Unterschied Bodhisattva/Bodhicitta und Helfersyndrom

  • Guten Tag und tashi delek zusammen,


    einer Frage treibt mich seit der Vertiefung der Praxis um:


    Zurzeit lese ich unter anderem Belehrungen zum Thema Bodhicitta. Dort heißt es häufig, man solle andere stets mehr schätzen als sich selbst und anderen von Nutzen sein, ohne dabei für das eigene Wohl zu handeln. Auch Shantideva erwähnt in seinem Bodhicaryavatara das "Austauschen von sich selbst mit anderen" und betont, nur so sei das "Erlangen vom unvergleichlichen Glück der Erleuchtung" möglich.


    Soweit ich es zu verstehen glaube, schöpft der Bodhisattva gerade aus dem Handeln und Bevorzugen anderer Kraft, anstatt sich zu erschöpfen bzw. "auszubrennen", wie es ein Mensch mit Helfersyndrom tut, das ja an unerfüllte Erwartungen bzw. ein Mangelgefühl geknüpft ist. Auch verstehe ich, dass die Veränderung stets bei einem selbst beginnen muss und man nur etwas geben kann, das man zuvor ausreichend kultiviert bzw. entwickelt hat.


    Wie aber verhält es sich mit der Aussage, man solle "erst für sich sorgen, bevor man für andere sorgt"? Ist das nicht ein Widerspruch zum Bodhisattva-Ideal? Wie kann ich denn für mich sorgen, ohne dabei Gefahr zu laufen, egoistisch oder an dem Ich haftend zu handeln? An manchen Tagen erscheint es mir in meiner Unwissenheit fast unmöglich, an anderen wirkt es so plausibel und einfach.


    Ich hatte bislang noch keine Gelegenheit, meinen Lehrer zu fragen, freue mich aber über eure Sichtweisen und Impulse zu diesem Thema. _()_ :rad:

  • Hendrik

    Approved the thread.
  • Hallo!


    Bin totaler Neuling, aber machte mir Gedanken zu deiner Frage.


    Ich denke, dass du nur lebendig jemanden den Garten pflegen kannst.

    Somit musst du mal drauf achten, dass du atmest, trinkst, isst und schläfst, bevor du dich um den Garten eines anderen kümmern kannst.


    Also zuerst du, und dann der Mitmensch. 🤷‍♀️

  • Wie aber verhält es sich mit der Aussage, man solle "erst für sich sorgen, bevor man für andere sorgt"? Ist das nicht ein Widerspruch zum Bodhisattva-Ideal?

    Das steht nicht im Widerspruch zum Bodhisattva-Ideal. Auch der Bodhisattva benötigt einen gesunden, kraftvollen Körper. Erstens um selbst die Bodhisattva-Übungen zu praktizieren und zweitens weil er für das Wohlergehen der Anderen wirken will. Er muss selber dafür sorgen, dass er einen gesunden, kraftvollen Körper hat, um dann Anderen den Pfad, der zur Befreiung aus dem Leiden führt, aufzeigen zu können. Er muss ihnen ja den Pfad erklären, die Übungen, die zu praktizieren sind, aufzeigen usw. In dem Sinne gut für sich zu sorgen, ist eine wichtige Voraussetzung für das Handeln der Bodhisattvas.


    Zurzeit lese ich unter anderem Belehrungen zum Thema Bodhicitta. Dort heißt es häufig, man solle andere stets mehr schätzen als sich selbst und anderen von Nutzen sein, ohne dabei für das eigene Wohl zu handeln. Auch Shantideva erwähnt in seinem Bodhicaryavatara das "Austauschen von sich selbst mit anderen" und betont, nur so sei das "Erlangen vom unvergleichlichen Glück der Erleuchtung" möglich.

    Das Austauschen von sich selbst und anderen ist die Methode zur Entwicklung von Bodhicitta. Man besitzt noch kein Bodhicitta und um es zu erreichen, übt man diese Methode.


    Was bedeutet Austauschen von sich selbst und anderen? Normalerweise halten wir uns für das Zentrum des Universums und drehen uns nur um uns selbst; jagen unseren Bedürfnissen nach usw. Die anderen Menschen sind für uns dagegen ziemlich unwichtig, es denn, sie helfen uns bei der Erfüllung unserer individuellen Wünschen und Bestrebungen.


    Es geht darum, diese Einstellung zu verändern; zu sehen, dass die Anderen genauso wichtig sind wie wir selbst. Dies ist der erste Schritt zur Entwicklung von Bodhicitta: eine Einstellung zu entwickeln mit der wir uns selbst und die Anderen als gleichwertig, gleich bedeutend, gleich wichtig ansehen. Diese Stufe wird oft auch als die Entwicklung von Gleichmut bezeichnet.

    Gruß Helmut


    Als Buddhisten schätzen wir das Leben als höchst kostbares Gut.

  • Die Frage hatte ich mir auch schon mal gestellt. Beim Helfersyndron steht hinter der Hilfe für andere ja ein tiefes Gefühl der Wertlosigkeit. Das Gefühl nur etwas wert zu sein, wenn man anderen hilft und sich aufopfert. Das ist im Grunde eine sehr verzerrte Sichtweise des konventionellen Ichs. Diese Verzerrung sollte aufgelöst werden, um ein realistischeres Bild von sich selbst zu entwickeln, bevor man sich auf dieser Grundlage in einem Schein-Altruismus verliert und ausbrennt. Denn die Hilfe dient ja beim Helfersyndrom, so wie ich das verstanden habe, nicht demjenigen, dem geholfenen wird, sondern in erster Linie der Stabilisierung des eigenen Selbstwertgefühls und damit ist am Ende keinem geholfen.


    Ich kann mir trotzdem auch gut vorstellen, dass sich Menschen mit einer Tendenz zum Helfersyndrom von dem Bodhisattva-Ideal besonders angesprochen fühlen und sich gut damit identifizieren können.

    "Das Siegel der erreichten Freiheit: Sich nicht mehr vor sich selbst schämen."

    - Irvin Yalom, Und Nietzsche weinte

  • Ich kann mir trotzdem auch gut vorstellen, dass sich Menschen mit einer Tendenz zum Helfersyndrom von dem Bodhisattva-Ideal besonders angesprochen fühlen und sich gut damit identifizieren können.

    Das ist ja das Coole an der buddhistischen Praxis: Die meisten von uns fangen damit aus völlig falschen Gründen an, betrachtet man das aus der Sicht der fortgeschrittenen Praxis.


    Man will mit seinem Stress besser umgehen, leistungsfähiger sein, seine "negativen" Gefühle wegmachen, träumt von Gleichmut. Und witzigerweise hat man trotzdem eine gute Chance zu erkennen, dass das so, wie man sich das vorstellt, nicht passieren wird. Aber andere, viel zauberhaftere Dinge.


    Und irgendwann kann man dann wirklich selbstlos geben, zumindest häufig, obwohl oder weil man erkannt hat, dass das mit dem gesteigerten Selbstwertgefühl eine Illusion ist.


    Liebe Grüße,

    Aravind.

  • Es geht darum, diese Einstellung zu verändern; zu sehen, dass die Anderen genauso wichtig sind wie wir selbst. Dies ist der erste Schritt zur Entwicklung von Bodhicitta: eine Einstellung zu entwickeln mit der wir uns selbst und die Anderen als gleichwertig, gleich bedeutend, gleich wichtig ansehen. Diese Stufe wird oft auch als die Entwicklung von Gleichmut bezeichnet.

    Das ist plausibel, danke für die Erläuterung. Von der Sichtweise her erscheint es gleich verhältnismäßiger. :)

  • Zurzeit lese ich unter anderem Belehrungen zum Thema Bodhicitta. Dort heißt es häufig, man solle andere stets mehr schätzen als sich selbst und anderen von Nutzen sein, ohne dabei für das eigene Wohl zu handeln. Auch Shantideva erwähnt in seinem Bodhicaryavatara das "Austauschen von sich selbst mit anderen" und betont, nur so sei das "Erlangen vom unvergleichlichen Glück der Erleuchtung" möglich.


    Die Frage hatte ich mir auch schon mal gestellt. Beim Helfersyndron steht hinter der Hilfe für andere ja ein tiefes Gefühl der Wertlosigkeit. Das Gefühl nur etwas wert zu sein, wenn man anderen hilft und sich aufopfert. Das ist im Grunde eine sehr verzerrte Sichtweise des konventionellen Ichs. Diese Verzerrung sollte aufgelöst werden, um ein realistischeres Bild von sich selbst zu entwickeln, bevor man sich auf dieser Grundlage in einem Schein-Altruismus verliert und ausbrennt. Denn die Hilfe dient ja beim Helfersyndrom, so wie ich das verstanden habe, nicht demjenigen, dem geholfenen wird, sondern in erster Linie der Stabilisierung des eigenen Selbstwertgefühls und damit ist am Ende keinem geholfen.

    Ich möchte Euch mal ein einziges Beispiel aus meiner Kindheit (Vorschulzeit) beschreiben. Stellt Euch die späten Fünfziger Jahre vor.

    Damals war mein hauptsächlicher Spielkamerad Udo, wenige Monate älter als ich. Mit Udo ließ es sich nett spielen, allerdings hatte er ein Laster: er dachte stets an seinen eigenen Vorteil.

    Währenddessen - ich war viel mit meiner Oma (Jahrgang 1883) zusammen - ermahnte mich meine Oma stets, immer bescheiden zu sein und beim Teilen die kleinere oder schlechtere Hälfte zu nehmen.

    Das lief auf Folgendes hinaus: bekam Udo von seiner Mutter eine Apfelsine, um sie mit mir zu teilen, dann nahm er sich die größere Hälfte, ja, er teilte die Apfelsine sogar schon vorsätzlich ungleich. Bekam aber ich von meiner Mutter oder Oma eine Apfelsine mit dergleichen Vorgabe, so gab ich mir Mühe, sie ganz genau in zwei gleiche Hälften zu teilen, was mir meistens nicht gelang, und dann nahm ich mir die kleinere Hälfte.

    In jedem Fall also blieb immer die schlechtere oder kleinere Hälfte bei mir.


    Unterbewusst grämte mich das, aber ich dachte auch: das ist nun mal so - Normalzustand.

    Als ich älter wurde, wurde es gang und gäbe, dass ich ich viele, viele Dinge für Andere tat und dabei dachte, ich muss helfen, aber ich habe keinen Dank zu erwarten, das steht mir nicht zu. Kein Wunder, dass ich mich immer schnell ausgenutzt fühlte. Obwohl man mit der Zeit an Lebenserfahrung gewinnt, ist es, siehe oben, mit diesem Hintergrund schwer, an einem Helfersyndrom vorbeizukommen.

    Zum Glück habe ich nie eine Therapie benötigt, sondern kam nach und nach, auch durch viel Nachdenken, von selbst darauf, dass ich zuerst einmal mich selbst wertschätzen und mir ganz allein was Gutes tun darf, ja, ich darf mich sogar daran erfreuen.

    Für diese Erkenntnis bin ich sehr dankbar. Keine spirituelle Praxis, kein Ritual oder Ähnliches, haben mich dazu gebracht, sondern einzig und allein das Nachdenken über mich selbst.


    Mit der Zeit hat mich das dann locker und fröhlich gemacht. Selbst als ich mit Fünfzig meine Arbeit verlor, war ich in gehobener Stimmung und guter Dinge, und siehe da, nach einem halben Jahr hatte ich wieder Arbeit - muss wohl meine Ausstrahlung gewesen sein.

    Und ein kleines Wunder ist geschehen, wie von selbst: das Leben strömt durch mich hindurch, es bleibt nicht stecken, und darum strömt es weiter und verteilt sich auf meine Mitwesen, so dass alle etwas davon haben. Auf eine übergeordnete, positive Weise nehme ich mich selbst nicht mehr so wichtig.


    Besonders wichtig ist mir noch zu sagen: wenn man sich grämt, weil man sich chronisch im Hintertreffen fühlt, so wie ich damals - auch das ist eine Überbetonung des Ich, auf negative Weise. Darum ist es sehr wichtig, sich selbst anzunehmen, um anderen besser und effektiver helfen zu können. Mit "effektiver" meine ich vor allem auch: es muss kompatibel sein mit meinem Gegenüber. Und wenn man ergründen will, was für den Anderen besser kompatibel ist als das, was man aus ungesunder Ichbetrachtung darüber glaubt, dann kann das nur funktionieren, wenn man auf gesunde Weise sich selbst nicht mehr so wichtig nimmt.

    Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest,
    sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht,
    und es wird dir gut gehen.
    Epiktet

  • »'Weise und von hoher Einsicht', so spricht man, o Herr. Inwiefern aber, o Herr, ist da einer weise und von hoher Einsicht?« -

    "Recht so, Mönch! Recht so! Edel ist dein Tiefsinn, gut dein Scharfblick, trefflich deine Frage. Du fragst also: 'Weise und von hoher Einsicht - so spricht man, o Herr. Inwiefern aber, o Herr, ist man weise und von hoher Einsicht?'« -

    »Ja, o Herr!« -

    »Der Weise von hoher Einsicht, o Mönch,

    • sinnt weder auf eigenen Schaden,
    • noch auf fremden Schaden,
    • noch auf beiderseitigen Schaden.
    • Sein Sinn ist auf das eigene Wohl gerichtet,
    • wie auf das fremde Wohl,
    • wie auf das beiderseitige Wohl,
    • wie auf das Wohl der ganzen Welt.

    So, o Mönch, ist da einer weise und von hoher Einsicht.«

    (A.IV.186 Tiefsinnige Fragen - 6. Ummagga Sutta)

    Lieber LobsangDargye ,


    wie du siehst, hat Buddha Shakyamuni sich zu dem Thema recht eindeutig geäußert, wobei "weise und von hoher Einsicht" zu sein, ganz offensichtlich bedeutet, Selbst-Mitgefühl und Mitgefühl auf eine Stufe zu stellen...

    Wie aber verhält es sich mit der Aussage, man solle "erst für sich sorgen, bevor man für andere sorgt"? Ist das nicht ein Widerspruch zum Bodhisattva-Ideal? Wie kann ich denn für mich sorgen, ohne dabei Gefahr zu laufen, egoistisch oder an dem Ich haftend zu handeln?

    Indem du Achtsamkeit entwickelst, wirst du es erkennen, wenn du egoistisch denkst, redest oder handelst (Ayya Khema nannte es "Auf sich selber aufpassen").


    Meiner Erfahrung nach, sind Menschen, die nicht gut für sich sorgen oder gar besonders hart zu sich sind (oft beim Helfer-Syndrom zu beobachten), letztlich auch zu Anderen oft hart und wenig mitfühlend.

    Umgekehrt handeln Menschen, die üben/geübt haben, Achtsamkeit, liebende Güte und Mitgefühl für sich UND Andere zu entfalten, in der Praxis oft "selbstlos" (es geschieht quasi "automatisch").

    Aus ihrer inneren Stärke heraus sind sie in der Lage, mehr zu geben....


    Liebe Grüße :) _()_ :heart:

    Glückselig, wer durch Buddhas Wort belehrt,

    Befriedigt weilt in Abgeschiedenheit.

    Glückselig, wer stets liebevoll verkehrt

    Mit aller Welt, frei von Gehässigkeit.


    Glückselig, wem kein weltliches Begehren

    Und keine Sinnenlust den Frieden stört.

    Das höchste Glück jedoch wird dem gehören,

    Bei dem der Ich-Wahn ganz hat aufgehört. (Ud.II.2.1)

  • Ich war ja auch schon als Kind so ein Mitleidsheini. Bei mir kommt das automatisch, dass ich anderen helfen will, ohne darüber nachzudenken. Im Zuge meines Lebens habe ich bemerkt, wie mich das meine eigene Kraft kostet aber ich fand auch keine andere Lösung für mich.

    Erst im Rahmen jahrelanger Zazen Übung wurde mir klar, dass mein Impuls zu oft hilflosen Hilfestellungen ganz und gar ein egoistischer Impuls war, denn selbst nicht ertragen zu können wenn es anderen schlecht geht wollte ich ändernd. Heute weiss ich dass es eben so ist und hab das eher im Griff.

    Danke :buddha:

    :)