Ist Buddhismus zu nihilistisch für kreative Schöpfung?

20 Antworten. Letzter Beitrag () ist von drosterman.

  • Hallo Forum.


    Ich habe versucht im Titel möglichst genau zu schreiben worum es mir geht. Aber die Frage ist zu komplex, um es in einem Satz ausdrücken zu können. Ich möchte gerne ergründen inwiefern es mit der buddhistischen Lehre vereinbar ist, dass ein Mensch mit entsprechender Veranlagung dazu kreativ schöpferisch tätig ist (Künstler, Wissenschaftler, Mathematiker, Schriftsteller etc.). Denn wenn diese Person Buddhist ist, so ist seine Tätigkeit ja etwas in das er nicht stark investiert sein "darf". Denn die ganze meditative, achtsame Praxis ist doch gerade darauf ausgelegt alle Gedanken loszulassen und gehen zu lassen. Der zweite Widerspruch, der sich auftut ist, dass bei vielen kreativen Tätigkeiten eine gewisse Methodologie zugrundeliegt, die auch der buddhistischen Praxis direkt widerspricht. So ist ein Mathematiker drauf bedacht stets Objekte zu definieren und zu untersuchen, die wohldefiniert und wohlunterscheidbar sind. D.h. es werden, wie auch allgemein in der Physik, klare Definitionen getroffen, die oft in gewisser Hinsicht die Realität approximieren sollten. D.h. real existierende Objekte werden abstrahiert in den mathematischen Formalismus und man operiert unter der Grundannahme, dass die beste Erklärung der Welt sich begründet im scharfen Abgrenzen von Objekten, was schon sich aus den Grundgesetzen des logischen Schließens ergibt (Gesetze des Denkens). Dies ist nur ein denkerisches Hilfsmittel, was mit der Realität nicht eins zu eins übereinstimmen kann. Denn die Möglichkeit des scharfen Abgrenzens ist in der Realität nicht gegeben. Die gegenteilige Vorstellung, dass eben auf fundamentaler Ebene "alles eins" ist, ist ja eigentlich auch eine buddhistisch geprägte (und realistische) Vorstellung. Objekte der Wirklichkeit sind so geartet, dass bei tieferer Betrachtung immer Ähnlichkeiten gefunden werden können. Selbst zwischen zwei scheinbar völlig verschiedenen Dingen. Die Gesetze der klassischen, aristotelischen Logik (auf denen die Mathematik und damit fast alle Wissenschaft beruhen) sind: 1. Ein Objekt X hat eine eindeutige Identität, d.h. X = X. 2. Ein Objekt kann existieren und nicht existieren. 3. Tertium non datur: Ein Objekt existiert oder es existiert nicht, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Dem direkt im Widerspruch steht ein berühmter Ausspruch Buddha's (Tetralemma): 1. Alles ist wirklich. 2. und unwirklich. 3. sowohl wirklich, als auch unwirklich. 4. weder wirklich noch unwirklich. Man kann diesen (klugen) Spruch verallgemeinern: 1. Ein Objekt existiert, 2. und existiert nicht, 3. sowohl existiert und nicht existiert, 4. weder existiert noch nicht existiert. Wer hat Recht? Die meisten (westlichen) Denker würden schlicht sagen Buddha's Aussage ist ein perfektes Beispiel für religiösen Schwachsinn. Aber tatsächlich hat Buddha recht: Stellen wir uns vor wir geben ein ganz klein wenig Zucker in den Kaffee, sodass man es kaum schmeckt. Dann kann man mit fug und recht sagen, dass der Kaffee 1. süß ist, 2. nicht süß ist, 3. sowohl süß, als auch nicht süß ist und 4. weder süß noch nicht süß ist. D.h. Buddha hatte die große Weisheit zu erkennen was die westliche Wissenschaft nicht verstanden hat, dass das Leben nicht nur schwarz und weiß ist, sondern es viele Nuancen und Zwischentöne gibt. Da ich Mathematiker bin, muss ich aber der Mathematik noch die Ehre retten: Man kann Buddha's Tetralemma mit mehrwertiger Logik (einem mathematischen Objekt, dass sich Topos nennt) auch mathematisch formulieren.


    Dennoch sind dies meines Erachtens Widersprüche von buddhistischer Praxis und jedweder Tätigkeit, die einerseits kreativ schöpferisch und andererseits wissenschaftlich / denkend ist. Was ist eure Ansicht dazu? Ist ein Mensch, der einen brennenden Drang in sich verspürt kreativ in seinem Gebiet tätig zu sein und alle seine Zeit durch unbändige Schaffenskraft aufbringt, per se ungeeignet ein Buddhist zu sein bzw. zur Erleuchtung zu gelangen? Gibt es die Möglichkeit Erleuchtung _durch_ kreative Tätigkeit zu erlangen? Ist diese Art der "Erleuchtung" aus Sicht des Buddhismus überhaupt erstrebenswert? Ist es vergleichbar mit der Erleuchtung durch die man durch meditative Praxis und Achtsamkeit gelangt?

  • drosterman:

    Ist ein Mensch, der einen brennenden Drang in sich verspürt kreativ in seinem Gebiet tätig zu sein und alle seine Zeit durch unbändige Schaffenskraft aufbringt, per se ungeeignet ein Buddhist zu sein bzw. zur Erleuchtung zu gelangen?


    "brennenden Drang" ist nicht unbedingt das Ziel der Lehre des Buddha.
    Das Ziel der Lehre des Buddha ist es das Leiden durch das
    nicht endende geboren werden und sterben zu beenden. Die Lust
    an weltlichen Dingen hat der Buddha nicht als Zielführend betrachtet.
    Selbst die Lust an der von ihm gelehrten Lehre ist nur auf dem Wege
    zu gebrauchen, muß aber am Ende auch noch überwunden werden um alles
    Anhaften zu überwinden.

  • drosterman:

    Was ist eure Ansicht dazu? Ist ein Mensch, der einen brennenden Drang in sich verspürt kreativ in seinem Gebiet tätig zu sein und alle seine Zeit durch unbändige Schaffenskraft aufbringt, per se ungeeignet ein Buddhist zu sein bzw. zur Erleuchtung zu gelangen? Gibt es die Möglichkeit Erleuchtung _durch_ kreative Tätigkeit zu erlangen? Ist diese Art der "Erleuchtung" aus Sicht des Buddhismus überhaupt erstrebenswert? Ist es vergleichbar mit der Erleuchtung durch die man durch meditative Praxis und Achtsamkeit gelangt?

    Meine Ansicht dazu ist, dass ein Laie diese Schaffenskraft mit buddhistischen anstatt mit weltlichen Inhalten in Verbindung bringen kann. Damit wird er zwar nicht Erleuchtung oder Befreiung erlangen, aber geläutert werden und allmählich zu der Einsicht gelangen dass alles was er erschafft, wieder vergehen muss. So lässt sich Vedienst oder heilsames Kamma schaffen als eine Grundlage für das letztendliche Loslassen.

  • Es gibt Menschen die sich mit Haut und Haar dem Buddhismus verschrieben haben. In so einem Fall wird man Ordinierter oder zumindest soetwas wie ein quasi-Ordinierter. Wenn man Mönch werden will, macht es Sinn, berufliche oder künstlerische Ambitionen zurückzufahren oder ganz aufzugeben.


    Wenn man kein Ordinierter ist, macht es jedoch Sinn diejenigen Aufgaben die man nicht aufgibt, möglichst so auszufüllen, das man anderen dabei nützt. Also wenn man einen Partner oder Kinder hat, diese jetzt nicht aus "buddhitischen Gründen" zu vernachlässigen, sondern für sie da zu sein.


    Und dies gilt dann natürlich auch für den Beruf. Auch da ist es wichtig, die eignen Motivation zu überprüfen: Handelt man rein aus Ehrgeiz und Gewinnstreben heraus oder versucht man das anzugehen, was anderen hilft? Und wenn man hilft z.B als Arzt, dann macht es doch Sinn, diejenigen Modelle und Abstraktionen zu verwenden, die zielführend sind.


    drosterman:

    Denn die ganze meditative, achtsame Praxis ist doch gerade darauf ausgelegt alle Gedanken loszulassen und gehen zu lassen.


    Achtsamkeit bedeutet in erster Linie zu schauen, inweiweit das was man tut, von Begierde und Abneigung geprägt ist. Oder ob man es aus einer wohlwollenden Motivation heraus macht.


    Während das bei zweckgebundenen Sache einfach heruaszufinden ist, ist das bei künstlerischen Tätigkeiten - wo es ja oft um de Freunde an der Sache selbst geht- nicht so einfach zu unterscheiden.

  • drosterman:

    Hallo Forum.
    Ich habe versucht im Titel möglichst genau zu schreiben worum es mir geht. Aber die Frage ist zu komplex, um es in einem Satz ausdrücken zu können. Ich möchte gerne ergründen inwiefern es mit der buddhistischen Lehre vereinbar ist, dass ein Mensch mit entsprechender Veranlagung dazu kreativ schöpferisch tätig ist (Künstler, Wissenschaftler, Mathematiker, Schriftsteller etc.). Denn wenn diese Person Buddhist ist, so ist seine Tätigkeit ja etwas in das er nicht stark investiert sein "darf". Denn die ganze meditative, achtsame Praxis ist doch gerade darauf ausgelegt alle Gedanken loszulassen und gehen zu lassen.
    Dennoch sind dies meines Erachtens Widersprüche von buddhistischer Praxis und jedweder Tätigkeit, die einerseits kreativ schöpferisch und andererseits wissenschaftlich / denkend ist. Was ist eure Ansicht dazu? Ist ein Mensch, der einen brennenden Drang in sich verspürt kreativ in seinem Gebiet tätig zu sein und alle seine Zeit durch unbändige Schaffenskraft aufbringt, per se ungeeignet ein Buddhist zu sein bzw. zur Erleuchtung zu gelangen? Gibt es die Möglichkeit Erleuchtung _durch_ kreative Tätigkeit zu erlangen? Ist diese Art der "Erleuchtung" aus Sicht des Buddhismus überhaupt erstrebenswert? Ist es vergleichbar mit der Erleuchtung durch die man durch meditative Praxis und Achtsamkeit gelangt?

    Den Weg den ich gerade erst anfange zu erkunden, heißt in seinen Konsequenzen und dann erscheinenden Gegebenheiten, zu erfahren. Es ist die Erkenntnis: Nicht mein, Nicht Ich, Nicht Selbst. Derzeit führt das zu einem ganz drin sein können und doch mich nicht zu identifizieren mit Mein, Ich, Selbst. Sehr interessant zu sehen wie Vorstellungen mit diesen Identifikation einfach zerfallen, ohne das ich das Wohlwollen gegenüber Menschen noch mir gegenüber mir einstellen muss. Das Leben wird wesentlich einfacher wenn ich darauf bestehe das das mein ist ohne mich mit diesem mein zu identifizieren. Das Mein ist das das der Person gehört die ich bin doch diese meine Person ist nicht Mein, Ich, Selbst.

  • Ellviral:

    Den Weg den ich gerade erst anfange zu erkunden, heißt in seinen Konsequenzen und dann erscheinenden Gegebenheiten, zu erfahren. Es ist die Erkenntnis: Nicht mein, Nicht Ich, Nicht Selbst.


    Das hiesse dann konkret, bei der Arbeit so zu arbeiten, dass man nicht das tut, was man "so persönlich will" sondern das was "zu tun ist". Man wird also zu einem "Diener des Werkes". Und zwar zu so einem "Diener des Werkes" der dann auch ohne Murren abtritt, wenn jemand anderer besserer dient. Zusammengefasst vielleicht "Arbeite so, dass es nicht um dich selbst geht, sondern um die Sache". Was ja gut funktioniert, so lange die Sache selbst etwas ist, was anderen hilft.

  • Die Antwort könnte ich Dir geben, wenn ich ein Buddha wäre.
    Die Frage ist:
    Hast Du soviel Geduld?
    Würdest Du es verstehen können?
    Würde es etwas an Deinem Weg ändern?
    Warum sollte ich dann diese Frage beantworten wollen?

    Der Sinn des Lebens besteht darin, Rudolph, dem Schwurkel, den Schnabel zu kraulen.

  • void:


    Das hiesse dann konkret, bei der Arbeit so zu arbeiten, dass man nicht das tut, was man "so persönlich will" sondern das was "zu tun ist". Man wird also zu einem "Diener des Werkes". Und zwar zu so einem "Diener des Werkes" der dann auch ohne Murren abtritt, wenn jemand anderer besserer dient. Zusammengefasst vielleicht "Arbeite so, dass es nicht um dich selbst geht, sondern um die Sache". Was ja gut funktioniert, so lange die Sache selbst etwas ist, was anderen hilft.


    Warum ist es wichtig, dass es etwas ist was anderen hilft? Das wurde auch in anderen Beiträgen erwähnt. Spielt die Motivation also eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, ob eine kreative Tätigkeit förderlich oder hinderlich ist für das Erreichen der Erleuchtung?


    Übrigens.. also rein subjektiv ist für mich die Motivation hinter meiner Arbeit ganz und gar nicht, ob es anderen nützt. Die erste Motivation ist wohl, dass ich mich an der Schönheit erfreue (die für mich in meiner Arbeit eine Reflektion der Schönheit der Natur ist), Neugierde und wenn ich ehrlich bin ist ein bisschen Ego auch dabei.


    Danke jedenfalls für die Beiträge. Vieles davon muss ich noch genauer durchdenken, bevor ich darauf eingehen kann.

  • void:
    Ellviral:

    Den Weg den ich gerade erst anfange zu erkunden, heißt in seinen Konsequenzen und dann erscheinenden Gegebenheiten, zu erfahren. Es ist die Erkenntnis: Nicht mein, Nicht Ich, Nicht Selbst.


    Das hiesse dann konkret, bei der Arbeit so zu arbeiten, dass man nicht das tut, was man "so persönlich will" sondern das was "zu tun ist". Man wird also zu einem "Diener des Werkes". Und zwar zu so einem "Diener des Werkes" der dann auch ohne Murren abtritt, wenn jemand anderer besserer dient. Zusammengefasst vielleicht "Arbeite so, dass es nicht um dich selbst geht, sondern um die Sache". Was ja gut funktioniert, so lange die Sache selbst etwas ist, was anderen hilft.


    Hab ich doch schon oft geschrieben, ich tue das was zu tun ist, das kann auch sein und das geschieht des Öfteren, das es meine Person schadet, so ein persönlicher Personenschaden geht mich nichts an, selber schuld sag ich auch zu meiner Person. Es ist mein Programm, nicht mein, nicht ich, nicht selbst, schon sehr weit vor der Zeit als ich überhaupt was von Buddha gehört habe.


    Ich arbeite seit Jahrzehnten für die Gäste mit den Mitteln die mir zur Verfügung stehen oder gestellt werden. Alle Personen die weiterhin an dem Betrieb beteiligt sind sind eben nur Personen. Jemand der nicht für die Gäste arbeitet sortiert sich selber aus. Es braucht nur einer da sein der wirklich für die Gäste arbeitet und es entsteht ein Klima das die meiste Zeit für die Gästen arbeiten ermöglicht.


  • Im Vajrayana heißt es immer wieder, dass das EGO der größte Feind der Geistesschulung ist. In dem Sinne, das wenn man sich über andere stellt dies für die Praxis hinderlich ist. Deswegen sollte man sein Ego nicht noch nähren sondern das Wirken zum Wohle anderer ausrichten.
    Das nützt einen natürlich automatisch auch selber.


    Das EGO ist ein Konstrukt der Gedanken und existiert nicht wirklich. Alles Leiden resultiert dann aus dem illusorischen EGO.


    Deswegen wird das wirken zum wohle andere so stark betont. Das Wirken zum Wohle andere muss aber tatsächlich ohne Aussicht auf eigenem Erfolg ausgeführt werden, sonst nützt es natürlich nichts.
    Auch können die Paramitas nur im Zusammenhang mit anderen geschult werden.

  • Lucky:
    drosterman:

    Das EGO ist ein Konstrukt der Gedanken und existiert nicht wirklich. Alles Leiden resultiert dann aus dem illusorischen EGO.

    Auch wenn es ein Konstrukt, eine Vorstellung ist, ist es wirklich. Alles das Wirkung erzeugen kann ist wirklich. Es ist wirklich weil es nicht erkennen kann das es ein Konstrukt ist. Das Ego kann erkannt werden doch das Ego kann sich nicht erkennen. Es kann abgebaut, verringert werden, doch kann kein Mensch je ohne Ego mit Menschen leben. Egal was noch für Vorstellungen da sind, das Ego kann sich nie selber als Illusion erkennen, weil es keine ist.


  • Wenn man die Dinge betrachtet, dann kann man sie mehr oder weniger als etwas absolutes betrachten oder man kann betrachten, wie sie bedingt entstehen. Wenn man ihr bedingtes Entstehen erkennt, sich selbst eingeschlossen, dann stellt sich die Frage nach einer Motivation ja so gar nicht mehr. Ob die gegenwärtige Natur nun schön oder gerade hässlich ist, dass bist immer nur Du, der sie zu etwas macht. Überhaupt Buddhismus hat weder etwas mit einer nihilistischen, noch mit einer absoluten Sichtweise zu tun. Aus nichts kann nichts entstehen und aus etwas Absolutem auch nicht, weil so etwas völlig unbeweglich wäre.

  • Zitat

    Ist Buddhismus zu nihilistisch für kreative Schöpfung?


    Keine Ahnung, aber ein grundsätzlich eingeschränktes Interesse an 'Welt' führt sicher zu den sichtbar fehlenden Beiträgen von Buddhisten etwa im Bereich Forschung, Kunst etc.


    Natürlich kann man auf Ausnahmen hinweisen, natürlich auch auf historisch-politische Entwicklungen, aber auch die sind logischerweise wieder durch vorherrschende Ideologien mitbestimmt.


    Das aggressive 'Geht hin und macht euch die Welt Untertan' hat eine deutlich andere Einstellung gefördert und andere Ergebnisse gebracht, wenn man denn an diesen Ergebnissen Interesse hat.


    Egal - ohne diese Ergebnisse würdet ihr das hier nicht lesen können und die Hälfte hätte nicht das Alter erreicht um wenigstens Lesen lernen zu können :mrgreen:

  • Mir ist schleierhaft, wieso Nihilismus schlecht sein soll.
    Alle Mord- und Kriegsopfer dieser Welt gehen auf das Konto von sogenannten Idealisten (die meisten Toten gehen auf die Kappe von Demokraten).
    Die schöpferischste Kraft ist der Nihilismus - denn er ist Leben!

  • Der Buddha hat einen Weg gelehrt, der das Leiden als Folge der Anhaftung an das Ego und die damit verbundenen Vorstellungen beenden kann. Das bedeutet nicht, dass man als Buddhist kein begnadeter Musiker, Künstler, Wissenschaftler oder stolzer Familienvater sein kann. Nur wer denkt, dass das alles für immer so bleibt wie er es sich vorstellt und wünscht, der leidet.
    In Japan entstanden z.B. im Zusammenhang mit dem Buddhismus die Teezeremonie, Ikebana, wunderbare Kalligrafiekunst, Tonwaren von hoher Kunstfertigkeit, so auch ähnlich in China. Hier wird die Kunst zum organischen Teil des Lebens, des menschlichen Atmens und des täglichen Handelns.
    Es geht m.E. im Buddhismus nicht darum, alle Gedanken zu unterdrücken, sondern eher, sie sich samt ihrer Vergänglichkeit bewusst zu machen und den eigenen Hang zu Gier, Hass und Verblendung zu erkennen.
    So meine Meinung. Gruß und viel Erfolg bei Deinem Plan!


  • Es heißt, man solle das Unheilsame unterlassen, das Heilsame tun.
    Ist Deine Tätigkeit für Dich und andere unheilsam? Dann lasse sie. Oder, falls möglich, gebe ihr einen heilsamen Drall – dasselbe kann ja sowohl heilsam als auch unheilsam sein. Z.B. kann man Forschung betreiben, um Kriege zu gewinnen, und man kann Forschung betreiben, um Leben zu retten.
    Auch Kunst kann beides sein. Wobei ich Wahrhaftigkeit als hilfreich erachte, auch wenn sie weh tun kann. Das alles ist nicht einfach und ich denke nicht, dass man die Dinge auf gut/böse herunterbrechen kann. Daher spielt die Motivation doch eine große Rolle. Das muss nicht allein "helfen wollen" sein. In meinen Augen ist die Wahrhaftigkeit wichtiger. Was Du künstlerisch machst, muss nicht schön und gefällig sein. Es darf weh tun, verletzen, verwirren. Es sollte aber wahrhaftig sein. Vielleicht ist das weder förderlich noch hinderlich für etwas, was manche als "Erleuchtung" bezeichnen, aber es ist zumindest wahrhaftig. Lüge und Selbstlüge werden als Hindernisse betrachtet.


    Das führt zum Thema "Eskapismus" – wenn man also Dinge macht, um sich von der Wirklichkeit abzulenken. Das finde ich ebenfalls nicht einfach zu beantworten. Meine Erfahrung ist, dass es "eskapistische" Tätigkeiten gibt, die einem gut tun, dabei helfen zu entspannen, Kraft zur Bewältigung des Alltags zu gewinnen. Also, man beschäftigt sich mit "schönen Dingen", um das "Hässliche" für einen Moment zu vergessen und die eigenen Kraftquellen anzuzapfen. Ich glaube, wir brauchen das ab und zu. Von daher halte ich es für gut und hilfreich. Wenn es aber maßlos wird und dazu dient Realität dauerhaft auszublenden, in einer Art "Götterbereich" zu verweilen, dann ist das sicherlich ein Hindernis. Es ist dann meiner Meinung nach auch nicht mehr wahrhaftig, weil es wie eine Droge wirkt. Man kann sich an Schönheit dauerhaft berauschen – und sein Ego mächtig aufblasen. Das richtige Maß muss jeder für sich selbst finden.

    Ich mache die Erfahrung, dass das, was man als "schön" empfindet, immer mehr wird, je weniger Angst man vor der vermeintlichen Hässlichkeit hat. Sich öffnen, auf das Werten mehr und mehr zu verzichten, lässt einen die Welt mit anderen Augen sehen, staunend und letztendlich liebevoller.


    Das sind die Fragen, die ich für mein Leben als Buddhaanwärterin, die immer noch ausschließlich damit beschäftigt ist Hindernisse zu beseitigen, für relevant erachte. Darüber kann ich auch sprechen, nicht nur spekulieren.

    Der Sinn des Lebens besteht darin, Rudolph, dem Schwurkel, den Schnabel zu kraulen.

  • Hallo drostermann


    Zu erst möchte ich anmerken, dass man nicht von „dem Buddhismus“ sprechen kann.
    Es haben sich im Laufe der Jahre viele verschiedene Linien entwickelt mit fundamental anderen Weltanschaungen, Praktiken und Traditionen.


    Ich selber fühle mich keiner speziellen Schule verpflichtet sondern versuche der Lehre Buddhas (Buddhadhamma) mit dem Ziel zu folgen meine Ansichten, meinen Geist in eine bestimmte Richtung zu entwickeln.


    Ich erwähne dies damit du und alle anderen wissen, dass ich weder für eine bestimmte buddh. Schule noch für „den Buddhismus“ spreche. Auch hänge ich keinen bestimmten Dogmen und Glaubensinhalten an.


    Buddhadhsmma per se ist nicht dogmatisch. „Die Lehre“ verlangt kein spezielles Verhalten abgesehen von der Einhaltung der 5 Silas (Verhaltensregeln).
    Diese gelten für uns alle sowieso längst als selbstverständlich.


    Buddhadhamma legt keinen grossen Wert auf das was wir tun, es ist viel wichtiger zu erkennen weshalb wir etwas tun. Vor jeder Handlung steht eine Motivation, die eine bestimmte Handlung auslöst. Die Motivation ist quasi die Wurzel der Handlung, die es je nachdem zu vertilgen oder zu fördern gilt.


    Buddhadhamma versucht uns (oder sagen wir mal unserem Geist) die nötige Achtsamkeit beizubringen um Motivationen zu erkennen und somit die Fähigkeit zu entwickeln diese in eine bestimmte(sogenannt heilsame) Richtung zu lenken.


    Dabei liegt der Focus auf die Weiterentwicklung, Befreiung des eigenen Geistes (was damit genau gemeint ist und weshalb der Geist gefangen sein soll, wäre ein anderes Thema !) und nicht auf die Erlangung anderer z.B gesellschaftlicher oder materieller Errungenschaften.


    Buddhadhamma ist in diesem Sinne egoistisch weil „heilsame“ Motivation, Achtsamkeit in erster Linie auf sich selber, auf den eigenen Geist gerichtet werden soll. Ein Nutzen für andere entsteht dabei höchstens indirekt.


    Im Verlaufe der Zeit wurde das soziale Mitteinander für uns Menschen immer wichtiger. Es gab mehr Menschen, die komplizierte Gesellschaften formten. Die Religionen dienten nun immer mehr als sozialer Kitt, welcher soziales Handeln förderte indem solches als von Gottgewollt bezeichnet wurde. Eine uns übergeordnete metaphysischen Instanz wurde zum allmächtigen Richter erklärt, welche über sozialverträgliches Verhalten wachte und dieses entweder belohnte oder drakonische Strafen verhängte in Form von Höllen, schlechter Wiedergeburt etc.


    Diese Entwicklung wirkte sich auch auf den Buddhismus aus. Es entstanden verschiedene Schulen, in denen nun nicht mehr die Entwicklung des einzelnen im Zentrum standen, sondern die Entwicklung der Gruppe als Ganzes.
    Das zeigt sich besonders im vom Mahayana entwickelten Ideal des Boddhisattvas. Ein Boddhisattva verzichtet auf eine vollständige Entwicklung/Befreiung des eigenen Geistes zu Gunsten der Entwicklung/Befreiung seiner Mitmenschen.


    Die Motivation der Buddhalehre zu folgen war plötzlich nicht mehr „egoistisch“ auf sich selber bezogen sondern entwickelte sich altruistisch von „liebe dich selbst“ zu „liebe andere mehr als dich selbst“.
    Dieses Verhalten ist sehr sozialverträglich und wurde deshalb „politisch“ gefördert, so dass sich solche Religionen ausbreiteten. Auch andere Weltreligionen stellten dieses Miteinander ins Zentrum.
    Wer achtsam genug ist bemerkt jedoch bald, dass jeder altruistischen Handlung auch immer eine tiefere egoistische Motivation zu Grunde liegt.


    Buddhadhamma lehrte ursprünglich allein die Entwicklung/Befreiung des Geistes. Es verfügt nicht über bestimmte metaphysische Jenseitsvorstellungen o.ä.
    Buddhismus d.h seine verschiedenen Schulen lehren solche Vorstellungen von Götterwelten, Zwischenwelten, etc. jedoch schon und unterscheiden sich diesbezüglich deutlich.


    Im Kern ist „Buddhismus“ nicht nihilistisch. Es ist jedoch möglich, dass man aus Unachtsamkeit seinen Geist hin zu nihilistischen Pfade wendet.


    Kreative Schöpfung ist erwünscht, Auseinandersetzung mit der Umwelt nötig. Dabei sollte der Focus immer auf dem Erkennen der eigenen Motivation liegen : was will ich mit meinen Gedanken, Handlungen weshalb erreichen ? Wird der Geist dadurch freier oder abhängiger ? Beeinflusse ich damit andere ?

    "Der höchste Weg ist nicht schwer, nur ohne Wahl. Hasse nicht, liebe nicht, und es ist klar und eindeutig"

  • Hallo,


    wenn du dich von Aristoteles aus in den Buddhismus begibst, dann solltest du auch komplementär Nagarjuna studieren. Das wird dir sicherlich weiterhelfen und wird deine Frage klären.



    Vor allem:


    Zitat

    Ist ein Mensch, der einen brennenden Drang in sich verspürt kreativ in seinem Gebiet tätig zu sein und alle seine Zeit durch unbändige Schaffenskraft aufbringt, per se ungeeignet ein Buddhist zu sein bzw. zur Erleuchtung zu gelangen?


    Es gibt nicht so etwas wie "per se" ungeeignet. Auch der nicht kreative, phlegmatische Typ kommt nicht drum herum, Achtsamkeit zu üben. So auch der gegenteilige Typus. Die buddhistische Lehre richtet sich an alle Menschen. Du musst dich also nicht künstlich bändigen, sondern solltest IN deiner Schaffenskraft verweilen und untersuchen, was dich antreibt, wieso du schaffst?

  • Zitat

    I wish to urge students of the dharma who may have forsaken their creative impulse in favor of practice to realize there is no conflict between creativity and meditation. Creativity can be understood, in essence, to be the practice of our own nature and that nature’s expression. You may find your way into the nature through creativity; or you may come out from the nature to express creativity. Both have to be appreciated as the best of our mind’s potential.


    Dzigar kongtrul Rinpoche (Facebook)


    ...kein Konflikt zwischen Kreativität und Meditation.

  • Danke für diese sehr interessanten Beiträge, die ich alle aufmerksam gelesen habe. Ich sehe es mittlerweile auch so, wie die meisten geschrieben haben. Dass die Art der Praktik und die zugrundeliegende Motivation es zu etwas machen können, was letztlich dem spirituellen Weg eher förderlich sein kann. Für mich ist die Mathematik zunehmend eine spirituelle Praktik. Es ist eine Form der Versenkung ("flow-Zustand"). Teilweise eine Form der Kontemplation. Sowie eine Form der Meditation (meditatives Schreiben). Vielleicht sollte ich erwähnen was mich zu der Frage geführt hat.. Dies war die Biographie des berühmten Mathematikers Alexander Grothendieck. Er hat in der Mathematik große Entdeckungen gemacht und sich praktisch 30 Jahre lang täglich etwa 20 Stunden mit dem Neuaufbau der algebraischen Geometrie beschäftigt. Bis er mit etwa Mitte 40 der Mathematik den Rücken gekehrt hat (meine Vermutung: aus schierer Erschöpfung...), um in einem kleinen Dorf in Frankreich tausende von Seiten von sogenannten "Meditationen" zu verfassen, über Philosphie und Religion und manchmal auch noch Mathematik. Was mir besonders in Erinnerung blieb ist, dass Grothendieck selbst von sich sagte, dass seine aktive Zeit in der Mathematik eine Zeit der "spirituellen Stagnation" darstellte. Auch, wenn Grothendieck sich selbst am Ende nur noch dem Christentum zugewandt hatte, sehe ich in seiner Mathematik und seiner mathematischen Denkweise starke Analogien zum buddhistischen Denken. (Unter anderem das Konzept des Topos ist etwas sehr buddhistisches... ermöglicht es doch die aristotelische Logik gänzlich zu überwinden (Auflösung des Dualismus). Sein "relativer Blickwinkel", d.h. die Methode die "Pfeile", also Beziehungen zwischen mathematischen Objekten als wichtiger anzusehen als die Objekte selbst ist analog zur buddhistischen Auffassung, dass die Substanzhaftigkeit der Dinge nur eine Illusion ist und das einzig Wahrhaftige die Wechselwirkungen zwischen den Dingen sind. Aber ich bin in der Hinsicht noch Laie, also überbewerte ich diese vermeintlichen Analogien vielleicht.).