Zen und "Mensch werden"

22 Antworten. Letzter Beitrag () ist von sati-zen.

  • Es heißt ja, wenn man den Weg des Zen geht, ist das einzige was man findet seine eigene Menschlichkeit.


    Was bedeutet es für euch in diesem Sinne Mensch zu sein?

    Bedeutet es die Chance zu bekommen, nicht mehr den "Spinnereien des Egos" zu unterliegen"? Oder bedeutet vielmehr diese Spinnereien als Teil seiner Menschlichkeit zu akzeptieren?

    Bedeutet "richtig Mensch sein" auch von Natur aus Mitgefühl für jedes Wesen entwicklen zu können?

    Und was bedeutet "Menschlichkeit" dann im Alltag?


    Habt ihr Ideen, was man noch darunter verstehen - und noch wichtiger- in seinem Leben auch leben kann?


    Viele liebe Grüße,

    Sturm

    Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg. - Gandhi

  • Es heißt ja, wenn man den Weg des Zen geht, ist das einzige was man findet seine eigene Menschlichkeit.

    Hi, Sturm,

    das hatte ich bisher noch nicht gelesen oder gehört. Woher kommt das?

    Ich finde, es kann passieren, dass man beim Zazen plötzlich erfährt, dass man nur ein Mensch unter vielen ist. Nicht besser, nicht schlechter, sondern nur einer unter vielen, die versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Könnte auch passieren, dass man plötzlich die enorme Vielfalt der menschlichen Wege, das Beste aus ihrem Leben zu machen, erkennt und deswegen keine Urteile über andere mehr fällen mag sondern einfach nur davon beeindruckt ist, wie jeder sich so durchwurstelt. Man kann dann die bedingte Veränderung, die das Leben aller Wesen bestimmt wahrnehmen und Mitgefühl für jedes Wesen entwickeln. Als Mensch wird man ja geboren und nach Buddhas Lehre ist das eine grosse Chance.

    So meine Gedanken am Abend dazu. Bestimmt gibt es hier noch mehr Ideen. Muss jetzt Suppe kochen. :) Schönen Abend! minestrone

    Über die Buddhalehre dürfen wir uns nicht in Gedanken verlieren. (Kodo Sawaki)

  • Es heißt ja, wenn man den Weg des Zen geht, ist das einzige was man findet seine eigene Menschlichkeit.

    Ich seh das so:


    Man findet nichts, was nicht schon immer da wäre.

    Wer auf die Suche geht tut das ja in der Regel, weil ihm der Status Quo ungenügend/mangelhaft/falsch vorkommt.

    Das stimmt auch insofern, dass wir die Realität mit unserer Idee von "Ich" verdrehen.

    Es ist immer schon alles an seinem Platz, alles ist sozusagen erleuchtet, nur wir setzen etwas Konstruiertes oben drauf. Wenn man mit der Übung anfängt setzt man aus Gewohnheit auf das Aufgesetzte nochmal etwas buddhistisches oder zenmäßiges oben drauf - was ok ist, aber wenn man weiter übt und sich das aufgesetzte Zen abschleift, dann sieht man, dass eben schon immer alles da war - trotz Menschelei. Man hat nichts dazu gewonnen, ist nichts Besseres und nicht erhabener, aber der Blick ist nicht mehr verstellt. Weder von Zen, noch vom Rest, der den Blick verstellt hat, bevor man mit Zen angefangen hat. Man war schon immer Mensch und es war immer ok, aber man musste erst alles probieren um eventuell mehr sein zu können.

    Wenn alle Träume vom Besseren platzen ist das was ist alles was nötig ist und man kann sogar noch dankbar dafür sein.

    Deshalb kann man auch jederzeit inmitten seiner Menschlichkeit mit allen Schwächen die dazu gehören erwachen.


    Das heißt nicht, dass alles "gut" ist, aber dass die Ausgangssituation genau hier und jetzt immer alles beinhaltet was nötig ist. Wenn das erkannt wird, dann ist das "Trotzdem mehr wollen" des Ego nicht mehr zwingend, sondern eher ein beiläufiger Kommentar. Diese Freiheit legt auch das Mitgefühl frei, wenn sie wirklich durch alles hindurch dringt und es nicht mehr um den eigenen Vorteil geht.

  • Es heißt ja, wenn man den Weg des Zen geht, ist das einzige was man findet seine eigene Menschlichkeit.

    Das ist Blödsinn.

    Auf diese und auf jene Art
    wollte ich den Eimer zusammenhalten,
    hoffend, der schwache Bambus
    werde nie reißen.
    Plötzlich fiel der Boden heraus.
    Kein Wasser mehr -
    kein Mond mehr im Waser.
    Leere in meiner Hand.
    (Mugai Nyodai)

  • Warum ist das Blödsinn, Festus? Wenn ich meinen Geist trainiere, dann sehe ich, wo ich wirklich stehe - wenn ich das denn ernsthaft mache. Wenn ich sehe, wo ich wirklich stehe, dann sehe ich, dass ich mich in keiner Weise von den vermeintlichen Anderen unterscheide. Wenn ich das erkenne und wie schwer es ist, den achtfachen Pfad umzusetzen, dann erkenne ich - zumindest war das auch bei mir so - meine Menschlichkeit. Im Gegensatz zu denen, die vielleicht glauben, ihre Göttlichkeit zu erkennen. Ich werde Mensch - das heißt: bescheiden, demütig und voller Ehrfurcht vor dem großen Ganzen und voller Achtung für diejenigen, die bis zum "Ende" durchhalten.

    _()_

    Ich bin der Wahrheit verpflichtet, nicht der Beständigkeit.
    Gandhi

  • Als Blödsinn würde ich diese Sichtweise auch nicht auffassen.


    Das hängt wohl ganz davon ab, was man unter "Menschlichkeit" versteht.


    Wenn man darunter "Mitgefühl und Weisheit (Leerheit)" im buddhistischen Sinn versteht, dann stimmt die Aussage.

    Muss jetzt Suppe kochen

    Das passt zum User Namen :lol:

    Liebe Grüße
    S.Y.


    Rufe - soviel Du nur kannst- Liebe, Respekt und Vertrauen hervor !


    aus den "Versen über die Ansammlung der kostbaren Qualitäten der Vollkommenheit der Weisheit"

  • "Menschlichkeit" ist kein so buddhitischer Ausdruck sondern eine Lehnübersetzung des lateinischen Begriffs Humanitas.
    Dieser Begriff bedeutet für die alten Römer, nicht einfach so der Gattung Homo Sapiens anzugehören, sondern ein menschliches Ideal zu efüllen - also Tugenden wie Gerechtigkeit, Diziplin und Wagemut zu kultivieren. Später wurde das dann mit den gerade aktuellen Vorstellungen, wie ein Mensch ideal zu sein hätte, ersetzt.


    Auch im fernen Osten gibt es eine ähnliche Idee von Menschlichkeit nämlich im Konfuzianismus im Begriff Ren( 仁) Der einzelne kultiviert sich zum vollendeten "Gentleman", der allen gegenüber seine Pflicht tut und tugendsam ist.


    Wenn Meister Linchi (Rinazi) on einem "wahren Mensch ohne Rang und Namen" spricht, daa klingt es erstmal als propagiert auch er da eine Idee von "Menschlichkeit". Aber das wäre ein Missverständnis. Es ist ein Affront gegenüber der Konfuzianistischen Ideal sich zum idealen Menschen zu kultivieren. Der wahre Mensch ist eher ein "roher" als ein fein kultivierter:


    In diesem Körper, dieser Masse rötlichen Fleisches, existiert etwas, der wahre Mensch ohne Rang und Namen, das wahre Ich mit absoluter Freiheit, das nirgendwo haftet. Wer das noch nicht bemerkt hat, mache die Augen auf!

    Wenn du das Heilige liebst und das Gewöhnliche verachtest, dümpelst du immer noch auf dem Meer der Verblendung.

    Der wahrhaft religiöse Mensch hat nichts anderes zu tun, als mit seinem Leben weiterzumachen wie es sich in den wechselnden Umständen des weltlichen Daseins gerade bietet.

    Jedem ersthaften Konfuzianer sträuben sich da die Nackenhaare: Für ihn das Ideal je der Edle (Gentleman), derjenige der sich in jeder Situation unter Kontrolle hat und sich von einem "bloss Mensch" zu einem kultivierten Edlen gemässigt und geschliffen hat. Mit seinem Leben je nach Umständen weiterzumachen klingt demgegenüber wie die Aufforderung zum unkultivierten Durchwursteln.


    Und das war ja kein kleiner Konflikt sondern es herrschte gerade Krieg: Zu Rinzais Zeit gab es eine extreme Buddhistenvefolgung bei der über zweitausend Klöster zerstört und hundertausende Ordinierte in den Laienstand zurückversetzt wurde und von der sich viele buddhitische Sekten nicht erholten. Das Ganze wurde konfuzinaistisch begründet: Ordinierte galten als Faulenzer die auf Kosten anderen leben und die moralische Ordnung untergruben:


    Buddhist monasteries daily grew higher. Men’s strength was used up in work with plaster and wood. Men’s gain was taken up in ornaments of gold and precious stones. Imperial and family relationships were forsaken for obedience to the fees of the priests. The marital relationship was opposed by the ascetic restraints. Destructive of law, injurious to mankind, nothing is worse than this way. Moreover, if one man does not plough, others feel hunger, if one woman does not tend the silk worms, others go cold. Now in the Empire there are monks and nuns innumerable. All depend on others to plough that they may eat, on others to raise silk that they may be clad. Monasteries and Refuges (Homes of ascetics, in Sanskrit) are beyond compute.

    Statt für die Einhaltung der konfuzinaistischen Ordnung zu sorgen und brav Steuern zu zahlen, sich moralisch zu kultivieren und nach Ämtern zu streben, ermutigen die Buddhisten - so die Denkweise zum Rumgammeln. Rinzais Idee des "Wahren Menschen ohne Rang und Namen" ist also keine Verkündigung des Humanismus sondern kam bei den Konfizianisten seiner Zeit - die ein Kloster nach dem anderen zerstörten liesen - als Absage an ihr Ideal der Menschlichkeit an.


    ( Wobei man sagen musste das die Zenmönche im Gegensatz zu fast allen anderen buddhistischen Gruppen ihrer Zeit - hart arbeiteten)

  • Das mit der "Kultivierung des Menschen" ist in der chinesischen Geschichte so ein Hauptthema. Die Konfuzianer betonten stets, dass der Menschen erstmal unkultiviert ist, und eben zur Menschlichkeiti kultiviert werden muss. Während der Daosimus gerade im ungeschliffenen urpsrünglchen das Gute sieht und der Mensch durch Kultur eher versaut wird, weil das Intuitive druch gekünsteltes und Vorschriften ersetzt wird:


    Und alle anderen sind irgendwie dazwischen. So eben auch der Zen. Oben klingt Rinzai mit seinem "wahren Menschen" eher wie ein Daoist, der so dass Rohe und Unkultivierte betont. Auch wenn man sich die Darstellungen von Bodhidharma anschaut, ist der ja so ein wüster, haarigerTyp, bei dem man eher die Strassenseite wechselt.


    Auf der anderen Seite wird ja bei den zehn Ochsenbilder der Ochse gezähmt also kultiviert. Und auch Bodhidharma war nicht wild, sondern soll jahrelang diszipliniert vor seiner Wand gesessen haben . Wie geht das zusammen?

  • Kann "Mensch sein" nicht einfach auch bedeuten, dass man ein authentisches Leben führt?

    Was aber weiter bedeuten würde, dass ein Leben in "Un-Menschlichkeit" ein Leben fern von der Buddhanatur bedeutet, oder?


    Bedeutet es dann aber auch, dass das Ego als solches gar nicht "Mensch sein" sein kann?


    Liebe Grüße

    Sturm

    Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg. - Gandhi

  • Kann "Mensch sein" nicht einfach auch bedeuten, dass man ein authentisches Leben führt?

    Ja


    Was aber weiter bedeuten würde, dass ein Leben in "Un-Menschlichkeit" ein Leben fern von der Buddhanatur bedeutet, oder?

    Auch das ist Unsinn, Sturm , Monikadie4.

    Sobald du lebst, lebst du als Mensch. Du bist deine Menschlichkeit. Auch derjenige, der deinen Vorstellungen nach unmenschlich handelt, lebt seine Menschlichkeit. Ein Mensch kann immer nur menschlich handeln. Was nicht heißt, dass es uns immer gefällt.
    Menschlichkeit bedeutet nichts anderes als Mensch sein. Wenn du deine Menschlichkeit suchst, dann suchst du sie mit deiner Menschlichkeit. Denn etwas anders hast du nicht.


    Und nun kommt auch noch die Buddhanatur dazu. Und noch dazu ein Leben fern ab der Buddhanatur. Hast du dich schon mal mit dem Thema Zweifelsucht beschäftigt? :grinsen:


    Wie wäre es mit regelmäßigem Sitzen mit einem Lehrer. Da klärt sich vieles und das Spekulieren beruhigt sich.

    Auf diese und auf jene Art
    wollte ich den Eimer zusammenhalten,
    hoffend, der schwache Bambus
    werde nie reißen.
    Plötzlich fiel der Boden heraus.
    Kein Wasser mehr -
    kein Mond mehr im Waser.
    Leere in meiner Hand.
    (Mugai Nyodai)

  • Kann "Mensch sein" nicht einfach auch bedeuten, dass man ein authentisches Leben führt?

    Was aber weiter bedeuten würde, dass ein Leben in "Un-Menschlichkeit" ein Leben fern von der Buddhanatur bedeutet, oder?


    Bedeutet es dann aber auch, dass das Ego als solches gar nicht "Mensch sein" sein kann?

    "Mensch sein" kann man auf zwei Arten verstehen:

    1. Als reine Tasachenfesttelunng wie der Mensch halt so ist - was Positives wie Negatives umfasst. (Oder wie Festus sagt: "Sobald du lebst, lebst du als Mensch. Du bist deine Menschlichkeit")
    2. Als ein Ideabild, wie der Mensch sein sollte. Also als ein humanistische Idee wie in Konfuzianismus und Aufklärung. In der Mitgefühl als "menschlicher" ( dem Ideal mehr genügend) gilt als Hass.

    Im Buddhismus wird "Mensch" meistens im ersteren Sinne verstanden. Und die menschliche Seinesweise wird mit ihren Beschräkungen eher als etwas zu Überwindendes gesehen. Und auch Buddhanatur ist dann nicht was, was das menschliche Mass erfüllt, sondern es sprengt.


    Du verstehst "Mensch" dagegen eher auf die zweite Art. Dir schwebt ein buddhitischer Humanismus vor, wo Buddhanatur eng mit dem verbunden ist, wie der Mensch sein sollte.


    Gerade im moderneren Buddhismus gibt es einige humanistische Lesarten des Buddismus. Mir fällt da der (nicht unumstrittene) Daisaku Ikeda von der Sōka Gakkai International ein. Oder vielleicht auch D.T. Suzuki. Auch der Dalai Lama und Thich Nath Hanh gehen in eine Richtung, in der Brücken zwischen Buddhismus und Humanismus gebaut werden und auf dem buddhitischen Pfad voranschreiten bedeutet, ein besserer Mensch zu werden.


    Aber so ganz allgemein gesprochen ist der Buddhismus kein Humanismus.

  • Sobald du lebst, lebst du als Mensch. Du bist deine Menschlichkeit. Auch derjenige, der deinen Vorstellungen nach unmenschlich handelt, lebt seine Menschlichkeit. Ein Mensch kann immer nur menschlich handeln. Was nicht heißt, dass es uns immer gefällt.
    Menschlichkeit bedeutet nichts anderes als Mensch sein. Wenn du deine Menschlichkeit suchst, dann suchst du sie mit deiner Menschlichkeit. Denn etwas anders hast du nicht.

    Festus : Ich bin von nichts anderen ausgegangen. Der Mensch ist immer Mensch.

    Du verstehst "Mensch" dagegen eher auf die zweite Art. Dir schwebt ein buddhitischer Humanismus vor, wo Buddhanatur eng mit dem verbunden ist, wie der Mensch sein sollte.

    void : Denke, dass ich das so nicht meine. Meine eher Variante 1.


    Hast du dich schon mal mit dem Thema Zweifelsucht beschäftigt?

    Auch das ist menschlich;). Bilde mir aber darüber kein Urteil. Dazu bin ich definitiv nicht in der Lage....




    Glaube, dass ich mich vielleicht ein bisschen ungeschickt ausgedrückt habe.

    Bin in sowas leider nicht gut;). Sorry...:eek:


    Vielleicht so:

    Zen ist nichts weiter als eine Art das Leben zu leben. Und damit auch eine Möglichkeit seine Menschlichkeit zu leben.

    In unser heutigen Welt sind die meisten Menschen die ich kenne klar weit weg von dem Leben wie es ist. Sie alle, leider auch noch allzuoft ich selbst, suchen nach etwas das ihrem Tun und ihrer Existenz allgemein einen Grund, ein Sinn und vor allem ein Ziel gibt. Wir - die Menschen denen ich begegne und mir selbst - haben uns doch alle ziemlich von dem Moment und dem Hier-und-Jetzt, vollkommen entfremdet.

    Wir versuchen kurzum immer ein selbst auferlegtes Ideal zu erfüllen.

    Auch alles soweit ja menschlich:grinsen: und daher auch nichts besonderes.

    Egal wo hin ich schaue, ich sehe genug die nur "Ich" denken. Das fängt schon an, wenn ich morgens in den Badezimmerspiegel schaue.

    Gerade Zen "löst" - ich benutzte dieses Wort in diesem Zusammenhang nur ungerne - diese Probleme und wirft uns alle auf das zurück, auf das worauf es wirklich ankommt.

    So wird man quasi auf die Gegenwart zurückgeworfen und fängt schließlich einfach nur an zu leben.


    Ohne Geheimnis und so wie es eben ist.


    Und was bedeutet es für euch alle das Leben zu leben, so wie es ist und ohne Geheimnis?

    Was bedeutet es für euch den Zenweg zu gehen?


    Für mich ist es tatsächlich so, dass ich ein Stück Menschlichkeit jeden Tag entdecke.

    Und Menschlichkeit bedeutet nicht nur Mitgefühl. Es bedeutet auch eben manchmal Streit, manchmal Angst und auch manchmal Glück.


    Liebe Grüße

    Sturm

    Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg. - Gandhi

  • Und was bedeutet es für euch alle das Leben zu leben, so wie es ist und ohne Geheimnis?

    Was bedeutet es für euch den Zenweg zu gehen?

    Für mich bedeutet es nichts Besonderes. Ich lebe einfach.

    Auf diese und auf jene Art
    wollte ich den Eimer zusammenhalten,
    hoffend, der schwache Bambus
    werde nie reißen.
    Plötzlich fiel der Boden heraus.
    Kein Wasser mehr -
    kein Mond mehr im Waser.
    Leere in meiner Hand.
    (Mugai Nyodai)

  • In unser heutigen Welt sind die meisten Menschen die ich kenne klar weit weg von dem Leben wie es ist. Sie alle, leider auch noch allzuoft ich selbst, suchen nach etwas das ihrem Tun und ihrer Existenz allgemein einen Grund, ein Sinn und vor allem ein Ziel gibt. Wir - die Menschen denen ich begegne und mir selbst - haben uns doch alle ziemlich von dem Moment und dem Hier-und-Jetzt, vollkommen entfremdet.

    Es ist so, dass man heute die Diskrepanz zwischen der Welt und den eigenen Sehnsüchten als eine "Enfremdung" auffasst, während man früher genauso gelitten hat und eben ganz andere Begriffe hatte. Da lebte man dann eben in ständiger Sorge, dass man irgendein Ritual vergessen hatte und deswegen das Kind stirbt und der Weizen verfault. Aber das hätte man dann vielleicht "Verhängnis" genannt oder "nicht im Zustand der Gnade stehen" und nicht Entfremdung. Aber es läuft auf das gleich raus: dass die Welt nicht so ist, wie man will.


    Das einzige was wirklich hilft, ist das man seine Wünsche an die Realität anpasst. Also nur an der Stelle mit dem Kopf durch die Wand geht, wo eine Tür ist. Und anderen Wünsche sein lässt.


    Das mit dem "im Hier und Jetzt bleiben" klingt gut, aber im Endeffekt läuft es auf den buddhitischen Klassiker "Entsagung" raus. Wenn man meditiert, und da ist Schmerzen und man will aufstehen, dann kann man entweder "dem Wunsch nach Aufstehen" fallen lassen oder das als "Verweilen im Hier und Jetzt" sehen. Und letzteres klingt nur irgendwie angenehmer, hauptsächlich weil "Verweilen" so ein schönes Wort ist und "Hier und Jetzt" so was fast Mystisches hat. Während das Wort "Entsagung" einen an schmallippige Klosterschwestern denken lässt. In der Schweiz gibt es ein veganes Restaurant das "Hier und Jetzt" heisst. Während niemand sein Restaurant "Entsagung" nennen würde. Und Gäste würden so ein Restaurant auch meiden, würde ich mal vemuten.


    Naja, egal wie man es nennt, aber man kann darin Geschick entwickeln und wendiger werden. Wie so ein Torrero - der wenn der Stier kommt - immer mehr Freiheitsgrade hat, wohin er hüpfen kann. Und damit mehr Freheit gewinnen. Mir geht es aber so, dass indem ich mich mehr kennenlerne, auch die Einsicht in das Ausmass der eigenen Defizite wächst.

  • In unser heutigen Welt sind die meisten Menschen die ich kenne klar weit weg von dem Leben wie es ist. Sie alle, leider auch noch allzuoft ich selbst, suchen nach etwas das ihrem Tun und ihrer Existenz allgemein einen Grund, ein Sinn und vor allem ein Ziel gibt. Wir - die Menschen denen ich begegne und mir selbst - haben uns doch alle ziemlich von dem Moment und dem Hier-und-Jetzt, vollkommen entfremdet.

    Suchen wir das nicht alle? Wieweit andere Menschen vom Hier-und Jetzt entfremdet sind, kann ich gar nicht wirklich einschätzen. Manche meiner Mitmenschen überraschen mich täglich dahingehend.

    Und was bedeutet es für euch alle das Leben zu leben, so wie es ist und ohne Geheimnis?

    Für mich ist es auch so, wie Festus es sagt. Ich lebe einfach. Wer sagt, dass es ohne Geheimnisse ist? Für mich gibt es nach wie vor viele davon.;)

    Über die Buddhalehre dürfen wir uns nicht in Gedanken verlieren. (Kodo Sawaki)

  • Du beschreibst es ja genau: Die Große Befreiung besteht darin, sich der Bürde von Ichbezogenheit und aufgesetztem Selbstverständnis zu entledigen. Warum nur lädst du dir da ein nicht minder erdrückendes Schwergewicht wie 'Menschlichkeit' auf die Schultern?


    _()_

    Tai

  • Lieber Sturm,


    Du schreibst: "Was bedeutet es für euch den Zenweg zu gehen?"


    Für mich bedeutet es, dass ich mehr Möglichkeiten habe, im Alltag gelassener zu agieren und mit "Leid" besser umgehen zu können.

    Momentan ist es so, dass ich versuche, sogar "Freude" etwas schneller loszulassen; da mir der innerliche Zustand Sukha (ruhig/besänftigt) angenehmer ist, als pitti (Entzücken).


    Mehr Menschlichkeit bedeutet für mich mehr Mitgefühl für andere Menschen zu entwickeln; könnte mir aber vorstellen, dass man für diese Entwicklung nicht unbedingt den Zen-Weg benötigt; jedoch liegt es an uns, welchen Weg wir wählen.

    Wichtig erscheint mir, dass man sich "Selbst" "wie man selbst gemeint ist" nicht verliert auf dem Weg; besser noch - sogar verlorenes wiederfindet.:)


    Liebe Grüße von Schneelöwin

  • Zunächst einmal vielen lieben Dank an alle für eure Antworten!



    Warum nur lädst du dir da ein nicht minder erdrückendes Schwergewicht wie 'Menschlichkeit' auf die Schultern?

    Tai : Da hast du absolut recht. Danke für diesen Hinweis/für diese Erinnerung.


    Liebe Grüße

    Sturm

    Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg. - Gandhi

  • Ich muss da gerade an Kôdô Sawaki "An Dich" denken, weil da viel drinsteckt, , was die Beziehung zwischen Mensch und Buddhaweg betrifft.
    Also das der "Normalmensch" einerseits eine tragische Witzfigur ist, die sich ganz wichtig nimmt:



    Und von daher sieht er dann Zazen eben nicht als "Erziehung zum Menschensein":



    Die Leute sagen: "Ich will durch Zazen zu einem besseren Menschen werden!"
    Zazen ist keine Erziehung zum Menschsein. Zazen bedeutet, mit dem Menschsein Schluss zu machen

    Zazen ist unzufriedenstellend. Unzufriedenstellend für wen? Für den Normalbürger - der Mensch wird nicht zufriedengestellt. Versteht es sich nicht von selbst, dass das, was maßlos und unbegrenzt ist, die Begierden des Menschen nicht zufriedenstellt?
    ....
    Dass stets überhaupt nichts los ist, was auch immer passiert, ist der natürliche Zustand. Irre bedeutet, diesen natürlichen Zustand zu verlieren. Gewöhnlich erkennen wir den natürlichen Zustand nicht. Gewöhnlich stülpen wir noch etwas über ihn darüber, deshalb ist er nicht mehr natürlich. Buddhadharma bedeutet den natürlichen Zustand. Doch in der Welt ist alles unnatürlich. Sich durchsetzen, unterliegen, alles ausdiskutieren müssen - das ist nicht natürlich. Jeder Ort füllt Himmel und Erde aus, jeder Augenblick ist ewig. Die Praxis des Buddhaweges besteht darin, den einen wunderbaren Augenblick, den unser Leben darstellt, stets hier und jetzt zum Leben zu bringen. Du darfst den Buddhaweg in keinen Rahmen zwängen.


    Ich versteh das so, dass man nicht ersuchen sollte von eine Witzfigur zu einer noch besseren Witzfigur zu werden, sondern so Freheit und Offenheit reinzubringen, so dass man nicht mehr ganz an der Witzfigur klebt, sondern über sie schmunzeln kann.


    Zitat

    Wenn ein Kind trotzig ist, schimpfen die Eltern: "Du verstehst aber auch überhaupt nichts!" Doch wie ist es eigentlich mit den Eltern? Verstehen die denn überhaupt etwas? Alles steckt tief in der Finsternis.

  • Was Mensch sein bedeutet und was Menschlichkeit ist, stellt sich vor allem als philosophisches Thema dar.

    Um das zu erörtern braucht es die entsprechenden Fähigkeiten sonst wird es immer wieder als Quatsch tituliert.

    Im Buddaland schreiben ist noch keine besondere Fähigkeit, es ist genau so wie in allen online Foren.

    gruß sati-zen
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    Der Spiel - Raum der Leerheit - Buddhismus im Gespräch

  • Was Mensch sein bedeutet und was Menschlichkeit ist, stellt sich vor allem als philosophisches Thema dar.

    Um das zu erörtern braucht es die entsprechenden Fähigkeiten sonst wird es immer wieder als Quatsch tituliert.

    Im Buddaland schreiben ist noch keine besondere Fähigkeit, es ist genau so wie in allen online Foren.

    Der Dalai Lama meint ja sogar, dass Ethik wichtiger ist als Religion. Also wir mal eben zu allerst versuchen sollten, gute Menschen zu sein, respektvoll miteinander umzugehen und die Welt zu bewahren. "Mensch sein" ist also eher die Pflicht und darüber hinausgehende spirituelle Sachen eher so die Kür:


    Nach meiner Überzeugung können Menschen zwar ohne Religion auskommen, aber nicht ohne innere Werte, nicht ohne Ethik. Der Unterschied zwischen Ethik und Religion ähnelt dem Unterschied zwischen Wasser und Tee. Ethik und innere Werte, die sich auf einen religiösen Kontext stützen, sind eher wie Tee. Der Tee, den wir trinken, besteht zum größten Teil aus Wasser, aber er enthält noch weitere Zutaten – Teeblätter, Gewürze, vielleicht ein wenig Zucker und – in Tibet jedenfalls – auch eine Prise Salz, und das macht ihn gehaltvoller, nachhaltiger und zu etwas, das wir jeden Tag haben möchten. Aber unabhängig davon, wie der Tee zubereitet wird: Sein Hauptbestandteil ist immer Wasser. Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser. Und genau so werden wir zwar ohne Religion geboren, aber nicht ohne das Grundbedürfnis nach Mitgefühl – und auch nicht ohne Wasser.

    Ich sehe immer deutlicher, dass unser spirituelles Wohl nicht von der Religion abhängig ist, sondern der uns angeborenen menschlichen Natur, unserer natürlichen Veranlagung zu Güte, Mitgefühl und Fürsorge für andere entspringt. Unabhängig davon, ob wir einer Religion angehören oder nicht, haben wir alle eine elementare und menschliche ethische Urquelle in uns. Dieses gemeinsame ethische Fundament müssen wir hegen und pflegen. Ethik, nicht Religion, ist in der menschlichen Natur verankert. Und so können wir auch daran arbeiten, die Schöpfung zu bewahren.

    Wenn man sich mit der "Kür" beschäftigt, ohne die Pflicht gemeistert zu haben, ist man wie jemand der bei der WM sämtliche Spieler kennt, aber kein zehn Meter laufen kann ohne zu schnaufen.

  • Wir sind hier im Zen Unterforum, da sind Zitate vom Vorherrscher der Tibeter mehr als ungeschickt.

    Außerdem wird der Buddhismus in der Welt nicht als Religion gesehen, mögen es die Tibeter anders praktizieren.

    Somit ist doch völlig klar, dass auf dieser Welt zum Überleben die Naturgesetze nötig sind, das wussten die

    Fürsten, auch die Kirchenfürsten, schon immer, nur haben sie es dem Volk nicht verraten.

    Wer es heute immer noch nicht weiß was zum Überleben notwendig ist, bleibt abhängig von Betreuung oder stirbt.

    gruß sati-zen
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    Der Spiel - Raum der Leerheit - Buddhismus im Gespräch