Beiträge von Frieden-und-Freude

    Okay, jetzt verstehe ich den Kontext besser!

    In diesem Fall stimme ich dir zu, dass die Absicht hinter dem Begriff darin bestand, die Mönche in ihrem Sterbeprozess heilsam zu unterstützen.

    Das ist auch psychologisch nachvollziehbar, was der Buddha da macht: Er lenkt die Aufmerksamkeit der Sterbenden auf die Möglichkeit, dass das körperliche Leiden bereits beim Sterben und vor dem Tod verschwindet.

    Mögest du frei sein von Schmerzen!

    Das ist Karuna-Praxis, also Aufmerksamkeits-Fokussierung auf den Punkt der Befreiung von Leiden.


    In diesem Kontext erscheint mir dann die Verwendung des Ausdrucks "Nirvana ohne Daseinsrest" helfend-psychologisch motiviert, also rein ad hoc aus der Situation heraus, ohne inhaltlich-systematische Bedeutung.



    Der Punkt, den ich nicht verstehe:


    Der Ausdruck "Nirvana ohne Daseinsrest" bezieht sich in der von dir zitierten Lehrrede offenbar auf einen Zustand, in dem ein Mensch noch lebt, aber keine normalen körperlichen Empfindungen (Lust/Schmerz) mehr hat.


    Wenn deine Deutung richtig ist, bezieht sich das ausschließlich auf einen Zustand unmittelbar vor dem Tod.

    Da frage ich mich: Warum soll dieser Moment unmittelbar vor dem Tod so wichtig sein, um einen eigenen Fachterminus ("Nirvana ohne Daseinsrest") reserviert zu bekommen?


    Zweitens möchte ich darauf hinweisen, dass (soweit ich das beurteilen kann) manche Sterbeprozesse offenbar bis zum Tode mit körperlichem Leid verbunden sind.

    Das heißt, auch ein Arahant oder ein Buddha wird unter Umständen erst durch den physischen Tod von körperlichem Schmerz befreit sein.

    Hmm... Sind diese "körpergefährdenden und lebensgefährdenden" Gefühle beim Sterben denn nicht üblicherweise mit unangenehmen Körperempfindungen verbunden?


    Wenn schon Rückenschmerzen (sogar für einen Buddha) unangenehm sind, wie unangenehm ist dann erst der Zerfall des Körpers beim Sterben. Zumindest solange das Nervensystem noch intakt genug ist, diese Empfindungen zu registrieren.


    Vielleicht gibt es direkt vor dem Tod einen vermutlich kurzen Moment, in dem ein Mensch noch lebt, aber nichts mehr empfindet.

    Meinst du, das ist gemeint, wenn von Nirvana ohne Daseinsrest die Rede ist?


    Erscheint etwas merkwürdig, für diesen kurzen Moment - falls es ihn gibt - den Begriff "Nirvana ohne Daseinsrest" zu reservieren.


    Die Unterscheidung und die Motivation dahinter bleibt mir weiterhin rätselhaft.

    Der Ausdruck "schon hier kühl werden" scheint darauf hinzudeuten, dass nicht Tote gemeint sind, sondern noch Lebende, bei denen aber das körpereigene Lust-Unlust-System sozusagen abgeschaltet ist.


    Das geht aber nur in bestimmten meditativen Versenkungszuständen (zeitweise!) oder in einer Art Wachkoma vielleicht.

    Ich verstehe irgendwie nicht wie es ein "Nirwana mit einem Rest von Bezügen" geben kann, wo Nirwana doch den Zustand absoluter Befreiung bezeichnet. Nirwana mit einem Rest von Bezügen wäre dann doch eben Gerade-noch-nicht-Nirwana, oder?

    Ich sehe das so: Nirvana bedeutet für mich "leer und anhaftungslos", dh. da sind noch Skandhas, aber eben keine Unwissenheit (darüber) mehr. Also ihm ist bewusst was da bedingt abläuft und ist nicht die Skandhas los, sondern einen bestimmten "Umgang" damit. Der "Weltling" hat auch Skandhas, aber er steigert sich da so halbbewusst rein (upadana-skandha, sh. erste edle Wahrheit), ohne das Wissen über die Bedingtheit. Also es geht imho eher um den Durst.

    Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich die Unterscheidung verstehe.

    Nehmen wir doch mal die Rückenschmerzen des Buddha als Beispiel.

    Wäre er kein Buddha, sondern ein Weltling, würde er mit Aversion auf seine Rückenschmerzen reagieren.

    Ein Befreiter reagiert aber nicht mit Aversion oder Begehren, soweit ist es klar.

    Ein Befreiter mit Daseinsrest empfindet allerdings noch die körperlichen Schmerzen. Und er hat vermutlich darüber hinaus die Präferenz, keine Schmerzen zu haben. Denn die Schmerzen beeinträchtigen seine Unterrichtstätigkeit. Entsprechend ist überliefert, dass der Buddha in solchen Fällen die Fortsetzung des Unterrichts an einen fortgeschrittenen Schüler übergeben und sich hingelegt hat, was ja auch zweckmäßig ist.

    Was wäre dann ein Befreiter ohne Daseinsrest?

    Wie soll das überhaupt möglich sein? Es sind doch stets irgendwelche körperlichen Reaktionen da, sogar bei dem Buddha (siehe Rückenschmerzen).

    Mein Eindruck ist: Euer "Streit" ist rein verbal, also nur ein Streit um Worte, nicht in der Sache.


    Es ist nützlich, sich über die Verwendung von sprachlichen Ausdrücken zu einigen, um solche rein verbalen Missverständnisse zu vermeiden.


    Mit "Ich" kann gemeint sein:

    (1) eine Form von (mehr oder weniger) unveränderlicher personaler Identität, mit einem konstanten Wesenskern.

    (2) eine veränderliche Erscheinungsform von Eigenschaften, die durch Identifikation zur Einbildung einer scheinbar unveränderlichen Person werden.


    Die Buddha-Lehre sagt nun: "Ich" im Sinne von (1) gibt es nicht.

    "Ich" im Sinne von (2) gibt es natürlich schon, jedenfalls innerhalb der realistischen Ontologie des Pali-Kanons. Da werden ja nicht die "Erscheinungen" von Personen geleugnet. :)

    Dass man qualitativ zwischen verschiedenen Formen von "Sinnesfreuden" unterscheiden muss und dass es sinnvoll sein kann, sich zugleich von bestimmten Formen abzuwenden und stattdessen anderen zuzuwenden, ist ja immerhin ein guter Ausgangspunkt, um realistisch über Entsagung zu diskutieren.


    Wenn wir den Streitpunkt, was der Buddha seinen Mönchen denn genau verboten hat, einmal ausklammern, bleibt für alle anderen Praktizierenden doch schon einmal die relevante Erkenntnis, dass es primär darum geht, unheilsamen Sinnesfreuden zu entsagen.

    Daneben gibt es solche Sinnesfreuden, die zwar nicht direkt unheilsam sind, aber doch indirekt, indem sie Trägheit fördern und den Geist von der Praxis ablenken. (Beispielsweise zu viel zu essen oder viele Filme zu gucken oder auf Buddhaland viel zu diskutieren. 😂)

    Diesen indirekt unheilsamen Sinnesfreuden gilt es langfristig ebenfalls zu entsagen.


    Und drittens gibt es Sinnesfreuden, die mit der Praxis gut kompatibel sind oder sie sogar fördern. (Beispielsweise: Tee-Zeremonie, Spaziergänge in der Natur usw.)


    Solche Sinnesfreuden können in Maßen kultiviert werden und enthalten üblicherweise keine Gefahr für die Praxis.

    Allerdings muss man doch zumindest bei der unvoreingenommenen Betrachtung der Phänomene zugestehen, dass es neben den schlingpflanzenähnlichen Sinnesfreuden, die erdrücken, auch solche gibt, die nicht erdrücken, sondern erheben. (Sofern man an ihnen nicht anhaftet, was dann natürlich unproduktiv ist.)

    Natürlich gibt es Unterschiede beim Genuß der Sinnesfreuden aber die sind immer nur relativ

    wie das Leiden eben auch.

    In einem ganz allgemeinen Sinn sind natürlich alle Sinnesfreuden Dukkha. (Im Sinne von "unzulänglich" und "nicht voll befriedigend".)

    Das ändert aber nichts daran, dass bestimmte Sinnesfreuden eine nützliche Rolle in der Praxis spielen können und andere dagegen Hindernisse für die Praxis sind.


    Beispiele für Sinnesfreuden, die eine nützliche Rolle spielen: Siehe die Praxis bei Thich Nhat Hanh, in der Musizieren, bildende Kunst, Tee-Zeremonie und Betrachtung von Naturschönheit Teil der Praxis sind.

    Das ist zwar schon fast 2 Jahre her, dass du das geschrieben hast, aber da es jetzt ohnehin wieder hervorgeholt wurde:


    Das hast du sehr gut und präzise formuliert. Genau so ist es!

    Sadhu, sadhu, sadhu! :)


    Einen Einwand habe ich allerdings doch.

    Du sprichst von "Sinnesfreuden aller Art". Ich halte das für zu undifferenziert. Nach meiner Erfahrung gibt es wesentliche Unterschiede bei den Sinnesfreuden. Da gibt es diejenigen, die du beschreibst: die letztlich erdrückend und belastend sind. So wie eine Schlingpflanze, die erst harmlos und angenehm erscheint, aber dennoch unheilsam ist.

    Daneben gibt es aber auch Sinnesfreuden, die eine nützliche Wirkung entfalten und sogar förderlich sind für die Praxis: beispielsweise ein Spaziergang in der Natur oder eine produktive künstlerische Tätigkeit.

    Sogar das Tee trinken im Rahmen einer entsprechenden Meditation kann dazu gehören.


    Nicht ohne Grund haben diese zuletzt genannten Sinnesfreuden etwa in der Praxis von Thich Nhat Hanh eine große Bedeutung: Musizieren, bildende Kunst, Tee-Zeremonie und Betrachtung der Schönheit der Natur.


    Wie man das "theoretisch-buddhistisch" einordnet und mit der reinen Lehre vereinbart, da mag es ja verschiedene Deutungsmöglichkeiten geben. Allerdings muss man doch zumindest bei der unvoreingenommenen Betrachtung der Phänomene zugestehen, dass es neben den schlingpflanzenähnlichen Sinnesfreuden, die erdrücken, auch solche gibt, die nicht erdrücken, sondern erheben. (Sofern man an ihnen nicht anhaftet, was dann natürlich unproduktiv ist.)

    Es sollte klar sein, dass die Lehre Buddhas kein blinder Glaube ist wie der Glaube, durch die Gnade eines Gottes Wohlstand zu erlangen auf dieser Welt.


    Wobei Du mir vielleicht zustimmst, dass es auch viele "Anhänger" des Buddhismus gibt, die auf genau diese "blinde" Weise glauben und sich beispielsweise eine Belohnung ihres festen Glaubens und entsprechender Taten in Form einer besseren Wiedergeburt versprechen.

    Du hattest ja selbst in der Vergangenheit mehrfach darauf hingewiesen, dass man den Zustand des real existierenden Buddhismus in verschiedenen Ländern nicht beschönigen sollte.


    Und auch im Westen findet man immer wieder blinden Glauben auch bei Buddhisten, beispielsweise an eine wörtliche Auslegung der heiligen Texte, bei der auch die absurdesten Textstellen noch ernst und wörtlich genommen werden.

    Ein solcher religiöser Fundamentalismus findet sich also auch im Buddhismus.


    Das kommt jeweils auf die Perspektive an: Es gibt Menschen, die sich selbst bewusst als "Ungläubige" oder "Nicht-Gläubige" definieren, indem sie sich mit einer religionskritischen Weltanschauung identifizieren. (Ich meine das jetzt ganz neutral, ohne eigene Bewertung.)


    Und dann gibt es natürlich auch die Polemik bestimmter Anhänger einer (zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort) vorherrschenden Religion gegenüber allen anderen, die als "Ungläubige" bezeichnet werden.


    Mir ging es hier lediglich um den Hinweis darauf, dass es sowohl in der Gruppe derer, die sich selbst als "gläubig" identifizieren als auch bei denjenigen, die entweder sich selbst als nicht-gläubig identifizieren (oder von anderen so klassifiziert werden) sowohl tolerante als auch intolerante Menschen gibt.


    Wir sollten die Einschätzung eines Menschen aufgrund seiner Gläubigkeit oder Nicht-Gläubigkeit also nicht überbewerten. Das ist mein Punkt.

    :) Als jemand, der dogmatisch-religiösen Glauben kritisiert, ist der Ausdruck von mir natürlich nicht abwertend gemeint.


    Aber okay, "Nicht-Gläubige" wäre eindeutiger und besser.

    Es gibt intolerante, eifernde Gläubige.

    Es gibt intolerante, eifernde Ungläubige.

    Es gibt tolerante, freundliche Gläubige.

    Es gibt tolerante, freundliche Ungläubige.


    Ganz gleich, wie man zum Thema "Glauben" steht, es sollte möglich sein, die eigene Meinung frei und ohne Anfeindungen sagen zu können.

    "Glaube" ist für mich nun mal tendenziell eher mit Religion verbunden, als mit Philosophie.

    Diese Themen "Glaube" und "Vertrauen" werden natürlich auch in der Philosophie diskutiert, in den letzten Jahrzehnten übrigens zunehmend positiv akzentuiert:

    Beispielsweise in der sozialen Erkenntnistheorie, dem Umgang mit "Zeugnissen anderer" (testimony) und dem "principle of charity".


    Kurz gesagt: Es wird mittlerweile überwiegend so gesehen, dass beim Erwerb von Wissen, beim Verstehen und beim Umgang miteinander "Glauben" und Vertrauen eine wichtige Rolle spielen.

    Der entscheidende Unterschied zu dogmatisch-religiösen Glaubenssystemen besteht in der Offenheit für Kritik, Korrektur und Weiterentwicklung.

    Ja klar, was ich sagte gilt selbstverständlich auch für diejenigen, die dogmatisch beispielsweise einem materialistischen Weltbild anhängen und es gegen jede Kritik immunisieren. Auch das ist dann ein geschlossenes System, das keine kognitive Dissonanzen mehr zulassen möchte.


    Offenheit für Kritik erlaubt dagegen ein kritisches Vertrauen. Es ist kein "Ablehnen des Glaubens", allenfalls ein Ablehnen blinden Glaubens.


    Und ja! - wie gesagt: Jeder soll sein Leben praktisch so gestalten können, wie es ihm beliebt, sofern er auch anderen dieses Recht einräumt.

    (Wenn ich Dich zuvor richtig verstanden habe, probierst Du etwas praktisch aus und prüfst hinterher, ob es für Dich funktioniert. Das ist möglicherweise genau das, was ich meine mit "Offenheit für Kritik". Denn wenn es nicht "funktioniert", veränderst Du ja etwas, statt es beizubehalten, weil es zu einem bestimmten Weltbild gehört.

    Bei "gläubigen Menschen" besteht oft das Bedürfnis, ein Glaubenssystem vollständig anzunehmen, jeden Zweifel zu eliminieren und bereits die bloße Möglichkeit zu leugnen, dass etwas an der Lehre bzw. den heiligen Texten falsch oder auch nur problematisch sein könnte.


    Diese Tendenz ist gut erklärbar: als Verringerung oder Vermeidung von "kognitiver Dissonanz".

    https://de.wikipedia.org/wiki/kognitive_dissonanz


    Es geht dabei also vor allem darum, ein Bedürfnis nach einem umfassenden, in sich geschlossenen und vor jeder Kritik geschützten Weltbild zu erfüllen. Denn das gibt ein gutes Gefühl.


    Ich halte es für völlig legitim, wenn Menschen, bei denen dieses Bedürfnis besonders stark ausgeprägt ist, dieses Bedürfnis auch befriedigen. Unter der Voraussetzung, dass sie es nicht auch anderen Menschen aufzwingen oder versuchen, andere zu indoktrinieren, was ja in der Geschichte der Religionen oft vorgekommen ist.


    Meiner Meinung nach gibt es eine bessere Möglichkeit, und zwar Offenheit für Kritik, das Aushalten von kognitiven Dissonanzen, ohne sich vorschnell festzulegen in Fragen, die unklar sind oder sich nicht leicht beantworten lassen.

    (Dazu gehören u.a. Fragen nach "Wiedergeburt" und Karma.)


    Eine solche Offenheit für Kritik ist vereinbar damit, der Überlieferung zunächst einen Vertrauensvorschuss zu geben und nicht voreilig Elemente der Tradition zu verwerfen, bloß weil sie nicht im Einklang stehen mit den bisherigen eigenen Annahmen.

    Ich plädiere also nicht für permanentes Zweifeln, was ja ein Hindernis darstellt, sondern für einen kritischen Glauben, ein kritisches Vertrauen - und eben die Offenheit für Kritik.

    Vertrauen spielt sicherlich eine wichtige Rolle - im Grunde immer dann, wenn wir etwas von anderen Menschen lernen. Schließlich können wir nur einen kleinen Teil aus eigener Erfahrung herleiten und müssen deshalb anderen Menschen glauben. Das betrifft bereits ganz triviale Dinge wie die Lektüre der Tageszeitung.


    Der Glaube und das Vertrauen sollten aber nicht "blind" sein, sondern kritisch. Mit dem kritischen Vertrauen meine ich jetzt keineswegs permanentes Zweifeln. Sondern die Bereitschaft, Zeugnisse aller Art - seien es nun irgendwelche Nachrichten oder auch religiöse Überlieferungen - kritisch zu prüfen, falls es dafür gute Gründe gibt.

    Die Prüfung ist dabei üblicherweise keine individuelle Aufgabe, sondern eine Gemeinschaftsarbeit. Beispielsweise hat sich in der Geschichte des Christentums unter dem Einfluss der Aufklärung die historisch-kritische Methode etabliert:

    https://de.wikipedia.org/wiki/historisch-kritische_methode


    Bezogen auf den Buddhismus bedeutet das für mich, dass ich der buddhistischen Überlieferung zunächst einmal einen hohen Vertrauensvorschuss gebe, aber nicht allen Textstellen im Pali-Kanon gleichermaßen vertraue. Es gibt auch eine Reihe von Textstellen, denen ich aus guten Gründen nicht vertraue.


    Die Bereitschaft, kritische Prüfung in Erwägung zu ziehen, unterscheidet meines Erachtens einen aufgeklärten Zugang zu den Texten von einem religiös-dogmatischen.


    Ich möchte das an einem Beispiel erläutern. Ein angesehener und auch von mir geschätzter Theravada-Lehrer meinte einmal sinngemäß: "Immer wenn mein eigenes Denken in Widerspruch gerät zu einer Textstelle des Kanons, hat stets der Kanon recht. Ich weiß es bloß noch nicht."

    Genau das halte ich für einen religiös-dogmatischen Zugang, also für blinden Glauben, den ich so nicht teilen kann und auch nicht für vorbildlich halte.

    Ja, die Neigung zum Machtmissbrauch ist ein allgemein-menschliches Problem, doch von den institutionellen Strukturen hängt es ab, ob diese Neigung zur Geltung kommt und Machtmissbrauch beispielsweise jahrzehntelang vertuscht wird.


    Zu den institutionellen Strukturen gehört natürlich auch die Institution heiliger Männer als spirituellen Führern, an denen keine Kritik geübt werden darf.

    (Das meine ich jetzt nicht speziell als Kritik am tibetischen Buddhismus, sofern das dort verbreitet sein sollte, sondern an allen Strukturen dieser Art. Ich selbst habe zu wenig Erfahrung mit dem tibetischen Buddhismus, um beurteilen zu können, in welchem Ausmaß die Kritik zutrifft und berechtigt ist.)

    Solche Missbrauchsvorfälle sind kein Problem des Buddhismus, kein Problem der katholischen Kirche. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das immer wieder auftaucht, wenn eine Hierarchie entsteht und Machtpositionen für eigene Zwecke missbraucht werden.


    Da muss ich dir teilweise widersprechen: Einerseits liegt zwar tatsächlich ein "allgemein-gesellschaftliches" Problem vor. Andererseits handelt es sich darüber hinaus um ein spezifisches Problem institutionalisierter Religionen mit patriarchalischen und autoritären Herrschaftsmustern und spirituellen Abhängigkeitsverhältnissen.

    Es ist nicht bloß eine legitime, sondern eine längst überfällige Kritik, wenn man diese Problematik offen und schonungslos diskutiert, statt so zu tun, als seien das bloße Einzelfälle, während die Strukturen, die solche Fälle hervorbringen, unangetastet bleiben.


    Darüber hinaus schließe ich mich natürlich ebenfalls Spock an, dass diese wichtige Diskussion nach Möglichkeit sachlich und maßvoll geführt werden sollte.

    (Wenn jemand einen Türstopper braucht, könnte ich einen verleihen... 😉 )

    Mir ist bewusst, dass der Pfad als graduelles Training anzusehen ist

    Das ist bereits die Antwort auf Deine Fragen. :)


    Dein Argument scheint zu sein, dass der achtfache Pfad nicht realisierbar ist, da dessen Realisierung von Bedingungen abhängt, die wiederum nur dann vorliegen, wenn der achtfache Pfad bereits realisiert ist. Das wäre dann ein problematischer logischer Zirkel.

    Tatsächlich liegt aber nur ein unproblematischer "hermeneutischer Zirkel" vor.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/hermeneutischer_zirkel


    Für die Praxis gilt: Probier es einfach aus. Räsonnieren bringt dich hier nicht weiter.

    Fang einfach irgendwo an, vielleicht am besten ganz traditionell mit den Übungen in "tugendhaftem Verhalten" und einer kurzen täglichen Meditations- oder Achtsamkeitsübung.

    Die Bedingungen für den achtfachen Pfad sind immer rudimentär vorhanden und werden durch Übung entwickelt.

    Es ist vielleicht sinnvoll, das Leben im Allgemeinen und Beziehungen im Besonderen gar nicht übermäßig planen zu wollen.


    Einerseits haben wir natürlich unsere Ideen und Vorstellungen und Ideale und Konzepte, die sich im Laufe des Lebens verändern und neue Prioritäten hervorrufen.

    Andererseits gibt es das Leben selbst, das unberechenbar ist.

    Da kann es passieren, dass ich heute glaube, jeder romantischen Beziehung auf Dauer entsagen zu wollen. Und morgen bin ich mitten drin und grins mir eins und sage mir: "Es ist zwar Dukkha, aber trotzdem schön. 😀 Also genieße die Verblendung, solange Du kannst und klammere Dich nicht an Doktrinen! 😂"


    Wenn ich zurückblicke auf vergangene romantische Beziehungen, muss ich sagen: Ja, das hatte immer auch etwas mit Verblendung zu tun, aber ohne diese Form von Verblendung wäre mein Leben ärmer gewesen.

    Um das anschaulich zu formulieren: Wenn jemand beispielsweise zu ersticken droht, löst das eine biologisch sinnvolle physisch-psychische Reaktion aus.

    Solange diese Reaktion sinnvoll ist und es keine Alternative gibt, um das Sinnvolle zu erreichen, gibt es ja auch keinen Grund, diese Reaktion einschränken zu wollen.


    Bei Reaktionen, die allerdings nicht (mehr) sinnvoll sind, oder die auf Reize hin erfolgen, die keine wirkliche Gefahr darstellen, ist es sinnvoll und möglich, diese auch aufzulösen. Lieber früher als später, denn diese können auch krank machen.

    Ja, das ist ein interessanter Gesichtspunkt. Es bleibt eine spannende Frage, inwiefern sich Menschen da emanzipieren können in der Reaktion auf Reize. Man unterscheidet ja in der Biologie zwischen bedingten und unbedingten Reaktionen und geht üblicherweise davon aus, dass die unbedingten Reaktionen/Reflexe nicht verändert werden können.

    Es gibt allerdings im Bereich der Hypnose tatsächlich manche Menschen, die Dinge vollbringen, die für andere unmöglich erscheinen. Schmerzreduktion ist da ein klassisches Beispiel.

    Mir fallen aber keine Stellen aus dem Pali-Kanon ein, in denen der Buddha eine solche Art Befreiung von körperlichen Schmerzen oder biologisch bedingten Reaktionen als höchste Form der Verwirklichung angesehen hätte oder das auch nur andeutet. Ich kenne da nur Stellen, die in die Richtung gehen, die Spock ausgeführt hat.

    Andererseits: Gibt es nicht auch im Theravada die Überzeugung, dass nur derjenige ein Arahant ist, der Affekte wie Angst vollständig überwunden hat?

    Das würde dann ja auch für biologisch bedingte Angstreaktionen gelten.

    Spock:

    Das Gestalten findet dadurch statt, dass man den Sinnesgenüssen und Gedanken nachgeht, aber nicht dadurch, dass keine physisch-psychischen Reaktionen mehr stattfinden. Die erste edle Wahrheit lautet, dass das Anhaften (das ist mein, das bin ich, usw.) an den Skandhas dukkha sei. Es gibt laut der vier edlen Wahrheiten keine höhere Wahrheit.

    Um das anschaulich zu formulieren: Wenn jemand beispielsweise zu ersticken droht, löst das eine biologisch sinnvolle physisch-psychische Reaktion aus.


    Was man erreichen kann (und das ist schwierig genug), besteht darin, bei aversiven oder begehrenden körpereigenen Reaktionen nicht mehr zu empfinden: "Das bin ich, das ist mein etc."


    Die biologisch angelegten Reaktionen selbst zu eliminieren, ist dagegen üblicherweise nicht möglich.


    Es gibt natürlich Hypnose-Techniken, die bei manchen Menschen wirken wie ein starkes Schmerz- und Beruhigungsmittel.

    Aber das ist mit der buddhistischen Praxis (soweit ich sie verstehe) nicht gemeint.

    Es reicht aus, sich mit diesen Prozessen (dem Spiel der Skandhas) nicht zu identifizieren.