Kann man das Sterben in der Meditation üben?

There are 125 replies in this Thread. The last Post () by Sherab.

  • Quote from kilaya


    "Spezifisch" heisst "genau das zu üben, was in dem Text vom Dalai Lama beschrieben wird" - dass man sich hinsetzt und übt, die einzelnen Elemente geistig und körperlich aufzulösen. Darauf bezog sich diese Aussage, weil SY sagte, diese spezifische Praxis zu den Erklärungen stünde nur deswegen nicht dabei, weil sich das an nicht-Buddhisten richtete, und ich der Ansicht bin dass es das so gar nicht gibt.


    Das stimmt: Die Elemente lösen sich beim Sterben auf, egal, ob man Buddhist ist, oder nicht. Wenn man keinen Unfall hat idealtypischerweise sogar, wie es in dem Text beschrieben ist. Was sollte es da für eine Praxis geben? Ich teile Deine Ansicht.

    Wenn ich eine Frage stelle, ist das immer als echte Frage gemeint! :vajra:

  • Quote from Sherab Yönten

    In seiner "Einführung zum Buddhismus" (Harvard Vorlesungen) beschreibt der Dalai Lama, was es mit den inneren Prozessen im Sterbeprozess auf sich hat (er bezieht sich auf das System des höchsten Yoga Tantras):


    Wenn der Dalai Lama sich dabei auf die höchsten Yoga Tantras bezieht, dann würde er die Samaya Verpflichtungen brechen, wenn er über diese Ebene mit jemanden reden würde, der keine Einweihung in diese Tantra Klasse hat.

    Liebe Grüße
    Sherab


    "Glücklich mögen alle Wesen sein und im Besitz der Ursachen des Glücks" (:_()_

  • Auf der anderen Seite sind die Gelübde in erster Linie für die Praktizierenden, die nicht selbst unterscheiden können, was geeignet ist, anderen mitzuteilen, und was nicht. Jemand wie der Dalai Lama hat die nötige Unterscheidungsweisheit, das vom Einzelfall oder der Situation abhängig zu machen.


    kilaya

    "Respekt ist unsere Aufgabe und nicht ne falsche Maske, die ich aufhabe" (Fanta 4)
    OM BENDZA KILI KILAYA HUNG

  • Quote from kilaya

    Auf der anderen Seite sind die Gelübde in erster Linie für die Praktizierenden, die nicht selbst unterscheiden können, was geeignet ist, anderen mitzuteilen, und was nicht. Jemand wie der Dalai Lama hat die nötige Unterscheidungsweisheit, das vom Einzelfall oder der Situation abhängig zu machen.


    kilaya


    Eben. Und hier hat er entschieden, es nicht mitzuteilen. Das heißt aber nicht, dass es diese Form der Meditation nicht gibt.

    Liebe Grüße
    Sherab


    "Glücklich mögen alle Wesen sein und im Besitz der Ursachen des Glücks" (:_()_

  • Aufgrund des Inhalts einer solchen Meditation schliesse ich, dass es sie nicht gibt, weil sie buddhistisch gesehen keinen Sinn macht. Das zweite Indiz ist, dass eigentlich alle, auch noch so geheimen, Meditationen inzwischen zumindest als existierend bekannt sind, auch wenn genaue Anweisungen nicht verfügbar sind. Von so einer Meditation ist aber in keinem Kontext die Rede.


    Aufgrund der Art einer solchen Meditation gäbe es auch keinen Grund, sie so ultrageheim zu halten, dass bis heute nichts darüber zum Vorschein gekommen ist. Es wäre an sich eine Praxis auf einer nicht-gehobenen Ebene, eher "schamanisch" als überhaupt buddhistisch.


    Die Praxis, die aus solchen Erklärungen im Kontext eines hohen Tantras resultiert, ist die bekannte Praxis dieses Tantras. Tiefer zu stapeln würde da keinen Sinn machen.


    Es ist also extrem logisch, davon auszugehen, dass es so eine Praxis so spezifisch innerhalb des Buddhismus nicht gibt.


    kilaya

    "Respekt ist unsere Aufgabe und nicht ne falsche Maske, die ich aufhabe" (Fanta 4)
    OM BENDZA KILI KILAYA HUNG

  • Danke für die sehr interessanten Beiträge! Der DL schreibt zur Meditation des Sterbevorgangs:


    Der Eckpfeiler meiner eigenen Übung ist die Reflektion über die vier grundlegenden buddhistischen Lehren über die Vergänglichkeit, das Leiden, die Leerheit und die Ich-Losigkeit. Zusätzlich meditiere ich als Teil von acht unterschiedlichen täglichen rituellen Übungen die Stadien des Sterbens. Ich stelle mir die Auflösung des Erdelementes in das Wasser, des Wassers in das Feuerelement und so weiter vor. Obwohl ich nicht behaupten kann, besonders tiefgehende Erfahrungen zu haben, hört mein Atem an der Stelle ein kleines bisschen auf, wenn es das Ritual erfordert, sich die Auflösung aller Erscheinungen vorzustellen. Ich bin sicher, dass sich dies vollständiger manifestiert, wenn ein Praktizierender die Auflösungsphasen in einer gründlicheren und bedächtigeren Art und Weise visualisiert.


    Aus: „Der Weg zum sinnvollen Leben“. Der Titel der Originalausgabe ist treffender: Advice on Dying And Living a Better Life.


    Das Buch beginnt mit der rationalen Seite bei der Beschäftigung mit dem Sterben. Diese meint, die Endlichkeit unserer persönlichen Existenz als Faktum zu nehmen. Diese Form der Vergegenwärtigung sollte dann helfen, die eigene Lebenszeit besser zu nutzen, um disziplinierter und bewusster auf wesentliche Dinge ausgerichtet zu sein. Dies sollte ich in Zukunft stärker forcieren, denke ich!


    Ich habe den Sterbeprozess nie zu meditieren versucht. Mir persönlich reicht es, ein klares, unsterbliches Licht zu visualisieren. Dabei handelt es sich keineswegs um etwas Spektakuläres, noch erwarte ich etwas. Vielmehr versuche ich, mir dessen Existenz und besondere Bedeutsamkeit mit Gewissheit zu vergegenwärtigen. Dies lässt mich Erleichterung und Dankbarkeit – dass nämlich etwas nicht Endliches an uns ist – empfinden.


    Nach meiner Ansicht ist ein solches Licht zwar unser Sein, aber es ist doch nicht „wir selbst“. So verbinde ich Neugier und Hoffnung damit. Ich denke mir dann, wie begrenzt unser Wissen doch ist!

  • Danke, das relativiert ja meine Einschätzung bzgl. der "speziellen Meditation". Ich denke aber immer noch nicht, dass das auf höheres Tantra beschränkt ist. Leider geht aus dem Zitat nicht hervor, zu was für einer tantrischen Ebene diese 8 rituellen Übungen gehören. :)


    kilaya

    "Respekt ist unsere Aufgabe und nicht ne falsche Maske, die ich aufhabe" (Fanta 4)
    OM BENDZA KILI KILAYA HUNG

  • kilaya hat geschrieben:

    Quote

    QUOTE
    "Spezifisch" heisst "genau das zu üben, was in dem Text vom Dalai Lama beschrieben wird" - dass man sich hinsetzt und übt, die einzelnen Elemente geistig und körperlich aufzulösen ...und ich der Ansicht bin dass es das so gar nicht gibt.UNQUOTE


    Ohne nun Samayas zu verletzen, ist sicher folgender Hinweis zulässig:
    DL -> Tsongkhapa -> "Zam lam Na-ro'i chos drug gi sgo nas 'khrid pa'i rim pa yid ches gsum ldan zes bya ba"
    Es gibt eine sehr gute Übersetzung ins Englische von Glenn H. Mullin "The Six Yogas of Naropa Tsongkhapa's commentary entitelt A Book of Three inspirations..." (Weglassung meinerseits, der gesamte Titel ist arg lang).


    Nach fast 2 Jahrzehnten mit Naropas Yogas fiel mir dieses Buch in die Hand. Jenseits der zitierten Frage stellte sich mir die Frage, wie sowas zu erklären sein könnte. Hier war dieses Buch für mich eine Offenbarung. Mindestens genausogut wie der übersetzte Text von Tsongkhapa ist die Einleitung von Mullin. Sie nimmt fast ein Drittel des Buches ein und ist in meinen Augen ein Werk eigenen Ranges, für das die Altmeister sicher ein zutiefst anerkennendes Nicken übrig gehabt hätten.


    Was wäre noch zu sagen? Das Buch ist nur für Leute, die tatsächlich den Weg der 6 Yogas von Naropa gehen und Mahamudra ansteuern. Tsongkhapa (, und nicht nur der,) sagt, dass man vor Beginn dieser Übungen unbedingt 1 Einweihung in ein highest yoga tantra (maha anutara yoga tantra) haben sollte. Also Hevajra oder Chakrasamvara, Guhyasamaja, etc. Wer Naropa praktiziert, weiß auch warum. Die beschriebenen Auflösungsprozesse, oben zitierte Effekte wie Butterlampe etc. sind im Zusammenhang mit gTum mo zu suchen und gehören zur 'completion stage', also zur Phase nach der 'generation stage'.
    Für mich gab es beim Lesen und wiederlesen und nochmal lesen und tw. auswendig lernen nur einen Gedanken: 'das ist das UNGEHEUERSTE, was du je in deinem Leben gelesen hast'.
    Es ist ganz sicher nichts für Anfänger. Wem jedoch diese Begriffe etwas sagen, wer sich stark vom Thema angezogen fühlt und wer auch sonst die Voraussetzungen erfüllt: Wohl an!


    Anmerkung: Ich bin inzwischen außerdem der Meinung, dass es auch in anderen Tantras derartige Übungen gibt. Aber das ist nur meine Meinung, ich will nicht über Tantras reden, die ich nicht praktiziere.

  • Es wurde bezweifelt, dass es eine buddhistische Praxis sei, sich die geistigen Auflösungsprozesse beim Sterben meditativ vorzustellen. Zumindest bei den Gelugpa ist das so nicht richtig: Es wird, so habe ich gehört, im Gegenteil, großen Wert darauf gelegt, sich auf diese Weise auf das Sterben vorzubereiten. Man könne diese Praxis bereits in eine Kryia Tantra Sadhana integrieren, im höchsten Yoga Tantra sei dies sogar eine sehr gängige Praxis.

    Liebe Grüße
    Sherab


    "Glücklich mögen alle Wesen sein und im Besitz der Ursachen des Glücks" (:_()_

  • Ist für eine solche Sterbe-Übung, wenn man sie wirklich ernsthaft praktizieren will, nicht unbedingt ein Lehrer nötig? Ein Bhante hat unlängst gesagt dass man außer der Atembeobachtung für jede Meditation einen Lehrer braucht. Und Sterben ist ja nun nicht gerade was Alltägliches.

    Mit Metta, mukti.

  • Quote from mukti

    Ist für eine solche Sterbe-Übung, wenn man sie wirklich ernsthaft praktizieren will, nicht unbedingt ein Lehrer nötig? Ein Bhante hat unlängst gesagt dass man außer der Atembeobachtung für jede Meditation einen Lehrer braucht. Und Sterben ist ja nun nicht gerade was Alltägliches.


    Ja, es ist nötig! Sämtliche tantrische Praktiken sind ohne eine ernsthafte "Lehrer - Schüler Beziehung" nicht möglich.

    Liebe Grüße
    Sherab


    "Glücklich mögen alle Wesen sein und im Besitz der Ursachen des Glücks" (:_()_

  • Sobald es um Tantra geht, braucht man eine Einweihung. Und damit diese ihre Wirkung entfalten kann, braucht es auch eine zumindest bezüglich dieses Tantras funktionierende Lehrer Schüler Beziehung. In einem seiner vielen Bücher hatte der gute Lama Anagarika Govinda schon vor 30 Jahren darauf hingewiesen, dass es ohne sachkundige Anleitung beim Trainieren von Phowa zu Fällen kommen kann, wo Schüler 'wegbleiben' (also beim Üben vorzeitig versterben). Wenn es darum geht, bestimmte Energien so umzuleiten, wie das beim Sterben passiert, dann probiert man nicht alleine rum, sondern möchte dringend einen Lehrer vor sich haben, der weiß, wovon er spricht.
    Und das ist ja nicht ungewöhlich. Wer Fallschirmspringen lernen will, der springt auch nicht auf eigene Faust irgendwo raus, sondern bittet besser jemanden, ihm die Sache zu erklären, mit ihm zu üben und notfalls korrigierend einzugreifen.

  • Quote from K-Dorje

    In einem seiner vielen Bücher hatte der gute Lama Anagarika Govinda schon vor 30 Jahren darauf hingewiesen, dass es ohne sachkundige Anleitung beim Trainieren von Phowa zu Fällen kommen kann, wo Schüler 'wegbleiben' (also beim Üben vorzeitig versterben).


    Was haben sie denn falsch gemacht? :eek:

    Liebe Grüße
    Sherab


    "Glücklich mögen alle Wesen sein und im Besitz der Ursachen des Glücks" (:_()_

  • Die Rekonstruktion des 'Unfallherganges' gestaltet sich hier schwierig, weil die Betreffenden ja nicht mehr Auskunft geben können;-)
    Generell wird bei nichttrivialen Tantraübungen aber auf zwei Dinge Wert gelegt:
    1. Der Schüler muss wirklich in der Lage sein, seine Meditation über mehrere Minuten stabil zu halten und nicht mittendrin den Geist auf was anderes wandern zu lassen oder womöglich einfach aufzuhören.
    2. Viele dieser Übungen werden schrittweise erarbeitet und jeder Schritt muß dann auch wieder rückwärts gegangen werden. Nach dem Motto Mach A -> Halte dich dort stabil -> Mach Minus-A.
    Wenn das dann klappt, kommt der nächste Schritt:
    Mach A -> Mach B -> Halte dich dort stabil -> Mach-B -> Mach -A
    Und das steigert sich dann auf komplexe Prozeduren i.S.v.
    ABCDEFGH->Stabil-> -H-G-F-E-D-C-B-A
    Bei einem Automechanikerlehrling, der lernt, einen Motor auseinander- und wieder zusammenzubauen, ist es ja ähnlich:
    Motorhaube auf, Öl raus, Ölfilter ab ....... Ölfilter wieder dran, Öl rein, Motorhaube zu.
    Govinda wies darauf hin, dass insbesondere die Rückkehrphase mit der gleichen Sorgfalt zu absolvieren ist, wie die Hinphase. Und hier können die genannten 2 Punkte schief gehen. Wer zwischendrin rumdödelt oder einfach aufhört oder beim Wiederzusammenbauen was falsch macht, der braucht sich nicht wundern, wenn der Motor nicht mehr anspringt.
    Und hier ist eben der Lehrer wichtig, der den Schüler Schritt für Schritt an die Sache ranführt.

  • Hallo K-Dorje,


    Quote

    In einem seiner vielen Bücher hatte der gute Lama Anagarika Govinda schon vor 30 Jahren darauf hingewiesen, dass es ohne sachkundige Anleitung beim Trainieren von Phowa zu Fällen kommen kann, wo Schüler 'wegbleiben' (also beim Üben vorzeitig versterben).


    Ich bin neugierig, in welchem Kontext Lama Anagarika diese Aussagen machte. Sei bitte so nett, Deine Ausführungen etwas genauer zu belegen, ich suchte, fand aber in seinen Schriften nichts dergleichen.


    By the way: jedes unkontrollierte Herumexperimentieren eines Unwissenden kann in allen Bereichen des Seins gefährlich sein. Schaden nimmt möglicherweise auch jemand, der so lange die Luft anhält, (oder seine Luftzufuhr drosselt), bis er (beinahe) stirbt. So etwas soll es ja geben ...


    Über das Experimentieren mit tantrischen Übungen ohne tieferes Wissen jedoch sagte mein Lehrer:

    Quote

    "In alten Zeiten gab es zu allen Bereichen der Lehre Buddhas ausschließlich Mund-zu-Ohr-Unterweisungen vom Lehrer zum Schüler - und zwar schrittweise. Zunächst war das, was der Schüler erlernt hatte, von ihm in Theorie und Praxis zu vertiefen. Weitere Belehrungen gab es immer erst dann, wenn der Lehrer überzeugt war, dass sein Adept das nötige geistige Potential aufwies und die nötige Reife erreicht hatte. ... Hier im Westen ist das anders. Die Leute wollen alles sofort, ... je komplizierter, desto besser, und vor allem, ohne die "langweiligen" Unterweisungen in stabilisierendem Basiswissenden - den allen weiterführenden Lehren zu Grunde liegenden Lehren. Die Originaltexte des Vajrayana sind daher mit Bedacht so gehalten, dass sich ein Laie ohne sachkundige Anleitung keinen Reim darauf machen und somit keinen Schaden nehmen kann - und durch Schriften, die ein jeder in der Buchhandlung kaufen kann, erst recht nicht."


    LG mkha´

  • Zur ursprünglichen Frage im Thread ist mir noch eingefallen, dass ich ein Buch habe über tibetischen Traumyoga von Tenzin Wangyal Rinpoche mit dem Titel "Übung der Nacht - tibetische Meditationen in Schlaf und Traum". Ich denke das könnte hierzu auch interessant sein.


    Ein kleiner Auszug aus dem Kapitel "Schau, Handeln, Traum, Tod" :


    Quote

    In den Bardo oder Zwischenzustand nach dem Tod treten wir auf die gleiche Weise ein wie nach dem Einschlafen in den Traum. Wenn unsere Traumerfahrung ohne Klarheit ist, voller konfuser Emotionen und Gewohnheitsreaktionen, werden wir den Sterbeprozess auch nicht anders erleben. ... Begegnen wir aber dem unmittelbaren Erfahrungsaugenblick immer wieder ganz bewusst, so werden wir diese Fähigkeit auch bald imTraum wiederfinden. Und indem wir im Traum präsent zu sein üben, bereiten wir uns auf den Tod vor. Eben darauf ist die Traum-Praxis ausgelegt. ... Wie wir die im Wachzustand eingeübte Luzidität und Präsenz auf den Traum übertragen, so wird die im Traum entwickelte Luzidität und Präsenz auf den Tod übertragen. ... So ist die Reihenfolge: Bewusstheit im ersten Augenblick der Erfahrung, beim Reagieren, im Traum und schließlich im Tod. Es hat keinen Sinn, erst am Ende anzufangen. Sie können selbst überprüfen wie reif ihre Praxis ist: Erforschen sie ihre Gefühle angesichts der Phänomene ihrer Erfahrung und dann ihre Reaktion auf diese Gefühle. Können sie in den unterschiedlichsten Situationen ihre Geistesgegenwart wahren?

    Mit Metta, mukti.

  • Quote from mukti

    Zur ursprünglichen Frage im Thread ist mir noch eingefallen, dass ich ein Buch habe über tibetischen Traumyoga von Tenzin Wangyal Rinpoche mit dem Titel "Übung der Nacht - tibetische Meditationen in Schlaf und Traum". Ich denke das könnte hierzu auch interessant sein.


    Ein kleiner Auszug aus dem Kapitel "Schau, Handeln, Traum, Tod" :


    Quote

    In den Bardo oder Zwischenzustand nach dem Tod treten wir auf die gleiche Weise ein wie nach dem Einschlafen in den Traum. Wenn unsere Traumerfahrung ohne Klarheit ist, voller konfuser Emotionen und Gewohnheitsreaktionen, werden wir den Sterbeprozess auch nicht anders erleben. ... Begegnen wir aber dem unmittelbaren Erfahrungsaugenblick immer wieder ganz bewusst, so werden wir diese Fähigkeit auch bald imTraum wiederfinden. Und indem wir im Traum präsent zu sein üben, bereiten wir uns auf den Tod vor. Eben darauf ist die Traum-Praxis ausgelegt. ... Wie wir die im Wachzustand eingeübte Luzidität und Präsenz auf den Traum übertragen, so wird die im Traum entwickelte Luzidität und Präsenz auf den Tod übertragen. ... So ist die Reihenfolge: Bewusstheit im ersten Augenblick der Erfahrung, beim Reagieren, im Traum und schließlich im Tod. Es hat keinen Sinn, erst am Ende anzufangen. Sie können selbst überprüfen wie reif ihre Praxis ist: Erforschen sie ihre Gefühle angesichts der Phänomene ihrer Erfahrung und dann ihre Reaktion auf diese Gefühle. Können sie in den unterschiedlichsten Situationen ihre Geistesgegenwart wahren?


    Hallo mukti, als ich mich erkundigt hatte über diese Art der Praxis wurde nicht gesagt, dass eine Traum Yoga Praxis eine Voraussetzung wäre, um die geistigen Prozesse der Sterbephasen meditativ im Rahmen einer Tantra Praxis durchzuführen. Sicherlich kann es auch nicht schaden, aber man kann nach dem Verständnis der Gelug Tradition diese Übung auch ohne eine Traum Yoga Praxis machen.

    Liebe Grüße
    Sherab


    "Glücklich mögen alle Wesen sein und im Besitz der Ursachen des Glücks" (:_()_

  • @ Sherab:

    Quote

    Sicherlich kann es auch nicht schaden, aber man kann nach dem Verständnis der Gelug Tradition diese Übung auch ohne eine Traum Yoga Praxis machen.


    Warum nicht. Was aber gerade auch bei "krassen" Kontemplationen sicher wichtig ist, ist Stabilität und es steht in dem Zitat auch, wie die zustande kommen kann.


    Quote

    So ist die Reihenfolge: Bewusstheit im ersten Augenblick der Erfahrung, beim Reagieren,

  • Quote from Morpho

    @ Sherab:

    Quote

    Sicherlich kann es auch nicht schaden, aber man kann nach dem Verständnis der Gelug Tradition diese Übung auch ohne eine Traum Yoga Praxis machen.


    Warum nicht. Was aber gerade auch bei "krassen" Kontemplationen sicher wichtig ist, ist Stabilität und es steht in dem Zitat auch, wie die zustande kommen kann.


    Quote

    So ist die Reihenfolge: Bewusstheit im ersten Augenblick der Erfahrung, beim Reagieren,


    Kein Rätsel sondern ein Rat.


    Springe weder zu weit noch zu kurz.
    Wege die man plant sind verlorene Wege.
    Dinge die man nicht irgenwann verschenkt sind verlorene Dinge.


    Was ist der Punkt. Was ist wahrhafte Begegnung? Bleibe offen für das Ergebnis.


    Dinge die man beherrscht sind verlorene Dinge.
    Menschen die man nicht irgenwann herausnimmt aus den Schubladen sind verlorene Menschen.
    Treffe die Mitte zwischen Erwartung und Absicht.


    Spiele mit dem Wandel, denn der Wandel spielt auch mit Dir.


    http://i56.tinypic.com/kalbpe.png


    Alles Gute

  • @ Morpho, ich vermute, dass die geistigen Erscheinungen beim Sterbeprozess andere sind wie beim luziden Traum. Daher sind beide Praktiken sicherlich sinnvoll, haben aber andere Zielsetzungen.

    Liebe Grüße
    Sherab


    "Glücklich mögen alle Wesen sein und im Besitz der Ursachen des Glücks" (:_()_

  • mkha schrieb:

    Quote

    Ich bin neugierig, in welchem Kontext Lama Anagarika diese Aussagen machte. Sei bitte so nett, Deine Ausführungen etwas genauer zu belegen, ich suchte, fand aber in seinen Schriften nichts dergleichen.


    Der Kontext bei Govinda war meist, dass er dem westlichen Leser die Methodik des Vajrayana verständlich machen wollte. Dazu nahm er oft eine historisch überlieferte Praxis und erläuterte an ihr die Punkte, die ihm exemplarisch erschienen. Später hat er auch eigene Übungen entwickelt, aber meine Ausführungen oben bezogen sich auf Eva Dargay und Geshe Lobsang: Das Tibetische Buch der Toten, Scherz Verlag 1977. Govinda schrieb damals die Einleitung. "Ist man nämlich in dieser Meditation weit fortgeschritten, könnte es geschehen, daß man unversehens stirbt, wenn das Hri - nämlich der eigene Geist - nicht wieder in den Körper zurückkehrt."
    Die Wichtigkeit der Reihenfolge und der Rückwärts-Schritte erläutert er in seinen "Foundations of Tibetan Mysticism ". Ich habe nur ein altes Buch von Motilal aus Indien, aber das gibt es auch in Europa. Mit etwas Sachkenntnis erkennt man Govindas Beispiel dort unschwer als eines der 6 Yogas von Naropa.

  • Durch deine Inspiration SY habe ich etwas für mich praktisches gefunden, da ich ja keinen Lehrer habe im Selbststudium.


    Tiefste Meditation bis zum mentalen Zustand des Todes - YouTube
    Video zu "tiefste Meditation"▶ 35:03
    https://www.youtube.com/watch?v=TdyOefBcGxI


    Dies Form hat mir gezeigt was ich im Jetzt und Heute tun kann um vielleicht und sogar ganz bestimmt einmal friedlich und ohne Reue sterben zu können , so* Buddha Dharma* will :moon:


    Mit *normaler * Meditation erreiche ich diesen zustand noch nicht.
    Wenn du magst kannst du ja mal deine Erfahrung schildern, falls du inzwischen eine Erkenntnis gewonnen hast.
    LG :sunny:


    PS: Allen noch ein friedliches und gleichmütiges neues Jahr :star:

    Rühre an das Leere in Deinem Leben und dort werden Blumen blühen .

    :rose:'Volksweisheit'

  • Der Thread fragte, ob man das Sterben in der Meditation üben kann.
    Die Mehrzahl der Antworten zeigte, dass diese Frage innerhalb des tibetischen buddhistischen Kontextes positiv zu beantworten ist. Und: es gibt offensichtlich verschiedene Übungen mit verschiedenen Ansätzen für Praktizierende mit verschiedenen Fähigkeiten und folglich unterschiedlich hohen Zielen.


    Ich habe mal versucht, eine Systematik zu erstellen, an der man sich orientieren kann bzgl. dessen was möglich ist und auch was nötig ist, um in der entsprechenden Liga mitzuspielen. Das System erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es ist ein Versuch. Es erhebt nicht den Anspruch einer wiss. Arbeit (z.B. bzgl. Quellenlage, Hermeneutik etc.)., wohl aber einen Gültigkeitsanspruch (also bitte nix erfinden). Bei derartigen Vorhaben kann ein Einzelner nicht alles wissen, aber eine Gruppe könnte doch eine Übersicht zusammenbringen. Was mir vorschwebt ist eine kollektive Arbeit, wo verschiedene Leute ihr Wissen beitragen. Der Überblick soll also gern ergänzt oder korrigiert werden. Die Systematik hätte sicher auch anders gewählt werden können, z.B. nach Zeiten und Schulen, mir erschien die Ordnung hinsichtlich der Verwirklichungsgrade aber sinnvoller in Hinsicht auf Forumsleser, die sich bzgl. eigener Praxismöglichkeiten orientieren wollen.


    Regeln: Das System ist im Detail bewusst unspezifisch gehalten, um keine Samayas zu brechen. Als Kriterium würde ich ansetzen, was im öffentlichen Buchhandel von jedermann gekauft werden kann oder im Internet ohne offensichtliche Verletzung von Samayas nachzulesen ist.
    Was hier eingetragen wird, sollte zumindest mit einem Verweis auf Quellen oder weiterführende Literatur belegt sein, damit Interessierte sich dann weiter vorarbeiten können.
    Es geht um Übungen zur 'Selbsthilfe', nicht um Hilfen Dritter a la 'Jemand liest dem Verstorbenen das tib. Totenbuch vor'.


    Ich habe zuerst den Überblick erstellt, darunter dann Erläuterungen. Erkennbar ist eine gewisse Reihenfolge vom Einfachen zum Schwierigen. Literaturangaben sind gesammelt am Ende der Übersicht.


    Übungen in der Meditation bzgl. Sterben (Version 1.0):


    1. Übungen, die lediglich gute Voraussetzungen schaffen, damit auch ohne selbstinitiierte Transformation der Sterbeprozess nicht zu schlechten Wiedergeburten führt
    1.1. Bardo Thödol lesen und üben
    1.2. Meditation auf oder Anrufungen von Amitabha (vgl. Arya amitabha vyuha nama mahayana sutra)
    1.3. sich bei Anzeichen des Sterbens in seiner Standardmeditation visualisieren und darin zu sterben

    2. tatsächliche Transformation
    2.1. Einleitung der Transformation zu Lebzeiten, aber erst, wenn die Zeichen des nahen Todes untrüglich wahrgenommen werden
    2.1.1. Übertragung mit Hilfe von Amitabha
    2.1.2. Auflösung von Energien aus dem mittl. Nervenkanal in der absoluten Wirklichkeit
    2.1.3. Identifikation der eigenen Geist-Natur mit der Leerheit
    2.1.4. kleiner Regenbogenkörper (normal Rainbow body)
    2.1.5. mittlerer Regenbogenkörper (Rainbow body of light)

    2.2. Transformation mitten im Leben eingeleitet und abgeschlossen
    2.2.1. großer Regenbogenkörper: Rainbow body of great transference
    2.2.2. forcefull projection (nicht mehr praktiziert)

    2.3. Transformation im Bardo of Death


    Erläuterungen
    1. Übungen, die gute Voraussetzungen schaffen, damit auch ohne selbstinitiierte Transformation der Sterbeprozess nicht zu schlechten Wiedergeburten führt
    1.1. Bardo Thödol lesen und üben
    -es gibt mehrere gute Übersetzungen mit hervorragenden Einleitungen. Quellen: [1],[2],[3].
    1.2. Meditation auf oder Anrufungen von Amitabha (Quellen: vgl. Arya amitabha vyuha nama mahayana sutra)
    - ich sehe mich hier nicht qualifiziert genug für eine kleine Erklärung, vielleicht können Sachkundige aus dem Forum weiterhelfen.
    1.3. sich bei Anzeichen des Sterbens in seiner Standardmeditation visualisieren und darin zu sterben
    Tsongkhapa empfiehlt hierzu in [4]: " Alternatively, for those who are not qualified in this way, but who have achieved some meditative stability, then as the moment of death draws near they should engage in their samadhi and make the stream of it strong, meditating in order with the way they practiced during their lifetime.The strength of this will then carry over into the bardo. If during this crucial experience that positive mind can be recollected, it will have beneficial impact on the process of dying and the bardo."


    2. tatsächliche Transformation
    2.1. Einleitung der Transformation zu Lebzeiten, aber erst, wenn die Zeichen des nahen Todes untrüglich wahrgenommen werden:
    Lobsang Dargay nennt in [2] drei Varianten einer Transformation mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad für Praktikanten unterschiedlicher Leistungsfähigkeit:
    2.1.1. Übertragung mit Hilfe von Amitabha:
    "Das eigene Bewußtsein kann jedoch auch durch die Zuhilfenahme von Amitabha, dem Buddha des unermesslichen Lichtes, bewirkt werden. In dieser Weise ist die Übung auch für Leute geeignet, die noch wenig spirituelle Erfahrung haben." Das ist sicher die Variante, die heute die meisten Westler mit einer Phowa-Initiation verfolgen. Der Däne Nydahl hat sowas jahrlang gelehrt, es gibt aber auch eine Reihe anderer Lehrer, an die man sich halten kann.
    2.1.2. Auflösung von Energien aus dem mittl. Nervenkanal in der absoluten Wirklichkeit:
    "In der zweiten Art wird die Übertragung vorgenommen, indem der Yogi seine Geist-Natur als wesensidentisch mit der Sphäre der absoluten Wirklichkeit erfährt. Dazu meditiert er den mittleren Nervenkanal ... [Auslassung von K-Dorje] ... löst sich in der Sphäre der absoluten Wirklichkeit auf." Ich habe die genaue Anleitung ausgelassen, wer der Überzeugung ist, das sei was für ihn/sie, der mag sich selbst kundig machen und die nötigen Voraussetzungen schaffen. In meinen Augen ist diese Praxis die folgerichtige Stufe für Leute, die eine Phowa-Einweihung mit Zuhilfenahme von Amitabha haben, und nach viel üben dann noch eine Stufe höher greifen wollen. Quellen: [2]
    2.1.3. Identifikation der eigenen Geist-Natur mit der Leerheit:
    "Das Bewußtsein wird übertragen, indem der Yogi seine eigene Geist-Natur als das Wahre Sein, die Leere betrachtet. Diese Übung setzt hohes spirituelles Training voraus und ist daher nur erfahrenen Yogis vorbehalten.". Ich denke, hierher gehören Dzogchen, Mahamudra oder die kollektive Verwirklichung von mehreren der 6 Yogas von Naropa.

    Weiterhin würde ich hier die beiden kleineren Stufen des Rainbowbody einordnen. Eine Einteilung in 3 Stufen verschiedener Rainbowbodies wird hier vorgenommen [5]: https://soonyata.home.xs4all.nl/sorubasamadhi.htm
    2.1.4. kleiner Regenbogenkörper (normal Rainbow body):
    Der Autor beschreibt dies als "The most common level is the normal Rainbow body that occurs only after body death. Every 10 years or so a Buddhist from Tibet enters into this state. There are no physical signs indicating the start of the process before death and once physical death occurs it takes on average 7 days for the body to shrink and dissolve into light and most of the time a small child size body remains behind and in more advanced yogi's only hair and nails."
    2.1.5. mittlerer Regenbogenkörper (Rainbow body of light):
    Hier sehe ich Fälle wie Yeshe Tsogyal eingeordnet. Vgl. hierzu Keith Dowman: "Sky Dancer"[6]. Der Autor von [5] beschreibt dies mit "in this level all the signs are showing up while the yogi is still alive. The process of dissolving into light might go really fast but in most cases it takes month to years to complete, all while remaining fully functional. It is also possible that the yogi who is in the middle of this process slows it down or is unable to continue the process and dies before the completion of the Rainbow body. This has been the case with most of the famous siddhars. If the process is continued the body will start to shrink and shine real light over time until it reaches the size of a baby and then as a flash of bright rainbow light will disappear into emptiness forever."

    2.2. Transformation mitten im Leben eingeleitet und abgeschlossen:
    2.2.1. die vollständige Verwirklichung des Regenbogenkörpers (Rainbow body of great transference). In [5] wird der Rainbow body of great transference wie folgt definiert: "The most advanced and extremely rare level is the attainment of the Rainbow body of great transference. In this level the yogi not only dissolves the body completely into light but remains functional and visible as light." Als Beispiel fällt mir eigentlich nur Padmasambhava ein. Frage an die Milarepa-'Nachfolger': In dem Film 'Milarepa' taucht der Held nach der Transformation noch mal auf. Würde man das hier einordnen können?
    2.2.2. 'forceful projection' ist eine exotische Methode, die offiziell nicht länger praktiziert wird. Anforderungsniveau wohl ähnlich Rainbow body of great transference und Transformation im Bardo of death. Für Hintergründe, Gefahren und Nebenwirkungen: 6 Yogas von Naropa.

    2.3. Transformation im Bardo of Death
    Der Zusatz zu 'of Death' macht Sinn, wenn man mit Tsongkhapa das ganze menschl. Dasein als Folge von Zwischenzuständen betrachtet: Bardo of being awake, bardo of sleep, bardo of death.
    Tsongkhapa weist in [4] darauf hin, dass hier nicht die verschiedenen Clear Light Praktiken aus 2.1. gemeint seien. Vielmehr geht es im Sinne des Bodhisattva-Ideals darum, zum Wohle aller Wesen in geeigneter Form wiederzukommen. Im Kern zielt er hier darauf, wie man aus dem Illusory Body of Death gezielt einen Sambhogakaya und aus diesem einen Nirmanakaya macht.
    Anspruchsniveau : extrem hoch.
    Ob für 2.3. weitere Unterteilungen sinnvoll sind, darüber kann man streiten. Für weitere Unterteilungen spricht, dass auch Tsongkhapa weiter unterteilt. Dagegen spricht, dass er auf ein extrem hohes Anspruchsniveau zielt, was für die Allermeisten hier im Forum weit jenseits unserer Fähigkeiten liegt.

    Quellen und Literatur:
    Bardo Thödol. Es gibt mehrere von Lehrern empfohlene Ausgaben.
    [1] Nydahl empfahl Evans-Wentz: Das Tibetanische Totenbuch oder die Nachtod-Erfahrungen auf der Bardostufe.
    [2]"Das tibetische Buch der Toten", Eva Dargay und Geshe Lobsang Dargay. Einleitung von Lama Anagarika Govinda, 1977 Scherz-Verlag für Barth Verlag
    [3] Und natürlich gibt es auch noch die Variante von Sogyal Rinpoche: Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben
    [4] Tsongkapa: A book of three aspirations, engl. in Glenn H. Mullin "The Six Yogas of Naropa Tsongkhapa's commentary entitelt A Book of Three inspirations...
    [5]: https://soonyata.home.xs4all.nl/sorubasamadhi.htm
    [6]: Dowman, Keith: Sky Dancer: The Secret Life and Songs of Lady Yeshe Tsogyel, Snow Lion Verlag