen sich ab. Der 50. Frühling hat für mich nicht mehr den Zauber des ersten Frühlings. Wenn ich dennoch den Frühling genieße, so mit dem Wissen, dass die Erfahrungen für mich an Glanz immer mehr abnehmen werden. Aber das heißt ja nicht, dass der Frühling mit seinen Erscheinungen selbst frustrierend oder leidhaft wäre – nur mein Begehren hat an ihm keine Erfüllung gefunden, was mich frustrieren mag, weil ich die falschen Erwartungen und Vorstellungen gehegt habe. Auf der anderen Seite ändert sich der Eindruck, den der Frühling in mir hinterlässt, wenn ich nichts mehr an ihm finde (was ich vorher darin an Erfüllung suchen wollte), nichts mehr von ihm will, nichts mehr von ihm brauche und mir nichts mehr unter ihm vorstelle: Er hört auf, Instrument für die Befriedigung meines Begehrens zu sein. Was ist der Frühling, wenn er für sich selbst ist, ohne mein Werkzeug zu sein?

    Liebe ist konkret.

    Ja, das ist richtig. Und das konkreteste und zielführendste, das man zurzeit machen kann, wenn einem die an der Welt liegt, ist nichts, denn vieles an dem, was zur Zerstörung von Klima und Ökosystemen führt, ist die ungeheure Betriebsamkeit der Menschheit bezüglich der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse – sei es Rohstoffgewinnung, Gütertransporte, Mobilität, Energiegewinnung, Konsum, etc. Da ist es das Beste, mal die Füße stillzuhalten. Auch die Versuche eines grünen Wachstums führen zu enormen Belastungen der Ökosysteme – siehe Elektromobilität. Zudem führen die zahllosen Versuche, die Welt zu verändern, zu verbessern, umzugestalten auch immer wieder zu noch größeren Verwerfungen, weshalb man auch hiervon die Finger lassen sollte. Also: möglichst weitgehend "Nicht handeln" als beste Option. Und das ist es auch, was wir konkret hier in Maulbronn in verschiedene Formaten versuchen zu vermitteln, da Du schon so konkret fragst.


    Es ist irgendwie schon merkwürdig, wenn Thorsten Hallscheidt einerseits in einem thread aus dem 1. Johannesbrief (2.1-6) zitiert, wobei er das Zitat wohl nur aus dem Internet gefischt hat und dass er den 1. Johannesbrief (2,1-6) offenbar nicht gelesen hat. Dort findet sich nämlich auch der Satz, 1 Joh 2,15

    Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist!

    Hm? Wo und in welchem Kontext habe ich denn aus 1. Johannesbrief 2.1-6 zitiert? (Beklemmend dieser Text über weite Passagen.)

    Dass die Christen die Welt nicht lieben, und sie als Untertan begriffen haben und begreifen, ist vielleicht einer der Gründe, warum heute so ein kolossaler Raubbau auf und mit der Welt betrieben wird. Wobei der Begriff "Untertan" im Grunde Verantwortung implizieren sollte. Damit hat es aber offenbar auch nicht geklappt.

    Nebenbei: Klar kopiere ich Texte aus dem Netz, wenn möglich, denn es ist eher mühsam, das alles aus Büchern abzutippen.

    Und jetzt? Was macht man dann mit dieser Liebe?

    Nichts. Bestenfalls. Kunst ist für mich ein Weg.

    Wenn einer sagt "ich liebe die Welt", dann sagt er, Ich liebe mich selbst.

    Klar, "Ich" ist ja ein Teil davon, ist aber nicht mehr so außerordentlich wichtig wie früher vielleicht, wie ich auch geschrieben habe, und hoffentlich immer weniger wichtig.

    Hier musste ich ein wenig schlucken, wie locker-flockig du über diese grundsätzlichen Leiden "hinwegfliegst".

    Tue ich nicht. Das ist ein Teil, mit dem ich auch schon Kontakt hatte, und den ich fürchte. Aber das verändert meine generelle Freude an der Welt nicht, oder anders: Ich käme mir sehr undankbar vor, wenn ich beginnen würde, die Welt zu verachten und abzulehnen, weil mit mir das geschieht, was die Basis der Wirklichkeit ausmacht: Werden und Vergehen. Das ist so wie bei dem, der sich nur die Rosinen herauspickt, mit dem Kuchen aber nichts zu tun haben will. Zudem gibt es den "Ort", an dem Frieden ist. Diese Insel, diese Zuflucht führt dazu, dass ich mich etwas sicherer fühle. Die leise Ahnung, die ich davon habe, macht es leichter.


    Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters

    Diese Vorstellung von Schönheit ist sehr begrenzt. Es gibt noch einen weiteren Begriff von Schönheit, der darin besteht, dass gefallen oder nicht gefallen wegfallen.


    Aber möglicherweise bist du wirklich schon so weit fortgeschritten, dass du deine "Geliebte" mit ihren "Allüren" so annehmen kannst....

    Nein, bin ich nicht. Ich hatte dieses Sichtweise schon als Kind, Jugendlicher und kehre vielleicht etwas dorthin zurück. Im "Leben", das man als Erwachsener sich und anderen aufnötigt, ist dafür nur leider nicht so viel Platz. Die buddhistische Praxis entfernt diese Schichten aus Konventionen, individualistischer Selbstbehauptung und Sicherheitsbedürfnis langsam etwas, sodass ich wieder freier atmen kann. Zugleich ärgere ich mich, dass ich mich überhaupt so in diese Mühle habe drängen lassen. Wie viel Zeit verschwendet für nichts! Mein eigener Tod... Klar, ich werde Angst haben, auch vor Verlust, Alter und Krankheit. Aber genau darum versuche ich ja, den Durst nach Leben und Befriedigung einzuschränken.

    Das Elend der Welt. Ja, ja. Das Elend der Welt.


    Ich persönlich liebe die Welt, sie war schon immer meine Geliebte, und da so manchem Scholastiker des Theravada und auch anderen Buddhisten ein Dorn im Auge sein könnte, das als ein Ergebnis der Lehre zu bezeichnen, behaupte ich erst gar nicht, das sei irgendwie buddhistisch. Allerdings ist mir das letztlich auch egal.


    Ich habe die Welt genossen bisher, all die Farben und Töne, Gerüche und Geschmäcke, all das Tast- und Denkbare, und tue es noch und bin nie satt daran geworden – und je länger ich praktiziere, desto intensiver wird mir die Schönheit von allem, was mich umgibt, bewusst. Seltsam: je weniger ich behalten oder besitzen will, was diese meine Geliebte mir gibt oder nicht gibt, desto mehr an unerwarteter und unvermuteter Schönheit entdecke ich in und an ihr. Schönheit ist nicht Glück und nicht Leid.


    Ich frage mich, warum ich meiner Geliebten das Leiden vorwerfen sollte, das ich erlebe. Ich weiß, auf was ich mich eingelassen habe. Oder warum ich mich enttäuscht abwenden sollte, weil das Glück, das ich von ihr erfahre, nicht beständig ist. Ich erwarte das ja auch gar nicht. Es ist so, als würde ich vorgeben, meine Geliebte zu lieben, und würde von ihr dann die Erfüllung all meiner Bedürfnisse erwarten. Was für eine Liebe kann das schon sein? Ich selbst bin für meine Bedürfnisse und meine Bedürftigkeit verantwortlich, nicht die Welt. Eine Liebe, die das Gegenüber einzig als notwendige und notdürftige Milderung des eigenen Mangels begreift, und dann sich enttäuscht abwendet, wenn die Geliebte nicht den Erwartungen entspricht, ist Ausdruck von erbärmlicher Armut.


    Je länger ich praktiziere, desto reicher fühle ich mich – ganz unverdient... Ich brauche immer weniger von der Welt, um mich froh zu fühlen, aber ich habe sehr gern, was da ist. Klar, es kommen Alter, Krankheit und Tod. Alles wird vergehen, alles. Aber so ist meine Geliebte nun mal. Ich liebe sie genau deshalb: Sie ist wild und wankelmütig, unendlich kreativ, grausam, langweilig und gütig, ständig im Fließen begriffenes Werden und Vergehen, flirrendes Licht im Schatten – oder nichts von alledem. Es ist schön, sich von der Meeresbrandung wie ein Streichholz umherwirbeln zu lassen. Ich werde ihr das nicht zum Vorwurf machen, auch wenn mir einmal unter Wasser die Luft ausbleiben sollte. Ich liebe sie eben darum.


    In der Stille kommt zutage, dass alles schon da ist, was ich brauche, dass dem nichts hinzuzufügen ist. Und weil alles schon da ist, muss ich meine Geliebte nicht mehr anbetteln: bitte, bitte gib mir dies oder das, damit ich endlich glücklich sein kann. Der Mangel selbst nimmt langsam ab mit der Praxis. Und darum brauche ich die Welt nicht mehr so sehr wie früher und liebe sie darum umso mehr. Wenn ich langsam freier und freier von meiner tief sitzenden Bedürftigkeit werde, von Gier, Abneigung und Vorurteilen, kann ich meiner Geliebten umso offener gegenübertreten. Ich bin am Ende vielleicht auch nicht mehr so wichtig, immer weniger wichtig. Um so mehr kann sie voller Bewunderung betrachten und mich an ihre erfreuen. Auch mein Leiden und Sterben ist eine ihrer Facetten: Es gab schon Leiden und Frustration, es wird Leiden und Frustration geben, Angst, Verlust und Schmerz und am Ende wird sie mich auslöschen. Und weil ich aus ihr hervorgegangen bin, ist nichts verloren, wenn ich mich darin auch wieder verliere. Ich bedauere es nicht.

    Wieso denn unverschämt? Du hast doch offenbar einen ungeheuer weiten Horizont, wie die vielfältigen, gerne, ausführlich und fachgerecht dargelegten Informationen in Deinen Beiträgen hinreichend nahelegen. Da ist es nicht leicht, dem noch etwas hinzuzufügen, scheint mir. Daher das "sogar Deinen Horizont".


    Da gebe ich mir die Mühe, in einem kurzen Abriss aufzuzeigen, welche Dogmen seit der ersten Hälfte des 2.Jahrhundert bis heute für alle christlichen Denominationen / "Traditionen" (einschließlich der reformierten) gleich geblieben sind und dann das.


    Ja, sehr gut und sehr informativ. Vielen Dank. Dennoch – und das ist der andere Teil meiner Antwort gewesen: In der christlichen Theologie seit der Reformationszeit (und in mancher Hinsicht auch zuvor) wurde und wird eben auch verstärkt die Frage gestellt, wie Glaubensinhalte interpretiert werden müssen und können, in welchem Kontext sie aufgetreten sind und wie sich dieser Kontext im Laufe der Zeit verändert hat. Wie gesagt: Auch die christliche Theologie besteht nicht aus Dummköpfen. Bei den Protestanten spielen heute Dogmen kaum noch eine Rolle. Und auch in der katholischen Kirche bahnt sich da ein Wandel an.

    Ist das nun christlicher Glaubenseifer oder etwas tiefer sitzendes? Denk mal drüber nach.

    Sehr schön. (:

    Natürlich bleibt jedem belassen, das alles nun mehr oder weniger tatsächlich zu glauben oder persönliche Vorbehalte zu haben und 'picking and choosing' zu betreiben


    Das hat nichts mit 'picking and choosing' zu tun. Unterhalte Dich mal mit einem Pfarrer oder eine Pfarrerin. Es ist in allen Religionen (so auch im Buddhismus) am Ende des Tages die Frage, ob ich einen Sachverhalt wörtlich nehme oder ihn interpretieren und deuten muss, um ihn zu verstehen. Da es sich zum Beispiel bei der Bibel nicht um eine göttliche Offenbarung handelt, sondern um ein Buch, in dem Geschichten von Menschen gesammelt sind, die Erfahrungen mit Gott gemacht zu haben vorgeben, war schon sehr früh die Frage der Auslegung dessen, was da überliefert wurde, zentral. Erst im Laufe der Kirchengeschichte haben sich Dogmen entwickelt, und längst nicht in jeder Tradition die gleichen. Religionen entwickeln sich. Vieles von dem, was im Mittelalter geglaubt wurde, spielt seit der Reformation zum Beispiel keine Rolle mehr. Ich spreche oft mit Christen und solchen, die es einmal waren, über ihren Glauben. Eine befreundete Pfarrerin und ich haben vor nun beinahe 12 Jahren einen sehr inspirierenden und fruchtbaren interreligiösen Gesprächskreis gegründet, in dem solchen Fragen einmal im Monat auch aus der Perspektive der modernen christlichen Theologie nachgegangen wird.


    Man sollte Menschen, die einer anderen Religion angehören, nicht für dumm halten. Die christliche Theologie hat mindestens eine ebenso komplexe, kritische und intelligente Sichtweise auf ihre Glaubensinhalte, wie wir Buddhisten es auf unsere tradierten Quellen haben – obwohl es im Buddhismus zum Teil an der historisch-kritischen Methode noch etwas mangelt. Aber wem erzähle ich das. ;)


    Ein ernstgemeinter Tipp: Unterhalte Dich mal mit einer Theologin, einem Priester oder einer Pfarrerin. Das mag sogar Deinen Horizont noch etwas erweitern.

    Letzterer muss bedingungslos sein, 'blind', notfalls wider alle Vernunft bis hin zum credo quia absurdum - ich glaube, weil (nicht obwohl) es absurd ist. Vertrauen hingegen muss sich als berechtigt erweisen, 'bewähren' - es erfüllt sich im hier und jetzt, nicht in einem transzendenten Jenseits.

    Unter Christen wird das oft genau umgekehrt gesehen. Glauben, im Sinne von Vertrauen und wird abgegrenzt vom "für-wahr-halten" theologischer Behauptungen, das Zweifel fürchtet und bekämpft. Ich kann als Christ also durchaus in Gott vertrauen, ohne beispielsweise die jungfräuliche Geburt für wahr zu halten. Der Zweifel an Dingen, die zunächst unhinterfragt für wahr gehalten werden (Gott als alter Mann mit Bart auf Thron), wird unter Christen als Grundbedingung für das "Erwachsenwerden" des Glaubens gesehen (z.B. Gott als etwas, über das ich nicht sprechen, das ich nur erfahren kann). Das Vertrauen in Gott vollzieht sich für einen Christen ebenfalls im Hier und Jetzt, im Gebet, in der Meditation, in der tätigen Liebe gegenüber dem Nächsten (oder in dem, was ich vom Nächsten an guten Taten empfange) – und nicht etwa in einem himmlischen Jenseits. Das wiederum muss für wahr gehalten werden und ist für Christen ebenso wenig oder viel Motivation des Handelns, wie es für Buddhisten eine gute Wiedergeburt in einem himmlischen Daseinsbereich wäre und sein sollte.


    Als Buddhist kann ich in Buddha vertrauen, weil ich auf dem Weg der Praxis die eine oder die andere Behauptung durch Erfahrung bestätigen kann. (Auch Christen machen Erfahrungen mit etwas, das sie mit dem Begriff Gott belegen). Dadurch kann ich bedingt auch beginnen, die Behauptungen aus den Lehrreden, die jenseits meiner Erfahrungen liegen, für wahr zu halten, indem ich einfach zunächst blind darauf vertraue, dass auch in diesen Dingen, mein zunächst grundloser Glaube sich durch Erfahrung bestätigen wird. Aber auch in buddhistischem Kontext gibt es ein "Erwachsenwerden" des Glaubens, sodass Zweifel (und Prüfung) zur Grundbedingung von Verständnis und Vertrauen in die Lehre wird. Auch im Buddhismus gibt es zudem genug Leute, die der Lehre wortwörtlich und blind vertrauen wollen oder müssen, und jeden Zweifel an den Aussagen des Buddha ablehnen und bekämpfen. Hüben wie drüben wird vertraut oder blind für wahr gehalten oder eine Mischung aus beidem. So unterschiedlich sind wir als Menschen dann doch nicht.

    sich damit selbst eine vergleichsweise fortgeschrittenere Praxis zu bescheinigen

    Das mache ich nicht, sondern ich beziehe mich auf Menschen, die eine fortgeschrittene Praxis haben und denen ich daher ein gewisses Vertrauen bezüglich ihrer Einordnung und Deutung von Begriffen und Zusammenhängen entgegenbringe. Ich denke, das ist ein großer Unterschied.


    Ich habe mich ja schon ausführlich geäußert. Lies doch mal die vier Beiträge in der Broschüre. Zudem wird in einem der Texte, die ich angehängt habe, Gleichmut als ausgleichender Aspekt von Metta beschrieben. Ich habe nicht behauptet, dass Gleichmut identisch mit Liebe ist.

    Und wieder einmal wird mangels sachlicher Argumente ad personam argumentiert. Bedauerlich, aber vorhersehbar; hatten wir ja schon im anderen Thread. Soziale Performanz ...

    Hier muss ich widersprechen. Meine Replik war ad modum (nicht ad personam), da es Deine Methode, auf Argumente zu reagieren, sehr schwer macht, in eine Art von Gespräch zu kommen, das über vorgebliches Besserwissen und Rechthaben hinausgeht. Ein guter Freund von mir, der Buddhismuskunde an der Universität in Hamburg studiert hatte, sagte mal zu mir: der Palikanon ist wie ein riesiger Steinbruch, mit dem Du fast alles belegen kannst, was in Deine Argumentation passt. Er sagte das, nachdem ich bei einem Streitgespräch diese und jene Quelle, diesen und jenen Ausdruck herangeführt hatte, um meine Position zu belegen. Das war sicherlich übertrieben, bringt aber einen wesentlichen Punkt zu Vorschein. Da Begriffe in Pali oder aber in Sanskrit oft über ein ungeheures Bedeutungsspektrum verfügen, das meist erst über den Kontext eingeengt und konkretisiert wird, ist es möglich sehr viele verschiedene Bedeutungszusammenhänge zu konstruieren, die dann immer auch irgendwie "belegt" sind. Man denke nur an die Begriffe Karma, Dharma oder Dukkha. Das führt zu endlosem scholastischen Expertengerede, das letztlich weitgehend sinn- und nutzlos ist, es sei denn, man ist Experte unter Experten. Wie also diesem Labyrinth aus Begriffen und Meinungen, zu dem ich übrigens leider auch neige (-> Anhaftung an Ansichten), entkommen? Die Antwort ist einfach: Praxis. Erst mit der Praxis werden aus den offenen Wortfeldern, die die buddhistische Lehre oft so verkomplizieren, konkrete Bezüge in Richtung auf Erfahrbares (Komm und sieh selbst), und da hier aber Tür und Tor offen sind für Selbsttäuschung und Hybris, ist es gut, Menschen zu treffen und zu hören, die in der Praxis deutlich weiter fortgeschritten sind als man selbst. Denen vertraue ich tatsächlich mehr, als Linguisten, Historikern oder Religionswissenschaftlern, denn deren Profession bringt es zwangsläufig mit sich, dass sie aus intellektueller Distanz auf ein Phänomen schauen müssen, wenn sie denn zu wissenschaftlich und argumentativ validen Ergebnissen kommen wollen. Das ist sicherlich interessant und vermag auch das eine oder andere Geheimnis lüften, aber es bleibt eben der "Blick von Außen".


    So könnte man nun fortfahren, über den Satz "Das Dasein ist Leiden und Elend" endlos zu philosophieren: Dukkha lässt sich ja auch problemlos mit Frustration oder Unbefriedigung übersetzen. Dann kommt man schnell zu dem Satz: Das Dasein ist letztlich unbefriedigend, da das äußere Glück, das es bereithält, nicht von Dauer ist. Das klingt schon sehr anders. Eine solche Sichtweise erkennt die Begrenztheit des Daseins und seiner Glücksmöglichkeiten an, ohne in Pessimismus zu verfallen. Diese Unbeständigkeit kann man annehmen, wie auch die Unbefriedigung, die man letztlich erfährt, wenn man dauerhafte Erfüllung von Außen erwartet. Dieses Annehmen der Welt als begrenzt und unperfekt findet letztlich durch Gleichmut statt, der im Bewusstsein dessen bleibt, dass es eine letztliche und dauerhafte Erfüllung durch zusammengesetzte Phänomene nicht zu erwarten gibt. Auch die Empfindung von Schönheit oder Freude mag zu Anhaftung führen. Auch hier kommt der Gleichmut zum Zuge:


    Quote

    Wenn wir eine Rose ansehen, lassen wir uns vielleicht manchmal vom so genannten „Realismus“ einfangen und sehen nur, dass die Blume verwelken wird; eine sauertöpfische Reaktion auf die Idee, dass man Schönheit schätzen kann, ohne der Gier des Habenwollens oder Festhaltenwollens zu verfallen. Das Gleichgewicht wird hergestellt, wenn Upekkhá anwesend ist.


    (Voll Liebe zu der ganzen Welt, S. 28)


    Dennoch ist es mit dem Wissen um die Unbeständigkeit und den letztlich nicht zufriedenstellenden Charakter der Phänomene natürlich möglich (und auch dringend notwendig!) dem Dasein, den Wesen und Phänomenen und letztlich auch der eigenen Person mit Mitgefühl, Wertschätzung und Freude in Gleichmut (also mit Liebe) zu begegnen. Es mutet etwas katholisch an, aus Furcht vor Leiden, Frustration oder Unzufriedenheit (Strafe) sich der Freude an der Welt (Sünde) zu enthalten. Im Gegenteil, ich glaube, dass Freude und Dankbarkeit sogar wichtige Etappen auf dem Weg sind. Damit wird Metta zu einer generellen Lebenshaltung:


    Zitat

    Liebe, die nicht besitzen will, weil sie weiß, dass es in

    Wirklichkeit keinen Besitz und keinen Besitzer gibt -

    das ist die höchste Liebe.


    Liebe die nicht ICH sagt, weil sie das ICH als Täu-

    schung weiß.


    Liebe, die nicht sondert, wählt und ausschließt, wohl

    wissend, dass sie damit nur ihren Gegensatz erzeugt:

    Missgunst, Abneigung, Widerwillen und Hass.


    von Ñáóapoóika Maháthera (Voll Liebe zu der ganzen Welt, S. 42)