Beiträge von Karnataka

    Weiter lautet der sehr interessante Text zum Madhyamaka:


    In der Shentong -, die "Leer von Anderem"- Schule wird gelehrt, daß alle Phänomene von Samsara und Nirvana grundsätzlich von der Natur des Geistes sind, daß sie also der Geist selbst sind. Es wird erklärt, daß die Natur unseres Geistes Leerheit und Bewußtheit ist, und daß diese beiden seit jeher untrennbar voneinander sind, eine Einheit bilden. Jedes Wesen hat diesen Geist, der Leerheit und Bewußtheit untrennbar ist. Es wird erklärt, daß es offensichtlich ist, daß jedes Lebewesen ganz natürlicherweise ein gewisses Maß an Mitgefühl und Intelligenz hat. Dies ist ein Hinweis darauf, daß der Geist zugleich leer und bewußt ist und genau dies ist die Buddha-Natur, das Potential für Buddhaschaft, das jedem Wesen innewohnt.

    Wie kommt es dann dazu, daß wir die Illusion der bedingten Existenz erleben, wenn doch alle Wesen diese Buddha-Natur haben? Die Erklärung zu dieser Frage wird an Hand von drei Punkten gegeben: Das "Konzepthafte", das "Abhängige" und das "Vollkommene".

    Das "Konzepthafte" beschreibt die Art und Weise, wie und warum wir unsere Illusion erfahren: Die Gesamtheit der äußeren Phänomene erscheint uns aufgrund der Gewohnheitstendenzen in unserem Geist als wirklich, obwohl sie nicht wahrhaft existent sind. Aufgrund dieser Tendenzen haben wir den Eindruck, daß die Phänomene außerhalb wirklich existent sind.

    Das "Abhängige": Hier wird die Erklärung gegeben, daß unser Geist von Natur her "Klares Licht" ist, oder in anderen Worten - daß der Geist die Einheit von Raum und Bewußtheit ist. (...)



    Überlegungen dazu:


    Zunächst wird über die Philosophie der Shentong Schule gesagt, dass demnach alle Phänomene von der Natur des Geistes seien. Sicher lässt sich nicht bestreiten, dass unser Geist bestimmt, wie uns jegliche Phänomene erscheinen. Allerdings meint der Begriff Phänomen per Definition nur die Dinge, die wir im Bewusstsein haben.

    Dass die einfachsten Lebewesen schon „fühlen“, unterscheiden, keine leblosen Automaten sind, gibt einen Hinweis, dass die Natur des Geistes schlichte Bewusstheit ist. Diese ist im existentiellen Sinn als leer zu interpretieren. Auch spricht der Autor nun von „Buddha-Natur“, die sich offenbar also auf die grundlegende Eigenschaft von Lebewesen bezieht oder daraus einen Hinweis gewinnt.

    Wie kommt es zum Erleben der bedingten Existenz, die der Autor an dieser Stelle als „Illusion“ charakterisiert? Dafür nennt er drei Aspekte.

    Es geht einmal um das „Konzepthafte“ des Geistes. Dieses bedeutet: Die Gesamtheit der äußeren Phänomene erscheint uns aufgrund der Gewohnheitstendenzen in unserem Geist als wirklich, obwohl sie nicht wahrhaft existent sind.

    Ich würde hier auf Sauberkeit der Sprache bestehen. Einmal ist es verwirrend, von „äußeren Phänomenen“ zu sprechen. Gemeint ist die Außenwelt, die wir (zunächst?) als gegeben setzen sollten. Zweitens sollten wir meines Erachtens zwischen „nicht wahrhaft existent“ und „Illusion“ unterscheiden. Man wird durch den Begriff der „Illusion“ dem Problem von Existenz und Nicht-Existenz nicht gerecht, finde ich.

    Vermutlich muss man auch zwischen jeweiligen Einzelheiten und der „Gesamtheit“ der Außenwelt unterscheiden. Wenn ich den Gegenstand Schreibtisch als wesentlich durch geistige Konzepte charakterisiert erkenne, folgt daraus ja nicht, dass die Außenwelt in ihrer Gesamtheit bloß Illusion sei.


    Der zweite Aspekt für das Erleben der bedingten Existenz wird das „Abhängige“ genannt. Als Erklärung wird gesagt, dass unser Geist seiner Natur nach die Einheit von Raum und Bewusstheit ist. Er besitzt daher eine Erscheinungsform, ist Klares Licht. :angel:

    Gerade bei dieser Äußerung kann Jeder diesen Zusammenhang selbst überprüfen:

    YouTube

    Stehen denn die Zitate im Widerspruch zum Zusammenhang? Für mich nicht.


    ()

    Eine Überlegung zu Film und Interview:


    Ich könnte mir vorstellen, dass die große Attraktivität des Diamantwegs besonders auch auf einer bewusst offenen und modernen Einstellung zum Leben in Verbindung mit Spiritualität und Buddhismus beruht. Und das bedeutet unter anderem: Romantik, Erotik, Flirten sind nicht länger pfui.


    Vielleicht erzählt Ole daher gar nicht nur aus Gründen der Selbstdarstellung von zig sexuellen Begegnungen, die er hatte. Genauso wie die Botschaft, dass Moralapostel und „Mönche“ wenig erwünscht sind, gehört dies zum Programm des Diamantwegs. Wir Buddhisten wollen endlich einen fröhlich freien Zugang und eine ungetrübtes Verhältnis auch zum Sex. Und man kann ja seine Freude über viele „resultierende“ Kleinkinder mitteilen, indem man sagt, ihre gute Entwicklung gibt Hoffnung für die Zukunft.


    Aber Nydahl drückt dies eben in sozialdarwinistischer Weise aus: Das deutsche Volk müsse durch möglichst viel demokratisch erzogenen Nachwuchs für die Zukunft gegenüber dem Zuzug anderer Menschen gestärkt werden.





    Natürlich ist der von Nydahl überaus geprägte Diamantweg ein Buddhismus, zumal die speziellen Meditationen eben Teil des buddhistischen Spektrums sind. Insofern aber unter Buddhismus eine Ethik des Mitgefühls verstanden wird, habe ich nun große Zweifel.

    Sehen wir die zusammengetragenen Zitate (bereits aus den frühen 90ern): Da ist ein ständiges Denken in Überlegenheit und Unterlegenheit, da werden Intellektuelle als Schwächlinge verunglimpft und Ethik als Angelegenheit verwirrter Moralisten, Humanisten und Langweiler betrachtet.

    Zugleich das Hohelied für die Menschen der eigenen Art, an das volle Leben und die urwüchsige Kraft, ja an die Kampfbereitschaft, die sich nicht länger von trägen Bürokraten, engstirnigen Moralisten etc. zügeln lassen will.

    Die im Bericht zusammengetragenen Zitate zeigen für mich doch ein ideologisches Fundament. So spricht jemand, der anhand einer bestimmten Literatur sein Weltbild gefunden hat. Nydahl scheint mir ein gestandener Vertreter einer Denkweise, die ich gewissermaßen als Gegenstück zu einer Ethik des Mitgefühls und der Nächstenliebe sehe, die diese Werte in Wahrheit vernichten will.

    In Anbetracht der langen Litanei an zweifelhaften Aussagen, speziell zum Charakter anderer Völker, steht für mich fest, dass die aktuell diskutierten Statements keine Entgleisungen in zugegeben sehr problematischen und verwirrenden Zeiten sind, sondern überaus bewusste Aussagen. Vielleicht sogar bewusste Provokationen, die einer rechtspopulistischen Strategie der Provokation entsprechen, die leider nur allzu gut funktioniert.

    Zitat

    ich habe vor kurzem "Leerheit und Abhängiges Entstehen" von Jampa Tegchok gelesen


    Bei den Tibeter gibt es zwei verschiedene Schulen, die bezüglich Leerheit zwischen: "Rangton" und "Shentong" unterscheiden:


    Aus Buddhismus heute


    Interessant! Wusste nicht, dass die Philosophie der Leerheit mit der Sicht des Klaren Lichts kompatibel ist. Da wird sie mir gleich sympathischer! :D


    Der Text nennt für das Verständnis der Leerheit den Mittleren Weg, der den Phänomenen weder absolute Existenz noch Nicht-Existenz zuschreibt. Was ja aus meiner Sicht schon daher eine Tatsache ist, wenn man bedenkt, dass sämtlich Wahrgenommenes immer nur im jeweiligen Augenblick wahrhaft für uns existiert. Gewissermaßen existiert es aber auch nicht, denn jeder Augenblick ist gleichermaßen immer schon vorbei.


    Interessant, dass der Autor dagegen den Glauben an die absolute Nicht-Existenz als ein Leugnen bezeichnet. Er legt zudem nahe, dass ein solcher Glaube an Nicht-Existenz versteckt die gegenteilige Ansicht in sich tragen würde, scheint mir.


    Er kommt dann zu einer interessanten Ausdrucksweise: Die Sichtweise, die derart entsteht, ist frei von vorgefassten Meinungen bezüglich der Seinsweise aller Phänomene! Später heißt es, dass es die Grundlage für den Weg sei, sich von vorgefassten Meinungen zu befreien. Es geht also um einen Zustand, der frei von Einbildung wäre.


    Aus meiner Sicht lautet die ehrliche Definition für so einen Zustand: Es ist mir nicht möglich, diese Wirklichkeit absolut zu verstehen.


    Diese Einstellung scheint mir mit einem säkularen Buddhismus kompatibel. Denn ich glaube, dass es für Säkularismus und Aufklärung konstitutiv ist, die eigenen kognitiven Möglichkeiten zu hinterfragen. Daher kann es aus säkularer Sicht kein absolutes Wissen über die Seinsweise der Phänomene geben.


    Doch vollzieht der Text nun jenen Nāgārjuna Schritt zu einer Unterscheidung von relativer und letztendlicher Wahrheit. Das Erscheinen der Phänomene wird als relative, deren Nicht-Existenz als letztendliche Wahrheit betrachtet. Dazu heißt es: Diese beiden Aspekte der Wirklichkeit bilden eine Einheit, sind nicht voneinander zu trennen.


    Diese an sich richtige Unterscheidung birgt aus meiner Sicht aber ein Problem. Denn das Rätsel, das ich zu Existenz und Nicht-Existenz „in meinem Kopf“ habe, wird damit zu einer gültigen Beschreibung der Wirklichkeit erhoben.


    Der Funktion einer Religion ist solcherart aber gedient. Schließlich werden sich die Anhänger einer Religion kaum treffen, um feierlich ihr Nichtwissen zu zelebrieren. Noch weniger werden sie religiöse Werte fürs Zusammenlaben damit autorisieren, indem sie zugeben, die Wirklichkeit nicht zu verstehen.


    Auch der Text kommt nun auch zu den buddhistischen Werten und ordnet Mitgefühl stärker der relativen, Weisheit aber stärker der letztendlichen Ebene zu. Die freudige Anstrengung gilt beiden Ebenen. Gemeinsam kommt es zur Verwirklichung.


    Der Autor kommt nun zur Shentong Schule. Endlich! Aber ich mach Schluss für heute. :P

    Ein Geldstück ist ein gutes Beispiel, weil es symbolisch schon lange für etwas steht, dem ein Wert zugewiesen wird, den es materiell gar nicht hat, und für jeden, der es besitzt, hat es einen anderen Wert, weil er damit etwas anderes kaufen will oder es zurücklegen will.


    Ein Geldstück ist dann zusätzlich auch noch auf einer anderen Ebene "leer": geht man auf die Ebene der Quanten, findet man keine "Materie" mehr.


    Trotzdem kann man das Geldstück nehmen und damit bezahlen, und es ist sogar ein Tauschwert festgelegt, der halbwegs stabil ist. Es hat also eine triviale Wirk-lichkeit, obwohl es wie alle Phänomene leer ist.

    Ich mag das physikalische Argument zur Leerheit nicht akzeptieren. Einmal zeigt sich das Geldstück ja gerade im Unterschied zur Teilchenphysik als sehr real. Man kann es in die Hand nehmen, es ist weder unscharf noch eine bloße Wahrscheinlichkeit.

    Besonders aber sehen die Physiker rätselhafte Phänomene, wenn sie durch ihre Elektronenmikroskope linsen. Und sie erklären dies mit einer Wirklichkeit, die überhaupt nicht leer ist oder wo der Existenz was fehlen würde. Das würde den physikalischen Gesetzen widersprechen.

    Leerheit ist ein logischer Begriff. Wir sagen beispielsweise, dass unser Glas leer wäre, meinen damit aber keine echte Leerheit. Daher zeigt sich aus meiner Sicht auch für die Physik ein abhängiges Entstehen, doch lässt sich daraus keine Leerheit folgern.

    Ich glaube, dass die Werte, für die der Buddhismus steht, durch den DL genügend gefestigt sind. Es ist sehr wichtig, auf diese Werte beharrlich hinzuweisen. Vielleicht laufen Nydahl jetzt einige Menschen zu, langfristig glaube ich aber doch, dass er seiner eigenen Organisation Schaden zufügt.


    Ich kenne mich da wirklich kaum aus, aber: Aus meiner Sicht ist es absolut wichtig, dass der Diamantweg im Verband des Buddhismus (in Deutschland) bleibt – falls das überhaupt zur Diskussion stünde. Ich vermute auch, dass die schweigende Mehrheit der Buddhisten dies so wünscht.

    Der Diamantweg sollte sich auf keinen Fall zu einer esoterischen rechten Sekte entwickeln. Nydahl ist bald ein alter Mann, vielleicht ein schwieriger, alter Mann, der – so scheint mir – keinen mächtigen Nachfolger neben sich aufbauen wird können.


    Zum Vergleich mit dem Nationalsozialismus eine Anmerkung. Ein trauriges Beispiel geben die Richtlinien der Deutschen Christen von 1932. Dort heißt es: Wir wissen etwas von der christlichen Pflicht und Liebe den Hilflosen gegenüber, wir fordern aber auch Schutz des Volkes vor den Untüchtigen und Minderwertigen.


    Es ist interessant, das gleichzeitig wie im Mahāyāna die Idee von "Śūnyatā" auftauchte auch in der indischen Mathematik die Zahl 0 („śūnya“) auftauchte. So wie die 0 keine richtige Zahl sondern die Verneinung aller Zahlen ist, so ist das Verlöschen etwas was die normale Realität übersteigt.

    Die Verbindung von Religion und Mathematik taucht öfter auf.


    Für Platon war die Geometrie, etwa der Kreis, Urbild und kreisähnliche Dinge der Wirklichkeit waren Abbilder davon.

    Zugleich entdeckten die Griechen auch mit Schrecken, dass es irrationale Zahlen gibt, die nicht durch Brüche dargestellt werden können. Etwa die Kreiszahl Pi.


    Nach Wiki findet sich der erste Beweis für irrationale Zahlen in der Geometrie schon bei den Pythagoreern (Süditalien um 600 vor Chr.). Auch hier wird Mathematik als religiöses Wissen verstanden, das den Aufbau des Kosmos erklärt und ein Leben in Harmonie ermöglicht.


    Überhaupt entstanden die Schriftzeichen gemeinsam mit mathematischen Symbolen. Wenn ich Harari richtig erinnere, so schreibt er, dass die frühesten schriftlichen Dokumente wirtschaftlicher Natur sind. X schuldet Y drei Sack Weizen.


    Seit 1974 werden Radiowellen als Botschaft für Außerirdische ins Weltall gesendet. Dabei zeigt der erste Absatz die Zahlen 1 - 10 in binärer Codierung. Das gibt das Vokabular um die weitere Botschaft zu verstehen.

    Natürlich ist es nicht dasselbe Karma! Hätte der Buddha sonst selber Fleisch gegessen oder dessen Nichtkonsum nicht als 6. Sila etabliert? Die Absicht ist entscheidend! Beim Kauf im Supermarkt hat kein Käufer die Absicht gehabt, ein Tier zu töten - sondern sich zu ernähren und den Geschmack zu genießen. Das Ergebnis mag gleich erscheinen (ein Lebewesen stirbt), aber die Absicht und Handlung ist so verschieden, dass es hier einen großen Unterschied gibt.


    PS: Ich bin selber LEIDENschaftlicher Fleischesser aus Unfähigkeit, diesem Sinnesgenuss zu widerstehen. Dennoch erkenne ich dies als unheilsam und ehre jeden Vegetarier/Veganer umso mehr. Ich hoffe, eines Tages komme ich auch dahin!

    Geht es um die Absicht bei einer Handlung oder sind die Konsequenzen, die daraus folgen, entscheidend?

    Gute Absicht: Wir sind froh, nicht selbst töten zu müssen. Konsequenz: Wir essen vollkommen unbedacht Unmengen Huhn und Schwein und Kalb.

    Vielleicht kann man rechtfertigen, dass wir eine moralische Sphäre und Geographie bewahren und schützen wollen, wo unsere Werte gelten. Die unschöne Fleischindustrie geschieht eher im Verborgenen.

    Vielleicht wäre es aber der klügere Weg, das Töten selbst zu besorgen? Wer ein halbes Huhn oder ein Stück vom Kalb essen möchte, muss zuvor zum Ort der Tötung und den Vorgang selbst durchführen.

    Nach meinem Wissen sinken die weltweiten Mordraten kontinuierlich aufgrund starker Staaten und Rechtsysteme, die das gewaltsame Austragen von Konflikten unterbinden. Weltweit betrachtet ist die Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden, in den letzten Jahrzehnten sicher gesunken.

    Sicher haben sich auch Kriege und Kriegsopferzahlen in den letzten Jahrzehnten drastisch verringert, wofür die wechselseitige Bedrohung durch Atomwaffen mitverantwortlich ist, aber auch die globale Wirtschaft und internationale Gemeinschaft. (Der Syrienkrieg ließ die Opferzahlen kurzfristig stark ansteigen.)

    Ob die Unterscheidung Glaubenswirklichkeit und historische Wirklichkeit so einfach möglich ist?


    Die Schuld der Menschen gegenüber Gott, die du ansprichst, wird als Erbsünde bezeichnet. Vielleicht ist es erst unser modernes Wissen zu den Mechanismen der Vererbung, welches jenem Glaubensinhalt eine „nur“ symbolische Bedeutung zuweist. Ich bin mir nicht sicher, ob eine symbolische Bedeutung phänomenologisch noch als Glaube gelten darf. Ich vermute, dass gläubige Menschen in der Regel konkreter denken, sodass der Begriff der Erbsünde als christlicher Glaubensinhalt in heutiger Zeit einfach nicht mehr überzeugt und eher verloren gegangen ist.


    Ich würde auch argumentieren, dass der feste christliche Glaube an ein glückliches Jenseits konkret als Hilfe erfahren wird. Wenn die frühe buddhistische Lehre die Anhaftung an das Leben für alles Leid verantwortlich macht, dann zeigt sich mir zumindest eine psychologische Parallele in Hinsicht auf den Umgang mit Leid. Doch, wie du richtig anmerkst, bedarf es für die buddhistische Befreiungslehre keinen Glauben an ein Jenseits.


    (Für den achtfachen Pfad wäre vielleicht als Gegenstück die Tugendlehre des Aristoteles, die Thomas von Aquin mit den Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung erweiterte, zu nennen.)


    ***


    Dass traditionelle landwirtschaftliche Gesellschaften religiös funktionieren, ist ja eine Tatsache. Hier zeigt sich eine Differenz zum typisch animistischen Verständnis der Jäger und Sammlergesellschaften. Das Verständnis von Natur wird für die Bedürfnisse der Landwirtschaft technischer, die Baumgeister treten gegenüber einem jenseitigen Gott in den Hintergrund. Die Regeln werden klarer und ermöglichen ein breites wirtschaftliches Zusammenwirken.


    Dass diese Bauernschaft dann beinahe immer und überall von einer dünnen Schicht Adeliger für ein bisschen Rechtsprechung und Schutz ordentlich geschröpft wurde, würde ich beispielsweise gerade dem Grundgedanken der christlichen Moral nicht anlasten. Doch hast du mit dem "Religion als Opium" vermutlich recht und erst die Säkularisierung ermöglichte, die sozialen Errungenschaften zu erkämpfen.

    Das mag jetzt etwas abgehoben klingen, aber wenn der Buddhismus von einem Nicht- Selbst ausgeht,

    was könnten wir dann lieben bzw. hassen? Eigentlich gibt es in uns Selbst nichts, das man greifen könnte, um es zu lieben oder zu hassen, denn dieses "Selbst" verändert sich ja permanent, gehorcht den Gesetzen des bedingten Entstehens u.s.w.

    Ich finde, dies ist überhaupt keine abgehobene Argumentation. Der Buddha hat die Selbstlosigkeit der Person gelehrt, also dass wir weder ein unabhängiges, teileloses und beständiges Selbst noch ein eigenständig-substanzielles Selbst besitzen. Auf ein derartiges Selbst kann sich Selbstliebe oder Selbstannahme also nicht beziehen, weil es diess nicht gibt. Worauf bezieht sich also unsere Selbstliebe und Selbstannahme und was ist Selbstliebe und Selbstannahme?


    Gruß Helmut

    Ich sehe das so:


    Sich auf sich selbst beziehen und dies als Ich zu benennen, ist eine kognitive Funktion. Da kann man nicht sagen, dass es diese Funktion nicht gäbe.


    Hinsichtlich einer höheren Wirklichkeit muss man zwischen Mahayana Philosophie der Leerheit und der Sichtweise von einem vergänglichen, abhängigen Selbst unterscheiden, würde ich sagen. Diesen Unterschied sprichst du ja auch indirekt an, glaube ich.


    Bezogen auf die erlebte Wirklichkeit stellt sich die Frage, ob unser Selbst in dem Sinn unabhängig ist, wie wir vielleicht meinen. Das könnte ein Bemühen um mehr Verbundenheit von uns fordern. So gesehen fordert Selbst-Mitgefühl dann das Bemühen um Mitgefühl für den Nächsten.


    Bezogen auf die Frage der Sterblichkeit wäre die buddhistische Position, dass jener unsterbliche Anteil nicht als Ich oder Selbst zu charakterisieren sei, würde ich interpretieren.

    Historisch ist das alles genau so viel wert wie die in den Evangelien der Bibel überlieferte Christuslegende - nämlich gar nichts. Was allerdings über die religiöse Signifikanz noch nichts aussagt. Es handelt sich in beiden Fällen um literarische Fiktionen, wobei die der Bibel lediglich um über 1700 Jahre älter ist.


    _()_

    Wobei die Person Jesus von Nazareth vermutlich keine bloß literarische Fiktion ist, sondern einen jüdischen Prediger meint, der aus bestimmten Gründen gekreuzigt wurde, und auch bestimmte Ansichten vertrat, die Paulus später aufnahm.


    Eine vergleichbare Frage nach literarischer Fiktion oder realer Person stellt sich bei Sokrates und dessen Darstellung durch Platon. Für die Philosophie ist diese Frage eher unwichtig. Bezeichnet sich ein Mensch als Sokratiker, so vertritt er eben die Ansichten, die dem Sokrates zugeschrieben werden - auch wenn sie vielleicht von Platon stammen. Der Lehre nach ging Sokrates freiwillig in den Tod, um für sein Ideal der Gerechtigkeit einzustehen.


    Interessant scheint mir die Frage, welche Relevanz es im Unterschied dazu für eine Religion hat, ob ihr Stifter tatsächlich so wie von den religiösen Schriften ausgesagt existierte. Hier lässt sich zwischen gesellschaftlicher und persönlicher Relevanz unterscheiden.


    Jesus gilt vielen Gläubigen als persönliches Vorbild, die ihm zugeschriebenen Wundertaten stärken diese Rolle. Seine Auferstehung gilt als Zeichen für ein Leben nach dem Tod, würde ich sagen. Aber sicher kann die religiöse Sicht auf Christus auch eine philosophische sein, wie sie im Vergleich zur Lehre des Sokrates bestehen könnte. Das Problem scheint mir stärker mit der gesellschaftlichen Funktion von Religion verknüpft.


    Für eine traditionelle Gesellschaft gilt wohl, dass sie sich auf verbindliche Werte beziehen muss, um gut zu funktionieren. Die philosophische Diskussion scheint dafür zu wenig, es braucht auch eine übergeordnete religiöse Autorität, die letztgültig aussagt, was gut und richtig ist.

    Oh ich glaub mein Beitrag ist leider total misslungen. Tut mir leid.

    Ich kenne dieses Problem aus eigener Erfahrung und kann deine Sorge gut nachvollziehen. Ich weiß keinen Rat, wie das Gedächtnis zu verbessern wäre.


    Natürlich ist das Forum keine medizinische Anlaufstelle. Der Buddhismus bietet Wege an, mit Leid klar zu kommen. Darauf möchte ich mich in meinem Beitrag auch beziehen. Dafür muss ehrlich gesagt werden, was das Leid ausmacht. Da kann ich zu deiner Situation natürlich nichts sagen.


    In meinem Fall beunruhigt es mich, wenn ich mit Zeichen konfrontiert bin, dass mein Gedächtnis nachlässt. Denn es könnte eine laufende Verschlimmerung bedeuten. In Anbetracht einer solchen Befürchtung erlebe ich das Nachlassen vom Gedächtnis ein wenig wie sterben. Verzeih, wenn ich es für mich so drastisch ausdrücke.


    Aber es geht mir um das emotionale Denken. Vielleicht werde ich 100 Jahre alt und meine eigenen Gedächtnisprobleme werden einfach verschwinden. In der Situation jedoch, wo ich Befürchtungen erlebe, kann ich mir auch ausmalen, dass einmal ein Arzt sagen könnte, mein bewusstes Leben würde in dieser Hinsicht in den nächsten Jahren verlöschen.


    Wenn ich so denke, ist dies keine bewusste Reflexion über die Endlichkeit meines Lebens, sondern emotionales Denken. Ich glaube, dass manche Antworten, die der Buddhismus gibt, hier ihre Kraft entfalten. Dass die Wirklichkeit leer von tieferer Existenz sei, dass wir uns befreien, indem wir nicht mehr an der Welt anhaften, dass unsere Vorstellung von Ich und Selbst eine Illusion sei, solche Lehren erhalten angesichts existentieller Befürchtungen eine besondere Bedeutung, behaupte ich.


    Lieben Gruß.

    Glaub damit könnte ich Leben. :badgrin:

    Was mir wichtig wäre ist aber auch wie geantwortet wird und von wem.

    Ich fände gut, wenn auch die Leute dann diese 10 antworten geben, die z.b. der Richtung angehören, zu der sich der Fragesteller hingezogen fühlt, oder dann allgemein geantwortet wird, wenn das nicht klar ist. Sich also nur auf die Grundlagen zu beziehen, die ja für uns alle allgemein gültig sind. Und da weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob ich kompetent genug bin, dass dann auch zu Filtern. :nosee:


    Schön, dass du die Moderation machst! Danke dafür! Ich wünsche dir, dass du dadurch auch selbst profitierst.

    Ich habe keine Erfahrung als Moderator und wäre dem vermutlich auch nicht gewachsen. Dennoch möchte ich meinen Senf beisteuern.


    Als Moderator würde ich Konflikte moderieren, falls notwendig, und Beträge danach filtern, ob und warum sie Missachtung enthalten. Dann würde ich die unangenehme Funktion der Moderation ausführen. So scheint mir der Zeitaufwand vertretbar.


    Sonst würde ich so weitermachen wie bisher. Als Moderator erhalten die eigenen Beiträge und Überzeugungen ohnedies mehr Gewicht.

    Just my two cents. Viel Erfolg! :D

    Was ist besser?


    Der Philosoph Precht machte mal den Vorschlag, man könne doch einem Kalb bloß das Bein amputieren, das dann verspeist wird. Während man dann also in der schönen Natur das gute Fleisch genießt, könne das Tier nebenbei immer noch auf seinen drei Beinen rumhopsen und grasen.


    Man könnte dagegen einwenden, dass ein solches Vorgehen Feingefühl und Mitgefühl verletzt. Es sei ja ein Fortschritt, dass Tiere heutzutage nur noch selten zur öffentlichen Gaudi gequält würden. Dies stünde schließlich auch mit der generellen Gewaltbereitschaft in Zusammenhang.


    In einer Welt, die zunehmend von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist, lässt sich Mitgefühl auch rational argumentieren. Indem Mitgefühl dazu einlädt, einen breiteren Blickwinkel einzunehmen, erhöht sich die Chance, für Probleme eine gute Lösung zu finden. Daher ist es auch rational sinnvoll, Mitgefühl für Wesen, die ebenso Leid empfinden und nach Wohlgefühl streben, zuzulassen.


    Sofern Mitgefühl aber nur fordert, Leid eben nicht ansehen zu müssen, hat es eine gewaltige Schattenseiten. Ein solches Mitgefühl kann unter Umständen in eine Scheinheiligkeit galoppieren. Zwar sind wir zu feinfühlig, das Huhn selbst zu massakrieren, essen dafür aber ohne alle Skrupel Unmengen appetitlich verpacktes Huhn.

    Hochmut und Stolz


    Ich würde Stolz von Hochmut unterscheiden. Gemeinsam haben Stolz und Hochmut vermutlich, dass sich auch im Stolz die Vorstellung auf die eigene Person und ihr Wirken auf andere richtet.


    Hochmut bedeutet jedoch, andere herabsetzen zu müssen, um das geliebte Selbstbild aufrecht halten zu können, glaube ich. Das tut der Stolz nicht. Er dienst höchstens dazu, eine für den Selbstwert schwierige Situation erträglich zu machen: Zwar bin ich arm, doch habe ich meine Ehre…


    Stolz ist vermutlich eine angeborene Emotion, die kulturübergreifend erkannt wird (auch wenn Neugeborene sie vermutlich noch nicht brauchen). Kulturelle Aspekte bedingen dann, wie Stolz gezeigt wird. Ein Japaner wird vermutlich nicht mit seinem Reichtum prahlen, Trump darf es hingegen sehr ungeniert.


    Wenn ich eigene Stolzgefühle (im Unterschied zu einer selbstbewussten Haltung) mit Skepsis beurteile, dann, weil ich ihn als eine täuschende Emotion erlebe. Wenn ich beispielsweise eine künstlerische Leistung bringe und mich darüber so besoffen-selbstverliebt fühle, dann zeigt sich regelmäßig, dass ich genau diese Leistung etwas später im Gegenteil als gar nicht gelungen empfinde. Warum ist das so? :?


    Klar ist aber, dass nicht alle Menschen Gefühle in der gleichen Weise erleben. Wann, wie lange und mit welcher Intensität erlebt ein individueller Mensch was? Da gibt es (zum Glück) beträchtliche Unterschiede.

    Verstehe ich nicht. Maus ist ein Phänomen im Geist der Katze. Aber die Katze muss die Maus nicht als „Maus“ benennen können, um sie als Beute zu erkennen. Und die Maus existiert auch dann, wenn sie nicht im Geist der Katze ist. Dann ist sie zwar kein Phänomen, aber immer noch Maus.


    Aber vielleicht muss die Wirklichkeit der Maus Bewusstsein besitzen, damit die Maus überhaupt ins Bewusstsein der Katze gelangen kann?

    Existiert alles nur im Bewusstsein eines Gottes oder existiert es vielleicht gar nicht? Da wir nicht wissen, was die Begriffe Existenz, Bewusstsein, Gott usw. eigentlich genau meinen, gibt es diverse Möglichkeiten. :?

    Durch das Entstehen und die Veränderung der Dinge wird jedenfalls Zeit ersichtlich, ohne Dinge gäbe es sie nicht und ohne Zeit gäbe es keine Dinge. Es ist eher eine gegenseitige Abhängigkeit als dass Zeit von den Dingen geschaffen wird will mir scheinen.

    Für die Physik zeigt sich Zeit als eine Eigenschaft, genauso wie alles andere, scheint mir. Also stimmt das wohl, wie du sagst. Aus einer weniger korrekten Perspektive sagt man aber: Die Katze ist fünf Jahre alt. Da bedingen sich Katze und Jahre nicht gegenseitig, sondern die Jahre gehören zur Katze.


    Die physikalische Argumentation, dass sich Phänomene und Zeit gegenseitig bedingen, zeigt eine Art Mechanismus, würde ich sagen. Spricht man aber über Gedanken, dann kann man sagen, dass sie zum denkenden Menschen gehören.


    Wenn Kodo meint, Gedanken wären nur Magensaft oder so, so verkünde ich, dass sie nicht Magensaft, sondern Zeit sind. Wie gesagt lassen sich Gedanken im Unterschied zu Magensaft nicht beobachten, besitzen jedoch eine bestimmte zeitliche Dauer.


    Zeit zeigt sich ja als etwas ausgesprochen Subjektives, das in der Physik nie zur Sprache kommt, nämlich als Gegenwart. Die Physik weiß mit dem Begriff „Jetzt“ nichts anzufangen, scheint mir. Diese subjektive Gegenwart scheint dennoch das Allerwirklichste! Vergangenheit und Zukunft scheinen ja tatsächlich keine „Eigenexistenz“ zu besitzen! Alles existiert nur im jeweiligen Moment.


    Daher lässt sich nicht ganz unsinnig spekulieren, dass es für diese Möglichkeit des Gebens, welche dem Bewusstsein innewohnt, eine lichthafte Form der Unsterblichkeit braucht. :star:


    Energie steigt auch auf, wirkt und vergeht dann wieder. Ebenso wie der Körper auf den sie einwirkt entstanden ist und wieder vergeht. Das hat alles keine beständige Eigennatur und hängt von Bedingungen ab.

    Von den vergänglichen Dingen wissen wir, dass sie existieren. Früher dachte man Raum und Zeit als eine Art Eimer, worin sie sich befinden. Aber vermutlich schaffen sie die Zeit aus sich heraus.


    Gedanken haben gewisse Eigenschaften von „Zeit“. Sie besitzen keinen Körper und können im Unterschied zu Gehirnvorgängen nicht beobachtet werden, doch haben sie zeitliche Dauer.


    Wenn Dinge aus sich heraus Zeit schaffen, dann tun wir das also vielleicht auch, wenn wir denken. Ohne unserem Denken hätte die „Zeit“ zumindest keine Dauer. Physikalisch bewegen sich Uhrzeiger ja nur im Vergleich schneller oder langsamer. :?

    Einmal kann man ganz allgemein feststellen, dass Emotionen und Gedanken nicht fein säuberlich getrennt werden können. Als Gefühl sind sie ja verwoben. Unsere Freiheit betrifft besonders den Anteil des Denkens. Wie du sagst, kann man Gefühle beurteilen.


    Um den Stolz zu beurteilen, muss man vielleicht Stolz als Gefühl und Stolz als Haltung unterscheiden. Der „stolze Indianer“ meint was anderes als das tatsächliche Empfinden von Stolz im Hier und Jetzt.


    Die allermeisten Eltern empfinden in vielen Situationen Stolz für ihr Kind. Hier ist der Stolz ein hilfreiches, notwendiges, gesundes Empfinden, das dem Kind Selbstwert vermittelt, würde ich sagen.


    Ein Talent zu entfalten, das von anderen anerkannt und geschätzt wird, tut sehr gut. Die daraus resultierende Freude ist aber doch bei der Sache. Ich bin dann dafür glücklich, beispielsweise ein guter Fußballer sein zu dürfen und von den Menschen als guter Fußballer geschätzt zu werden. Und natürlich soll man sehr zufrieden sein, wenn es gelingt, dem eigenen Selbstbild zu entsprechen.


    Ich würde davon sehr wohl eine Art Rausch unterscheiden, wo emotionale Wellen aus welchen Gründen auch immer ein starkes Empfinden der Verliebtheit herstellen. Dies würde ich als Täuschung bezeichnen. Dieses Gefühl lässt sich durch Alkohol steigern und durch Inszenierung manipulieren.


    Das Täuschende am Stolz scheint mir, dass er sich nicht unangenehm anfühlt. Man ist daher geneigt, ihn auch positiv zu beurteilen. Daher ist interessant, eine starke Empfindung von Stolz nachträglich zu beurteilen. War sie angemessen oder war sie vielleicht im Gegenteil sogar ganz unpassend?

    Aus meiner Sicht eine sinnvolle "Praxis". Ich vermute, dass man bei Gefühlen oder Stimmungen, die mit Stolz oder Selbstzweifel (aber auch Konkurrenz oder Desinteresse) zu tun haben, oft eher den kognitiven Anteil wahrnimmt und nicht sogleich die emotionale Färbung des Denkens. Oder ist es für euch selbstverständlich, eine bestimmte Empfindung „live“ als Stolz benennen zu können? Daher macht die Auseinandersetzung auch Sinn, finde ich.


    Wenn bei mir so ein orgastisches Gefühl von Stolz hochkommt, bin ich sehr auf der Hut. Es teilt mir viel eher mit, dass da was mit meiner Wahrnehmung nicht stimmt! Dieses Gefühl, im Stolz zu baden, ist der Realität faktisch nie angemessen, so meine Erfahrung. Es unterscheidet sich für mich doch recht klar von einer freudigen Stimmung der Dankbarkeit, wenn ich Anerkennung durch Mitmenschen interpretiere und tatsächlich erlebe.


    Eine weitere Unterscheidung dürfte in der zeitlichen Länge eines Gefühls liegen. Selbstzweifelgefühle oder Hochmutsgefühle können eine „Charakter“-Eigenschaft, eine Stimmung oder bloß ein spontanes Empfinden bezeichnen. Auch der Begriff der "Würde" wäre zu erforschen. Im speziell religiösen Zusammenhang wäre übrigens zudem die Scheinheiligkeit zu diskutieren. Aber vermutlich betrifft diese eher die bewusste Täuschung, um das Ansehen bewahren zu können oder Ansehen zu erlangen.

    Kann ich mir nur theoretisch überlegen. Meine Eltern und alle geliebten Menschen leben noch.


    Trauer gehört zu einem normalen Menschenleben und ist zu bewältigen. Besitzt man eine positive Grundeinstellung wird man nicht in Verbitterung und Wut verharren, der Kummer wird nicht zur Gewohnheit werden. Auf jeden Fall scheint es vorteilhaft, die Hoffnung auf etwas Besseres nach dem Tod zuzulassen. Dies unterstützt eine Besinnung auf tatsächliche Werte wie Liebe und Mitgefühl.


    Um dem größten Verlassenheitsgefühl zu begegnen ist es vielleicht hilfreich, sich die Distanz, die zum Dasein möglich ist, klar zu machen. Das radikale Hinterfragen der eigenen Anhaftung – nicht zum konkreten Menschen, sondern zur Welt schlechthin – sollte den Schmerz erträglicher machen. Dieses Lösen ist gedanklich möglich und sollte eine Hilfe sein. Wir sind nicht ohne Wenn und Aber in die Welt eingebunden.


    Ist die größte Not einmal überwunden, sollte Trauer entstehen. Ein geliebter Mensch ist ein unersetzbarer Mensch. Wenn zum Beispiel die Mutter stirbt, kann niemand die Bedeutung, die sie hatte, ersetzen. Auch was versäumt wurde, ist versäumt. Aus meiner Sicht sollte Trauer letztendlich bewirken, dass sich unsere Verbundenheit mit den Mitmenschen, die ebensolches Leid erleben, vertieft. Das wäre schließlich ein Gewinn an Bewusstheit und „innerem Reichtum“.