Dalai Lama entschuldigt sich…

  • Ist er der Hofnarr des Westens?


    Man kann so eine Fantasie jedenfalls träumen wenn man mag und zu dieser Beschäftigung andere Menschen mit einer so gestellten Frage einladen.

    Ich bin auf diese Frage gekommen, durch ein video mit Lady Gaga und dem DL. Sie hat sein Grapschen freundlich unterbunden.

    Diese Frage ist durchaus eine Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten. Erinnert ein wenig an die Thematik, die Sartre im "Der Idiot der Familie" behandelt.

    :zen:

  • Ist er der Hofnarr des Westens?

    Von Narrenfreiheit schrieb ich ja auch schon - wobei ich das zunächst für ein internes Problem des tibetischen Buddhismus halte, das mit hierarchischen Strukturen und dem entsprechenden Fehlen einer 'peer control' an der Spitze zusammenhängt. Das sind in meinen Augen ausgesprochen feudale Strukturen, nicht zuletzt geformt durch eine Jahrhunderte währende klerikokratische Geschichte. Große Teile der westlichen Öffentlichkeit haben diese Narrenfreiheit bzw. das entsprechend tolerierte Verletzen sozialer Konventionen lange als charmante exzentrische Idiosynkrasie akzeptiert - nicht zuletzt, weil der DL der weniger (oder gar nicht) mit buddhistischen Lehren vertrauten Öffentlichkeit von den Medien als Repräsentant einer friedfertigen, von chinesischen Kommunisten grausam unterdrückten Kultur präsentiert wurde, was entsprechende Sympathiewerte erzeugte. Wobei die Verklärung des historischen Tibet zu einem spirituell erhabenen Shangri-la (eine Geschichtsklitterung) nicht wenig dazu beitrug. Nun ist der Bogen überspannt. In diesem speziellen Fall wurden für große Teile der Öffentlichkeit (nicht nur der westlichen, auch beispielsweise der indischen) die Grenzen des Akzeptablen deutlich überschritten. Missglückt der Scherz allzu sehr, landet selbst der Hofnarr auf dem Schafott.


    Jampa Tsedroen (Carola Roloff) sagt in der erfreulich unaufgeregten Sendung des DLF (vgl. #248) etwas mE recht Zutreffendes über den DL: er ist ein Clown, der vor allem bei Kindern gut ankommt. Auch - und natürlich relativiert sie das noch weiter. Immerhin ohne die Unangemessenheit des Verhaltens zu entschuldigen oder gar zu leugnen - in diesem Fall war der Clown für das weltweite Publikum alles andere als lustig, auch wenn einige bei dem Vorgang Anwesende das zum Lachen fanden. Genau da zeigt sich ein Aspekt, auf Tenzin Peljor in dem Radiobeitrag verweist, nämlich das Fehlen jeglicher Aufarbeitung strukturellen Kindesmissbrauchs speziell in der tibetischen Klosterkultur. Dass es beispielsweise gerade bei den Gelug des DL einen Unterorden gibt, der zumindest bis 1951 durch eine ausgesprochen militant-päderastische Subkultur geprägt war (auf Kosten der Kinder von Laien) - das sind Dinge, auf deren Aufarbeitung wir wahrscheinlich noch lange warten können.

    OM MONEY PAYME HUNG

  • Der bekannteste Fall ist der um den Lehrer Sogyal Rinpoche, Gründer der Rigpa-Organisation, einer der bekanntesten tibetisch-buddhistischen Gruppen im Westen. Ex-Schüler bezichtigten ihn öffentlich des körperlichen und geistigen Missbrauchs. Der DALAI LAMA hat Rinpoche zwar öffentlich gerügt, sich allerdings Jahre zuvor geweigert einen offenen Brief zu unterzeichnen, der den Missbrauch durch spirituelle Meister verurteilt."


    " Dass viele so geschockt reagieren, habe auch viel damit zu tun, "dass viele Menschen im Westen eigentlich eine völlig falsche Vorstellung vom tibetischen Buddhismus haben." Für viele sei der tibetische Buddhismus "gleichbedeutend mit Kalenderblattweisheiten des ewig lächelnden Dalai Lama"."


    Religionssoziologe: Der Buddhismus hat eine archaische Seite
    In einem Video war zu sehen, wie der Dalai Lama einen Jungen auf die Lippen küsst und ihn auffordert, seine Zunge zu lutschen. Unschuldiges, spielerisches…
    www.br.de

  • Eigentlich könnte man den thread wirklich schließen. Fast jeder hat seine Meinung klar dargelegt.


    LG Martin

  • Ich frage mich, ob diejenigen, die den Worten des Jungen, der beschreibt, wie er die Begegnung mit dem DL empfunden hat, keine Bedeutung beimessen, auch nur einen Augenblick darüber nachgedacht haben, ob es sein könnte, dass sie diejenigen sein könnten, die die Empfindungen des Kindes grob beiseite wischen.

    Kann man natürlich. Ich frage mich etwas Anderes. Die Rolle der Mutter bei diesem Event hat Leonie ja dankenswerterweise verdeutlicht (auf die Idee ist Frau Klein vom DLF offensichtlich nicht gekommen). Sie war Veranstalterin und der DL Ehrengast des Events - ein echter PR-Coup, der es ja dann auch zu einem ausführlichen Bericht in der VOA Tibetan gebracht hat. Übrigens kein tibetischer Sender (wie Tenzin Peljor zu glauben scheint), sondern das tibetischsprachige Programm eines us-amerikanischen Regierungssenders für Auslandspropaganda. Ob und wieviel Geld da welche Hände gewechselt hat - sei's drum. Die Organisation der Mutter scheint jedenfalls eine philanthropische Ausrichtung zu haben; so weit, so gut.


    Ob nun der Wunsch nach einer Umarmung als emotionaler Höhepunkt der Inszenierung tatsächlich Intitiative des Jungen war (den auch ich eher auf 10 als auf 7 Jahre schätzen würde; ich schrieb etwas vage von 'Vorpubertät') oder auf Initiative seiner Mutter zurückging (die "Überraschung" könnte ja durchaus auch gespielt sein) wird sich wohl kaum zweifelsfrei feststellen lassen. Deutlich unwahrscheinlicher schon ist allerdings die Annahme, die Initiative zu dem Interview - unter den wachsamen Augen der Mutter - sei von dem Jungen ausgegangen. ME wäre es naiv anzunehmen, der Junge sei vor dem Interview nicht instruiert worden. Man kann das als einen zweiten Missbrauch (natürlich nicht im juristischen Sinn) auffassen - als Benutzung des Kindes für Interessen, die nicht die seinen sind.

    OM MONEY PAYME HUNG

  • Jeder braucht einmal eine Auszeit von sich selbst.

    Ich würde vorschlagen, Sie nehmen sich selbst eine Auszeit - zumindest von dieser Diskussion. Ihre Einwürfe tragen in keiner Weise dazu bei und sind schlicht offtopic.


    Wenn sie schon die ganze Debatte als "Schaumblasen, Illusionen" qualifizieren, dann frage ich mich (und bei dieser Gelegenheit hier auch Sie), weshalb sie sich überhaupt selbst in diese Debatte einmischen. Diese Metadiskussion, die Sie hier unbedingt anzetteln wollen, trägt nichts bei. Wenn es darum geht, den eigenen Wahrnehmungen und ihren Deutungen zu misstrauen - das hatten wir schon. Wenn es darum geht, Samsara zu ignorieren - was wollen Sie dann hier? Davon abgesehen - hätte Buddha Samsara ignoriert, gäbe es keinen Buddhadharma. Schon gar keinen Vinaya.

    Welchen grundsätzlichen Charakter 'Sichtweisen' (dṛṣṭi / diṭṭhi) haben, ist nicht nur Ihnen bekannt und womöglich auch bewusst. Dessenungeachtet geht es hier in dieser Debatte um heilsame und unheilsame Sichtweisen - um die Funktion, die Sichtweisen erfüllen. Auch, wenn sie illusorisch sind.


    Ein persönlicher Hinweis noch - ohne gelegentlichen Rückzug in die Stille wären solche Debatten für mich nur schwer erträglich und führbar. Aber diese Stille blendet nichts aus; sie ist in mir und nicht den Dingen. Und in der Rückkehr zu den Dingen werden die Dinge still - sie sind, wie sie sind, nicht mehr und nicht weniger. Heilsam oder unheilsam. Darüber sprechen wir hier.

    OM MONEY PAYME HUNG

  • Für mich ist das Thema nicht abgeschlossen.

    Den von Thorsten Hallscheidt geposteten Audiobeitrag finde ich ausgesprochen informativ.


    Ich bin nach wie vor fürchterlich erschrocken darüber, wie leicht und schnell der DL sogar in diesem Forum abgeurteilt wurde,

    Nach und nach zeigt sich jetzt, dass es sehr wohl einen kulturspezifischen Hintergrund eines für uns Westler sehr merkwürdig erscheinenden Verhaltens und möglicherweise auch eine andere Bedeutung des Wortes geben mag, dass wir als "suck" verstehen.

    Ich erhebe keinen Anspruch darauf zu wissen, wie es wirklich ist und war, aber wenn ich durch die Beschäftigung mit dem Buddhismus eines gelernt habe, dann dass man sich mit vorschnellen Urteilen zurückhalten soll.

    Sudhana Natürlich ist es gut möglich, dass das Kind instruiert wurde, sich in dem Interview so zu äußern, wie es dies dann getan hat. Aber auch das ist nur eine Vermutung, ebenso wie alle möglichen Aspekte des tatsächlichen Geschehens zu Beginn komplett außer Acht gelassen wurden. Einen unvoreingenommenen Blick kann ich im Vermuten und Schnipsel-Kommentieren nicht erkennen.


    Mehr als berechtigt finde ich die Forderung, sich mit dem strukturellen Missbrauch im tibetischen Buddhismus zu beschäftigen. Wenn das alte Tibet ein Shangri-La war, dann sicherlich nur für privilegierte Männer. Der Rest der Menschheit dürfte, wenn man unsere modernen westlichen Ansprüche an Komfort, Gesundheitswesen, Rechtssicherheit und Gerechtigkeit anlegt, eher in einer Art Vorhölle gelebt haben. Um es mal provokativ auszudrücken.


    Wenn ich mir die Erinnerungen von Tibetern an ihre Kindheit so durchlese, habe ich den Eindruck, dass Erziehung bis in die junge Vergangenheit hinein sehr gewaltförmig war, Hierarchien eine große Rolle spiel(t)en usw. Unter dieser Prämisse ist der DL für mich weit mehr als ein Clown, wenn er mit Kindern scherzt. Wenn der ranghöchste Würdenträger mit den Kindern, die zu ihm gebracht werden, spielt und Späßchen macht, schützt er sie zugleich davor, im Anschluss beschuldigt zu werden, sich nicht gut genug benommen zu haben und Gewalt zu erfahren. Gleichzeitig gibt er den Erwachsenen ein Vorbild für den Umgang mit Kindern. So funktionieren hierarchische Strukturen. Nachdem der DL ansonsten als jemand bekannt ist, der ein ausgeprägtes Interesse an Wissenschaft hat und kalkuliert handelt, kann ich nicht so wirklich nachvollziehen, wie man ihn als "Hofnarr" wahrnehmen kann. Bei mir persönlich entsteht eher der EIndruck von jemandem, der im persönlichen Umgang mit Kindern Mitgefühl mit den Schwächsten zeigt, aber in anderer Hinsicht, etwa im Umgang mit strukturell bedingtem Missbrauch, dessen Existenz ja seit Langem bekannt ist, aus politischem Kalkül heraus untätig blieb.

  • Einen unvoreingenommenen Blick kann ich im Vermuten und Schnipsel-Kommentieren nicht erkennen.

    Wesewegen ich auch immer deutlich gemacht habe, was mehr oder weniger plausible Vermutungen sind. Und im Übrigen immer auf die Situation selbst verwiesen habe, auf Körpersprache und Mimik. der Beteiligten. Dass Du selbst mit dem Verweis auf das Interview (in recht vorwurfsvollem Ton) nichts anderes als "Vermuten und Schnipsel-Kommentieren" betrieben hast, ist Dir hoffentlich bewusst.

    OM MONEY PAYME HUNG

  • Wenn sie schon die ganze Debatte als "Schaumblasen, Illusionen" qualifizieren, dann frage ich mich (und bei dieser Gelegenheit hier auch Sie), weshalb sie sich überhaupt selbst in diese Debatte einmischen.


    Da täuschen Sie sich, dass ich das getan habe und da sehen sie vielleicht wie sie mein Input hier auffassen können. Vorschnelles Überzeichnen und Abgrenzen mit diesem Mittel. So schnell geht es mit der Herstellung von Behauptungen die einen Diskurs schwieriger machen/verwirren.


    Zu ihrem Vorschlag, dass ich mir in diesem Thread eine Auszeit nehmen sollte. Es ist ja leider kein Humor von dem, der diesen Thread dominieren will und entsprechend viel verbreitet, demjenigen der mit ein paar weniger Zeilen auch auf eine Metabene des Diskurses hinweisen möchte, eine Auszeit empfiehlt. Nun gut dann habe ich ihnen implizit eine Auszeit empfohlen und sie nun meiner Person. Ist ja immerhin noch friedlich.


    Ich möchte ihnen jedenfalls noch sagen, dass ich dem kulturellem Beispiel dem sie meiner Einordnungslaune nach in diesem Thread folgen, an sich schon kritisch sehe. Allein Satz den sie hier schrieben 'Kommen wir zu Schuldfrage' offenbarte doch ihre selbsteingenommene Haltung in diesen Thread. Dazu: Meinen Sie ernsthaft, dass ihre Zeilen in diesem Thread in irgendeiner Weise dazu führen, das nun nach dieser Dalai Lama Geschichte Aussenstehende den Namen Buddhismus etwas weniger irritiert aufnehmen? Die nächste Frage wäre: Wäre das gut? Lohnte sich der Einsatz für diesen Namen? Für mich beispielsweise lohnte sich kein Einsatz für einen -ismus, für eine Idee also nur.


    Die Behauptung eines missbrauchten Kindes ist - ich möchte es auch einmal so unschlicht sagen wie sie schlicht Bildzeitungsniveau auf differenzierter und mitfühlend gemacht'. Eine vage Ahnung davon was Kindesmissbrauch zT heisst, wird man diesen Missbrauch eher nicht relativieren wollen, wird man diesen Begriff eher nicht benutzen (vereinnehmen) wollen um eine skurille Situation mit einem greisen Mann zu bewerten.

  • Eigentlich könnte man den thread wirklich schließen. Fast jeder hat seine Meinung klar dargelegt.


    LG Martin

    Au Ja!

    Mehr als berechtigt finde ich die Forderung, sich mit dem strukturellen Missbrauch im tibetischen Buddhismus zu beschäftigen.

    Das finde ich auch, es wäre jedoch ein anderes Thema und m.M einen neuen Thread wert.

    :)

  • Berechtig/angemessen der Informationslage zu diesen dokumentierten Handlungen finde ich das auch. Was wäre das mögliche Ziel eines solchen Threads? Öffentlichkeitsarbeit? Aufklärung in der Art?

  • Hier feiner Off-Topic aus einer anderen Zeit, als noch Menschen wie Otto Mühl für handfeste Skandale gesorgt haben... Zur Entspannnnnnnnnung... und dann gerne löschen. :P


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    Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert.

  • Einen unvoreingenommenen Blick kann ich im Vermuten und Schnipsel-Kommentieren nicht erkennen.

    Wesewegen ich auch immer deutlich gemacht habe, was mehr oder weniger plausible Vermutungen sind. Und im Übrigen immer auf die Situation selbst verwiesen habe, auf Körpersprache und Mimik. der Beteiligten. Dass Du selbst mit dem Verweis auf das Interview (in recht vorwurfsvollem Ton) nichts anderes als "Vermuten und Schnipsel-Kommentieren" betrieben hast, ist Dir hoffentlich bewusst.

    Natürlich ist mir bewusst, dass auch ich vermutet und Schnipsel kommentiert habe. Ich bin mir aber ebenfalls bewusst darüber, dass mein Blick natürlich voreingenommen ist, dass es gar nicht anders sein kann und bemühe mich zu erkennen, was ich auf den ersten, zweiten oder dritten Blick nicht gesehen habe, statt schnell wie der Wind zu urteilen, es als "Realitätsverleugnung", ""reflexartige Verteidigung des DL" (kam nicht von dir, ich weiß) u.ä. zu bezeichnen, wenn Fragen gestellt und Informationen zum u.a. kulturellen Kontext des Geschehens gesucht werden. Oder so zu tun, als hätte wir eine Genitalverstümmelung vor laufender Kamera beobachten müssen. Wäre letzteres der Fall, hätte ich wahrscheinlich den ersten Stein geschmissen, aber so war es eben nicht.

  • Was wäre das mögliche Ziel eines solchen Threads? Öffentlichkeitsarbeit? Aufklärung in der Art?

    Vielleicht einfach eine historische Aufarbeitung. Jedoch sehe ich hier die Schwierigkeit, dass in hiesigen Forum wahrscheinlich zu wenig innere Kenntnis über den tibetischen Buddhismus vorhanden sein wird.

    :)

  • Mehr als berechtigt finde ich die Forderung, sich mit dem strukturellen Missbrauch im tibetischen Buddhismus zu beschäftigen.

    Das finde ich auch, es wäre jedoch ein anderes Thema und m.M einen neuen Thread wert.

    Ich meinte ja eher, dass der tibetische Klerus sich damit befassen sollte. Aber hier im Forum kann das natürlich auch ein Thema sein.

  • Auch wenn jetzt schon mehrfach der Wunsch geäußert wurde, der Thread möge doch geschlossen werden, da so langsam doch alles zu dem Thema gesagt sei, möchte ich auch meine Gedanken dazu formulieren.


    In dem Fall kommt so einiges zusammen. Es stößt ein universalistischer Anspruch, die Grenzen eines jeden Menschen im Allgemeinen - und die eines Kindes als einem kleinen Menschen mit noch nicht voll entwickelter Autonomie im Besonderen - seien zu respektieren und zu wahren, auf einen Kulturrelativismus, der die Empfindung von Grenzen und Grenzverletzungen als ein kulturell bedingtes Phänomen ansieht. Dieses produktive Spannungsfeld des Universalen und des Partikularen wird nie gänzlich aufzulösen sein.


    Daneben spielt der Buddhismus und hier insbesondere der tibetische Buddhismus und Tibet als fernes Land auf dem Hochplateau des Himalaya als eine Projektionsfläche für westliche Gesellschaften in der ganzen Debatte eine große Rolle. Einerseits wurde Tibet verklärt zu einem Paradies auf dem Dach der Welt und die Tibeter zu einem vergeistigten und ganz der Religion hingegeben Volk. So schreibt der Tibetologe Thurmann noch 1996 in "Weisheit und Mitgefühl: Das Herz der tibetischen Kultur":


    Zitat

    Die Darstellung der persönlichen Energie, der selbstlosen Hingabe und der totalen Erfüllung enthüllt und formuliert das Wesen des tibetischen Lebensgefühls... Aus diesem Grund hält die tibetische Kultur die Transzendente Weisheit als ihr höchstes und bedeutendstes Ideal hoch. Alle kulturellen Formen erstrahlen

    in ihrem Innersten durch den lebendigen Gedanken an die karmische Verwandtschaft und Verbundenheit mit allen lebenden Wesen. Mitgefühl ist überall spürbar - in dem offenen Lächeln der Tibeter, in dem vertrauten, freundlichen Blick, der auch auf Fremde fällt, in der Liebenswürdigkeit gegenüber Kindern, alten

    Leuten und Tieren, in der Freundlichkeit von Mönchen und Nonnen, Heiligen und Bettlern. Die lebendige Einheit von Weisheit und Mitgefühl zeigt sich in der bemerkenswerten tibetischen Neigung, sich mit der farbenfreudigsten und energetischsten Erdverbundenheit auf die allerüberweltlichsten Angelegenheiten zu konzentriegen.


    Andererseits wird ein negatives Bild auf Tibet projiziert, das auf eine Entzauberung des Mythos abzielt. Aus der Zerstörung des positiven Mythos entsteht jedoch ein negativer Mythos.


    Quote from Kollmar-Paulenz: Die Entzauberung Asiens: Tibet und die Mongolei in der abendländischen Imagination

    Die tibetische Geistlichkeit unter ihrem "Anführer", dem Dalai Lama, wird als eine finstere Macht dargestellt, die sich die Erlangung der Weltherrschaft zum Ziel gesetzt hat. Dieser Vorwurf des Strebens nach Weltherrschaft greift auf einen weiteren Rezeptionsstrang des "mystischen Asien" zurück und ist. keineswegs neu: Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Buddhismus von NS-Ideologen als "Zerfallserscheinung nordischen Rassengeistes” angesehen. Ihnen zufolge bedrohe der "Lamaismus" zusammen mit den jüdischen Freimaurern und dem römischen Papsttum die Völker Europas. General Ludendorff verfasste zusammen mit seiner Frau 1941 ein diesen Thesen gewidmetes Werk mit dem bezeichnenden Titel "Europa den Asiatenpriesiern?" Der Topos des tibetischen Buddhismus als "Zerfallserscheinung" hat eine lange Geschichte. Das erste Mal taucht er in den Berichten der Kapuzinermönche aus Lhasa zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf, Sie betrachteten den tibetischen Buddhismus als ein Werk des Satans, da er dem Katholizismus, der "wahren . Religion", so täuschend ähnlich sei.


    Diese beiden Spannungsfelder, zwischen Partikularität und Universalität und zwischen den positiven und negativen Projektionen auf das orientalisch-fremde Tibet, sind meines Erachtens in der ganzen Debatte um das grenzverletzende oder - überschreitende Verhalten des Dalai Lama sehr virulent und präsent.

    "Das Siegel der erreichten Freiheit: Sich nicht mehr vor sich selbst schämen."

    - Irvin Yalom, Und Nietzsche weinte

  • Ich bin auf diese Frage gekommen, durch ein video mit Lady Gaga und dem DL. Sie hat sein Grapschen freundlich unterbunden.

    Diese Frage ist durchaus eine Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten. Erinnert ein wenig an die Thematik, die Sartre im "Der Idiot der Familie" behandelt.

    Ich habe dieses Video mit Lady Gaga gefunden: https://www.marca.com/en/lifes…d603268e3e79598b4571.html


    Lady Gaga trägt eine Jeans mit großen Löchern. Er piekt mit einem Finger in eines dieser Löcher. Bei der Zungen-Geschichte sehe ich keinen Spielraum. Hier macht er nur einen Spaß. Vielleicht ist es unter dem Strich besser auf solche Späße zu verzichten, da sie falsch verstanden werden können. Aber Grabschen ist etwas anderes. Grabschen ist anfassen wollen. Dieses Pieksen mit dem Finger hat nichts damit zu tun.

    Die Dinge entstehen, existieren und vergehen. Das ist normal. Ajaan Tippakorn

  • Was wäre das mögliche Ziel eines solchen Threads? Öffentlichkeitsarbeit? Aufklärung in der Art?

    Vielleicht einfach eine historische Aufarbeitung. Jedoch sehe ich hier die Schwierigkeit, dass in hiesigen Forum wahrscheinlich zu wenig innere Kenntnis über den tibetischen Buddhismus vorhanden sein wird.


    Täter und Opfer hätten sicher etwas aufzuarbeiten. Von diesen Personengruppen abgesehen: Ich glaube, so ein Thread böte genau wie der Vorliegende viel Reizpotential um unerkannte Projektionen und Gefühle unter der Überschrift historische Aufarbeitung zu präsentieren. Ich zweifle an der vorhandenen Fähigkeit, Distanz zum Abgrenzenwollen aus Gefühlsgründen, Distanz zum Hass auf intellektuell herstellen zu wollen.


    Insofern erscheint mir aktuell eher ein Thread sinnvoll, in dem umgekehrte Vereinnahmungen, positivere Gefühle bedient werden. Von mir aus auch über Tibet.

  • Bei der Zungen-Geschichte sehe ich keinen Spielraum. Hier macht er nur einen Spaß. Vielleicht ist es unter dem Strich besser auf solche Späße zu verzichten, da sie falsch verstanden werden können.

    Ja, bloß keine Späße mehr machen, lasst uns alle nur noch bitterernst sein. Naja, so denkst du sicher nicht. Das wäre doch schwach, nur um ja keinem auf den Fuß zu treten ( was ich denke, nicht der Fall ist wenn man einen Spaß macht, also echt keine böse Absicht dabei hat ), sich keine Albernheiten mehr zu erlauben, Necken abzuschaffen. So etwas kann eine Situation auflockern. Wenn man keinen Spaß versteht oder einen anderen Humor hat, kann das auch schief gehen ( in dem Sinne das der andere darüber gar nicht lacht ). Doch Manche haben so viel Feingefühl, dass sie wissen, was nun auch bei dem anderen zu einem Lächeln führt.

    so ein Thread böte genau wie der Vorliegende viel Reizpotential um unerkannte Projektionen und Gefühle unter der Überschrift historische Aufarbeitung zu präsentieren.

    Ihr sagtet hier etwas von Missbrauch in einer tibet. Schule bis in die 1950-er Jahre, oder ?


    Wenn es darum geht, dache ich mir, sind ja manche schon gar nicht mehr am Leben.


    Meint ihr nicht, dass manches nicht extra wieder hochgeholt werden muss, nicht aufgearbeitet werden muss ? Es wäre auch möglich seine derzeitigen Gefühle anzusehen, ohne dafür die Vergangenheit zu analysieren oder hochzuholen. An den Gefühlen jetzt zu arbeiten, sie zu fühlen, sie zuzulassen oder so. Habe ich von einem Lehrer so ähnlich gehört. Es geht beim Geisttraining eher darum, das was jetzt ist bearbeiten, damit zu arbeiten, so würde ich das übersetzen.


    Und ich denke das wir oft schlimme, unheilsame Erfahrungen im Laufe der Zeit selbst verarbeiten können, sie sich von selbst lösen ( Trauma ) mit der Zeit, also ohne das man dafür mit den Tätern sprechen muss, oder sie sich entschuldigen müssen.


    Mit der geistigen Reife oder auch dem Alter wächst doch auch das Verständnis bzw das Mitgefühl auch für andere, so das wir eher verzeihen können.


    Denke, das Konfrontieren von Tätern mit ihren alten Taten, oft eher dazu führt, das diese Täter nur einseitig betrachtet werden oder aber Erwartungen bestehen. Diese könten enttäuscht werden.


    Auf der anderen Seite kann es auch gut sein, sich auszusprechen und eine Entschuldigung zu hören.


    Verletzend wäre es, wenn da aber eine solche nicht bei raus kommt oder die Einsicht nicht da ist um sich zu entschuldigen.


    Und ich denke, das ein Täter sich von selbst entschuldigen sollte, nicht weil er Druck bekommt von vielen Seiten. Das wäre viel mehr wert, als wenn jemand an die Wand gedrückt wird und dann eine Entschuldigung ausspricht.


    Auch denke ich, dass wenn es eine Institution war, wo wir unheilsame Erfahrungen gemacht haben, eher verkraften können als wenn so etwas in der Familie passiert wäre. Da ist es sicher etwas anderes und da kann es meistens helfen die alten Geschichten hoch zu holen und aufzuarbeiten, um sich besser zu verstehen. Verständnis für den jeweils anderen üben.


    Ich halte nur nichts von Aufarbeiten wenn es schon so lange her ist, manche der Täter gar nicht mehr leben oder die Opfer, denn ich denke manches klärt sich mit den Jahren- zB sind Menschen , die anderen oft unheilsam begegnet sind, schon bestraft worden, hatten zB jahrelang ein schlechtes Gewissen oder andere Auswirkungen davon bekommen.


    Oder da sie so sind oder waren, zeugt (e) es von mangelnder Selbstliebe und das ist schon schwer für sie, wie eine Strafe bzw kann man dann auch Mitgefühl haben / hochbringen.


    Außerdem wieso müssen wir uns in die Aufarbeitungsgeschichten oder Dramen anderen Völker oder generell anderer Menschen einmischen und beurteilen, wann eine Aufarbeitung statt finden sollte und wann nicht. Können wir das beurteilen, wenn wir nichts damit zu tun haben/ hatten ?


    Haben wir in unserer Umgebung nicht genug Menschen, denen wir helfen / dienen können oder uns selbst erst einmal, statt die Weltpolizei zu spielen oder Weltretter ? Erst mal sich selbst retten, oder ?

    Distanz zum Hass auf intellektuell herstellen zu wollen.

    Wie ist das gemeint ? :grinsen:

    Der Weise, der, auf Sittlichkeit gestützt,

    Den Geist entfaltet, sich in Weisheit übt,

    Ein solch entschlossener und weiser Jünger

    Mag dieses Lebens Wirrsal einst entwirren.


    (Diese Verse finden sich im Samyutta-Nikāya).

  • einfachundgerne: Distanz zum Hass auf intellektuell herstellen zu wollen.


    Die Distanz zu Hass nur auf gedanklicher Ebene herstellen, es aber nicht ins Handeln einbringen. Man redet gegen den Hass und merkt nicht, dass gerade diese Rede, Handlung, Hass ist.

  • Hä? Missbrauch in den 50er Jahren? In einer tibetischen Schule? Soll das ein Witz sein?

    Ich empfehle die gegenwärtig immer noch auf Arte in der Mediathek abrufbare Dokumentation "Buddhimus: Missbrauch im Namen der Erleuchtung" in der ein paar besonders prominente Fälle, die sich im Westen von den 70er Jahren bis in die Gegenwart hinein ereignet haben und teilweise aktuell juristisch aufgearbeitet werden, beleuchtet werden. Das Anschauen macht schnell deutlich, dass es nicht um ein Problem an einer Grundschule im historischen Tibet geht und auch nicht um ein Problem einer einzigen tibetischen Schulungsrichtung.

    Sexueller Missbrauch, Machtmissbrauch generell sind leider überall gegenwärtig. Und natürlich muss er aufgearbeiter werden, sonst geht es immer so weiter, die Anführer beuten aus und die Schwächsten leiden.


    Was mich viel mehr beschäftigt als eine rausgestreckte Zunge oder das Bohren in Lady Gagas Stoffbruchstellen: Vor ziemlich genau 30 Jahren hat eine recht große Zahl von buddhistischen Lehrern aus dem Westen eine Zusammenkunft mit dem Dalai Lama initiiert, weil sie sexuellen Missbrauch durch Lehrende als großes und wachsendes Problem empfanden. Unterstützung durch den DL gab es letzlich nicht bzw. kaum. Erst 25 Jahre später wurde er durch den Skandal um Sogyal Lakar, um den es bereits 1992 maßgeblich ging, förmlich gezwungen, ein bisschen Stellung zu beziehen.

    Was will man da denn noch erwarten?

    Ich finde, man sollte sich nicht auf Petitessen stürzen, aber für dieses systematische Ignorieren von Missbrauch, der unglaublich viel Leid verursacht hat, finde ich keine gute Erklärung. Ja, das Leid des tibetischen Volkes, das dem chinesischen Genozid ausgesetzt war sicher noch viel größer als das von ein paar satten WestlerINNEn, die freiwillig windigen Gurus hinterlaufen und die Exiltibeter brauchten und brauchen die finanziellen Mittel aus dem Ausland dringend. Dieses Argument zieht aber schon nicht mehr so gut, wenn man etwa an die Kinder denkt, die etwa bei der OKC unter Misshandlungen und Vergewaltigungen aufwachsen mussten. Vor allem jedoch; Auf lange Sicht wird man für den Ruf einer Religion, deren Protagonisten ungestraft mit solchen Mitteln arbeiten dürfen und damit für die tibetische Kultur und ihre Angehörigen nichts Gutes tun.

    Das wäre meine eigentliche Kritik am Dalai Lama.

  • Lady Gaga trägt eine Jeans mit großen Löchern. Er piekt mit einem Finger in eines dieser Löcher. Bei der Zungen-Geschichte sehe ich keinen Spielraum. Hier macht er nur einen Spaß.

    So unterschiedlich können die Bewertungen sein. (:

    Verblendungen aufgrund von karmischen Dispositionen: Je nach Vergangenheit, Charakter, Peergroup, Sozialisation oder Umfeld wird man getriggert – oder eben nicht. Und entsprechend verzerrt erscheint die Wirklichkeit.


    Darum:


    Wer sich erbittern läßt vom Leben
    dieser Welt der treibenden Sorgen,
    quält sich selbst, verstört seinen Geist
    und brütet dumpf über leeren Träumen.


    [...]


    Du denkst: Gut
    heißt das Böse hassen.
    Böse ist nur
    der hassende Geist.


    Du sagst: Gut
    ist das Gute tun.
    Böse ist nur
    der redende Geist.


    Gut und Böse zusammen
    rolle zu einer Kugel.
    Wickle sie in Papier und
    fort damit und vergessen!


    Quelle


    Wenn mir das nur selbst gelingen würde... :(


    :lol:


    Nebenbei: Wer von den vielen kinderlieben Kritikern des Dalai Lama ist radikaler Klimaschützer?

    Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert.

    Edited once, last by Thorsten Hallscheidt ().